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Maßgeschneiderte Wundermoleküle aus Radebeul


Von Anke Wilde

Unternehmensausgründungen verlangen eine gehörige Portion Wagemut. Nicht viele Wissenschaftler bauen eine eigene Firma auf, nachdem sie eine zukunftsträchtige Technologie oder ein Molekül mit lang schon gesuchten Eigenschaften entdeckt haben. Jacques Rohayem jedoch hat sich vor drei Jahren für diesen Schritt entschieden und die Firma Riboxx gegründet. Der französische Virologe hatte an der Technischen Universität Dresden einen Weg entdeckt, wie man medizinisch hochwirksame und zugleich stabile Ribonukleinsäuren (RNA) herstellen kann. Ein Beispiel einer Ausgründung.

Maßgeschneiderte Wundermoleküle aus RadebeulJacques Rohayem hat die Ausgründung gewagt, und sich als Zulieferer für Forschungseinrichtungen selbstständig gemacht
Es ist eine Art Zauberenzym, das sowohl bügeln als auch kleben kann, um das sich bei der Firma Riboxx fast alles dreht. Die nutzbringenden Fähigkeiten dieses Enzyms hat Jacques Rohayem vor einigen Jahren entdeckt, als er noch hauptberuflich an der TU Dresden forschte. Jetzt betätigt sich sein Unternehmen schon seit drei Jahren als Zulieferer für Forschungseinrichtungen wie auch für große Pharmaunternehmen. Siebzehn Mitarbeiter zählt die Firma. Ihren Sitz hat sie in Radebeul, einer sächsischen Kleinstadt nahe Dresden, die ansonsten vor allem als Heimat des Abenteuerschriftstellers Karl May zu einiger Bekanntheit gelangt ist.

Zur Produktpalette von Riboxx gehören zwei Gruppen von Anwendungen der Ribonukliensäuren: Zum einen langkettige RNA, die als Impfstoffverstärker, sogenannte Adjuvanzien verwendet werden. Sie verändern die Immunantwort des Körpers und verbessern damit die Wirksamkeit eines Impfstoffs. Deren Anwendungsbereiche sind breit gefächert. "Sie reichen von Virusinfektionen wie HIV und Hepatitis C bis hin zur Vorbeugung von bakteriellen Erkrankungen wie der Tuberkulose oder sogar von Krebserkrankungen", sagt Jacques Rohayem.

Die zweite Gruppe bilden kurzkettige Ribonukleinsäuren, genauer: Molekülketten wie die sogenannten siRNA (small interfering RNA). Spezifisch auf eine Krankheit zugeschnitten, können sie Zellprozesse regulieren und bestimmte Gene einfach abschalten. Auch wenn bislang nur wenige Arzneimittel den Zulassungsprozess vollständig durchlaufen haben, setzen Molekularmediziner und Pharmazeuten seit einigen Jahren sehr große Hoffnungen in diese kurzen RNA-Schnipsel. "Bei bestimmten Krebserkrankungen können die passenden siRNA-Moleküle das für die Tumorentstehung verantwortliche Gen angreifen und es daran hindern, in der Zelle die Produktion von Tumorproteinen in Gang zu bringen", so Rohayem. Fehlen nämlich diese Proteine, dann kann die Tumorzelle sich auch nicht mehr unentwegt teilen und ihrem natürlichen Tod von der Schippe springen. Es wird also mit Hilfe dieser Moleküle genau der Mechanismus ausgeschaltet, der das bösartige Wachstum erst anregt.

Körper wehrt sich gegen RNA-Moleküle

Problem ist aber, dass Ribonukleinsäuren im Körper schnell abgebaut werden, erläutert Jacques Rohayem. "An sich kommen sie nur in der Zelle als so genannte Botschafter-RNA vor. Als solche dienen sie der Übersetzung des genetischen Codes, den die DNA im Zellkern vorgibt, in Proteine, die die Zellaktivitäten steuern." Sie werden abgebaut, sobald sie alle Zellfunktionen in Gang gesetzt haben. Außerhalb der Zelle, also beispielsweise in der Blutbahn oder im Lymphsystem, werden sie sehr schnell als Gift erkannt. Ihre Entsorgung übernehmen bestimmte Enzyme, die so genannten RNasen. Es ist eine Schutzreaktion des Körpers, die sehr wohl einen Sinn hat: Viren nämlich bestehen ebenfalls aus RNA. Mit ihren zellverändernden Eigenschaften sind sie gewissermaßen die Vorbilder für die medizinische Anwendung der RNA.

