Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Mehr Raum für Wissenschaft - Forschungsförderung in der Medizin

von SUSANNE SCHULTZ-HECTOR und OLIVER BRUTTEL

Erfolgreiche und zielgerichtete Forschungsförderung muss sich immer wieder neu fragen, welche ergänzende, zur öffentlichen Finanzierung komplementär ausgerichtete Förderung tatsächlich am dringendsten gebraucht wird. Ergebnisse einer Befragung von forschungsstarken medizinischen Wissenschaftlern in Deutschland.

Mehr Raum für Wissenschaft - Forschungsförderung in der Medizin© clubfoto - iStockphoto.comDie Perspektiven medizinischer Forschungsförderung im Überblick
Im Auftrag der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS), einer der größten privat finanzierten Stiftungen zur medizinischen Forschungsförderung in Deutschland, hat das Institut für Demoskopie Allensbach insgesamt 741 Wissenschaftler aus der medizinischen Forschung zur Situation und zu den Perspektiven der medizinischen Forschungsförderung in Deutschland befragt. Diese setzen sich etwa zur Hälfte aus Hauptantragstellern und Gutachtern der Else Kröner-Fresenius-Stiftung sowie weiteren - gemessen an ihrer Publikationsleistung - forschungsstarken Wissenschaftlern zusammen, die bisher keinen direkten Kontakt zur EKFS hatten.

Top-Thema Nachwuchsförderung

Der Vergleich der medizinischen Forschungsbedingungen in Deutschland fällt im internationalen Vergleich eher ungünstig aus: 43 Prozent der befragten forschungsstarken Wissenschaftler halten die Bedingungen, unter denen medizinische Forschung hierzulande betrieben werden kann, für schlechter als im Ausland, nur 24 Prozent für besser. 31 Prozent sehen Deutschland im Vergleich zu anderen führenden Forschungsnationen als ähnlich gut aufgestellt.

Die Schwierigkeiten, besonders gute Nachwuchswissenschaftler für die Forschung zu gewinnen, werden von den Wissenschaftlern dabei als größter Standortnachteil in Deutschland gesehen. 64 Prozent sind der Meinung, dass die Bedingungen hierfür in Deutschland schlechter sind als in anderen Ländern.

Mehr Raum für Wissenschaft - Ergebnisse einer Umfrage zur Forschungsförderung in der Medizin © IfD-Allensbach / Forschung & Lehre Schaubild 1. Wie können junge Mediziner für die Forschung gewonnen werden?
Aus Sicht der Wissenschaftler gibt es gleichzeitig aber eine Vielzahl von Maßnahmen, mit denen junge Mediziner künftig besser für eine Wissenschaftskarriere gewonnen werden können. Ganz oben steht dabei die Möglichkeit der vorübergehenden Freistellung von der Krankenversorgung, um sich voll und ganz der Forschung zu widmen. 86 Prozent sehen das als wichtigen Hebel an. Es folgen: ein gutes Mentoring während und nach der Doktorandenphase mit 78 Prozent, die frühe Heranführung von angehenden Medizinern an die Forschung (74 Prozent) und mehr Forschungsfreiräume für junge Ärzte parallel zur Krankenversorgung mit 72 Prozent. Im Vergleich zu anderen Maßnahmen als vergleichsweise nachrangig wird die Verbesserung der Karrieremöglichkeiten in Form von mehr Professorenstellen, mehr Festanstellungen junger Mediziner an Universitätskliniken oder eine insgesamt bessere Bezahlung angesehen (Schaubild 1).

