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Massig Klasse

VON WIEBKE TOEBELMANN

Die Exzellenz-Unis haben viele Doktoranden angelockt. Wohin mit ihnen?

Exzellenz-Unis: Massig Klasse© jock+scott - Photocase.comPromotion - und dann?
Würde jemand Frank Krämer fragen, wo er sich in zehn Jahren sieht, wüsste er keine Antwort. Erst einmal soll Ende des Jahres seine Dissertation fertig sein. Thema: das 13. Jahrhundert und die mongolischen Eroberungen im Vorderen Orient. Anschließend würde Krämer gern eine Wissenschaftskarriere einschlagen. Doch wie das gehen soll, weiß er noch nicht. »Mir sind einige Fälle bekannt, in denen der erste Weg nach fertiggestellter Promotion direkt zum Arbeitsamt und in Hartz IV führte«, sagt er. Dabei hat Krämer Spitzenvoraussetzungen, promoviert er doch am Exzellenzcluster »Asien und Europa« in Heidelberg, einem von sechs geisteswissenschaftlichen Forschungsverbünden dieser Art. Die Cluster sind neben den geförderten Graduiertenschulen die Eliteschmieden der Exzellenzinitiative. Für die einen wahre Reputationsmaschinen. Für andere Doktorenfabriken ohne Zukunftsperspektiven.

Zu viele werden gleichzeitig fertig

Für ihre Dissertationen haben die durch Ausschreibungen rekrutierten Doktoranden an den Exzellenz clustern drei Jahre Zeit. Sie arbeiten interdisziplinär und bekommen ein umfangreiches Programm an Arbeitskreisen, Lehrtagungen und Workshops geboten und promovieren unter sehr komfortablen Bedingungen. Dennoch blicken viele der Doktoranden sorgenvoll in die Zukunft. Denn die Cluster und Graduiertenschulen bringen mehr Promovenden hervor als je zuvor, doch die Anzahl der Professuren bleibt begrenzt. So könnte, befürchten manche bereits, die Exzellenzinitiative am Ende zu der paradoxen Situation führen, dass die Karrierechancen für jeden einzelnen Doktoranden sinken - eben weil in den Cluster-Programmen so viele Nachwuchswissenschaftler gleichzeitig mit ihren Dissertationen fertig werden.

»Ich rechne mit einer Schwemme von hoch qualifizierten promovierten Hochschulabsolventen, die nicht wissen, wo sie hinsollen und wo sie sich bewerben sollen«, sagt Doktorand Frank Krämer. Im Zuge des Entscheids in der zweiten Phase der Exzellenzinitiative diskutieren gerade die Geisteswissenschaftler besonders heftig über ihre Zukunft. Sind es doch vor allem sie, die nach vollendeter Promotion meist eine Uni-Karriere anstreben. Matthias Neis vom Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung der Gewerkschaft ver.di sagt: »Es hilft dem Nachwuchs nicht, ins System hereingelassen zu werden und dann später vor dem großen Stoppschild stehen zu bleiben. Durch die Cluster werden noch mehr Leute eingesaugt, der Trichter ist erweitert, läuft aber auf dasselbe schmale Loch zu.«

Der Arabist Frank Krämer möchte gern in Deutschland bleiben, rechnet sich aber schlechte Chancen aus. Daher wird er sich vor allem in den arabischen Golfstaaten umsehen. Er wird nicht der Einzige sein, glaubt Dagmar Simon, Leiterin der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB): »Wir werden all diese top qualifizierten Leute fürs Ausland produzieren.« Um die Akademiker auf dem eigenen »kaum vorhandenen« Arbeitsmarkt zu halten, seien verstetigte Strukturen nötig. Das sieht Professor Gerd Althoff, Sprecher des Münsteraner Clusters, genauso: »Wir können die Exzellenzinitiative nicht 2017 beenden, ohne den vielen daraus hervorgegangenen Wissenschaftlern in anderen Formaten eine Chance zu geben.« Hinzu kommt: Viele Doktoranden waren sich ihrer Situation allzu lange überhaupt nicht bewusst. Es werde von den Exzellenzclustern und Graduiertenschulen nicht deutlich genug darauf hingewiesen, dass es nach der Promotion keine adäquaten Auffangsysteme gibt, klagen sie. So habe es bei einer der ersten Sitzungen des Heidelberger Clusters im Jahre 2008 noch geheißen, dass für 60 Prozent der Promovierenden die »Frage der Nachhaltigkeit« - sprich: der wissenschaftlichen Karriere nach der Promotion - bereits geklärt sei, erinnert sich Frank Krämer. »Davon habe ich seit diesem Tag aber nie wieder etwas gehört.«

