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Master als Regelabschluss

Nach zehn Jahren Bologna-Reform mehren sich die Stimmen, die grundlegende Änderungen fordern. Die Präsidenten und Rektoren der Arbeitsgemeinschaft Technischer Universitäten und Hochschulen (ARGE TU/TH) und der neun führenden Technischen Hochschulen Deutschlands (TU9) haben für ihre Fächer Forderungen ausgearbeitet.

Master als Regelabschluss© jodofe - Photocase.comDer Masterabschluss ist Ziel vieler Studenten

Präambel

Der Bologna-Prozess beinhaltet für die deutschen Universitäten eine Umstellung des Hochschulsystems von historischer Dimension. Die in ARGE TU/TH und TU9 vereinten technisch orientierten Universitäten haben diesen Prozess stets als Chance betrachtet, im Rahmen der Weiterentwicklung des europäischen Hochschulraums die Qualität ihrer Studienangebote zu verbessern. Sie haben ein großes Interesse daran, den Bologna-Prozess mitzugestalten, zu flexibilisieren und fortzuentwickeln. ARGE TU/TH und dem TU9-Verbund ist es ein fundamentales Anliegen, die Qualität der Ausbildung insbesondere in den Ingenieur- und Naturwissenschaften sicherzustellen und gezielt weiterzuentwickeln, die Wettbewerbsfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu stärken und die Studiendauer zu verkürzen. Die Universitäten in ARGE TU/TH und TU9 haben inzwischen nahezu alle Studiengänge auf das zweistufige Studiensystem umgestellt. Dies erfolgte im laufenden Betrieb, ohne zusätzliche Mittel.

Zehn Jahre nach dem Beginn des Bologna-Prozesses werden einige Fehlentwicklungen bei der Umsetzung deutlich, deren negative Auswirkungen nicht zuletzt zu den Studierendenprotesten der jüngsten Zeit geführt haben. Dass die Hochschulen schon seit Jahrzehnten in Deutschland unterfinanziert sind, wurde durch den Bologna-Prozess noch offenkundiger. Dies muss unbedingt verbessert werden, um insbesondere die Qualität in der Lehre zu erhalten und weiter auszubauen. An alle politischen Akteure geht daher der Appell, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und gemeinsam mit den Universitäten die Mängel im System zügig zu beseitigen. Den zahlreichen Absichtserklärungen der letzten Monate müssen nun Taten folgen. Die Autonomie der Hochschulen muss dabei gewahrt bleiben. Im Folgenden sind Punkte und Forderungen für die "Reform der Reform" zusammengefasst, die von den Präsidenten und Rektoren in ARGE TU/TH und TU9 gemeinsam getragen werden.

1. Der Master ist der Regelabschluss für die Ingenieurwissenschaften/Naturwissenschaften an Technischen Universitäten Die Universitäten in ARGE TU/TH und TU9 haben stets erklärt, dass der Masterabschluss in den Ingenieur- und Naturwissenschaften das Ziel der Studierenden an ihren Universitäten ist. Sie halten daran fest, dass der Workload bis zu einem konsekutiven Masterabschluss 300 ECTS-Punkte umfasst. ARGE TU/TH und TU9 fordern zudem, dass die Fünf-Jahres-Grenze für die Regelstudienzeit geöffnet wird. Im Interesse einer Flexibilisierung begrüßen die technisch orientierten Universitäten ausdrücklich den KMK-Beschluss vom 10. Dezember 2009, nur noch zwischen konsekutiven und Weiterbildungs-Studiengängen zu unterscheiden.

2. Für den effizienten Übergang vom Bachelor zum Master sind Flexibilität und Qualität die entscheidenden Kriterien Entsprechend den KMK-Beschlüssen vom 10.12.2009 fordern die technisch orientierten Universitäten die Flexibilisierung der Zugangsvoraussetzungen zum Master. Der Master-Zugang setzt in der Regel einen Bachelor-Abschluss voraus. Über mögliche weitergehende Regelungen entscheiden eigenständig die Universitäten, darüber hinaus auch über vorläufige Zulassungen und Vorziehungsmöglichkeiten von Modulen in den entsprechenden Bachelor-Phasen.

3. Steigerung der Mobilität durch Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen und gemeinsame Abschlüsse (Joint Degrees und Double Degrees) Die nationale und internationale Mobilität der Studierenden soll gezielt gefördert werden. Die Universitäten in ARGE TU/TH und TU9 verpflichten sich, die Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen auf Grundlage der erworbenen Kompetenzen flexibel zu handhaben. Hierzu wird den Studierenden vorab ein "Learning Agreement" mit den Fachvertretern empfohlen. Die technisch orientierten Universitäten werden im Studienverlauf verstärkt Mobilitätsfenster vorsehen und Joint Degrees sowie Double Degrees ausbauen, innerhalb starker Netzwerke und weiterer nationaler und internationaler Partnerschaften.

4. Soziale Sicherung der Studierenden durch BAföG bis zum Master Die Förderung von Studierenden durch BAföG muss grundsätzlich bis zum Master erfolgen. Das BAfög ist flexibler zu gestalten, die zeitliche Obergrenze zu erweitern und ein nahtloser Übergang der Förderung zwischen Bachelor und Master zu gewährleisten. Der Übergang vom Bachelor zum Master und ein damit verbundener Wechsel der Fachrichtung zählen nicht als Fach- oder Studiengangswechsel im Sinne der BAfög-Regelung.


