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Mit der Human Development Foundation vom Slum an die Uni

VON MEIKE FRIES

Wie die Human Development Foundation in Thailand zirkuläre Migration fördert.

Mit der Human Development Foundation vom Slum an die Uni© tbradford - iStockphoto.comKlong Toey ist der größte und ärmste Slum Bangkoks
»Heute habe ich Zeit«, sagt Kewarin Donthong, »meine vier Kinder sind unterwegs. Sie drehen einen Film über ihr Viertel.« Die vier Kinder, von denen sie spricht, sind nicht ihre eigenen. Donthong ist 21 Jahre alt und studiert am Lewis & Clark College in Portland, Oregon. In diesen Semesterferien aber kümmert sie sich um die Kinder in Klong Toey, dem größten und ärmsten Slum in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Donthong kennt die Gegend gut; sie selbst ist in diesem Slum aufgewachsen. Kein Tourist verirrt sich in diese Gegend am Fluss; nicht jeder Taxifahrer in Bangkok ist bereit, dorthin zu fahren. Die glitzernden Shoppingmalls sind nicht weit entfernt und scheinen doch in einer anderen Welt zu liegen. Geschätzte 100.000 Menschen leben in Klong Toey. Viele Kinder werden hier mit HIV geboren und verlieren ihre Eltern durch Aids. Gewalt und sexueller Missbrauch, Kinderprostitution und Kinderhandel gehören zum Alltag im Slum. Eltern verkaufen ihre Kinder an Menschenhändler, überlassen sie Sextouristen zur Prostitution oder lassen sie manchmal einfach allein zurück. Kurzum: Wer hier geboren wird, der hat kaum eine Chance, der Armut zu entkommen. In Klong Toey geht es nicht darum, etwas aus seinem Leben zu machen, sondern überhaupt zu überleben.

Wie hat Donthong es trotzdem geschafft, aus Bangkoks Elendsviertel an ein amerikanisches College zu kommen? Um diese Frage zu beantworten, muss man Dongthong an ihrem Arbeitsplatz besuchen, dem Mercy Centre mitten in Klong Toey. Jeder in Klong Toey kennt das Mercycenter, einen freundlichen, lichtdurchfluteten Ort. Es ist die zentrale Anlaufstelle der Human Development Foundation. Die Human Development Foundation wurde Anfang der 1970er Jahre von Father Joe, einem amerikanischen Priester, gegründet. »Mit einem Kindergarten hat es damals angefangen«, sagt John Padorr aus dem Vorstand der Human Development Foundation. »Father Joe hat dafür gesorgt, dass die Kinder Betreuung, Essen und Zuwendung bekommen. Egal, wo sie herkamen, egal, welcher Religion sie angehörten.«

Er soll schon Kinder für ein paar Flaschen Schnaps von Zuhältern freigekauft haben. Mehr ist ein Leben hier oft nicht wert. Tagsüber vermögen die Geschäftigkeit und der Sonnenschein für Momente über das Elend hinwegzutäuschen: Motorradtaxifahrer warten auf Kundschaft, alte Frauen verkaufen in Bretterverschlägen Chips und Softdrinks, Kinder rasen auf Rädern durch die engen Straßen. Doch in den schattigen Seitengassen und unter dem Highway ist die Atmosphäre bedrückend. Hier leben die Menschen dicht an dicht in Hütten aus Blech und Holzpaletten. Die Behausungen sind auf Stelzen über das Brackwasser und den Müll gebaut. Drogenhandel und Prostitution sind so gängige Berufszweige wie Getränke zu verkaufen oder Motorradtaxi zu fahren. Auch Donthong hat eine Vorschule des Mercy Centre in Klong Toey besucht. Dort lernte sie lesen und schreiben, also die nötigen Grundlagen, um an einer regulären staatlichen Schule mitzukommen.

Vor drei Jahren hat sie dann mit einem Stipendium der Human Development Foundation eine internationale Schule in Norwegen besucht. »Alles war ganz anders als in Thailand«, erzählt Donthong. »Die Sprache, die Kultur, der Unterricht. Und ständig gab es Kartoffeln.« Zwei Jahre lebte sie in Förde, in der norwegischen Einöde; sechs Kilometer waren es bis zum nächsten Lebensmittelladen. Ihre Mitschüler kamen aus allen Kontinenten, sie lernte Englisch und bereiste in den Ferien Europa. »Die erste Zeit an der Schule war hart. Aber ich habe es geschafft«, sagt Donthong. »Ich bin glücklich, dass ich all das machen konnte. Ich hatte dort die beste Zeit meines Lebens.« Es ist Dankbarkeit, wenn sie in diesen Semesterferien jeden Tag drei Stunden Fahrt im überhitzten Bus auf sich nimmt, um quer durch Bangkok in den Slum zu fahren und im Mercy Centre zu helfen. Dort übt sie mit den Kindern Englisch, übersetzt Briefe, in denen die Kinder ihren Sponsoren danken, und denkt sich Projekte wie den Kurzfilm aus, bei denen die Kinder nicht nur den Umgang mit Technik, sondern vor allem Selbstvertrauen lernen sollen.

