Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Menschwerdung durch Sprache - über Barbarei, Sprachkultur und die Gegenworte der Dichter


Von Wolfgang Frühwald

Das Wunder der Sprache hat schon seit jeher Dichter, Denker und Forscher fasziniert. Gegenwärtig erwartet man besonders von der Hirnforschung und der Evolutionsbiologie Aufschlüsse darüber, wie Sprache entstanden ist und wie sie "funktioniert". Doch gerade Dichtung und Geschichte haben dazu Wegweisendes zu sagen.

Menschwerdung durch Sprache© Torsten Lorenz - iStockphoto.comSprache bedeutet Verantwortung, denn "aus dem Wort entsteht Welt"
Dass die Pflege der Sprachkultur weit mehr ist als die Vermittlung von Kenntnissen einer Verkehrssprache, weil Sprache und ihre Kultur zur conditio humana gehören, versuche ich in wenigen Überlegungen zu Neurologie, Urgeschichte und Geschichte des Sprechens zu belegen.

Neurologie

Die Navigationsgeräte unserer Autos haben eine Stimme; eine männliche oder eine weibliche. Sie ist angenehm anzuhören, durchaus sympathisch, aber verliebt hat sich in diese Stimmen vermutlich noch niemand. Zu eintönig ist die immer gleiche Melodie. Zu hören ist eine Computerstimme, kein Mensch aus Fleisch und Blut: "Jetzt bitte, links abbiegen!" Das bedeutet, dass Sprache - als "parole" (als Sprechen), nicht als "langue" (als Sprachsystem) - mehr braucht als einen gewissen Vorrat an Worten und einen Satz von Regeln, um sie anzuordnen, nämlich Mimik, Gestik, Körperhaltung und Sprachmelodie. Erst wenn dies alles zusammentrifft, geschieht Kommunikation und Verbindung des Menschen mit dem Menschen. Johannes Dichgans (auf den ich mich nachfolgend für die neurologischen Aspekte des Sprechens mehrfach beziehe) weist auf glaubhafte Schätzungen hin, wonach bei einem Gespräch nur "sieben Prozent der Informationen über die Gefühle eines Gegenübers durch die Semantik der Sprache [also über Inhalt und Bedeutung] transportiert werden, dagegen 38 Prozent über die Sprachmelodie und 55 Prozent über Mimik und Gestik".

Wer demnach seine Gesprächspartner wirklich kennenlernen möchte, sollte ihnen in die Augen oder noch besser auf die Hände schauen und sich nicht mit e-mail-Nachrichten oder SMS-Botschaften begnügen. Die Sprache ist in der linken Gehirnhälfte des Menschen lokalisiert, dort, wo bewusste und rationale Prozesse ablaufen. Mimik und Gestik sind dagegen hauptsächlich in der rechten Hemisphäre angesiedelt, dort, wo die emotionalaffektive Kommunikation repräsentiert ist. Dabei gibt es (wie bei Johannes Dichgans zu lesen ist) auch eine linguistische (links angesiedelte) Sprachmelodie, die uns Wort- und Satzakzente unterscheiden lässt, also etwa den Unterschied von umfahren oder umfahren, und eine affektive (rechts zu lokalisierende) Prosodie, die Gemütszustände, wie Trauer, Freude, Übermut, auch Selbstbewusstsein oder Selbstzweifel, ausdrückt. Da uns Menschen vor allem die rechte (emotionale) Hirnhemisphäre mit der Welt und dem Lebendigen in ihr verbindet, die linke (rationale) Hälfte uns von anderem Leben unterscheidet, sind die verbindenden Elemente des Zusammenlebens dominant im Bereich des nichtsprachlichen Verhaltens angesiedelt, die geringen sprachlich-bewussten Anteile aber umso wichtiger. Dabei gibt es eine Information, die nicht nur gehört und gesehen werden kann, sondern die gespürt wird und oftmals ist sie - weil von frühester Kindheit an erfahren - wichtiger und eindrücklicher als die sprachliche Information.