5. Curricula anpassen, Prüfungsdichte verringern, flexibles, forschungsorientiertes Lernen fördern Die Umstellung auf das zweistufige Studiensystem hat teilweise zu einer Verschulung und Überfrachtung der Curricula sowie einer zu hohen Prüfungsdichte geführt; zu dieser Entwicklung beigetragen haben auch externe Vorgaben, insbesondere von den Akkreditierungsagenturen. Zur Verbesserung der Studienbedingungen und der Studierbarkeit ist eine Flexibilisierung der starren Vorgabe von 30 ECTS-Punkten pro Semester notwendig. Beispielsweise sollte es zu Beginn des Studiums zulässig sein, weniger Leistungspunkte zu vergeben und den Studierenden weniger Prüfungen abzufordern, um ihnen den Studieneinstieg zu erleichtern. Bestehende Fehlentwicklungen werden von den Mitgliedern der ARGE TU/TH und TU9 korrigiert. Die technisch orientierten Universitäten setzen sich dafür ein, dass die Festlegung des curricularen Normwertes in die Verantwortung der Universitäten gegeben wird. Unter Mitwirkung ihrer Studierenden in den zuständigen Gremien soll den Universitäten damit eine freie und flexible Curricula-Gestaltung unter Berücksichtigung der Fachkulturen ermöglicht werden.

6. Weiterentwicklung internationaler Akkreditierungsstandards Das Akkreditierungssystem ist zu reformieren und gemeinsam weiter zu entwickeln. Im Einklang mit dem Wissenschaftsrat verstehen die Universitäten in ARGE TU/TH und TU9 das Qualitätsmanagement in der Lehre als Kernelement ihrer Autonomie. Qualitätssicherung ist primär Aufgabe der Hochschulen und in ihrem ureigenen Interesse[1].

7. Maßnahmen zur Sicherung des MINT-Nachwuchses Die technisch orientierten Universitäten setzen sich insbesondere dafür ein, für Bewerberinnen und Bewerber mit Interesse an ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen freiwillige, auf das Studium vorbereitende MINT-Module anzubieten; diese sind optional und können vorgelagert bzw. parallel zum Fachstudium stattfinden. Solche Angebote unterstützen effizient den Übergang von der Schule zum Studium und dienen der Verbesserung der Studieneingangsphase sowie insbesondere der deutlichen Steigerung der Erfolgsquoten.

8. Für eine Vielfalt bei der Verleihung spezifischer Abschlussgrade: den Titel "Diplom-Ingenieur" erhalten Die Technischen Universitäten in ARGE TU/TH und TU9 fordern die Landesgesetzgeber auf, den Hochschulen die Autonomie zu geben, den "Dipl.- Ing" als akademischen Abschlussgrad eines ingenieurwissenschaftlichen Masterstudiengangs verleihen zu können. Dabei verweisen ARGE TU/TH und TU9 auf die entsprechenden Formulierungen des in diesem Punkt vorbildlichen Österreichischen "Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten und ihre Studien (Universitätsgesetz 2002 - UG)". Das bedeutet, dass in den Studienordnungen auszuweisen ist, welcher Mastergrad vergeben wird. Dabei gilt: Mastergrade sind die akademischen Grade, die nach dem Abschluss der Masterstudien verliehen werden. Sie lauten "Master" mit einem im Curriculum festzulegenden Zusatz, wobei auch eine Abkürzung festzulegen ist, oder "Diplom-Ingenieurin/Diplom-Ingenieur", abgekürzt "Dipl.-Ing.".

9. Vielfalt und Durchlässigkeit zwischen Universitäten und Fachhochschulen Hervorragenden Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschulen steht der Weg zur Promotion offen. Die technisch orientierten Universitäten plädieren für Vielfalt, Transparenz und Durchlässigkeit zwischen den Systemen "Fachhochschule" und "Universität" in den unterschiedlichen Phasen des Studiums. Das Promotionsrecht muss weiterhin ausschließlich den Universitäten vorbehalten bleiben. Allerdings unterstützen die Technischen Universitäten ausdrücklich den Ausbau kooperativer Promotionen zwischen Universitäten und Fachhochschulen.

10. Erfolgsmodell der Promotion zum "Dr.-Ing." fördern Die strukturierten Angebote der Doktorandenausbildung werden u.a. im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgebaut. Unter Berücksichtigung der Fächerkulturen sollen auch künftig unterschiedliche Wege zur Promotion führen können. Der "Dr.-Ing." ist ein Markenzeichen, mit dem sich der wissenschaftliche Nachwuchs deutscher Universitäten im internationalen Wettbewerb exzellent profiliert. Er steht für das erste selbständige Arbeiten eines Wissenschaftlers. Die technisch orientierten Universitäten möchten dies als Qualitätsmerkmal erhalten und sprechen sich dezidiert gegen verpflichtende Promotionsstudiengänge aus, so sehr das Format der Graduate Schools unter geeigneten Rahmenbedingungen zu befürworten ist.

Am 10. Mai 2010 gemeinsam von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Technischer Universitäten und Hochschulen (ARGE TU/TH) sowie der TU9 verabschiedet. Leicht gekürzt.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

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