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Mehr als ein akademischer Grad. Plädoyer für das Diplom in den Ingenieurwissenschaften

VON STEFAN ODENBACH UND HANS GEORG KRAUTHÄUSER

In den vergangenen Jahren sind die Diplomstudiengänge in den Ingenieurwissenschaften an den meisten deutschen Universitäten sukzessive verschwunden. Eine Ausnahme bildet die TU Dresden, die weiterhin am Diplom festhält.

Mehr als ein akademischer Grad. Plädoyer für das Diplom in den Ingenieurwissenschaften© ubahnverleih - Fotolia.comDie TU Dresden hält am Diplom in den Ingenieurwissenschaften fest
Getrieben von einer Interpretation der Bologna Reform, die in vielen Bundesländern die Modularisierung der Studiengänge mit der Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen an den Universitäten gleichgesetzt hat, wurden nicht nur neue Studiengänge dafür eingeführt, sondern gleichzeitig die Diplomstudiengänge abgeschafft. Eine Entwicklung, die in den letzten Jahren zunehmend in die Diskussion und in die Kritik geraten ist. Aber es gibt - wenn auch wenige - Ausnahmen von dieser Veränderung: An der TU Dresden bieten wir in den ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten, im Maschinenwesen, der Elektro- und Informationstechnik, der Informatik, im Bauingenieurwesen und im Wirtschaftsingenieurwesen nach wie vor Diplomstudiengänge an. Selbstverständlich sind diese Studiengänge in den vergangenen Jahren modularisiert und modernisiert worden: Sie sind Bologna-konform und über die im sächsischen Hochschulfreiheitsgesetz verankerte Lissabon Konvention mit anderen modularisierten Studiengängen europaweit kompatibel. Damit stellt sich die Frage: Warum?

Warum halten wir an der TU Dresden am Diplom fest?

Ist es nur das Festhalten an einer gewohnten Bezeichnung für einen Studienabschluss oder steckt mehr hinter der Entscheidung, modularisierte Diplomstudiengänge anzubieten? Schon das Festhalten an dem Markenzeichen der deutschen Ingenieurausbildung, dem Diplom-Ingenieur, wäre eigentlich ein hinreichender Grund. Ein Abschluss, der international hoch anerkannt wird: der "German Diplom Ingenieur", der als Titel nicht einmal übersetzt wird und mit dem unsere Absolventen die Gleichwertigkeitsbescheinigung zum universitären Master international überhaupt nicht benötigen.

Aber natürlich gibt es auch jenseits dieses Markenaspekts harte inhaltliche Gründe für ein Diplomstudium. Dass der universitäre Bachelor-Abschluss in sechs Semestern nicht zu einem berufsqualifizierenden Abschluss führt, war schon vor der Umstellung immer wieder diskutiert und befürchtet worden. Und die Kritik, die in den vergangenen Monaten verstärkt auch aus der Industrie an diesem Abschluss geübt wird, bestätigt diese Befürchtungen.

Woran liegt es, dass die Erwartungen, die manche an die Einführung eines Bachelorstudiums in den Ingenieurwissenschaften an Universitäten geknüpft haben, nämlich schneller berufsqualifizierte Ingenieure zu bekommen, sich nicht erfüllen können? Es ist eine Frage des Anspruchs an die angebotene Ausbildung! Das Ingenieurstudium an Universitäten soll eine detaillierte Vertiefung in bestimmten Spezialbereichen auf Basis einer tiefgehenden Grundlagenausbildung bieten und damit Ingenieure (aus)bilden, die im Berufsleben nicht einfach nur in der Lage sind, bestimmte Aufgaben zu erfüllen, sondern vielmehr gedankliche Grenzen überschreiten, neue Ideen entwickeln und damit Triebkräfte für neue Technologien und Konzepte generieren können. Das erfordert auf der einen Seite ein tiefgehendes Spezialwissen, auf der anderen Seite aber auch eine höchst solide Basis in den Ingenieurwissenschaften, der Mathematik und den Naturwissenschaften. In sechs Semestern ist dies in keinem Studienablaufplan unterzubringen.

