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Miss Energiewende

Von Georg Etscheit

Die Berliner Ökonomin kämpft für den Wandel - frei von jeglicher Öko-Sentimentalität.

Miss Energiewende© Oliver FiegelDie Ökonomin Claudia Kemfert setzt sich für die Energiewende ein
Es stinkt im Allgäu. Ein Bauer hat gerade seine Wiese mit Gülle gedüngt. »Bei uns im Norden«, sagt Claudia Kemfert, »stinkt es nicht mehr so, weil vorher alles durch die Biogasanlage gejagt wird.« Am Autofenster ziehen Wiesen, Felder, Waldstücke vorbei, Solarpaneele glitzern auf Hausdächern.

Arno Zengerle, der Chauffeur, tritt aufs Gaspedal des Elektroautos. Zengerle ist Bürgermeister des »Bioenergiedorfs« Wildpoldsried, CSU-Mitglied und ein umtriebiger Mann. In seiner Partei gilt er als »Energierebell«, weil er früh auf die Erneuerbaren setzte, Windräder bauen ließ, die Bürger ermunterte, Strom zu sparen und sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach zu setzen. Der Ort erzeugt fünfmal so viel Energie, wie er selbst verbraucht.

Zengerle hat Claudia Kemfert, die prominente »Energieökonomin« aus Berlin, am Bahnhof in Kaufbeuren abgeholt. Man kennt sich, denn sie war schon ein paarmal in Wildpoldsried. Heute soll sie im schönen neuen Gemeindesaal an einer Diskussionsrunde teilnehmen. Das elektrisierende Thema lautet: »Energiewende - heute, morgen oder wann?« Kemfert ist nicht weniger umtriebig als der Lokalpolitiker.

Wer sich dafür interessiert, wie Deutschland den Ausstieg aus Atom und Kohle und den Umstieg auf »grüne« Energieträger schaffen kann, wie viel Klimaschutz kostet und wer das bezahlen soll, stößt unweigerlich auf die 44-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin und Politikberaterin. Kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht einen Zeitungsartikel veröffentlicht oder in einer Diskussionsrunde im Fernsehen sitzt. Im März durfte sie in der Show des Satirikers Erwin Pelzig dessen giftgrüne Bowle kosten, wobei sie nicht versäumte, ihr neues Buch anzupreisen.

Sie ist die Erklärerin des ökonomischen und ökologischen Jahrhundertprojekts

Seit dem Tod des SPD-Ökovisionärs und »Solarpapstes« Hermann Scheer hatte die Energiewende kein prominentes Gesicht mehr. Selbst bei den Grünen nicht, die seit Jahren für das Ende des atomaren und fossilen Zeitalters trommeln. In dieses Vakuum ist Claudia Kemfert gestoßen. Sie versteht es, die von ihr erkannte Notwendigkeit der Energiewende und des Klimaschutzes in verständlicher Sprache darzulegen, sie ist die Erklärerin dieses ökonomischen und ökologischen Jahrhundertprojektes.

Beharrlich hat sie sich von ihrer sicheren Position als Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus ein Ansehen und eine Wirksamkeit erarbeitet, die sie noch bis in hohe politische Ämter tragen könnte. Der grüne Bundestagsabgeordnete und Energiepolitiker Hans-Josef Fell hält sie rundheraus für ministrabel, lobt ihr »tiefgründiges Wissen« und die Tatsache, dass sie »den Mainstream verlässt und übergeordnete Gesichtspunkte berücksichtigt«. Ganz im Gegensatz zu dem »Populisten« und »Twitterkönig « Peter Altmaier, Merkels Umweltminister, an dem auch Kemfert kein gutes Haar lässt.

Schneller Aufstieg

In der Lehre

Vier Jahre lang war Claudia Kemfert, promoviert, aber nicht habilitiert, an der Universität Oldenburg Juniorprofessorin. Sie gehörte zu den ersten Hochschullehrern dieses neuen Typs, der Anfang des Jahrtausends eingeführt wurde. Und ihr gelang 2004 als erster Juniorprofessorin auch der Sprung auf eine reguläre, besser bezahlte C4-Professur. Sie ging an die Berliner Humboldt-Universität und lehrte dort Umweltökonomie. In ihrer Antrittsvorlesung beschäftigte sie sich mit den ökonomischen Folgen des Klimawandels. 2009 verließ sie die Humboldt-Universität und übernahm eine Professur für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der privaten Hertie School of Governance in Berlin.

