Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Millionstel Millimeter

VON JEANNETTE OTTO

Wer in der Nanotechnologie ein Unternehmen gründet, braucht Ausdauer. Zwei Chemikerinnen auf ihrem langen Weg auf den Weltmarkt.

Millionstel Millimeter© binabina - iStockphoto.comEine Existenzgründung in der Nanotechnologie ist ein langer Weg
Weibliche Bescheidenheit, denkt man sofort. Nur nicht auffallen, nur keine Aufmerksamkeit erregen. Da gründen zwei Frauen ein millionenschweres Unternehmen, gehen mit Produkten an den Markt, die weltweit kein anderer herzustellen vermag, aber sie verstecken sich. Im Technologie- und Gründerzentrum Halle jedenfalls gibt es nicht einen einzigen Hinweis auf ihre Existenz. Kein Namensschild, kein Firmenlogo, nicht mal einen Klingelknopf. Um dem Rätsel der Firma Smartmembranes dennoch etwas näher zu kommen, ruft man Monika Lelonek auf dem Handy an. Aus dem zweiten Stock kommt sie die Treppen hinunter, lange dunkelblonde Haare, hohe Stiefel, enge Jeans, Typ Geschäftsfrau - und schließt die schwere Tür auf. Ihre Partnerin Petra Göring, die dunklen Locken streng nach hinten gebunden, trägt noch den weißen Laborkittel, als sie mit gehetztem Gesichtsausdruck ins Büro kommt. Nein, viel Zeit zum Reden habe sie nicht. Drüben im Labor arbeite sie gerade eine neue Mitarbeiterin ein, die sie nicht allein lassen könne.

Zwei Frauen, die lieber arbeiten als reden und die sich und ihre Arbeit nicht besonders genug finden, um darüber viele Worte zu verlieren. Nanotechnologie in ihrer Winzigkeit verlangt nicht nur dem Vorstellungsvermögen eines Laien eine Menge ab, auch der Geduld der beiden Expertinnen, die sie erklären sollen. Hoch poröse Membranen aus Aluminiumoxid und Silizium wollen Monika Lelonek und Petra Göring auf den Weltmarkt bringen - mit Poren, die bei der kleinsten Ausführung einen Durchmesser im zweistelligen Nanometerbereich aufweisen, was zum Beispiel bei der Filtration von Gas, Luft, Blut, Staub, Bakterien oder Viren ganz neue Möglichkeiten bringt. Ein Nanometer ist das Millionstel eines Millimeters. Die beiden Chemikerinnen können den Durchmesser und die Anordnung der Poren mit einer so hohen Genauigkeit einstellen wie noch kein zweites Unternehmen auf der Welt. Monika Lelonek und Petra Göring haben sich nicht gesucht und trotzdem gefunden. Ohne voneinander zu wissen, haben sie sich viele Jahre ihres Wissenschaftlerlebens mit dem gleichen Thema beschäftigt: Wie und wo finden Aluminiumoxidmembranen eine sinnvolle Anwendung.

Dass es für ihre Forschung auch einen Markt geben würde, das ahnten beide. Monika Lelonek, 32, in ihrem Labor in Münster und Petra Göring, 40, die an der Uni Halle forschte. Während Lelonek, die im Nebenfach auch BWL studiert hatte, noch an ihrer Doktorarbeit schrieb und sich manchmal bereits aus dem Forschungslabor herausträumte, hatte sich Petra Göring ganz gut eingerichtet in der männlich dominierten Welt der Nanotechnologie. Auch wenn es für die dreifache Mutter nicht unbedingt die sicherste Existenz bedeutete, sich von einem Forschungsprojekt und von einem Drittmittelantrag zum nächsten zu hangeln. Irgendwann vor fast vier Jahren bekamen Lelonek und Göring dann einen Brief von Ilka Bickmann. Die Expertin für Wissenschafts- Kommunikation schreibt in jedem Jahr rund 500 bis 1000 Briefe an Chemikerinnen, Biologinnen, Physikerinnen, Ingenieurinnen - an Frauen aus der Nanotechnologie. Seit fünf Jahren organisiert Bickmann gemeinsam mit dem Institut für Physik der Universität Halle die Nano-Entrepreneurship-Academy, kurz NEnA. Die Initiative will gute Ideen aus den Nano-Laboren auf ihre Innovations- und Martktfähigkeit prüfen und den Frauen gleichzeitig zeigen, dass mehr in ihnen steckt als die wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor XY. 91 Frauen haben seit 2006 an der Initiative, die im Rahmen des Aktionsprogramms Power für Gründerinnen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entstanden war, teilgenommen.