Das Resultat ist somit eine abgespeckte Ausbildung, in der auf wesentliche Komponenten verzichtet werden muss, um in den wenigen Studiensemestern zumindest einige wenige Aspekte der Vertiefung bieten zu können. Darunter leidet das Fundament der entsprechenden Ingenieursausbildung. Die erforderliche Spezialisierung kann nur rudimentär begonnen werden und am Ende leidet auch das aufgesetzte Masterstudium, denn es fußt auf einer zu schmalen Grundausbildung. So müssen dann Teile der Grundlagen nachgeholt werden und der logische Ablauf der Ausbildung gerät in Gefahr.

Das ist nicht nur ein Problem für die Frage der Berufsbefähigung, es ist insbesondere auch ein Problem für die Studierenden. Während in den Diplomstudiengängen zuerst ein solides Grundlagenfundament gelegt wird und danach auf dieser Basis in der erforderlichen Tiefe in die Spezialisierung eingestiegen werden kann, erzeugt die artifizielle Umstellung Lücken, die das Verständnis der Vertiefung erschweren und Brüche in der Lerndidaktik unumgänglich machen.

Von daher können wir nun zu der eingangs gestellten Frage zurückkehren: Warum? Warum halten wir an der TU Dresden am Diplom fest? Ganz einfach: Wir wollen unseren Studierenden in den Ingenieurwissenschaften die bestmögliche Ausbildung bieten. Wir wollen ihnen die Gelegenheit eines echten Studiums bieten, das nicht nur schulisches Abarbeiten von Pflichtveranstaltungen bedeutet, sondern Bildung innerhalb des weiten Spektrums der Ingenieurwissenschaften ermöglicht.

Dabei stellt die einzügige Struktur des Diplomstudiums eine Möglichkeit dar, einen berufsqualifizierenden Studienabschluss - den Diplom-Ingenieur - ohne zwischengeschaltete Unterbrechung, wie sie durch Bachelorarbeit, Bewerbung auf ein Masterstudium und die damit verbundenen administrativen Aspekte entsteht, zu erwerben. Das bedeutet effektiv einen Zeitgewinn, der im weiteren Studienablauf für praktische Semester - sei es in der Industrie oder in der Forschung - genutzt werden kann. Die Erfahrung zeigt an dieser Stelle, dass ein erheblicher Teil der Studierenden dieses praktische Semester mit einem Auslandsaufenthalt verbindet, womit gleichzeitig Sprachkenntnisse verbessert und das Arbeiten in internationalen Teams trainiert werden. Für die moderne Arbeitswelt in Forschung und Industrie ein unverzichtbarer Aspekt! Wir können über die Struktur des Studiums damit unseren Studierenden die Chance geben, während der Studienphase ihren Horizont zu erweitern und durch internationale Erfahrung ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Gleichzeitig ermöglicht - wie schon erwähnt - das einzügige Studium eine logische und didaktisch sinnvolle Gruppierung der Stofffülle, die ein Ingenieurstudium umfasst, was wiederum zu einer Verbesserung des Studienerfolgs und damit kürzeren Studienzeiten führt.

Von daher sind wir froh, dass uns der Gesetzgeber - über alle Nivellierungen der Hochschulgesetzgebung hinweg - die Möglichkeit gelassen hat, das Diplom als Königsweg der universitären ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung beizubehalten. Durch die Hinzunahme von besonderen Studiengängen - wie z.B. den Aufbaustudiengängen im Maschinenwesen - ist es in einer vollständig modularisierten Struktur zudem möglich, auch Quereinsteigern aus Bachelorstudiengängen diesen Weg zu eröffnen.

Über die Autoren
Stefan Odenbach ist Professor für Magnetofluiddynamik, Mess- und Automatisierungstechnik an der TU Dresden. Er ist Studiendekan Maschinenbau an der Fakultät Maschinenwesen.
Hans Georg Krauthäuser ist Professor für Theoretische Elektrotechnik und Elektromagnetische Verträglichkeit an der TU Dresden. Er ist Studiendekan an der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2015

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