Im Rahmen der Studie wurden auch speziell Stipendiaten der EKFS-Forschungs- und Promotionskollegs befragt, deren Talent und Interesse an der Forschung aufgrund ihrer erfolgreichen Bewerbung für diese Programme vorausgesetzt werden kann, die aber gleichwohl natürlich einen anderen Blickwinkel auf die Nachwuchsförderung haben. Die Stipendiaten nennen im Vergleich zu den erfahreneren Wissenschaftlern insgesamt mehr Maßnahmen, die ihnen besonders wichtig und geeignet für die Vereinbarkeit von Forschung und Klinik erscheinen. Dabei setzen sie teilweise ähnliche Prioritäten. So sind die Möglichkeiten zur vorübergehenden Freistellung vom Klinikbetrieb für Forschungszwecke und ein gutes Mentoring auch aus Sicht der Stipendiaten die beiden wichtigsten Maßnahmen. An dritter Stelle folgt dann allerdings die strukturierte Doktorandenausbildung, was den eigenen Erfahrungen geschuldet sein dürfte. Die Stipendiaten halten auch eine bessere Bezahlung und die Ausweitung von Festanstellungen für junge Mediziner an Universitätskliniken für wichtige Hebel, um diese verstärkt für die Forschung zu gewinnen - allerdings folgen diese Punkte erst mit deutlichem Abstand im Vergleich zu den vorgenannten Maßnahmen.

Mehr Raum für Wissenschaft - Ergebnisse einer Umfrage zur Forschungsförderung in der Medizin © IfD-Allensbach / Forschung & Lehre Schaubild 2. Beruflicher Schwerpunkt: Realität und Präferenz

Idealfall: Clinician Scientist

Die Schwierigkeit, Patientenversorgung und Forschung miteinander in Ausgleich zu bringen, ist aber nicht nur für angehende Wissenschaftler eine Herausforderung. Auch für "gestandene" Wissenschaftler, die bereits eine Forscherkarriere beschritten haben und Forschungsanträge bei der Else Kröner-Fresenius-Stiftung gestellt haben, ist dies häufig ein Spagat. Die Medizin ist das einzige akademische Fach, dessen Universitätsprofessoren und Dozenten sich nicht nur teilweise, sondern meist überwiegend der praktischen Berufsausübung widmen und Forschung und Lehre zumindest zeitlich gesehen nur nachrangig parallel ausüben. So ist auch am Universitätsklinikum der Arzt, der gleichzeitig zur Krankenversorgung und über die Pflichtanforderungen an die akademische Laufbahn hinaus aktiv forscht, keineswegs die Regel. Um aber die Verbindung zwischen den drängenden Fragestellungen aus der Medizin und den experimentellen Möglichkeiten im Labor zu schaffen, um das klinische Potenzial von experimentellen Ergebnissen erkennen zu können, spielt der auf hohem Niveau zweigleisige "clinician scientist" eine entscheidende Rolle für die Medizin der Zukunft.

Diejenigen forschenden Ärzte, die ganz überwiegend ärztlich tätig sind und nur am Rande oder außerhalb der Dienstzeit die Möglichkeit haben zu forschen, wünschten sich mehrheitlich ein solches Arbeitsumfeld mit mehr Raum für Wissenschaft, wofür das Modell des "clinician scientist" steht: 46 Prozent der überwiegend als praktizierender Arzt tätigen Wissenschaftler würden lieber als "clinician scientist" mit einem definierten und "geschützten" Zeitanteil für die Forschung arbeiten, 12 Prozent sogar lieber ausschließlich wissenschaftlich. Diejenigen, die tatsächlich entweder rein wissenschaftlich oder bereits als "clinician scientist" arbeiten, sind mit ihrer aktuellen Rolle dagegen ganz überwiegend zufrieden (Schaubild 2).

Mehr Raum für Wissenschaft - Ergebnisse einer Umfrage zur Forschungsförderung in der Medizin © IfD-Allensbach / Forschung & Lehre Schaubild 3. Was ist persönlich wichtig bei der Antragstellung auf Forschungsförderung?

Erfolgreiche Antragstellung

Das Schreiben von (Drittmittel-)Anträgen gehört heute nicht nur für Nachwuchswissenschaftler, sondern natürlich gerade auch für etablierte Wissenschaftler zum Kerngeschäft ihrer Arbeit. Art und Umfang der eingeworbenen Drittmittel ist ein weithin gebräuchliches Maß für den individuellen wissenschaftlichen Erfolg. Antragsverfahren und formale Regularien sind mitunter komplex, der Zeitaufwand für die Einreichung eines Antrags enorm.

