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Maulwurf vom Dienst

VON JULIA NOLTE

Als Grabungshelfer buddeln Studenten in ganz Deutschland die Überreste unserer Geschichte aus der Erde.


Maulwurf vom Dienst© Mustafa Arican - iStockphoto.comNur schätzungsweise zehn Prozent der Grabungshelfer studieren Archäologie
Noch ehe an der Uni die erste Vorlesung beginnt, steht Nils Hagenbrock in Wanderstiefeln, Arbeitshose und Holzfällerhemd am Waldrand bei Detmold-Berlebeck. Eine halbe Stunde lang geht der 26 Jahre alte Student aus Paderborn bergauf und erreicht schließlich um kurz vor 8 Uhr schwer atmend das Basislager: fünf Baucontainer, die unterhalb der Bergkuppe stehen. Hier befinden sich Pausenräume, Büro und Materiallager der neunköpfigen Grabungsmannschaft, die im Auftrag des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe die Ruine der Falkenburg freilegen. Zwischen Mai und Oktober arbeitet Nils Hagenbrock zwei bis drei Tage die Woche als studentischer Grabungshelfer.

»Am Studium stört mich, dass man immer nur vor Büchern sitzt«, sagt Hagenbrock, der Geschichte, Englisch und Deutsch auf Lehramt studiert. »Hier kann ich anpacken und Geschichte erleben.« In ganz Deutschland sind Studenten auf Burgen, in Klöstern, ländlichen Siedlungen und historischen Stadtkernen im Dienste der Archäologie unterwegs, und keinesfalls sind sie immer vom Fach. Nur schätzungsweise zehn Prozent der Grabungshelfer studieren Archäologie. Auf der Falkenburg haben schon Wirtschaftsinformatiker, Innenarchitekten und Musikwissenschaftler mitgearbeitet, sowohl Frauen als auch Männer. Die Stellen werden über die studentische Jobbörse ausgeschrieben. Während es bei Grabungen in Stadtkernen genug Bewerber gebe, würden Grabungshelfer »im Outback« dringend gesucht, sagt Ausgrabungsleiter Thomas Pogarell.

Nils Hagenbrock nimmt sich Werkzeug und einen Eimer für Fundstücke und geht die letzten Meter zur sandsteinfarbenen Ruine hinauf. Als die Ausgrabung 2005 begann, ragten nur noch ein Stumpf des Bergfrieds und eine Mauerecke aus dem Boden, der Burghof war drei Meter hoch von Schutt bedeckt, überall wuchsen Bäume. Inzwischen ist ein Teil von Bergfried und Ringmauer aus Originalsteinen wieder aufgebaut, der Burghof freigeräumt, man sieht Mauerteile von Gebäuden und Toranlagen. Am Ende der Sanierung soll die komplette Burg an ihren Grundmauern erkennbar sein, neu errichtet wird sie aber nicht. Die Bäume wurden gefällt, sodass man nun wieder weit über den Teutoburger Wald blickt, bis hin zum Hermannsdenkmal, wo eine Statue des germanischen Feldherrn Arminius auf ihrem Sockel steht.

Doch Nils Hagenbrock hat nur Augen für den Boden, als er an der Ringmauer entlang zu seiner Ausgrabungsstelle geht. »Wenn man hier einmal etwas entdeckt hat, denkt man nur noch: Wo ist der nächste Fund? Es hat mich gepackt!« Seine bisher größte Entdeckung war ein Mühlstein, groß wie eine Sahnetorte. Gestern hat er einen Kamm aus Knochen, eine Haarnadel und - er greift in seinen Fundeimer und hält sie stolz in die Luft - eine 600 Jahre alte Tonscherbe gefunden. Auch Lanzenspitzen, Dolche, Kanonenkugeln, Spielzeugpferde und Geschirr für Puppenstuben, Sporen und ein halbes Hufeisen haben die Archäologen hier schon aus dem Boden geholt. Sie werden damit mindestens acht Vitrinen im Lippischen Landesmuseum in Detmold füllen, wenn dort am 16. Dezember die erste Ausstellung über die Falkenburg eröffnet wird. »Du weißt, was uns noch fehlt«, sagt Thomas Pogarell zu seinem Grabungshelfer: »Ein Schwert oder ein Helm - bitte!« Der Ausgrabungsleiter deutet auf ein rechteckiges Loch, das neben ihm und Nils Hagenbrock im Boden des Burggrabens klafft. Es ist drei Meter breit, vier Meter lang und zwei Meter tief: der »Schnitt 32«, in dem ein Helfer gerade die Mauer eines Gebäudes freilegt. Dies sei die Pulverkammer, sagt Pogarell, und genau dort - er zeigt auf ein von Gras bewachsenes Plateau vor dem Burgwall - habe sich eine Geschützstellung, eine Bastion befunden. Im Schutze des Burgwalls hätten die Krieger zwischen Kanonen und Pulverkammer hin- und herlaufen können, ohne von Angreifern verwundet zu werden. »Die Erbauer haben nichts dem Zufall überlassen«, sagt Pogarell. »Die Falkenburg war eine uneinnehmbare Festung.«

