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Master of Science und Diplôme d'Ingénieur


Von Joachim Breternitz

Chemiestudenten der Technischen Universität Dresden können einen Teil ihres Studiums an einer der TU-Partnerhochschulen in Frankreich absolvieren und erwerben neben dem deutschen einen französischen Abschluss. Joachim Breternitz macht mit und hat sich für Rennes entschieden.

Master of Science und Diplôme d'Ingénieur© Canakris - Fotolia.com
Es gehört heutzutage schon fast zum guten Ton, während des Studiums einige Zeit im Ausland zu verbringen. Dazu suchte ich eine Möglichkeit, die die Studienzeit nicht verlängert und fand das deutsch-französische Doppelstudium, das die TU Dresden in Zusammenarbeit mit ihren französischen Partnerhochschulen, der École Nationale Supérieure de Chimie in Rennes (ENSCR) und der École de Chimie, Polymère et Matériaux (ECPM) in Straßburg, anbietet. Das Besondere dieses Studiengangs ist, dass man dafür zwei der fünf Studienjahre bis zum Master in Frankreich studiert. Examina und Lernstoffe sind also die Gleichen wie für die französischen Studenten.

Voraussetzungen

Für das Doppelstudium können sich Studenten der TU Dresden im zweiten Studienjahr einschreiben. Voraussetzung ist, dass sie bis dahin alle erforderlichen Prüfungen bestanden haben. Vor der Auslandsphase müssen dann alle Prüfungen der ersten beiden Studienjahre bestanden sein. Obwohl französische Sprachkenntnisse keine unbedingte Vor - aussetzung sind, empfiehlt es sich, mindestens gute Grundkenntnisse nach Frankreich mitzubringen, da zumindest in Rennes die Vorlesungen auf Französisch stattfinden und man die Sprache für den Alltag und den Kontakt mit den französischen Kommilitonen unbedingt braucht. Sprachkurse bietet aber auch die TU Dresden an, und mit ein wenig Unterstützung meiner Professoren ist es mir immer gelungen, diese zusätzlichen Kurse in meinem Stundenplan unterzubringen. Das dritte und vierte Studienjahr verbringt man dann an der Partnerhochschule, entweder in Straßburg oder in Rennes. Während das Studium in Straßburg europäisch ausgerichtet ist und Lehrveranstaltungen dreisprachig auf Französisch, Englisch und Deutsch anbietet, gibt es in Rennes zwar die obligatorischen Sprachkurse in Englisch und Französisch, die Lehrveranstaltungen sind aber auf Französisch.

Chemie studieren in Frankreich

Die Ausbildung von Chemikern in Frankreich teilen sich die Universitäten ("faculté") und die Ingenieurhochschulen ("grandes écoles") wie die ENSCR und die ECPM. Während die Universitäten stark wissenschaftlich ausgerichtet sind, ist die Ausbildung an den Ingenieurhochschulen breiter angelegt und um Fächer wie Management und Informatik erweitert. Dies resultiert aus dem Anspruch der Ingenieurhochschulen, spätere Führungskräfte auszubilden, die in allen Gebieten den Überblick behalten müssen, aber nicht unbedingt Fachwissen in allen Details brauchen. Der Ingenieur in Frankreich ist daher eher managementorientiert und nicht mit dem Ingenieur nach deutschem Verum ist nicht etwa ein Lehrbuch sondern das Skript (Polycopié) des Professors. Selbst die Gesundheit der Studenten begutachtet einmal im Jahr der medizinische Dienst, der den Universitäten in Rennes angeschlossen ist. Ein weiterer frappierender Unterschied zwischen der französischen Ausbildung und der deutschen ist die räumliche und thematische Trennung der ersten zwei Studienjahre von den drei folgenden. Die ersten zwei Studienjahre absolvieren die französischen Studenten in Vorbereitungsklassen ("classe préparatoire physique-chimie"), die zu etwa 50 Prozent aus Mathematik-, 30 Prozent Physik- und 20 Prozent Chemieausbildung bestehen. Erst im dritten Studienjahr - dem ersten Studienjahr an der Hochschule - beginnt das eigentliche Chemiestudium. Dem geschuldet, war mein erstes Studienjahr in Rennes zu einem gewissen Teil Wiederholung von Lehrinhalten aus Dresden, besonders in organischer Chemie. Dies hat mir allerdings den Start in das französische Studium wesentlich erleichtert, denn dadurch konnte ich anhand des schon bekannten Lernstoffs mein Französisch verbessern, was mir den Einstieg in die französische Umgangssprache enorm erleichtert hat.

Chemieingenieurwesen und Praxisorientierung

Die Lehrinhalte an der ENSCR sind eine Mischung zwischen den deutschen Studiengängen Chemie und Chemieingenieurwesen. Neben Kursen in organischer, physikalischer und anorganischer Chemie stehen ingenieurwissenschaftliche Fächer wie Statistik, Fluidmechanik und Reaktortechnik auf dem Lehrplan. Für einen Studenten, der aus der reinen Chemie kommt, ist das ungewohnt, aber machbar. Ein positiver Aspekt der französischen Ausbildung ist die starke Praxisorientierung. Nicht zuletzt die Pflichtpraktika am Ende jedes Studienjahres (sechs bis acht Wochen am Ende des ersten Studienjahres in Frankreich und drei bis vier Monate am Ende des zweiten) geben einen interessanten Einblick in den Berufsalltag eines Chemikers und in die Arbeitswelt. Dieses Praktikum kann man sowohl an einer Forschungseinrichtung als auch in einem Unternehmen absolvieren, und es wird anhand eines Praktikumsberichts samt Verteidigung bewertet. Das Praktikum am Ende des zweiten Jahres nutzen die französischen Studenten traditionell gerne für einen Auslandsaufenthalt. Für diese Praktika stehen auch Stipendienmittel in Form von Erasmus-, regionalen und Hoch schul sti pen di en zur Verfügung. Im zweiten Jahr in Frankreich besteht die Möglichkeit, sich zu spezialisieren. Dazu bietet die ENSCR zwei Richtungen an: "Chimie et Technologies pour le Vivant" (etwa: lebensnahe Chemie) mit den Vertiefungsrichtungen organische Chemie oder Material- und Festkörperchemie sowie "Environnement, Procédés et Analyse" (etwa: Umwelt, Prozesstechnik und Analyse) mit Vertiefungen in Prozesstechnik oder Umweltanalytik.

Wieder zurück in Dresden

Nach den zwei Jahren in Frankreich studiert man das letzte Jahr in Dresden. Die Studienleistungen aus dem zweiten Jahr in Frankreich werden einer der beiden Dresdner Modulsäulen (Materialrelevante Chemie und Biologisch orientierte Chemie) zugerechnet, so belegt man dann in Dresden die weiteren Module, um auf die erforderliche Punktzahl in den Modulsäulen zu kommen. Das erste Jahr in Frankreich zählt noch zum Bachelorstudiengang. Am Ende der Ausbildung steht dann der Master der TU Dresden, der Master der ENSCR und der Titel "Diplôme d'Ingénieur", der ein Alleinstellungsmerkmal der französischen Ingenieurhochschulen ist.


Über den Autor
Joachim Breternitz studiert zur Zeit Chemie mit Schwerpunkt Chimie et Technolgies pour le Vivant in Rennes, wo er sich für die Vertiefungsrichtung Chimie du Solide & Materiaux entschieden hat. Voraussichtlich im Oktober 2011 wird er nach Dresden zurückkehren, um dort an der TU das Studium mit dem Master abzuschließen.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Mai 2011

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