Trotzdem gingen aus NEnA bis her nur zwei Unternehmen hervor, sechs weitere Ideen befinden sich in der Gründungsphase. »Es ist die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen«, sagt Ilka Bickmann, denn angesichts der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt werde es komplizierter, die Frauen aus ihren Laboren herauszulösen und ihren Blick zu öffnen für eine berufliche Perspektive außerhalb der Wissenschaft. »Die meisten haben es gar nicht nötig, sich mit dem Thema Selbstständigkeit zu befassen. Gerade in der Nanotechnologie können sich gute Naturwissenschaftlerinnen die Jobangebote inzwischen aussuchen.« Von einer neuen Gründerinnenmentalität sei man da gerade wieder weit entfernt, meint Bickmann. Kein Wunder - Gründungen im Hightech-Bereich sind kapital- und zeitintensiv. Oft geht es nicht nur um mehrere Millionen Investitionsvolumen, sondern auch um eine Gründungsphase von fünf bis zehn Jahren, bis das Unternehmen überhaupt erste Umsätze bringt. Wer verlässt da schon gerne freiwillig den Schutzraum Forschungslabor? »In den Spitzentechnologien liegt der Anteil der weiblichen Gründer gerade mal bei zwei Prozent«, sagt Ilka Bickmann. »Da bleibt jede Menge Potenzial unentdeckt.«

Bei einer Gründerinnen-Akademie wurden die Forscherinnen verkuppelt

Deshalb schreibt sie die vielen Briefe, deshalb will sie die Frauen auch dann, wenn sie noch gar kein eigenes Gründungsvorhaben mitbringen. Denn die Akademie soll auch Ideenbörse sein und Forscherinnen vereinen, die an ähnlichen Themen arbeiten. So ließen sich auch Lelonek und Göring miteinander verkuppeln. Das Team der beiden Chemikerinnen, zu dem damals noch zwei weitere Frauen gehörten, gewann vor vier Jahren den NEnA-Gründungswettbewerb mit seinen Plänen zu Smartmembranes. Ihr Preis war ein dreimonatiges Praktikum bei einem Start-up in Amerika. Genug Zeit, um sich als Team auf den Zahn zu fühlen: Wer kann was, wer tickt wie? Wie soll die Firma laufen, was gibt der Markt her, wer braucht die Produkte überhaupt? Zum ersten Mal war Smartmembranes kein Spiel mehr. In Amerika schmeckte der Gedanke an das eigene Unternehmen wie eine Marlboro - nach Freiheit, Abenteuer und viel Geld. Zurück in Deutschland aber schlug der Alltag wieder zu. Zwei Frauen sprangen ab, Lelonek und Göring blieben übrig, doch da saßen sie schon wieder in ihren Laboren, über Drittmittelanträgen und Doktorarbeiten. Smartmembranes schwebte nur noch wie eine schöne Wolke über ihren Köpfen.

Dass es die Firma heute trotzdem gibt, haben Lelonek und Göring auch der Hartnäckigkeit ihrer Entdecker zu verdanken; Ilka Bickmann, die immer wieder anrief und Kontakte vermittelte, aber auch Professoren und Investoren, die nicht mehr locker ließen und vom Potenzial der Gründung überzeugt waren. Kaum ein wissenschaftlicher Sektor wird derzeit so gehypt und gefördert wie die Nanotechnologie. Rund 60 000 Arbeitsplätze hängen in Deutschland bereits davon ab. Erst vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung den Aktionsplan Nanotechnologie 2015 verabschiedet. Bis 2015 sollen jährlich rund 400 Millionen Euro unter anderem in Forschungsförderung und in Hilfen für kleine Betriebe und Gründer fließen. Das weltweite Marktvolumen wird dabei auf über eine Billion Euro geschätzt.