In der Forschung

Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit leitet Kemfert seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), einer Einrichtung der vor allem aus öffentlichen Mitteln finanzierten Leibniz-Gemeinschaft. Das DIW ist eines der größten Wirtschaftsforschungsinstitute in der Bundesrepublik und widmet sich insbesondere anwendungsorientierter Forschung und Politikberatung.
Einstweilen streift sie durch die Schattenkabinette. Der CDU-Mann Norbert Röttgen wollte Kemfert 2012 zu seiner Energieministerin in Nordrhein-Westfalen machen, verlor aber die Landtagswahl. Jetzt hat sie bei der Konkurrenz angedockt. Der hessische SPD-Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel will sie im Fall eines Wahlsieges am 22. September als »Energiewendebeauftragte« in die Staatskanzlei holen. Diesmal stehen die Chancen Umfragen zufolge besser. In Hessen ist ein rot-grüner Sieg möglich. Energiewende und Klimaschutz sind für Kemfert überparteiliche Anliegen. Deswegen findet sie nichts daran, die Seiten gewechselt zu haben. »Wenn die CDU die Energiewende voranbringen will, unterstütze ich das gerne. Das gilt auch für jede andere Partei. Mir geht's um die Sache, nicht ums Parteibuch.«

Man kann diese Einstellung für konsequent unabhängig halten, für naiv oder für opportunistisch. Ex-Umweltminister Röttgen, heute einfacher Bundestagsabgeordneter, sagt nichts zu Kemferts Schwenk, keine Zeit, heißt es aus seinem Büro. Dafür lässt Armin Laschet, Landeschef der CDU in Nordrhein-Westfalen, ein Statement übermitteln. »Flexibel ist der schönste Euphemismus für eine Frau, die innerhalb eines Jahres für jede politische Richtung Wahlkampf macht. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.«

Laschet unterlag 2010 in einer Mitgliederbefragung zur Neubesetzung des Spitzenpostens der Landes-CDU dem Kemfert-Förderer Röttgen. Jetzt darf Laschet den Karren aus dem Dreck ziehen. Die Frau mit den langen, blonden Haaren und der sachlichen Brille ist das, was man tough nennt. Selbstbewusstsein, ja Härte ist unabdingbar in der Auseinandersetzung um die Pfründen auf den heftig umkämpften Energiemärkten. Außerdem sind Energiewirtschaft und Energiepolitik Männerdomänen. Hier haben Ingenieure das Sagen.

Auch im Gemeindesaal von Wildpoldsried sitzen fast nur Anzugträger in Blau und Grau auf dem Podium. In ihrer Anmoderation vergleicht eine Journalistin vom Bayerischen Rundfunk Wildpoldsried mit dem »Asterix-Dorf«, das Widerstand leiste »gegen die, die viel reden und wenig tun«. Die Frau vom BR ist ein burschikoser Typ und flirtet mit dem Publikum, das fast nur aus Männern besteht. Sie ist das Gegenteil der stets beherrschten, etwas steif wirkenden Ökonomin Kemfert.

»Man kann mit ihr stundenlang über nix reden«, sagt ein Journalist

Als der Mann von Siemens das Klagelied von den zu hohen Strompreisen anstimmt, macht sich Kemfert Notizen, um dann, als sie wieder an die Reihe kommt, die Argumente des Managers zu zerpflücken. Dank eines steigenden Angebots an erneuerbaren Energien sei der Strompreis hierzulande niedriger als anderswo, der Vorteil werde von den Konzernen nur nicht an die Kunden weitergegeben. Als Pointe erzählt sie die Geschichte eines britischen Industriellen, der über zu hohe Strompreise in seiner Heimat geklagt und gemeint habe, wenn die Preise in Großbritannien weiter anzögen, »gehen wir halt nach Deutschland«. Beim Publikum kommt das an. Kemfert erhält mit Abstand am meisten Applaus für ihre Attacken. Sie ist der Star des Abends.

Auf dem Podium kann man so leicht nicht mit ihr konkurrieren. Beim Smalltalk, bei Bier und Fingerfood wirkt sie eigentümlich neutral, es fehlt der Esprit. »Man kann mit ihr stundenlang über nix reden «, sagt ein Journalist, der sie häufiger erlebte. Stippvisite mit Kemfert in einer »Wahlkampf-WG« der SPD in der Wiesbadener Innenstadt. In einer Wohnung über der SPD-Landeszentrale lebt ein Dutzend junger Leute ein paar Wochen zusammen, um dort - Obama lässt grüßen - im Team die Facebook- und Twitter-Accounts der SPD und ihres Spitzenkandidaten mit frischen Inhalten zu füllen.