Zur Optimierung bestehender Verfahren ist es hilfreich, einmal die Perspektive der (potenziellen) Antragsteller einzunehmen: Was ist forschungsstarken Wissenschaftlern bei ihrer Antragstellung besonders wichtig?

Als wichtigste Voraussetzungen, einen Antrag auf Forschungsförderung bei einer bestimmten Institution einzureichen, nennen sie die guten Chancen auf eine Antragsbewilligung sowie transparente Entscheidungsprozesse: gute Chancen auf eine Antragsbewilligung sind für 79 Prozent besonders wichtig, 17 Prozent ist dieser Punkt auch noch wichtig. Nur für 3 Prozent ist er weniger bzw. gar nicht wichtig.

Ähnliche Werte gelten für die transparenten Entscheidungsprozesse. Eine schnelle Entscheidung über den Antrag ist 62 Prozent sehr wichtig. 54 Prozent der forschungsstarken Wissenschaftler ist die Flexibilität der Förderinstitution, wenn das Projekt von den üblichen Standardvorgaben abweicht, sehr wichtig (Schaubild 3).

Mehr Raum für Wissenschaft - Ergebnisse einer Umfrage zur Forschungsförderung in der Medizin © IfD-Allensbach / Forschung & Lehre Schaubild 4. Prioritäten für die künftige Forschungsförderung

Förderung unkonventioneller Forschungsansätze

Inhaltlich wünschen sich die Wissenschaftler künftig eine stärkere Förderung besonders innovativer, origineller Projekte, die auch unkonventionelle Forschungsansätze verfolgen. Gebeten, drei von zehn zur Abstimmung gestellte Bereiche auszuwählen, sahen 49 Prozent der Wissenschaftler darin eine Priorität.

Möglicherweise spiegelt sich hierin wider, dass die "großen" Fördereinrichtungen entweder thematisch top-down vorgegebene Ausschreibungen vornehmen, per se thematisch fixiert oder in Fachreferate eingeteilt sind, in denen neue, zwischen den gängigen Forschungsrichtungen angesiedelte Forschungsansätze nicht so leicht Platz finden.

Ein Blick auf bahnbrechende Publikationen und mit großen Forschungspreisen ausgezeichnete Entdeckungen zeigt aber schnell, dass Durchbrüche definitionsgemäß immer die Grenzen genau dieser vorgegebenen Systematiken überschreiten müssen und entsprechend relativ schlechtere Finanzierungschancen haben.

41 Prozent der Befragten würden sich außerdem eine stärkere Förderung von Projekten wünschen, die auch ein gewisses Risiko zu scheitern in sich bergen.

Dieses Ergebnis spiegelt die Tatsache, dass positive Ergebnisse sowohl bei der Publikation als auch bei der Beantragung von weiteren Fördermitteln einen begünstigenden Einfluss haben. Negativ-Ergebnisse sind unabhängig von ihrer Bedeutung für die Entwicklung eines Forschungsfeldes ungleich schwerer publizierbar. Dies führt - genauso wie die Tatsache, dass Förderer in aller Regel zugunsten eines absehbaren "Positivergebnisses" entscheiden - zu einer pragmatischen Einengung wissenschaftlicher Aktivität. Gefragt sind überschaubare Projekte sowie Hypothesen mit relativ geringer Reichweite und geringem Risiko.

Jeweils 33 Prozent der Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Nachwuchsförderung wie auch die Grundlagenforschung finanziell stärker unterstützt werden sollten. Im Mittelfeld rangieren interdisziplinäre Projekte, anwendungsorientierte Projekte sowie die Förderung von Langzeitprojekten, die sich jeweils zwischen 26 und 29 Prozent der forschungsstarken Wissenschaftler als künftige Förderprioritäten wünschen. Als eher nachrangig gelten Verbundprojekte und Projekte mit dezidiert internationaler Ausrichtung (Schaubild 4).

Die vollständige Studie kann auf der Website der Else Kröner-Fresenius-Stiftung heruntergeladen werden: www.ekfs.de.


Über die Autoren
PD Dr. med. Susanne Schultz-Hector ist Mitglied des Vorstands der Else Kröner-Fresenius-Stiftung.
Dr. rer. pol. Oliver Bruttel ist Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2014