Deshalb sieht man, in den seltenen Momenten, in denen sich die beiden Gründerinnen Monika Lelonek und Petra Göring zu etwas Euphorie verleiten lassen, das eine oder andere Dollarzeichen in ihren Augen aufblitzen. »Klar, wir hoffen schon, dass wir mit unserer Idee viel Geld verdienen«, sagt Lelonek. Im Moment aber gibt es nur kleine Umsätze, noch keine Gewinne. Noch gehört alles der Bank. »Bis zum Frühsommer brauchen wir die ersten großen Aufträge und damit verlässliche Einnahmen«, sagt Lelonek. Zwei Zusagen von Kunden aus Übersee hängen in der Warteschleife. Der Investor steht in den Startlöchern, macht sein Engagement aber von diesen beiden Aufträgen abhängig. Wenn sie denn kommen, geht die Probephase in die Großproduktion über. Dann werden die beiden Frauen aufhören, ihre Anlagen selbst zu entwerfen und zu bauen, es wird eine großvolumige Fertigung für die Siliziummembranen geben, in neuen Produktionsräumen. Dafür wird sogar angebaut im Technologiezentrum Halle, nur für sie.

200 Siliziumscheiben im Monat werden dann für den Einsatz in der Sensorik und Diagnostik mit speziellen Poren versehen. Das sind Dimensionen, die weit über das hinausgehen, was Lelonek und Göring zurzeit noch tun: durch Probeaufträge Kunden von den neuen Hightechmembranen überzeugen, ihnen beweisen, dass sämtliche Parameter wie Porengröße sowie Dicke und Porosität der Membran genau nach individuellen Wünschen produziert werden können. »Wir stellen Nischenprodukte her, das erschwert die Anwendung und den Verkauf «, sagt Göring. Es gehört zu den Herausforderungen ihrer Geschäftsidee, Wissenschaft, die der Realität weit voraus ist, markttauglich zu machen und Kunden von Innovationen zu überzeugen, die bisher nur im Labor gefeiert wurden. Ihr Wissen ist das größte Kapital der beiden Chemikerinnen. Sie haben kein Patent angemeldet, die Grundlage ihrer Arbeit aber auch nirgendwo publiziert. Geheimhaltung gehört deshalb zu den wichtigsten Bedingungen, wenn sie jetzt beginnen Mitarbeiter einzustellen. Der Schutz ihres geistigen Eigentums entscheidet über die Zukunftsfähigkeit ihrer Firma.

Ihr Arbeitspensum hat sich vervielfacht

Top oder Flop. So viel Risiko sind die beiden Frauen noch nie in ihrem Leben eingegangen. Es gab diesen einen Banktermin, an dem ihnen klar wurde, dass sie zu einem gewissen Teil auch persönlich haften werden, falls ihr Projekt schiefgeht. »Da wird einem heiß und kalt zugleich, da zögert man schon einen Moment«, sagt Lelonek. »Ich habe genau abgewogen, was der Schritt in die Selbstständigkeit bedeutet«, sagt Göring. Das Arbeitspensum habe sich vervielfacht. Wenn Petra Göring zwei Mal in der Woche um 17 Uhr nach Hause geht, um ihren kleinsten Sohn von der Kita abzuholen, bleibt Lelonek noch einige Stunden im Labor, dafür kommt sie morgens später.

Jede der beiden Frauen hat einen Preis gezahlt, um die Gründung zu realisieren. Göring hat weniger Zeit für die Familie, Lelonek ist für die Firma in den Osten gezogen, weit weg von ihrem Freund, der im Ruhrgebiet blieb. Fünf bis zehn Jahre will sie Halle geben, mehr nicht. Da trifft es sich gut, dass auch der Investor seinen Einsatz für Smartmembranes als Venture Capital und damit als befristete Unterstützung sieht. »Die gehen davon aus, das Unternehmen nach einigen Jahren mit hoher Rendite verkaufen zu können«, sagt Monika Lelonek. Und was wird dann aus den beiden Gründerinnen, die damit plötzlich reich wären? Petra Göring, die Zweiflerin, wagt noch keine Prognose. Die Optimistin Lelonek dagegen träumt sich manchmal schon heimlich weg aus Halle, vielleicht an einen Strand auf Mallorca.

Aus DIE ZEIT :: 31.03.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote