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Manager contra Moderator - Die Präsidenten der Münchener Universitäten

Von Marion Schmidt

Wolfgang Herrmann und Bernd Huber führen in München die erfolgreichsten deutschen Universitäten - jeder auf sehr eigene Weise.

Manager contra Moderator© Andreas Heddergott / TU MünchenProf. Dr. Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München (TUM)
Die Ludwig-Maximilians-Universität in München gehört mit beinahe 50.000 Studenten zu den größten Hochschulen Deutschlands. Ihr steinernes Herz sind die prachtvollen Bauten im historischen Rundbogenstil an der Ludwigstraße, wo Sophie Scholl 1943 die Flugblätter der Weißen Rose in den Lichthof segeln ließ. Von den Treppenaufgängen blicken antike Geistesgrößen und königliche Herrscher auf die Eintretenden herab. Doch der Präsident dieser Universität, Bernd Huber, sitzt anderswo. Er ist in einem schmucklosen, dunklen Gebäude aus den siebziger Jahren untergebracht. Dort werden Personalkarten noch in einer alten Stechuhr abgestempelt.

Im vierten Stock lässt sich Huber in einen abgewetzten Ledersessel fallen, den er von seinem Vorvorgänger geerbt hat, und zündet sich eine Marlboro an. »Ich bin ein uneitler Mensch«, sagt er und bläst den Rauch aus. »Mir sind Äußerlichkeiten nicht wichtig.«

Nur ein paar Straßen weiter empfängt Wolfgang Herrmann, Präsident der ebenso erfolgreichen Technischen Universität München (TUM), seine Gäste im sogenannten Blauen Salon und führt sie dann über vornehm knarrendes Fischgrätparkett in sein weitläufiges Büro. Auf einem Tisch stapeln sich die Merchandising-Produkte: TUM-Seidentücher, TUM-Taschenlampen, TUM-Schreibblöcke. Herrmanns Uni ist eine Marke, der Präsident hat sie dazu gemacht, er selbst ist der Markenkern. »Wir sind ein Wissenschaftsunternehmen, wir brennen für unsere Produkte«, sagt er und lehnt sich jovial lächelnd zurück. Wenn er Raucher zu Gast hat, bietet er gern ein Zigarillo an, obwohl im ganzen Gebäude Rauchverbot gilt - mit Ausnahme seines Büros.

Beide Hochschulpräsidenten, Wolfgang Herrmann und Bernd Huber, stehen jeweils an der Spitze der - auch im internationalen Vergleich - erfolgreichsten deutschen Universitäten. Alle beide residieren in der bayerischen Landeshauptstadt, wo der Ministerpräsident seinen Geldsack gern zum Ruhm des Landes öffnet. Beide wurden kürzlich einstimmig wiedergewählt. In dieser Woche treten sie ihre neue Amtszeit an. Für den TUM-Chef Herrmann, der im April 65 Jahre alt geworden ist, wird es die letzte sein.

In den vergangenen Jahren haben die zwei Präsidenten ungezählte Reformen umgesetzt und große Erfolge errungen: Sie haben ihre Wissenschaftler im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern zu Spitzenleistungen angetrieben und jeweils den für das Renommee so wichtigen Titel der Eliteuniversität ergattert. Damit haben zwei von nur neun deutschen Elite-Unis ihren Sitz in München. Beide Männer führen unter den gleichen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen - und doch auf höchst unterschiedliche Weise. Nicht nur, weil sie ganz verschiedene Charaktere sind, sondern auch weil sie Fächerkulturen vertreten, die verschiedener nicht sein können: Hier die hinterfragenden Geisteswissenschaften, dort die lösungsorientierten Ingenieure.

In den deutschen Hochschulen ist in den vergangenen zehn Jahren kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Das gesamte Lehrangebot wurde auf Bachelor-Master-Programme umgestellt. In der Verwaltung können Unis heute deutlich eigenverantwortlicher handeln und müssen sich nicht mehr wie nachgeordnete Behörden vom Wissenschaftsministerium gängeln lassen. Sie verwalten ihr Budget selbst und berufen ihre Professoren. Sie müssen sich aber auch mehr als früher im internationalen Wettbewerb um die besten Studenten und Forscher bemühen und im Kampf um Fördergelder behaupten. Dafür brauchen sie an der Spitze Persönlichkeiten, die Lust haben, sich der wissenschaftlichen Konkurrenz zu stellen. Der Manager Wolfgang Herrmann und der Moderator Bernd Huber sind, bei allen Unterschieden, solche Kämpfer.

»Beide sind unermüdliche Reformer, sie haben den Willen - und den Mut -, es immer wieder zu probieren und dabei nicht nachzulassen, auch wenn sie schon viel erreicht haben«, sagt Frank Ziegele. Er muss es wissen, er ist Professor für Wissenschaftsmanagement an der Hochschule Osnabrück. Doch ihre Erfolge verkaufen die beiden Münchner auf sehr unterschiedliche Weise. Als an der TUM neulich ein neues Karriereverfahren für Nachwuchswissenschaftler eingeführt wurde, der sogenannte Tenure-Track, mit dem sich Nachwuchsspitzenforscher für eine feste Stelle qualifizieren können, da feierte der TUM-Chef Herrmann das als akademische Sensation, als bundesweit einmaliges Verfahren. Und Bernd Huber?

Der hat sich geärgert: »Wir haben den Tenure-Track schon seit zehn Jahren«, sagt er und holt tief Luft, »ich habe das bloß nicht an die große Glocke gehängt.« Für ihn ist wichtig, dass der Erfolg nach innen wirkt. Für Wolfgang Herrmann dagegen ist es wichtig, dass es draußen jeder merkt. Seit 18 Jahren steht der Naturwissenschaftler, der selbst über 700 Fachartikel veröffentlicht hat, an der Spitze der TUM. In der Zeit hat er aus einer regionalen Ingenieurhochschule eine technische Uni gemacht, die in den Welt-Rankings ganz oben steht.

