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Medizin als Wissenschaft: Ärztemangel in der klinischen Forschung

Von Simone Fulda

Die Ursachen für einen Ärztemangel in der Hochschulmedizin sind vielfältig und können in den verschiedenen Phasen der medizinischen Aus- und Weiterbildung festgemacht werden.

Medizin als Wissenschaft: Ärztemangel in der klinischen Forschung© Daniel Grill - iStockphoto.comVor allem in der klinischen Forschung gibt es einen hohen Ärztemangel
Im Medizinstudium konzentrieren sich die Ausbildungsinhalte zunehmend auf die praktische ärztliche Tätigkeit, so dass die Medizin als Wissenschaft immer mehr in den Hintergrund tritt. Ein straffer und verschulter Lehrplan erschwert die Integration einer experimentellen Doktorarbeit in das Medizinstudium. Zudem erhöht die stärkere Reglementierung der Studienzeit die Hürde, zugunsten einer qualifizierten experimentellen Dissertation die Regelstudienzeit zu verlängern. Während der Facharztweiterbildung ist es aufgrund der steigenden klinischen Belastung infolge Personalabbaus immer schwieriger geworden, eine wissenschaftliche Ausbildung und Tätigkeit zu integrieren.

Oft fehlen die notwendigen Freiräume für die zeitaufwändige wissenschaftliche Weiterbildung in dieser kritischen Qualifikationsphase. Eine suboptimale Koordination der klinischen und wissenschaftlichen Weiterbildungsperioden führt häufig zu einer zusätzlichen Verlängerung dieser ohnehin langjährigen Qualifikationsphase. Ein weiterer wesentlicher Faktor für das schwindende Interesse an der klinischen Forschung ist der Mangel an attraktiven Langzeitperspektiven. Im Vergleich zur klinischen Medizin gibt es im wissenschaftlichen Sektor trotz der Einführung von Tenure-Track-Programmen weiterhin zu wenig attraktive langfristige Karriereoptionen. Außerdem halten die Gehaltsstrukturen mit den deutlich eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten in der experimentellen im Vergleich zur klinischen Medizin davon ab, eine Karriere in der klinischen Forschung zu verfolgen.

Förderprogramme als "erste Hilfe"

Die Diskussion um den Ärztemangel in der klinischen Forschung hat u.a. dazu geführt, dass eine Reihe von Programmen von verschiedenen Förderorganisationen und den Medizinischen Fakultäten aufgelegt wurden, die auf die Bedürfnisse und Erfordernisse der einzelnen Ausbildungsphasen des medizinischen Nachwuchses im Sinne einer Nachwuchsförderkette abgestimmt sind. Hierzu zählen u.a. personen- und strukturbezogene Fördermaßnahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Deutschen Krebshilfe sowie weiterer Stiftungen für Doktorandenbzw. Ausbildungsstipendien, Rotationsstellen, Nachwuchsgruppen, Forschungsprofessuren und Klinische Forschergruppen. Obwohl diese Instrumente dazu beigetragen haben, die Situation des Nachwuchsmangels in der Hochschulmedizin zu verbessern, sind zusätzliche Maßnahmen zur Lösung des Problems notwendig.

Was muss sich im Medizinstudium ändern?

So ist im Medizinstudium ein größerer Freiraum im Lehrplan erforderlich (z.B. durch die Einführung eines Freisemesters), um Medizinstudenten die Möglichkeit zu eröffnen, individuelle Akzente beispielsweise durch eine anspruchsvolle experimentelle Doktorarbeit zu setzen. Weiter ist ein flächendeckendes Angebot für eine strukturierte wissenschaftliche Ausbildung inklusive kompetenter Betreuung für Medizinstudenten z.B. im Rahmen eines Promotions- oder Graduiertenkollegs notwendig. Eine stärkere Einbindung von wissenschaftlichen Fragestellungen in curriculare Lehrveranstaltungen würde dazu beitragen, bereits im Studium das wissenschaftliche Interesse gezielt zu wecken und zu fördern. In der Qualifikationsphase sind strukturierte Curricula gefragt, die eine straffe klinische Weiterbildung mit Phasen der wissenschaftlichen Tätigkeit verzahnen. Ein modular aufgebautes Ausbildungsprogramm sollte entsprechend der individuellen Lebensplanung in unterschiedlicher Abfolge im In- oder Ausland durchlaufen werden können.

Die Förderung der wissenschaftlichen Selbstständigkeit ist gerade in dieser Qualifikationsphase wichtig, um frühzeitig die Basis für den Aufbau eines eigenständigen wissenschaftlichen Forschungsprogramms zu legen. Um eine unnötige Verlängerung der Weiterbildungsphase zum Facharzt zu vermeiden, sollte bei einer kondensierten Weiterbildung an Universitätskliniken die Forschungszeit zumindest teilweise von den Ärztekammern für den Facharzt anerkannt werden. Um die langfristigen Karriereperspektiven in der klinischen Forschung zu verbessern, sind der Ausbau von Tenure-Track-Optionen und eine ausreichende Anzahl an langfristigen Positionen entweder mit kombinierter wissenschaftlicher und klinischer Tätigkeit oder mit ausschließlich wissenschaftlichem Fokus notwendig. Außerdem bedarf es angesichts der eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten in der experimentellen Medizin einer Anpassung der Gehaltsstrukturen.

Frühzeitige, gezielte Rekrutierung sowie Mentoring

Darüber hinaus sind gezielte Rekrutierungsmaßnahmen gefragt, um Medizinstudenten und Ärzten, die an einer wissenschaftlichen Laufbahn interessiert und dafür qualifiziert sind, frühzeitig für die klinische Forschung zu gewinnen. Da es oft an Informationen darüber mangelt, welche Karrierewege es heutzutage in Wissenschaft und/oder Krankenversorgung in der Hochschulmedizin gibt und wie man sich für diese Laufbahnoptionen am besten qualifizieren kann, können Informationsveranstaltungen zu diesen Themen hier Abhilfe schaffen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen zur Förderung von exzellenten Studenten kann dabei den Zugang zu geeigneten Zielgruppen erleichtern. Weiter ist ein professionell begleitetes, längerfristig angelegtes Mentoring-Programm notwendig, um Nachwuchskräfte in der klinischen Forschung bei der Planung ihrer eigenen wissenschaftlichen Karriere zu beraten, bei der beruflichen Entwicklung Hilfestellung zu geben, Netzwerke und Vorbilder anzubieten und für den Wissenschaftsbetrieb durch die Vermittlung von formellen und informellen Wissensbeständen über Strukturen, Prozesse und Spielregeln zu qualifizieren.

Schnelle Umsetzung notwendig

Es ist unbestritten, dass ein Ärztemangel in der klinischen Forschung existiert. Obwohl die bisher eingeleiteten Programme zur Verbesserung der Situation beigetragen haben, sind zusätzliche Maßnahmen zur Lösung des Problems erforderlich. Da das Defizit an qualifizierten Nachwuchskräften in der klinischen Forschung die wissenschaftliche Exzellenz der Universitätskliniken und Medizinischen Fakultäten bedroht, ist eine schnelle Umsetzung solcher Konzepte gefragt.

Der Begriff klinische Forschung wird, analog zur Denkschrift "Klinische Forschung" der DFG von 1999, als integrierende Bezeichnung für eine grundlagen-, krankheits- und patientenorientierte Forschung verwendet.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012

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