Wir Menschen kennen wie die Tiere Affektlaute, das heißt wenig artikulierte Laute der Freude, der Trauer, des Zorns und der Zuneigung, aber diese Laute sind ein von der spezifisch menschlichen Sprache zu trennender Bereich. Tierlaute, auch wenn sie uns (etwa bei Haustieren, mit denen wir lange zusammenleben) noch so vertraut erscheinen, sind keine Vorläufer von menschlicher Sprache. Sie entsprechen menschlichen Affektlauten (oder besser: menschliche Affektlaute entsprechen denen des Tieres). So ist auch die Mimik etwa der großen Menschenaffen dem Mienenspiel des Menschen erstaunlich ähnlich. Wir blicken fasziniert in die Gesichter dieser Tiere wie in einen Spiegel. Aber nicht weil sie Bewusstsein hätten, sondern weil wir von gemeinsamen Vorfahren vor Millionen von Jahren eine gemeinsame Mimik geerbt haben.

Dort, wo menschliches Sprechen einsetzt, wo nicht nur Affektlaute erscheinen, kann Mimik und Gestik auch sehr bewusst (also linksseitig) verwendet werden. Und jeder Schauspieler, jede Schauspielerin weiß ein Lied davon zu singen, was es bedeutet, gegen die eigene Mimik und Gestik die einer anderen Person einzuüben. Aus der Beobachtung blinder Menschen wurde geschlossen, dass es im Gestenrepertoire des Menschen nur geringe sprach- und kulturgebundene Anteile gibt. Solche Gesten sind meist ritueller Natur, zum Beispiel unterschiedliche Grußformen, die Fixierung unterschiedlicher Schamzonen oder kulturell differierende Sympathiebezeugungen.

Der Großteil seines Gestenrepertoires aber ist dem Menschen angeboren. Johannes Dichgans sagt, es sei "transkulturell identisch, nicht erlernt und daher auch bei Blinden vorhanden". Die Gestensprache der Taubstummen wurde aus der stammesgeschichtlichen und der funktionellen Nähe von Gestik und Sprache entwickelt, wobei interessant ist, dass taubstumme Menschen für ihre systematisch erlernte und geübte Gestensprache eine Dominanz in der linken Gehirnhälfte entwickeln.


Vorgeschichte

Diese wenigen Schlaglichter auf neurobiologische Aspekte der menschlichen Kommunikation sollten darauf verweisen, dass die aristotelische Formel vom Menschen als dem "Sprachtier" evolutionstheoretisch und evolutionsgeschichtlich einige Plausibilität hat. Wir wissen nur ungefähr, "wann im Hominidenstamm das Leben menschlich wurde" (K. J. Narr), aber die Sprache ist dafür ein guter Indikator. Sie hat zur Menschwerdung des Menschen entschieden beigetragen. "Die Etablierung des menschlichen Bewusstseins ausfindig zu machen", sagt George Steiner in der "Grammatik der Schöpfung" (2001), "heißt die Geburt der Sprache zu erkunden." Ohne ein Du nämlich wird das Ich sich seiner selbst nicht bewusst.

Subjektivität und damit ein Bewusstsein von uns selbst, so ist in einem Aufsatz von Simone Schütz-Bosbach zu lesen, entstehe durch "soziale Spiegel". Wir erleben uns "Nicht (nur) als Selbst durch uns selbst, sondern (auch) durch die Erfahrung mit anderen, im Sinne einer körperlichen Resonanz. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass wir offenbar beobachtete Handlungen anderer unter Rückgriff auf unser motorisches System und unsere motorischen Fähigkeiten mental simulieren". Auf die Frage, ob das Selbstbewusstsein (im Sinne von Bewusstsein meiner selbst) demnach stärker "ein Konstrukt subjektiver oder inter-subjektiver Erfahrung" ist, gibt es noch keine schlüssige Antwort; vermutlich sind beide Erfahrungen notwendig daran beteiligt. Jedenfalls geschieht diese Konstruktion teilweise durch Sprache, nicht vor allem durch Sprache und sprachlich geformtes Denken, aber doch auch durch Sprache.