Der 65-Jährige ist Chemiker und experimentiert gern. Alles, wofür die Uni heute steht, wurde von ihm angeschoben und gegen manchmal heftige Widerstände durchgesetzt: der Exzellenzstatus, das Konzept unternehmerische Universität, das Fundraising, die Internationalisierung. Allein die Einnahmen aus Forschungsdrittmitteln wuchsen unter seinem Dirigat von 84 auf 280 Millionen Euro. Pausenlos muss er anbauen. Auf all das ist er stolz, und das möchte er zeigen. Herrmann liebt die Bühne, Erfolge verkauft er offensiv. Wenn er mit dem Botschafter von Singapur Wissenschaftskooperationen verabredet, bestellt er selbstverständlich die Presse hinzu.

Seinem Kollegen Bernd Huber ist das »zu viel Bohei«. Auf den Webseiten der LMU ist von diesem Präsidenten nicht einmal ein Lebenslauf zu finden. Herrmann hingegen wird von seinem 15-köpfigen Corporate Communications Office seitenlang für seine Leistungen und Reformen gepriesen. Huber dagegen ist eher scheu. Selten tritt er bei Veranstaltungen auf, zu den großen Wortführern im Wissenschaftsbetrieb gehört er nicht. »Die Wissenschaftler sollen glänzen, nicht der Präsident«, ist sein Credo.

TU München

Anzahl der Studierenden:
32.500
Anzahl der Professoren:
507
Höhe der Drittmittel:
280 Mio. Euro
Platzierung in den weltweit wichtigsten Rankings:
50 (Shanghai Academic),
105 (Times Higher Education)
Promotionen pro Jahr:
911
Der 53-jährige Finanzwissenschaftler, der über Staatsverschuldung promoviert hat, möchte mehr die Professorenschaft nach innen überzeugen als die Öffentlichkeit. Er agiert eher im Hintergrund und versucht dort, Kompromisse zwischen den zuweilen streitbaren Gelehrten auszuloten. Die Manager-Attitüde, mit welcher der TUM-Chef Herrmann oft auftritt, käme an einer klassischen Volluniversität wie der LMU mit ihren 150 Studienfächern gar nicht gut an. Hier muss man auch mit widerspenstigen Geisteswissenschaftlern zurechtkommen. Etwa mit dem bekannten Philosophen Julian Nida-Rümelin, der öffentlich immer wieder die schlechte Umsetzung der Studienreform auch an seiner Uni beklagt und sich traute, vor drei Jahren in einer Kampfkandidatur gegen Bernd Huber anzutreten. Die hat er dann haushoch verloren.

Denn Huber mag nach außen eher unscheinbar daherkommen, nach innen aber hat er es verstanden, die Reihen hinter sich zu schließen. Er hat - und das ist alles andere als selbstverständlich - die mächtigen Dekane auf seiner Seite. Die Erfolge in der Exzellenzinitiative haben ihn fast unangreifbar gemacht. Wenn Bernd Huber über sein Führungsverständnis spricht, fallen Worte wie »integrativ«, »konsensorientiert«, »Akzeptanz schaffen«, »viel kommunizieren«. Das klingt, als ob er niemandem auf die Füße treten wolle. Doch manchmal muss er genau das tun. Seit einiger Zeit läuft an der LMU ein Programm, nach dem nur noch jede zweite Professur automatisch so besetzt wird wie bisher. Die andere Hälfte wird neu ausgeschrieben, um zukunftsorientierte Schwerpunkte zu setzen und die Qualität zu verbessern. »Da gibt es einige Konflikte durchzustehen«, konstatiert Huber.

Uni München

Anzahl der Studierenden:
48.938
Anzahl der Professoren:
737
Höhe der Drittmittel:
114,7 Mio. Euro
Platzierung in den weltweit wichtigsten Rankings:
61 (Shanghai Academic),
48 (Times Higher Education)
Promotionen pro Jahr:
1.205
Er ist, anders als sein Name nahelegt, nicht aus Bayern, sondern aus Wuppertal. Er fühlt sich im akademischen Milieu am wohlsten. Mit den manchmal krachledernen Bayern fremdelt er bis heute. Zum Starkbieranstich auf dem Nockherberg, einem gesellschaftlichen Höhepunkt im Freistaat, kommt er im Anzug und nicht wie alle anderen im Trachtenjanker. Er geht auch früh heim. Hier im Zentrum der bayerischen Folklore wird der Unterschied zwischen Herrmann und Huber vielleicht am deutlichsten: Herrmann, bayerisch bis in die Schnurrbartspitzen, beherrscht die Klaviatur von volksnah bis forschungsexzellent, er ist leutselig und regierungsnah - ohne sich anzubiedern. »Alle Menschen wertschätzen, egal, ob in der Werkstatt oder im Hörsaal, auch das ist Führung«, sagt er. Er lobt den Millionenspender ebenso wie den Pförtner, der das Geld entgegengenommen hat. In einigen Jahren könnte es für die TUM schwierig werden, diesen umgänglichen bayerischen Sonnenkönig zu ersetzen.

Welcher Führungsstil ist nun der erfolgversprechendere? »Es gibt nicht den einen richtigen«, sagt Frank Ziegele, der Professor für Wissenschaftsmanagement, »die Führung muss zur Hochschule passen.« In einem sich selbst organisierenden System wie einer Universität wollen viele kritische und intelligente Menschen mitgenommen und eingebunden sein.

Aus DIE ZEIT :: 02.10.2013

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