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VON JAN-MARTIN WIARDA

Studienwillige stürmen die Unis. Eine Herausforderung.

Mehr davon© kallejipp - Photocase.comDie Zahl der Studienanfänger steigt auch 2010 weiter
Die Zahl der Studienanfänger wird möglicherweise noch stärker steigen als erwartet. Eine bislang unveröffentlichte Prognose des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) rechnet bereits für 2013 mit bundesweit bis zu 465.000 Erstsemestern, das wären zehn Prozent beziehungsweise rund 42.000 mehr junge Menschen als im Rekordjahr 2009. Erst danach fiele die Anfängerzahl allmählich ab, würde aber bis 2020 über der Marke von 400.000 liegen. Die Brisanz der neuen Vorhersage wird deutlich, wenn man sie mit der offiziellen Berechnung der Kultusministerkonferenz (KMK) vergleicht: Sie sieht für das Spitzenjahr 2013 nur 425.000 Erstsemester und bis 2020 einen Rückgang auf 375.000 Studienanfänger vor. »Wenn sich die Bildungspolitik auf die KMK-Zahlen verlässt, werden viele Studienanfänger vor verschlossenen Türen stehen«, warnt der FiBS-Geschäftsführer Dieter Dohmen.

Der Bildungsökonom gründet seine erhöhte Prognose auf eine Reihe aktueller Entwicklungen: Zum einen sei das Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen, häufig auch in Teilzeit, stark gewachsen, was den Hochschulen eine ganz neue Studentengruppe - nämlich die der Berufstätigen - erschließt. Zum anderen befindet sich der in Deutschland traditionell relativ kleine Privathochschulsektor derzeit in einer Boomphase: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der dort neu eingeschriebenen Studenten verdoppelt und dürfte weiter rasant steigen - auf allerdings immer noch verhältnismäßig niedrige 30.000. Noch bedeutender dürften zwei psychologische Effekte auf die Immatrikulationsstatistik durchschlagen: Dadurch, dass Bund und Länder im Rahmen des Hochschulpakts I bereits rund 91.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen haben, um die Studentenmassen an den Hochschulen unterzubringen, nimmt die Bereitschaft künftiger Abiturienten, ein Studium zu beginnen, weiter zu - weil sie davon ausgehen, dass auch für sie genügend Studienplätze da sein werden.

»Das größere Angebot schafft größere Nachfrage«, sagt Dohmen. Das Gleiche gelte für eine große Gruppe von Nachholern, die jetzt vermehrt an die Unis strömen, nachdem sie vorher erst einmal keinen Studienplatz gefunden haben. In der Vergangenheit hat das FiBS mit seinen Studienanfängerprognosen in der Regel besser gelegen als andere Institute, auch erste Meldungen von erneuten Rekordzahlen zum in Kürze startenden Wintersemester scheinen Dieter Dohmen zu bestätigen: So berichtet unter anderem die Universität Hamburg von einem erneuten Zuwachs, der vor allem auf den dieses Jahr durchs System geschleusten doppelten Abiturjahrgang zurückgeht. Ein kräftiges Plus zeichnet sich an der größten hessischen Hochschule, der Frankfurter Goethe-Universität ab, und auch die SPD-Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Svenja Schulze erwartet für ihr Bundesland ein erneutes Allzeithoch. Sogar die vom demografischen Wandel besonders betroffenen Ost-Hochschulen nehmen offenbar noch einmal mehr Studenten auf als im Vorjahr: Ihnen gelingt es immer besser, Abiturienten aus den alten Bundesländern zu sich hinüberzulocken.

Auch der im Auftrag der Bundesregierung erstellte Bildungsbericht 2010 hat vor einigen Wochen auf die unerwartet hohen Immatrikulationszahlen hingewiesen. Das Konsortium führender Bildungsforscher geht schon in seinem vorsichtigeren Szenario von 441.000 Erstsemestern im Jahr 2013 aus, 2020 werden 389.000 erwartet. In ihrer Maximalvariante sind die Bildungsbericht-Zahlen mit denen des FiBS dann sogar nahezu identisch. Was allen Prognosen gemeinsam ist: Sie sind Kann-Zahlen, die beschreiben, wie viele junge Leute sich für ein Studium einschreiben würden, wenn genug Plätze da wären.

Und genau das ist der Haken: Der erst vergangenes Jahr zwischen Bund und Ländern verabredete Hochschulpakt II soll zwar 275.000 zusätzliche Studienplätze schaffen - nötig wären aber 450.000, wenn Dohmens Prognose zuträfe. Eine gewaltige Lücke. Noch nicht eingerechnet ist dabei die bereits absehbare Abschaffung der Wehrpflicht, wenn die jungen Männer direkt an die Hochschulen und nicht zuerst in Kasernen und Sozialeinrichtungen wechseln. Die Lücke zwischen Hochschulpakt und Bedarf würde dann nach ersten Schätzungen noch mal um bis zu 65.000 Studienplätze größer werden. Eine Feststellung immerhin stimmt hoffnungsfroh: In dem Maße, wie in den vergangenen Jahren mehr Studenten in die Hörsäle drängten als prognostiziert, waren auch die Hochschulen aktiver als gedacht: Das im Hochschulpakt I verabredete Maß zusätzlicher Studienplätze haben sie deutlich übertroffen. Vielleicht gelingt ihnen diese positive Überraschung ja ein zweites Mal.

Aus DIE ZEIT :: 07.10.2010

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