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Medizin-Nobelpreis - Kommandeure der Selbstverteidigung

VON HARRO ALBRECHT

Die Preisträger des Medizin-Nobelpreises haben das Immunsystem beobachtet. Wer dessen Tricks kennt, kann sich gegen Krankheiten wappnen.

Kommandeure der Selbstverteidigung© jgfoto - iStockphoto.comDie Nobelpreisträger des Medizin-Nobelpreises Bruce Beutler, Jules Hoffmann und Ralph Steinman haben die Grundlagen für möglicherweise bahnbrechende Krebstherapien geschaffen
Fast hätte Ralph Steinman den größten Triumph seines Lebens feiern können. Das schwedische Nobelpreiskomitee hatte ihn am Montag als einen der drei Gewinner des diesjährigen Medizin-Nobelpreises vorgestellt. Doch der Ruf erreichte den Adressaten nicht mehr. Drei Tage zuvor war der kanadische Immunologe verstorben. Dieser in der Nobelpreisgeschichte einmalige Vorfall elektrisierte die Medien: der ungerechte Krebstod des bescheidenen Wissenschaftlers, der ihn um die Früchte seines Forscherlebens brachte. Und die kurzfristige Verwirrung des Nobelpreiskomitees darüber, ob es Steinman den Preis entgegen den Statuten doch verleihen durfte (man revidierte die Entscheidung nicht).

Für kurze Zeit war das Ereignis mehr als eine zwar prestigeträchtige, aber für Laien letztendlich langweilige Erörterung komplizierter Grundlagenforschung. Über die öffentliche Erschütterung geriet die eigentliche Forschungsarbeit der drei Nobelpreisträger in den Hintergrund. Das hat sie nicht verdient! Schließlich haben der Amerikaner Bruce Beutler, der Luxemburger Jules Hoffmann und eben Ralph Steinman die Grundlagen für möglicherweise bahnbrechende Krebstherapien geschaffen, für neue Strategien gegen die Blutvergiftung und Autoimmunkrankheiten. Lange Zeit konnte sich Ralph Steinman mit seiner Idee nicht durchsetzen. Schlimmer noch: Weil Kollegen seine Ergebnisse aus Unwissenheit nicht in ihren Laboren wiederholen konnten, begegneten sie ihm mit purer Feindseligkeit. Doch versuchte der Immunologe beharrlich, die Fachkollegen von der Bedeutung der von ihm 1973 entdeckten wundersamen dendritischen Immunzellen zu überzeugen.

»Wir sind mit ihm damals von Kongress zu Kongress gezogen, wie Jesus mit seinen Jüngern«, erinnert sich der Erlangener Immunologe Gerold Schuler, der als junger Forscher in Steinmans Labor arbeitete. »Die Leute haben ihm nicht einmal geglaubt, dass dendritische Zellen überhaupt existieren.« Mit ihren weit verzweigten Auswüchsen muten dendritsche Zellen wie ein Flechtwerk an. Sie strecken ihre Fühler in alle Gewebe aus, die auf irgendeine Weise Kontakt mit der Umwelt haben - in Haut und Schleimhäute ebenso wie in die Speiseröhre und die Lunge. Die dendritische Zelle ist gleichzeitig erste Verteidigungslinie und Dirigent des Immunsystems. Ralph Steinman wies nach, dass dendritische Zellen Teile von Angreifern wie Bakterien, Viren, Pilzen oder auch beschädigten Körperzellen aufnehmen und sie dann der zweiten Linie der Immunabwehr präsentieren. Erst die dendritische Lehrstunde schaltet diese sogenannten T-Zellen scharf, lässt sie den Feind erkennen. Ohne die Information würden die T-Zellen planlos durch die Blutbahnen patrouillieren.

In New York bot die Rockefeller University - eine Institution mit hoher Laureatendichte - dem Wissenschaftler einen sicheren und inspirierenden Arbeitsplatz. Steinmans Forschung gedieh. Der Immunologe ging unermüdlich der Frage nach, auf welche Weise die dendritischen Zellen zwischen bedrohlichen und freundlichen, fremden und körpereigenen Molekülen unterscheiden. »Er hat 15 Jahre gegen enormen Widerstand stur weitergearbeitet«, sagt Schuler. »Wäre er nicht an der Rockefeller University gewesen, hätte er das nicht machen können.« Erst in den neunziger Jahren dämmerte den Spöttern, welchen Schatz Steinman gehoben hatte. Es hagelte Preise. Ralph Steinmans Arbeit zeigt einmal mehr, wie strikt die Arbeitsteilung im menschlichen Immunsystem ist. Es gibt Generalisten wie die dendritischen Zellen und Spezialisten wie die Lymphozyten. Ständig fließen Informationen hin und her. Ist dieses Eiweiß feindlich, gehört dieses Fragment zu einem Eindringling? Während sich der Kanadier Steinman auf den Koordinator im Abwehrkampf konzentrierte, drangen der Amerikaner Bruce Beutler und der Luxemburger Jules Hoffmann zu den Sensoren der ersten Verteidigungslinie weiter innen im Körper vor.