Die wichtigste Voraussetzung? Wetterfest sein

Seit etwa 1200 wohnten hier die Edelherren zur Lippe. Als rund 250 Jahre später bei der Zubereitung eines Festmahls in der Küche ein Feuer ausbrach, brannte die Burg nieder. Die Lipper zogen nach Detmold ins Wasserschloss, das noch heute von ihren Nachfahren bewohnt wird. 1802 wurde die Ruine zum Steinbruch erklärt und größtenteils abgerissen. Bis zum Abschluss der Sanierung bleibt die Ruine gesperrt, doch der Verein Die Falkenburg bietet Führungen an. Nils Hagenbrock springt hinunter in den Schnitt 32. Er hilft dabei, einen Stein aus der Grube zu wuchten, mit dem Maurer später die Ringmauer ausbessern werden. Andere studentische Hilfskräfte tragen höchstens mal für ihren Professor Bücher zum Lehrstuhl, Grabungshelfer schleppen Sandsteinquader und Erde, für acht Euro die Stunde. Einmal stand Hagenbrock zwei Tage hintereinander siebeneinhalb Stunden mit der Schaufel im Burghof und schippte eine Grube zu.

»Da ging es mir schlecht«, sagt er. Doch wenn er ein Fundstück nach dem anderen aus der Erde löst, in Plastiktütchen verpackt und den Fundort notiert, ist er versöhnt mit seinem Job. Die wichtigste Voraussetzung für einen Grabungshelfer sei es, wetterfest zu sein. Den richtigen Umgang mit Spitzhacke, Schaufel, Kratzer und Handbesen lerne man schnell von den anderen. Das bestätigt der Ausgrabungsleiter Thomas Pogarell. Auch er hat einmal als studentischer Grabungshelfer »mit Schippe und Schubkarre« angefangen - vor 25 Jahren. Die beiden klettern aus dem Burggraben und gehen zum ehemaligen Hauptgebäude. Dort wollen sie einen Schnitt dokumentieren. Heute haben sie Glück: Die Regenwolken verziehen sich. Doch als kürzlich der Burggraben ausgebaggert wurde, sei das die reinste Schlammschlacht gewesen, sagt Pogarell. Der Baggerführer und die Lkw-Fahrer hätten die Fensterscheiben geschlossen und die Heizungen angestellt. »Nur die Archäologen standen wieder mal draußen im Matsch.« Warum tun sie sich das an? »Ich brauche Geld«, sagt Hagenbrock. »Entdeckerdrang«, sagt Pogarell.

Archäologiestudenten würden hier unverzichtbare Berufserfahrungen sammeln, und auch Grabungshelfer wie Nils Hagenbrock, die später nicht als Archäologen arbeiten wollten, würden dabei etwas Wichtiges lernen: Geduld. Als sie die Stelle erreichen, wo früher das Hauptgebäude stand, zeigt sich, warum: »Man sieht hier zwar schon Funde, aber wir dürfen sie noch nicht aus der Erde holen«, sagt Pogarell. »Zuerst müssen wir die Schicht dokumentieren: putzen, fotografieren, vermessen, zeichnen, beschreiben.« Während Pogarell seine Kamera aufbaut, beginnt Hagenbrock, den Boden und die Seitenwände des Schnitts mit einem Kratzer zu säubern, damit die Erdschichten auf dem Foto gut zu erkennen sind. Als um 16 Uhr Feierabend ist, mag er gar nicht gehen. Er wird erst vier Tage später wieder hier sein, und »wer weiß, was bis dahin alles ohne mich gefunden wird«. Womöglich ein Schwert? Gar ein Helm? Doch in Paderborn wartet eine Hausarbeit zum Thema mittelalterliche Kartografie auf ihn. Der Grabungshelfer muss ja auch studieren.

Aus DIE ZEIT :: 15.09.2011

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