Es herrschen also erschwerte Bedingungen, will man die Wirkstoffe in genau die Zellen und Gewebe einschleusen, die von der Krankheit betroffen sind. Wer sich die heilende Wirkung der RNA-Schnipsel zunutze machen will, braucht stabilere Moleküle. An diesem Punkt setzt die Expertise der Firma Riboxx an. Mit Hilfe ihres Plätt- und Klebeenzyms verpassen die Biotechnologen den kleinen RNA-Molekülen ein neues Antlitz. Dabei braucht es unabhängig von der genauen chemischen Zusammensetzung der RNA nur das eine Enzym. Die meist einsträngigen, gewundenen Molekülketten werden durch die speziellen biochemischen Eigenschaften des Enzyms entrollt und mit einer spiegelgleichen Molekülkette zusammengeschweißt. Das Resultat ist eine doppelsträngige RNA-Sequenz, die vom körpereigenen Schutzsystem nicht so schnell abgebaut wird, mit dem Effekt, dass die Wirkstoffe geringer dosiert werden können.

Big Pharma verspricht den größeren Umsatz

Von der Herstellung des Enzyms selbst bis hin zur Produktion der georderten Moleküle - alles passiert im Hause Riboxx. Jacques Rohayem ist sehr stolz auf sein enzymatisches Verfahren. Ohne das wäre es schwierig, die eingerollten und verknoteten Moleküle zu bändigen und eins zu eins zusammenzuschweißen, sagt er. Inzwischen können sie die RNA-Schnipsel sogar im industriellen Maßstab herstellen. Momentan schaffen sie ein Gramm RNA pro Liter, aber das lässt sich seinen Worten zufolge auch noch deutlich nach oben skalieren.

Das erweitert freilich auch den möglichen Kundenkreis. Dazu gehören sowohl Forschungseinrichtungen, die zunächst einmal nur die Wirkung der RNA-Moleküle in der Zellkultur oder im Mausmodell testen und entsprechend geringe Mengen benötigen, als auch die Pharmaindustrie, welche daraus Tabletten und Impfstoffe herstellt. Seit Rohayem vor drei Jahren das Patent für sein TENPORA-Verfahren erhalten hat und Riboxx am Markt ist, hat sich die Zahl der Kunden stetig vergrößert. Mittlerweile sind es weltweit mehr als 150 Einrichtungen und Unternehmen, die von Radebeul aus beliefert werden. "Schön wäre es aber, noch ein oder zwei Aufträge aus der Big Pharma zu bekommen", so Rohayem. Solche Großaufträge sichern nun einmal den Umsatz.

Großzügige Starthilfe für die Firmengründung

In der Biotech-Branche ein Unternehmen zu gründen, ist ein sehr kostspieliges Unterfangen. Sowohl die Geräte als auch hochqualifiziertes Personal sind sehr teuer. Ohne finanzielle Unterstützung hätte Rohayem mit seinem Verfahren gar nicht an den Markt gehen können. Für die deutsche Förderlandschaft hat der Franzose deshalb nur gute Worte übrig. Das Startkapital für seine Ausgründung bekam er von der Gründungsoffensive Biotechnologie (GO Bio) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Auch der Europäische Strukturfonds stellte finanzielle Mittel zur Verfügung. Zusätzliches Wagniskapital warb Rohayem vom Technologiegründerfonds Sachsen ein. Der Fonds unterstützt zukunftsträchtige Unternehmensgründungen im Freistaat über mehrere Jahre mit bis zu vier Millionen Euro.

Für sich persönlich sieht Rohayem die Firmengründung als positive Entwicklung. "Die größte Herausforderung war, aus Wissenschaft eine Technologie, aus einer Technologie ein Produkt und aus einer Arbeitsgruppe eine Firma zu machen", fasst er zusammen. Parallel zum Aufbau des Unternehmens hat er deshalb noch einmal die Schulbank gedrückt und den Master of Business Administration gemacht, um schließlich auch ein Geschäft führen und Mitarbeiter anleiten zu können.

Firmenchef und Wissenschaftler zugleich

Alles in allem, sagt er, gibt es zwischen der Arbeit als Firmenchef und als Wissenschaftler eine Reihe von Ähnlichkeiten. In der Wissenschaft müsse man seine Forschungsideen verkaufen, und dafür schreibe man Anträge. "Und in der Wirtschaft ist es eben ein Produkt, das am Markt erfolgreich sein soll." Es mache viel Spaß, meint er. Allerdings brauche die Geschäftsplanung einen vergleichsweise langen Vorlauf. Bis ein neues Medikament entwickelt und auf den Markt gebracht ist, gehen gut und gerne zehn Jahre ins Land. Die meisten Arzneimittel, die auf die kleinen RNA-Molekülketten setzen, sind noch in der Erprobungsphase, und ob sie zugelassen werden, wird erst nach Ablauf der klinischen Studien klar. Doch erst dann, wenn ein solches Medikament zugelassen ist und Riboxx den Produktionszuschlag erhält, kann das Radebeuler Unternehmen die benötigten RNA-Moleküle in großem Maßstab herstellen. Rohayem jedoch ist da hoffnungsvoll und geduldig. "Man muss einfach einen langen Atem haben."

academics :: Oktober 2012

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