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"Manchmal mangelt es im Wissenschaftssystem an Vertrauen"

VON NACHRICHTEN AUS DER CHEMIE

Alois Fürstner, Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung, spricht mit den Nachrichten aus der Chemie über Tradition, nutzlose Wissenschaft und warum er den Begriff Grundlagenforschung nicht mag.

"Manchmal mangelt es im Wissenschaftssystem an Vertrauen"© Sergey Nivens - Fotolia.comDer Frage nach dem Nutzen wird sich die Wissenschaft niemals entziehen können
Nachrichten aus der Chemie: Eine böse Frage, die Wissenschaftler häufig zu hören bekommen, ist: Wofür ist das Ganze denn gut? Wie oft haben Sie denn diese Frage schon beantworten müssen in ihrer Karriere?

Alois Fürstner: Als Forscher in der Max-Planck-Gesellschaft habe ich insofern zum Glück eine Sonderposition, dass die Frage nach dem Nutzen der Forschung nicht automatisch gestellt wird.

Aber die politische Debatte - und die Frage nach dem Nutzen von Forschung ist eine politische Frage - geht auch an der Max-Planck-Gesellschaft nicht vorbei.

Nachrichten: Es ist ja auch nicht illegitim, wenn Politik und Gesellschaft von Forschern fordern, zu begründen, was sie tun.

Fürstner: Selbstverständlich. Und man könnte sich sogar auf den Standpunkt stellen, dass steuerfinanzierte Forschung stets einen Nutzen haben soll.

Die eigentlich dahinter liegende Frage lautet aber: Was verbindet man mit Wissenschaft? Ich stelle Ihnen die analoge Frage: Was verbinden Sie mit Kunst? Welchen Nutzen haben die Sonaten von Schubert?

Nachrichten: Klassische Musik ist als Kulturleistung gesellschaftlich anerkannt.

Fürstner: Genau. Aber die Wissenschaft ist eben auch eine Kulturleistung, sie agiert keinesfalls nur auf der Ebene der Zweckbestimmung. Forschung, die nicht zwanghaft dem Nutzen verpflichtet ist, ist vielleicht im Wortsinn nutzlos, aber eben nicht sinnlos. Das müssen wir in der öffentlichen Diskussion stärker betonen.

Nachrichten: Sinnvolle, aber nicht unmittelbar nützliche Forschung, das ist Grundlagenforschung. Aber wer will denn bei den Grundlagen stehen bleiben?

Fürstner: Aus diesem Grund empfinde ich die Bezeichnung Grundlagenforschung als unglücklich gewählt. Ich halte erkenntnisorientierte Forschung für zutreffender. Denn beileibe nicht alles, was wir unter Grundlagenforschung führen, ist potenziell in eine Anwendung zu überführen.

Wenn wir wissen, dass das Universum expandiert, ist das eine grundlegende Erkenntnis, deren Anwendbarkeit auf das praktische Leben der Menschen beschränkt sein dürfte.

Nachrichten: Aber der Frage nach dem Nutzen wird sich die Wissenschaft doch niemals entziehen können.

Fürstner: Das ist richtig. Doch es lohnt sich, über die grundlegenden Herangehensweisen zu reflektieren und zu diskutieren. Man kann ein Bedürfnis definieren und versuchen, eine Lösung dafür zu finden.

Das ist der programmorientierte Zugang, der durchaus effektiv und mancherorts sogar unumgänglich ist. Es gibt aber, und das muss man betonen, den komplementären Zugang dazu. Dieser lässt es zu, dass sich Nutzen allenfalls als Folge einer primären Erkenntnis einstellt.

Nachrichten: Also im Sinn von Max Planck, der gesagt hat, dass die Erkenntnis der Anwendung vorausgehen muss?

Zur Person

Alois Fürstner ist seit dem Jahr 1998 Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und apl. Professor an der Universität Dortmund.

Seine Gruppe forscht zur metallorganischen Chemie und zur homogenen Katalyse. Die Entwicklung neuer Synthesemethoden und deren Anwendung in der Naturstoff- und Wirkstoffchemie sowie Metathesereaktionen sind Schwerpunkte seiner Arbeit.

Fürstner wurde unter anderem mit dem Karl-Ziegler-Preis ausgezeichnet (2013). Er war Mitglied im GDCh-Vorstand und im Kuratorium der Nachrichten aus der Chemie.
Fürstner: Genau. Und dafür ist unser Institut, das MPI für Kohlenforschung, ein gutes Beispiel. Es hat keine nutzengetriebene Forschung betrieben, aber dennoch war seine Forschung nicht nutzlos.

Karl Ziegler hat einen ganzen Wirtschaftszweig - die moderne Kunststoffindustrie - aus einer Frage heraus mitbegründet, deren anwendbare Konsequenzen er anfangs wahrscheinlich selbst nicht gesehen hat.

Nachrichten: Auch einige Ihrer eigenen Entwicklungen haben kommerzielles Potenzial. Verfolgen sie das Schicksal Ihrer Reaktionen?

Fürstner: Nicht systematisch. Wenn ich aber erfahre, dass eine unserer Reaktionen in der Industrie erfolgreich ist, freut mich das natürlich. Ich war gerade bei einer Firma, die eine unserer Reaktionen in einem 400-Liter-Reaktor testet.

Nachrichten: Würde es Sie reizen, nicht nur akademische Forschung, sondern auch industrielle Entwicklung zu machen?

Fürstner: Ich denke, dass diese Unterscheidung nur bedingt sinnvoll ist. Insbesondere wenn man akademische Forschung und industrielle Entwicklung als Gegensatzpaare auffasst.

