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VON MARTIN SPIEWAK

Brandenburg suchte händeringend nach Nachwuchsmedizinern - vergeblich. Jetzt haben Ärzte im Land eine eigene Hochschule gegründet.

Mein Doc, dein Doc© Dirk Mahler / MHBIn Neuruppin steht Brandenburgs erste Medizinische Hochschule
Was haben Dieter Nürnberg und seine Kollegen nicht schon alles unternommen, um junge Ärzte nach Brandenburg zu holen! Bundesweit bunte Anzeigen geschaltet, Headhunter beauftragt - für mehrere Zehntausend Euro pro freie Stelle. Sie haben die Ausbildung an ihren Krankenhäusern passgenau auf die Bedürfnisse der Nachwuchsmediziner zugeschnitten und stellen jedem, der sich nur für die Famulatur, das große Praktikum, bewirbt, einen unbefristeten Vertrag in Aussicht. Alles vergeblich. Im vergangenen Jahr haben in ganz Brandenburg weniger als 250 junge Mediziner ihre Facharztausbildung begonnen, viele davon im Speckgürtel um Berlin. »Das reicht nicht, um unseren Ärztebedarf langfristig zu decken«, sagt Nürnberg. Denn der Trend geht weiter unten.

Was hat Lydia Bechert nicht alles unternommen! Das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,6 geschafft und jahrelang als Krankenschwester gearbeitet. Sich mehr als ein halbes Dutzend Mal bundesweit um einen Studienplatz in Deutschland beworben und ihre Unterlagen nach Ungarn und Lettland geschickt. Alles vergeblich. Am Ende hat sich Bechert bei den Zahnmedizinern in Kiel eingeschrieben. »Dabei wollte ich nie Zahnärztin werden«, sagt Bechert, »sondern immer nur Ärztin.«

Dann hörte sie von Neuruppin, einer Kleinstadt, 90 Kilometer von Berlin entfernt. Dort traf sie auf Dieter Nürnberg. Man könnte es Idealismus nennen, der die beiden zusammengeführt hat - oder Mut aus Verzweiflung. Seit April dieses Jahres gehören beide zur Medizinischen Hochschule Brandenburg: Nürnberg als ihr Gründungsdekan der MHB, Bechert als eine der ersten Studierenden. Hier, in einem kleinen, alten Backsteingebäude auf dem Gelände der Ruppiner Kliniken, haben Lydia Bechert und ihre Kommilitonen gerade ihr erstes Semester beendet - misstrauisch beäugt von der etablierten Hochschulmedizin in Deutschland und von der Berliner Charité.

Mein Doc, dein Doc © ZEIT-Grafik Ungleich verteilt - Versorgungsgrad an Hausärzten
Seit eh und je liefert die Universitätsklinik der Hauptstadt den Krankenhäusern und Praxen in Cottbus und Potsdam, Beskow und Belzig einen Großteil ihres Ärztenachwuchses. Denn Brandenburg war bislang das einzige deutsche Flächenland ohne medizinische Fakultät. Das hat den Regionalstolz zwar schon immer etwas gekränkt, funktionierte aber lange Zeit recht gut. Dieter Nürnberg erinnert sich noch an die Zeit, in der er als Chefarzt der Ruppiner Kliniken, wenn er einen neuen Mediziner brauchte, aus einem großen Stapel von Bewerbungen den »besten Kandidaten herausziehen konnte«.

Doch von Jahr zu Jahr schrumpfte die Zahl der Jungmediziner, die von der Hauptstadt in die Provinz wollten. »Je weiter sie sich heute von Berlin entfernen, desto aussichtsloser ist es, eine freie Assistenzarztstelle zu besetzen«, sagt Nürnberg. Mittlerweile hat deutlich mehr als die Hälfte aller Neueinstellungen in Brandenburg einen Universitätsabschluss aus dem Ausland: Die neuen Mediziner kommen aus Polen und Griechenland, Indonesien oder Syrien. Am Ende sahen Nürnberg und seine Kollegen aus 27 verschiedenen Krankenhäusern in Brandenburg nur noch eine Chance: »Wenn keine Absolventen zu uns kommen, müssen wir eben selber welche ausbilden.«

Vergangenen Oktober gründeten die Kliniken die erste private medizinische Hochschule in kommunaler Trägerschaft. Auch die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin und die Stadtwerke Neuruppin sind an der kühnen Konstruktion beteiligt. Als Namenspaten nahm das Konsortium den Landesdichter Theodor Fontane in Beschlag. Der war in seinem ersten Beruf immerhin Apotheker. In der Not darf man nicht wählerisch sein. Nur das Land Brandenburg trägt außer dem Stempel der staatlichen Anerkennung nichts zu dem Start-up bei, vor allem kein öffentliches Geld.

Mein Doc, dein Doc © ZEIT-Grafik Wo es Mediziner hinzieht
Das Risikokapital müssen erst einmal die Studenten mitbringen. 115.000 Euro kosten die zwölf Semester an der MHB. Von der Summe werden jedoch 80.000 Euro erlassen, wenn der Absolvent nach dem Studium bereit ist, seine Facharztausbildung an einem Brandenburger Krankenhaus zu absolvieren. Der Deal soll einen »Klebeeffekt« bewirken: Wer in Brandenburg studiert und sich zum Spezialisten ausbilden lässt, hat elf Jahre im Land verbracht und hier - so die Hoffnung - so tiefe Wurzeln geschlagen, dass er nicht mehr wegwill, sondern sich eine Praxis- oder Klinikstelle in der Uckermark oder im Spreewald sucht.

Immerhin 600 Bewerber aus ganz Deutschland wollten sich auf das Experiment einlassen. Nach einem aufwendigen Verfahren mit Tests und Gesprächen blieben 48 Auserwählte übrig. Die meisten von ihnen hatten sich wie Lydia Bechert zuvor vergeblich um einen regulären Studienplatz beworben. Aber es sei nicht allein die NC-Freiheit, die viele nach Neuruppin gelockt habe, berichtet die 28-Jährige, sondern auch die Orientierung am Patienten. Gerade haben sich die Studenten gegenseitig Blut abgenommen, in der Armbeuge der jungen Frau klebt noch ein Pflaster.

Tatsächlich folgt das Curriculum an der MHB dem Beispiel der medizinischen Reformstudiengänge in Deutschland, die der Wissenschaftsrat kürzlich als vorbildlich evaluiert hat. Das erste Mal wurde das Modell vor dreißig Jahren an der ebenfalls privaten Hochschule Witten/Herdecke praktiziert. Dessen Gründungspräsident Konrad Schily hat die MHB beraten und besitzt in Neuruppin noch ein Büro. Auch in Neuruppin sind Theorie und Praxis, Vorklinik und Klinik von Beginn an miteinander verzahnt.

Statt in großen Überblicksvorlesungen Anatomie, Physiologie oder Chemie zu pauken, erarbeiten sich die Studierenden an der MHB den Stoff anhand eines konkreten Krankheitsfalls. Vom zweiten Semester an assistieren Bechert und ihre Kommilitonen zudem alle zwei Wochen einen Tag lang einem Landarzt in dessen Praxis. Auch das soll die Bindung der Studierenden an die Region früh stärken und ihnen den Reiz der Allgemeinmedizin nahebringen. Den Studierenden gefällt es. Die meisten von ihnen haben ähnlich wie Lydia Bechert schon einmal als Rettungsassistent, Physiotherapeut oder Krankenpfleger gearbeitet und brennen - anders als so mancher Einserabiturient - darauf, ihr Wissen an den Patienten zu bringen.

Medizin ist einerseits ein Handwerk, andererseits eine Wissenschaft, die nun einmal auf Forschung beruht. Und da steht die MHB bislang ziemlich nackt da. Nürnberg und seine Ärztekollegen an der MHB dürfen sich zwar Professor nennen. Die wissenschaftlichen Meriten der meisten liegen jedoch eher in der Vergangenheit. Die Liste der jüngeren wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Fakultätsmitglieder ist übersichtlich. Als sich die MHB im vergangenen Jahr dem Wissenschaftsrat, dessen Bewertungen als Gütesiegel gelten, in Köln vorstellte, fiel das Konzept der Hochschule mit Pauken und Trompeten durch. »Nicht forschungsbasiert« sei die Ausbildung, so der Tenor. Auch der Riese Charité macht Druck auf den Zwerg in der Nachbarschaft: Wenn die größten Kliniken Brandenburgs in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) mit der MHB kooperierten, würden sie ihren Status als Lehrkrankenhaus der Charité verlieren.

Neben Statusdenken vereint die etablierten Universitätsprofessoren die Angst vor einer Zweiklassenausbildung. Die MHB ist nicht die einzige private Medizinhochschule. Auch in Kassel, Nürnberg, Hamburg locken nicht staatliche Anbieter NC-Flüchtlinge mit einem Angebot. Anders als die MHB kooperieren sie jedoch meist mit einer privaten Hochschule im Ausland. »Die Versuche, Ärzte weitgehend jenseits von Wissenschaft und Forschung zu unterrichten, sind hoch problematisch«, warnte der Vorsitzende des Medizinausschusses des Wissenschaftsrates, Hans-Jochen Heintze. Er befürchtet, dass die Lehre für die Studierenden nicht auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand sein wird. »Einige von uns waren bislang eher Hobbyforscher, wenn auch mit beachtlichen Ergebnissen«, sagt Dekan Nürnberg mit großer Offenheit, zu dessen primären Aufgaben als Chefarzt Forschung bislang nicht gehörte. In Zukunft soll sich das jedoch ändern. Die neu zu berufenden Professoren sollen sich durch ihre Forschungsstärke profilieren, und zwar möglichst auf dem Feld der Altersmedizin oder der sogenannten Versorgungsforschung.

Letztere untersucht unter anderem, wie auch in demografisch ausgezehrten Regionen eine gute medizinische Betreuung möglich ist. Der erste neu berufene Professor jedenfalls, ein Mikrobiologe aus Göttingen, hat schon diverse Forschungsprojekte samt einer stattlichen Summe an Drittmitteln mitgebracht. Zudem setzt man auf die umliegenden staatlichen Universitäten in Frankfurt, Potsdam oder Cottbus, mit denen man sich in Fächern wie Sportmedizin oder Gesundheitswissenschaften zu einem virtuellen Forschungscampus zusammenschließen will. Ob das reicht, wird sich bis 2019 erweisen. Dann will man sich dem Wissenschaftsrat erneut präsentieren. Bis dahin wird - wenn alles gut läuft - der erste Jahrgang die Hochschule verlassen haben. Über ihre Berufsaussichten macht sich Lydia Bechert keine Sorgen. Sie ist sich sicher, dass sie eine Stelle finden wird, ob nun in Brandenburg oder anderswo in Deutschland. Auch wenn die meisten Klinikchefs oder kassenärztlichen Vereinigungen von einer Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane noch nie gehört hätten, gibt Bechert eine Gewissheit Selbstvertrauen: »An Ärzten mangelt es doch fast überall im Land.«

Aus DIE ZEIT :: 06.08.2015

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