Wir erschließen uns die Welt durch Wort und Sprache, doch wir bemächtigen uns ihrer dabei distanziert und "dezent" oder besser: wir schaffen Welt durch Sprache, weil das Zeichen und das Bezeichnete nie in eins fallen. Dort also, wo Sprache reduziert wird auf Affektlaute, Befehle und Flüche, aber auch dort, wo sie im Schwall des Geschwätzes erstickt, entschwindet das Humanum, in archaischen Zeiten ebenso wie in der Moderne. Die sprachkritischen Dichter der Moderne haben dies früh erkannt. Das berühmte Wort des österreichischen Satirikers Karl Kraus (1933), dass die nationalsozialistische Diktatur alles beherrsche "außer der Sprache", wurzelt in diesem Wissen. Als das Urbild der Kritik politischer Phraseologie gilt dabei Georg Büchners Drama "Dantons Tod" (1835), in dem es heißt: "Geht einmal euern Phrasen nach, bis zu dem Punkte, wo sie verkörpert werden. Blickt um euch, das Alles habt ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte."

Nicht zufällig beziehen sich die Sprachskeptiker des 20. Jahrhunderts häufig auf dieses klassisch gewordene Wort des jung gestorbenen Dramatikers. Der Schweizer Romancier und Dramatiker Max Frisch hat sogar versucht, in den stumm ihren Mörderdienst verrichtenden und schwarz uniformierten Figuren seines Dramas "Andorra" (1961) den Phrasen eine Bühnengestalt zu geben. Diese "Schwarzen", die das angeblich so friedliebende Nachbarvolk überfallen, sind nichts anderes als die Konfiguration andorranischer Sprachfloskeln, die Verkörperung des tödlichen ethnischen Vorurteils, das die Andorraner pflegen und das sie durch Toleranz-Heuchelei zu kaschieren suchen. Sie zwingen Andri, der kein Jude ist, den aber alle für einen Juden halten, mit den leeren Worthülsen ihres Verstehens und ihres angeblichen Mitgefühls in die Rolle des Außenseiters, des Verfolgten, des Opfers.

Sprache also hat es immer mit Verantwortung zu tun, sie ist (auch bei stimmenlosen Menschen) vom Sein des Menschen nicht zu trennen. Der Mensch hat Verantwortung für das, was er benennt und wie er es benennt, er trägt Verantwortung auch dafür, was sein Sprechen bewirkt, was es versteckt oder enthüllt. Denn aus dem Wort entsteht Welt (zumindest die Welt des Menschen) und der Zustand der Sprache ist der Zustand des Menschen. Das gilt für die Menschheit als ganze, das gilt für ihre in Sprache und Kultur unterschiedenen Völker und Gesellschaften, das gilt für alle sozialen Schichten einer Gesellschaft und für alle Individuen.

Wir wissen nicht, wann menschliche Sprache entstanden ist. Die Schätzungen für das Alter sprachlicher Verständigungsweisen des Menschen differieren zwischen zwei Millionen und 50 000 Jahren, doch ob der Neandertaler vor etwa 160 000 Jahren, der mit dem homo sapiens sapiens verwandt war, ohne zu seinen unmittelbaren Vorfahren zu gehören, nicht doch sprechen konnte, ist inzwischen umstritten, nachdem man lange angenommen hatte, er habe über keine Möglichkeit zur sprachlichen Verständigung verfügt. Sollte er allerdings nicht nur seine Toten bestattet, sondern auch Schminkmittel verwendet, also einen Sinn für das Schöne entwickelt haben, stünde er dem homo sapiens näher als bisher vermutet wurde. Seine Spur jedenfalls verliert sich vor rund 30 000 Jahren. Vermutlich ist die Entstehung der Sprache beim homo sapiens sapiens (der Evolutionsbiologe Ernst Mayr spricht von "echter Sprache") noch in die Lebenszeit des Neandertalers zu datieren. Vielleicht ist sogar die Entwicklung einer kommunikativen und informationsfähigen Sprache der entscheidende Evolutionsvorteil des homo sapiens sapiens gewesen?

