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Man kann ja mal nachsehen

von URS WILLMANN

Mit welchen Tricks sich deutsche Wissenschaftler in Palermo zu Mumienforschern machten.

Man kann ja mal nachsehen© checka - photocase.comEine Gruppe deutscher Forscher hat sich zur Mumienforschung in die Katakomben des Klosters von Palermo geschummelt
Erhalten deutsche Forscher Gelegenheit, eine Mumiensammlung in der Gruft eines sizilianischen Kapuzinerklosters zu inspizieren, ist das für Journalisten eine reizvolle Konstellation. Aus diesem Grund sahen Fernsehzuschauer am Montagabend eine dreiviertelstündige Dokumentation auf n-tv und lasen Zeitungsleser in der ZEIT vor einigen Wochen (Nr. 36/12) einen Artikel über rund 2000 jahrhundertealte Mumien in Palermo. Die seien kaum erforscht, erklärten die deutschen Forscher und versprachen, Licht ins Dunkel zu bringen. Der Wuppertaler Archäologe Jörg Scheidt und die Kriminalbiologen Mark Benecke und Kristina Baumjohann wollten zudem behilflich sein, den toten Schatz vor dem Verfall zu retten.

Man kann die Vorgänge in den Katakomben auch aus anderem Blickwinkel betrachten - etwa aus dem der Europäischen Akademie Bozen (Eurac). Dieses Südtiroler Institut für Mumien und den Iceman erforscht nicht nur den Ötzi, sondern seit 2007 auch in einem interdisziplinären Projekt die Totensammlung der Kapuziner. Das Institut besitzt Exklusivverträge mit der Soprintendenza, dem Landesdenkmalamt für Kunst und Kultur in Palermo. Seit fünf Jahren rücken Mumienexperten aus Italien, Österreich und den USA den Toten zu Leibe - mit Methoden aus Anthropologie, Gerichtsmedizin, Paläopathologie und Genetik. Es fanden toxikologische, histologische und entomologische Untersuchungen statt. Die Forscher ergründen die Geheimnisse der Überreste mit Röntgenstrahlen und Computertomografie, prüfen Zähne, Knochen, Raumklima. Mit dem German Mummy Project der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim beteiligen sich auch Deutsche. Sie untersuchen Haarproben, Textilien und archäologische Artefakte.

Diese Arbeiten wurden von der deutschen Forschergruppe um Jörg Scheidt explizit marginalisiert - stattdessen vermittelte der selbstständige Archäologe den Eindruck, mit seinem Wirken Neuland zu betreten. Und weder ZEIT-Leser noch n-tv-Zuschauer erfuhren, dass es mit Dario Piombino-Mascali einen wissenschaftlichen Kurator der Katakomben gibt, der auch Ehreninspektor für Mumienfunde der Region Sizilien ist. Stattdessen drängte sich das deutsche Forschergrüppchen mit seinen angeblichen Pioniertaten dreist in den Mittelpunkt. Der aus Talkshows bekannte Forensiker Benecke zupfte mit der Pinzette Insekten aus den Nasenlöchern von Mumien. Man sah ihn im Fernsehen auf trockene Körper klopfen, er hob Bauchdecken an und stocherte mit dem Finger in den Leichenresten eines frisch geöffneten Sargs herum.

Ein unschöner Anblick für jene, die seit Jahren die Exklusiverlaubnis für die Forschung an den Mumien besitzen. Eine solche Erlaubnis können Scheidt, Benecke und Baumjohann nicht vorweisen. Als die Deutschen im Juli zu den Toten hinabstiegen, lag ihnen einzig eine Bewilligung vor, sich fünf Tage in der Gruft aufhalten zu dürfen - gegen einen finanziellen Obolus. Keine Erlaubnis jedoch zum Forschen oder gar zum Entnehmen von Insekten-, Haar- oder Gewebeproben. Oder doch?

Scheidt sagt: »Die Mumien gehören den Kapuzinern. Der Friedhof ist deren Privateigentum.« Und so habe der Abt seiner Gruppe anlässlich eines Gesprächs in der Bibliothek den »offiziellen Auftrag« erteilt, die Mumien zu erforschen, leider nur »mündlich«. In schriftlicher Form lag dem Archäologen seit Monaten allerdings das explizite Verbot vor, in der Gruft zu forschen. Kurator Piombino hatte den Wuppertaler darauf hingewiesen, dass es für Untersuchungen an Kulturgütern (zu denen die Mumien zählen) einer Genehmigung der Region Sizilien bedarf. Diese Bewilligung hat einzig und allein die Forschergruppe unter Bozener Führung.

Die Deutschen machten sich trotzdem auf. Und die Kapuziner gaben ihren Gästen bereitwillig eine »Forschungserlaubnis«. Den Grund dafür verriet der Abt in einem Gespräch im Kloster: Es bestehe große Enttäuschung darüber, dass die Bozener kaum Resultate lieferten. Sie täten auch wenig für den Erhalt, beklagte sich der Abt. Und dann fielen unschöne Worte über den angeblich faulen Kurator Piombino, der von den Bozenern längst entlassen worden sei - was schlichtweg nicht stimmt. Mit seinen Argumenten setzte sich der Abt kurzerhand über weltliche Vorschriften hinweg. Auch das Kamerateam von n-tv durfte in die Gruft (gegen eine Spende).

Auf den Umstand hingewiesen, dass die Probenentnahme an den Mumien illegal gewesen sein dürfte, zeigt die »interdisziplinäre Forschergruppe«, deren »leitender Archäologe« Scheidt laut eigener Website ist, erstaunlich rasante Zerfallserscheinungen. »Ich habe keine Proben entnommen. Und Herr Benecke hat in Palermo autark geforscht«, sagt Scheidt.

Unterdessen haben die italienischen Wissenschaftler um den Ötzi-Experten Albert Zink die zuständige Behörde informiert. Die Beamten werden den Abt ins Gebet nehmen und ihn darauf aufmerksam machen müssen, dass weltliche Vorschriften, Verträge und Gebote durchaus Gültigkeit haben - auch wenn es nur um Personal im Jenseits geht.

Aus DIE ZEIT :: 20.09.2012

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