Am Cluster »Religion und Politik« in Münster wird durch Schulungen versucht, die Doktoranden auch für den außeruniversitären Markt zu interessieren. Typische Alternativziele zur Uni-Laufbahn sind Berufe in Stiftungen, Museen, im Wissenschaftsmanagement oder auch im Verlagswesen oder Journalismus. Die Frage, die sich die Doktoranden stellen, ist die, ob man ohne praktische Berufserfahrung mit Anfang dreißig in der freien Wirtschaft unterkommt - und ob man auf ein Berufsleben außerhalb der vertrauten akademischen Umgebung überhaupt Lust hat. »Abgesehen vom höheren Bibliotheksdienst sind nur wenige Berufe für mich interessant«, sagt Maximilian Schuh, Historiker und Doktorand am Münsteraner Cluster. Für promovierte Geisteswissenschaftler bleibe die Uni-Laufbahn der logische Karriereweg.

Viele sehen die ohnehin schon prekäre Situation des akademischen Mittelbaus durch einen möglichen Überschuss noch verstärkt. Ferdinand Knauß vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dazu: »Die Frage nach einem Zuviel an Promovierten setzt die Definition einer Norm voraus, an der sich dieses Zuviel bemessen kann. Diese Norm gibt es nicht.« Fragt sich, ob es nicht vielleicht jetzt an der Zeit wäre, ebendiese Norm und eine Definition des »Zuviel« zu entwickeln. Die Bundesregierung halte eine Verbesserung der Personalentwicklung von Hochschulen für wichtig, ergänzt Knauß. »Dazu gehört insbesondere auch die Schaffung von klaren Karriereperspektiven bei entsprechender Leistung.« Damit benennt der BMBF-Sprecher genau den Lieblingsangriffspunkt der Kritiker: Klare Perspektiven schafft die Exzellenzinitiative mit ihren befristeten Strukturen in ihren Augen eben nicht.

Wird im deutschen Wissenschaftssystem immer nur hier und da ein Schräubchen gedreht? Und wer ist dafür verantwortlich? Aus Fragen wie diesen ergibt sich schnell ein Schwarzer-Peter-Spiel zwischen Politik und Universitäten. »Dem Abschmelzen der Grundfinanzierung an den Hochschulen steht ein Aufstocken der Projektfinanzierung über Drittmittel gegenüber«, sagt Matthias Neis von ver.di. Drittmittel sind auch die Gelder aus der Exzellenzinitiative. Da in der Exzellenzinitiative jedoch alle Programme zeitlich begrenzt seien, produziere sie automatisch befristete Beschäftigungen, bemängelt Neis. »Da sagen die Unis mit Recht: Wir können keine nachhaltigen Bedingungen schaffen, weil wir ja nicht wissen, ob das Geld in der Zukunft da sein wird.« Allerdings beobachtet der ver.di-Mann bei den Hochschulen auch eine gewisse Bequemlichkeit, da sie sich auf dem Argument, die Strukturen der Exzellenzinitiative seien schuld, allzu schnell ausruhten.

»Welcher Professor sägt schon an seinem eigenen Stuhl?«

Wenn auch die Finanzierung zusätzlicher Dauerstellen für Nachwuchswissenschaftler schwierig bleibt, so gibt es immerhin Vorschläge zu einer fairen und sinnvollen Verwaltung des vorhandenen Stellenmangels. Das angelsächsische Modell des »Tenure Track« etwa würde leistungsbezogene Beförderungen für Jungwissenschaftler schaffen. Gefordert wird dies unter anderem im Templiner Manifest der Bildungsgewerkschaft GEW zur Reform von Personalstruktur und Berufswegen an Hochschulen, das bereits mehr als 10 000 Wissenschaftler unterschrieben haben. Ein Ziel nachhaltiger Forschungspolitik könnte demnach sein, ein für deutsche Unis passendes Tenure-Track-Modell zu entwerfen. So würden Stellen nach Qualifikation vergeben, Klüngel und Vetternwirtschaft würden weniger gelten. Dem steht hierzulande jedoch noch die übliche professorale Macht im Weg, gibt ein Konstanzer Doktorand zu bedenken: »In den Entscheidungsgremien sitzen an den Hebeln Professoren - wer von denen würde schon am eigenen Stuhl sägen?« Ein strukturelles Problem also. Und wohl kaum lösbar durch eine zeitlich begrenzte Förderinitiative. Es scheint, als müssten sich noch manche Generationen von Nachwuchs-Geisteswissenschaftlern mit den unsicheren Zukunftsperspektiven abfinden. Und die so vielversprechende Promotion am Exzellenzcluster als nur eine von vielen Stationen einer Projektkarriere betrachten.

Aus DIE ZEIT :: 22.06.2011

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