Das Dunkel der Urgeschichte und damit auch das der Entstehung differenzierter Sprachen ist wegen der wenigen Skelettfunde, auf die wir dabei angewiesen sind, besetzt mit Theorien und Spekulationen statt mit wissenschaftlichen Ergebnissen. Zu bedenken ist, dass die Hälfte aller Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, innerhalb der letzten zwei Jahrtausende lebten, und es an ein Wunder grenzt, dass die kleine Schar von vielleicht 2 600 Menschen, in der wir vor rund 160 000 Jahren die Anfänge des modernen Menschen zu fassen meinen (homo sapiens idaltu), Krankheiten, Feinde, Klima, Naturkatastrophen überlebt und sich über die ganze Erde hin ausgebreitet hat. Vielleicht gab es sogar eine gemeinsame menschliche Ursprache, aus der alle anderen Sprachen entstanden sind. Anthropologen und Ethnolinguisten jedenfalls beginnen wieder, an die "Sprache Adams" zu glauben.


Geschichte

Wer das Dunkel der Spekulation und der Geschichtslegenden verlässt und sich auf festeren Grund begibt, ist auf das Jungpaläolithikum verwiesen, das heißt auf die jüngere Altsteinzeit, in Europa beginnend vor etwa 35 000 bis 40 000 Jahren und endend mit dem Pleistozän, das heißt vor rund 10 000 Jahren. Dort kann (nach Karl Josef Narr) vermutlich der Anfang von menschlicher Sprachlichkeit erfasst werden, weil ohne Sprache die Errungenschaften des Jungpaläolithikums, Werkzeuge, Höhlenmalerei, die Überwindung erheblicher Blindstrecken auf dem Meer, Großwildjagd mit entsprechenden Fernwaffen etc., nicht zu denken sind. Seit diesem Erdzeitalter begegnen wir einer kulturellen Entwicklungsbeschleunigung, die nicht mehr von körperlicher Evolution begleitet wird, das heißt von Skelettänderungen weitestgehend unabhängig ist.

Wir haben demnach den kulturellen Wandel und seine Beschleunigung von der langsamer voranschreitenden, ihn unterlagernden biologischen Evolution zu unterscheiden. Durch die in jüngerer Zeit zahlreicher werdenden Gräberfunde sind Bestattungen und Bestattungsriten bezeugt. Sie verweisen darauf, dass die Reflexion des Sterbens und der Sterblichkeit zu den stammesgeschichtlichen (phylogenetischen) Kennzeichen des Menschen gehört. Aus ihr entstand der Sinn für das Schöne, weil die mächtig anschwellende Klage, welche die der Sprache nun mächtige Menschheit über Vergänglichkeit und Tod anstimmt, dessen Ursprung ist.

Schön ist das Schöne nur, indem es vergeht. "Nänie" (das heißt Trauergesang) hat Friedrich Schiller ein dafür beispielhaftes Gedicht überschrieben, in dem die Meeresgöttin den Tod ihres Sohnes Achill in der Schlacht um Troja beklagt:
"Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter, Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt. Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus, Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt. Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich, Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab."

Reiner Kunze hat auf das gleiche Thema des Menschseins durch die Klage um den Verlust des Schönen nur zwei kurze Sätze, vier haikuartige Zeilen verwendet:
"Wesen bis du unter wesen Nur daß du hängst am schönen und weißt, du mußt davon".

Die Auseinandersetzung, die Karl Kraus mit dem Nationalsozialismus, in der "Dritte Walpurgisnacht" überschriebenen Polemik führte, ist demnach nicht zufällig um den Gegensatz zwischen dem vorsprachlichen und dem sprachlichen Zustand des Menschen konzentriert. Kraus hat die Nationalsozialisten als Troglodyten bezeichnet, das heißt als steinzeitliche Höhlenbewohner. Sie hätten jene Höhle bezogen, als welche die Flut des Geschwätzes die Phantasie des Menschen hinterlassen hat. Das ist eine psychoanalytische Auslegung dessen, was die Anhänger des Nationalsozialismus an ihrer Ideologie, die nichts ist als ein bloßes Konglome rat fremder Ideen, faszinierte: der Abschied vom metaphorisch-bildhaften Sprechen, anders ausgedrückt: der "Aufbruch der Phrase zur Tat", das heißt die bloße Betätigung von Gewalt.