Der Biologe Jules Hoffmann beugte sich über Fruchtfliegen. In diesen hatte die deutsche Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard ein Gen mit dem Namen »Toll« entdeckt (angeblich, weil die Arbeitsgruppe die mutierten Fliegen toll fand). Erst galt die Erbinformation als ein Gen, das die embryonale Entwicklung steuert. Dann entdeckte Hoffmann, dass Fliegen mit Mutationen im Toll-Gen an Pilz- oder Bakterieninfektionen starben. Denn Toll produziert Rezeptoren, welche die Eindringlinge wahrnehmen können. Die Erbanlage gehört offenbar zum Immunsystem. Bruce Beutler übertrug die Erkenntnis letztlich auf Menschen. Zunächst jedoch fand der Genetiker und Immunologe vom Scripps Research Institute einen Toll-ähnlichen Rezeptor (TLR) in Mäusen. Aktiviert wird TLR durch Zuckermoleküle in den Bakterienwänden. Im besten Fall löst dies nur eine gesunde Entzündungsreaktion als Abwehr gegen Bakterien aus. Ist aber die Zuckerdosis zu hoch, folgt der septische Schock. Mäuse ohne TLR in Beutlers Labor waren resistent gegen den septischen Schock - aber ihre Körper waren den Keimen hilflos ausgeliefert.

Die TLR gehören zu einem uralten Teil unseres Immunsystems. Inzwischen sind sehr viele verschiedene TLR entdeckt worden. Vor sieben Jahren erhielten Beutler und Hoffmann für ihre Entdeckungen den Robert-Koch-Preis (der ein guter Indikator für Kandidaten des Medizin-Nobelpreises ist). Die drei Nobelpreisträger haben Mechanismen der Aktivierung und der Kontrolle des Immunsystems enträtselt. In diesem Kontrollraum kann einiges schieflaufen. Sind die Immunsensoren zu empfindlich oder auf das falsche Ziel programmiert, dann folgen Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes oder Rheuma. Sind sie zu unempfindlich und erkennen den Feind nicht richtig, dann kann sich etwa Krebs ungehemmt ausbreiten. Da liegt es nahe, diesen Kontrollraum für Therapien zu nutzen. Bruce Beutler arbeitet zum Beispiel an einer Behandlung für Lupus erythematodes. Vielversprechender aber wirken zurzeit Ralph Steinmans Erkenntnisse. Weltweit »trainieren« Biowissenschaftler dendritische Zellen darauf, Krebszellen zu erkennen. 391 Therapiestudien mit dendritischen Zellen listet die amerikanische Studiendatenbank clinicaltrials.gov. Es geht um Brustkrebs, Darmkrebs, Hirntumore und sehr oft um schwarzen Hautkrebs. Und jedes Mal sollen die dendritischen Zellen ihren Kollegen, den T-Zellen, Teile der Krebszellen so präsentieren, dass sie sich mit Verve auf die Tumoren stürzen.

Mitte vergangenen Jahres erhielt die erste Tumor-Vakzine auf der Basis von dendritischen Zellen ihre Zulassung von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA. Das Mittel der Firma Dendreon wird bei Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium eingesetzt. Von der University of California, Los Angeles, gab es im März frühe positive Ergebnisse einer Studie an Patienten mit Glioblastom, einem Hirntumor. Ralph Steinman selbst war vor vier Jahren an einem besonders aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Für den Vakzine-Pionier die Gelegenheit. Er ließ sich Gewebe aus dem Tumor entnehmen. Ein Kollege vermehrte die Zellen im Labor und schickte sie in ein halbes Dutzend Labore der Welt. Steinman erhielt seine maßgeschneiderte dendritische Vakzine - und trotzte seinem Krebsleiden sehr viel länger, als bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erwarten ist. Ob es ein Erfolg der Vakzine war, lässt sich mit nur einem Patienten nicht sagen. Das ist das Dilemma der personalisierten Medizin. »Wir sind froh, dass man ihm den Preis nicht wieder aberkannt hat«, sagt Schuler. Steinman selbst habe auf den Medizin-Nobelpreis eigentlich nicht mehr gewartet: »Ihm hat es genügt, dass er als künftiger Preisträger gehandelt wurde.«

Aus DIE ZEIT :: 06.10.2011

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