Wir akademischen Forscher sollten uns von dem Gedanken freimachen, dass unsere Forschung stets fundamentaler sei. Wie viele wichtige und grundlegende Reaktionen sind in der Industrie entdeckt worden!

Und andersherum: Für die Totalsynthese eines großen Naturstoffs braucht es ebenso ein gerütteltes Maß an Disziplin und sehr viel vermeintlich stupide Entwicklung. Da stecken oft viele Jahre Teamarbeit dahinter.

Nachrichten: Ihr Institut, das MPI für Kohlenforschung, feiert sein 100-jähriges Bestehen. Was bedeutet Ihnen diese Tradition und das wissenschaftliche Vermächtnis Ihrer Vorgänger?

Fürstner: Man darf nicht so töricht sein, so sein zu wollen, wie seine Vorgänger. Das wäre keine Tradition sondern Folklore. Will ich als Wissenschaftler erfolgreich und originell sein, darf ich nicht nur den Konventionen folgen. Ziegler war ganz anders als Fischer, Reetz ganz anders als Wilke.

Aber die Tradition dieser Forschungseinrichtungen und die großen Meister, die hier gewirkt haben, sind mehr als nur ein symbolisches Kapital. Es bringt viel, auf einer Metaebene zu analysieren, welche Handlungsmuster die alten Meister und das Institut erfolgreich gemacht haben.

Nachrichten: Und welche Handlungsmuster waren das?

Fürstner: Zum Beispiel die Freiheit, anders sein zu dürfen. Ziegler hatte den Mut, etwas zu machen, was völlig außerhalb des Mainstreams seiner Zeit lag. Er hat den Mut gehabt, von einem wirtschaftlichen sehr erfolgreichen Gebiet, nämlich der Kohleverflüssigung, wegzugehen, und sich Aluminiumalkylen zuzuwenden, was zunächst keine Dividende versprochen hat.

"Manchmal mangelt es im Wissenschaftssystem an Vertrauen" © Nachrichten aus der Chemie 100 Jahre Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr

Personen- oder programmorientiert?

Nachrichten: Die Max-Planck-Gesellschaft hat die personenfokussierte Herangehensweise - das Harnack-Prinzip - ja gleichsam in den Genen. Aber ist nicht der Ansatz auch legitim, über Themen gute Wissenschaft zu definieren?

Fürstner: Alles ist legitim, was zum Erfolg führt. Aber die personenfokussierte Art war offensichtlich erfolgreich und muss sich dennoch häufig rechtfertigen. Manchmal, scheint mir, mangelt es im Wissenschaftssystem erheblich an Vertrauen. Es ist paradox zu versuchen, die besten Köpfe zu engagieren, um ihnen dann vorzuschreiben, was sie machen sollen.

Nachrichten: Die Forschungsförderung und Forschungspolitik sollte sich also am besten komplett von Großprojekten zurückziehen?

Fürstner: Das ist nicht gemeint. Stark programmorientierte Forschung ist an vielen Stellen unumgänglich. Man kann keine Satelliten ins Weltall schicken, ohne programmorientiert heranzugehen. Aber wenn Programmorientierung zu Planwirtschaft mutiert, dann wird es gefährlich.

Nachrichten: Forschungsförderung verfolgt ja auch Ziele, die außerhalb der reinen Wissenschaft liegen.

Fürstner: Auch das ist legitim, und wiederum ist unser Institut dafür ein gutes Beispiel: Es wurde vor 100 Jahren im Ruhrgebiet gegründet, damals eine Region, in der es keine höheren Bildungseinrichtungen gab. Die Standortwahl war also auch eine strukturpolitische Entscheidung.

Nachrichten: Mit dieser Standortwahl mitten im Ruhrpott verbunden ist ja auch der Name "für Kohlenforschung". Im Gegensatz zu Ihrem Mülheimer Schwesterinstitut, das sich unlängst den sehr modern klingenden Namen "für chemische Energiekonversion" gegeben hat, halten Sie an ihrem Traditionsnamen fest. Warum?

Fürstner: Wir sehen die Kohlenforschung als Markenname. Manfred Reetz hat einmal schön pointiert gesagt: Coca-Cola heißt auch jetzt noch Coca-Cola, obwohl kein Coca mehr darin ist. Bei uns ist es ähnlich.

Dass unser Institut "für Kohlenforschung" heißt, stößt bei englischen und amerikanischen Kollegen zwar mitunter auf ein gewisses Unverständnis. Aber das Institut ist damit groß und berühmt geworden. Warum sollten wir dann den Namen ändern?

Nachrichten: Zweck der Stiftung, die das MPI für Kohlenforschung trägt, ist aber immer noch: "die wissenschaftliche Erforschung der Kohle zu gemeinem Nutzen".

Fürstner: Ja, aber die wichtigste Passage der Satzung lautet: "Der Stiftungszweck wird durch Grundlagenforschung im Bereich der Naturwissenschaften verwirklicht." Unsere Vorgänger haben damit dem Institut ein sehr großzügiges Korsett gegeben.

Denn mit dieser weisen Formulierung sind wir in unserer Forschung nicht einmal auf die Grenzen der Chemie zurückgeworfen. Und so kann sich die Kohlenforschung immer wieder neu positionieren und neu ausrichten.

Nachrichten: Das übergreifende Thema der Katalyse ist aber eigentlich stets gleich geblieben.

Fürstner: Dieser Rahmen ist zum Glück sehr breit und unverändert zukunftsweisend. Aber innerhalb dieses Themas gab es erhebliche Veränderungen. Diese Flexibilität ist übrigens sicher eine der Ursachen, warum dieses Institut 100 Jahre nach seiner Eröffnung immer noch besteht.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Dezember 2014

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