"Wenn diese Politiker der Gewalt [heißt es bei Kraus, 1933] noch davon sprechen, dass dem Gegner 'das Messer an die Kehle zu setzen', 'der Mund zu stopfen' sei, oder 'die Faust zu zeigen'; wenn sie überall 'mit harter Faust durchgreifen' wollen oder mit 'Aktionen auf eigene Faust' drohen: so bleibt nur erstaunlich, dass sie noch Redensarten gebrauchen, die sie nicht mehr machen."

In den uns bekannten Hochkulturen der Menschheit gibt es keine sprachempfindlichere Kultur als die jüdische. In ihrem Glauben entsteht die Welt aus Gottes Wort, und dieses Wort (damit auch die Welt) auszulegen, ist die vornehmste Aufgabe des Menschen. So richtet sich der obsessive Antisemitismus Hitlers und seiner Gefolgsleute auch gegen die Sprache und ihre humanisierende Wirkung, nicht nur gegen die deutsche Sprache, sondern gegen Sprachlichkeit an sich. In nur zwölf kurzen Jahren hat der Nationalsozialismus dabei den folgenreichsten Umsturz in der deutschen Sprache herbeigeführt, indem er versuchte, den (seit Moses Mendelssohn ohne Zweifel großen) Einfluss jüdischer Geistigkeit auf das Deutsche zu tilgen.

Nun trennte sich die "deutsche Sprache von der Sprache der Deutschen" und elektrisch beleuchtete Barbaren (wie Karl Kraus die nationalsozialistische Verbindung von modernster Technik und archaischer Gewalttat beschrieb) haben den in Jahrhunderten zum Bild geronnenen Inhalt von Redensarten in die Tat umgesetzt. Diese Barbaren haben die Verwandlung von Gewalt in sprachliche Bilder nicht mehr gestattet. Über den Umsturz in der deutschen Sprache war Theodor W. Adorno so entsetzt, dass er das berühmte Wort geprägt hat, nach Auschwitz lasse sich "kein Gedicht mehr [...] schreiben".

Er hat dies zwar - Reiner Kunze weist darauf hin - 1966 widerrufen, weil "das perennierende Leiden so viel Recht auf Ausdruck [habe] wie der Gemarterte zu brüllen", doch wurde der Streit um die radikale Veränderung von Sprache und Schönheit damit nicht beendet. Von diesem Umsturz wurde der vielsprachige, aber in seinem Werk auf das Deutsche hin orientierte Lyriker Paul Celan so erschüttert, dass er an der kommunikativen Fähigkeit von Sprache überhaupt zu zweifeln begann und für sich das "Gegenwort" in Anspruch nahm, das am Rande des Schweigens und der Unverständlichkeit angesiedelt ist. Dieser Umsturz ließ die Satire des Karl Kraus verstummen. Dieser Umsturz hat den (ebenfalls) aus jüdischer Tradition schreibenden George Steiner zu der Behauptung verleitet, "dass das klassische und judaische Ideal des Menschen als 'Sprachtier', als Wesen, das in einzigartiger Weise durch die Würde der Rede definiert ist [...], in der Anti-Sprache der Todeslager sein Ende gefunden" habe.


Steiner, der den homo sapiens in seiner geschichtlichen Erscheinung als den homo quaerens definiert, den unentwegt fragenden Menschen, zu dessen Menschsein die quälende Frage nach dem "Warum" unverwechselbar gehört, meint näherungsweise den Punkt bestimmen zu können, "von dem es keine Rückkehr" mehr zu diesem Ideal geben kann. "Ein Häftling, der vor Durst umkam", erzählt er, "sah zu, wie sein Peiniger langsam ein Glas frisches Wasser auf den Fußboden goss. 'Warum tun Sie das?' Der Schlächter antwortete: 'Hier gibt es kein Warum.' Und das bezeichnet, mit einer Knappheit und Durchsichtigkeit aus der Hölle, die Scheidung von Menschlichkeit und Sprache, von Vernunft und Syntax, von Dialog und Hoffnung."