An diesem Vormittag hat sich das SPD-»Kompetenzteam«, eine Art Schattenkabinett, auf den Stufen des hessischen Landtages ablichten lassen. In der zweiten Reihe lächelt Claudia Kemfert in die Kameras. Beim anschließenden WG-Besuch fremdelt die Ökonomin. »Schön«, sagt sie steif, »hier lässt es sich aushalten«, um dann die Essensvorräte zu begutachten. »Nudeln, Nutella, Toastbrot, Tee, so war das früher bei uns auch.« Als Studentin habe sie auch mal in einer WG gelebt. »Drei Frauen und ein Kater, der einzige Mann im Haus.« Die jungen WG-Bewohner lachen pflichtschuldig.

Dass Kemfert oft so merkelhaft unemotional daherkommt, mag an ihrer norddeutschen Herkunft liegen. Die Tochter eines Maschinenbauers und einer Schneiderin stammt aus Delmenhorst. Sie wuchs mit der Natur und Tieren auf, fühlte sich aber nie sonderlich ökobewegt. Nach dem Abitur warf sie sich auf die Ökonomie, studierte in Bielefeld und Oldenburg, wo es einen der ersten Studiengänge für erneuerbare Energien gab, dann an der US-Eliteuni Stanford. »Mich hat das Thema Energie vor allem aus volkswirtschaftlicher Sicht fasziniert«, sagt sie. Von wachstumskritischen Impulsen der Oldenburger Wirtschaftswissenschaften ließ sie sich freilich kaum beeinflussen. Ihr Credo ist ein vom technologischen Fortschritt getriebenes »grünes« Wachstum, das Konsum und Naturverbrauch entkoppelt.

Die Ökonomin Kemfert sei zwar nicht Nobelpreis-verdächtig, aber was sie und ihr Team an Studien zu den Energiemärkten vorlegten, sei »lege artis«, sagt ein Wissenschaftler aus der Energie- und Klimaszene, der sich nicht persönlich zitieren lassen will. Sie bringe »Dinge auf den Punkt«. Dass manche Kollegen ob ihrer Medienpräsenz und ihrer plakativen Äußerungen die Nase rümpfen, ist kein Geheimnis. Sie ficht solche Kritik nicht an. In den USA, sagt sie, sei es normal, als Wissenschaftler in die Politik zu gehen. »Da ist es eher ungewöhnlich, nur im stillen Kämmerlein zu sitzen und nicht in der Öffentlichkeit zu stehen.«

Beim gemütlichen Zusammensein auf der Dachterrasse der Wiesbadener Wahlkampf-WG fühlt sich Kemfert wieder in ihrem Element. Sie darf den jungen Leuten die Energiewende erklären und gibt Einblicke in ihren eigenen, gemäßigtökologischen Lebensstil. Beim Essen bevorzuge sie regionale Produkte, ihre Urlaube verbringe sie auf einer Nordseeinsel. Den CO2-Ausstoß von Flugreisen kompensiere sie mit dem Kauf von Klimaschutzzertifikaten. Doch Kemferts ökologisches Engagement scheint primär einem ökonomischen Kalkül zu entspringen. »Ich bin Ökonomin«, sagt sie. »Ohne Natur und Umwelt funktioniert die Volkswirtschaft nicht.«

Falls Rot-Grün in Hessen gewinnt, will sich Kemfert voll auf die neue Aufgabe konzentrieren. »Das wäre ein echter Wechsel.« Ob ihr der Job in der zweiten Reihe behagen wird? Sie sei keine Teamplayerin und habe ein großes Geltungsbedürfnis, sagt ein früherer Kollege. Im DIW ist sie ein Star, in der hessischen Staatskanzlei würde sie eher im Hintergrund arbeiten. Schäfer-Gümbel, selbst ausgewiesener Energiepolitiker, lässt keinen Zweifel an der Rollenverteilung. »Der Politiker im Team bin ich.« Und auch die Grünen wollen beim Thema Energiewende nicht zurückstehen. Kemfert wäre nicht die erste Quereinsteigerin, die es im Politikbetrieb schwer hätte, die hoch hinaus wollte und am Ende vielleicht sogar um ihren Ruf in der Wissenschaftsszene fürchten müsste.

Aus DIE ZEIT :: 19.09.2013

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