Das "Gegenwort", das Paul Celan 1960, das heißt 40 Jahre vor Steiners apokalyptischer Sprachvision, zu entwerfen suchte, ist das alte und immer neue Wort des Dichters. Ihm gelingt es sogar, die politische Parole von innen her so zu verändern, dass sie sich in das Bekenntnis todesmutiger Liebe verwandelt. Paul Celan verwendet als Beleg dafür das letzte Wort der Lucile aus "Dantons Tod". Lucile sitzt auf den Stufen des Blutgerüsts, auf dem soeben die Revolutionäre der ersten Stunde, und mit ihnen ihr Geliebter, enthauptet worden sind:
"Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter deinen Rosen erstickt hast. / Du Totenglocke, die du ihn mit deiner süßen Zunge zu Grabe sangst. / Sie singt. Viel hunderttausend ungezählt, / was nur unter die Sichel fällt. / Eine Patrouille tritt auf. / EIN BÜRGER. He werda? / LUCILE. Es lebe der König! / BÜRGER. Im Namen der Republik. Sie wird von der Wache umringt und weggeführt."

Es bedarf nur weniger Worte, um diese Szene auszulegen. Lucile verwendet die von der Revolution längst blutig zerstörte Parole "Es lebe der König!", um dem Geliebten in den Tod zu folgen. Die politische Phrase wird im Angesicht der Guillotine, in diesem einen Augenblick, jetzt, in Lucile's Mund zum schmerzhaft-absurden Ruf der Liebe. Das ist es, was Paul Celan mit dem Begriff des "Gegenwortes" gemeint hat, mit dem Sturz in das Absurde: die ganz und gar unerwartete Verwandlung der politischen Phrase in Poesie. In diesem Ruf der Lucile, sagt Paul Celan, werde "keiner Monarchie und keinem zu konservierenden Gestern gehuldigt. / Gehuldigt wird hier der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden". Für den Umsturz, der hier geschieht, verwendet Celan keine Floskeln. "Dichtung [sagt er]: das kann eine Atemwende bedeuten. Wer weiß, vielleicht legt die Dichtung den Weg - auch den Weg der Kunst - um einer solchen Atemwende willen zurück?"

So setzt er in die Mitte seiner Rede zur Entgegennahme des Büchnerpreises das Adorno (und Steiner) ausdrücklich widerstreitende Bekenntnis: "[...] die Kunst lebt fort." Ob Paul Celan mit seinem Tod, den er 1970 freiwillig in der Seine gesucht und gefunden hat, dieses Wort widerrufen wollte, ob er sich zuletzt doch der Position Adornos und der Vision Steiners angenähert hat, wage ich nicht zu entscheiden. Aber dass es immer noch (nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach den Vergewaltigungslagern in Bosnien und all den Greueln der afrikanischen Bürgerkriege) Hoffnung gibt, trotz allem Hoffnung auf die humanisierende Wirkung von Sprache, verdanken wir Dichtern wie ihm. Als der sozialistische Publizist Carl von Ossietzky, Friedensnobelpreisträger des Jahres 1935, einmal gefragt wurde, welche Strafe er sich für seine nationalsozialistischen Peiniger ersinnen könnte, soll er geantwortet haben: "Deutsch müssten sie lernen!"

Gekürzte Fassung eines Beitrages aus dem im April 2010 im Verlag Berlin University Press erschienen Buch Wolfgang Frühwalds: "Wieviel Sprache brauchen wir?"


Über den Autor
Wolfgang Frühwald, Professor (em.) für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in München, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1992 bis 1997 und Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung 1999 bis 2007.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

Ausgewählte Artikel