Mehr als 50.000 Kindern, die sonst keine Chance gehabt hätten, hat Father Joe bislang mit seiner Stiftung zu Schulbildung und Selbstbewusstsein verholfen. Inzwischen hat die Foun dation 35 Vorschulen in Bangkoks Slums gegründet, neun davon in Klong Toey. 13 der Schulen sind mittlerweile in die Verwaltung der jeweiligen Gemeinden übergeben worden. »Das zeigt, dass unsere Idee funktioniert, die Menschen aus der direkten Umgebung einzubinden«, sagt Padorr. Bis auf einige wenige in der Verwaltung stammen die 300 Mitarbeiter vor Ort sämtlich aus dem Slum. Viele sind seit Jahrzehnten für die Human Development Foundation tätig und gingen selbst in eine der Stiftungsschulen, so wie Donthong. Zu den Prinzipien der Human Development Foundation gehört, dass die Eltern nach Möglichkeit zehn thailändische Baht (23 Cent) pro Tag zum Schulbesuch ihrer Kinder beisteuern. »Das bindet die Familien an die Schulen«, sagt Padorr.

Ein Fünftel kann allerdings nicht einmal diese Summe aufbringen. Abgewiesen werden auch sie nicht. Die Milch zahlt die thailändische Regierung, alles weitere Geld kommt von großen Unternehmen wie der Barclays Bank oder Mercedes-Benz und zahlreichen privaten Sponsoren. Die amerikanische Regierung unterstützt die Human Development Foundation mit drei Millionen US-Dollar pro Jahr. Mit diesem Geld betreibt die Human Development Foundation seit mittlerweile acht Jahren auch ein Stipendienprogramm, das es bislang 30 thailändischen Jugendlichen ermöglicht hat, im Ausland eine Schule zu besuchen oder zu studieren. »Eine unserer Stipendiaten macht gerade ihren Doktor in Neurowissenschaften in Atlanta«, sagt John Padorr. So weit ist Donthong noch nicht, sie hat gerade ihr erstes Jahr in Portland hinter sich. Für sie steht aber jetzt schon fest, dass sie nach ihrem Abschluss in Thailand arbeiten will. Mit ihrem Weg aus dem Slum an eine amerikanische Uni und zurück wäre sie ein gelungenes Beispiel für »zirkuläre Migration«, die laut Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in Deutschland noch viel zu wenig gefördert wird. Als sei die Angst zu groß, dass die einmal Angekommenen auf Dauer bleiben wollen. »Hier heißt es oft: 'Wir dürfen den armen Ländern nicht die besten Leute wegnehmen.'«, sagt Klingholz. »Dabei ist der kulturelle und wirtschaftliche Nutzen für das Herkunftsland wie für das temporäre Gastland riesengroß.«

In den aufstrebenden asiatischen Ländern ist zirkuläre Migration längst wirtschaftspolitische Strategie. Sie konkurrieren nicht nur um Gaststudenten aus dem Ausland, sondern senden zunehmend eigene Studenten in die Ferne. Längst nicht mehr nur in die USA, nach Europa und Australien: Der Studentenaustausch zwischen China, Japan und Südkorea und den Ländern der Association of Southeast Asian Nations (Asean), zu denen auch Thailand gehört, hat stark zugenommen. Gleichzeitig werden asiatische Länder beliebter bei Studenten aus dem Nahen Osten oder Afrika. Dabei geht es nicht nur um Kompetenzgewinn in einer immer stärker technisierten Gesellschaft, sondern mit dem Austausch kluger Köpfe festigen die Länder auch ihre politischen Beziehungen.

»Leider hat Deutschland keine Strategie für qualifizierte Migration«, sagt Reiner Klingholz. »Ideal wäre, wenn ein Teil der Studenten im Gastland bliebe und ein Teil die erworbenen Kenntnisse früher oder später im Herkunftsland anwenden könnte.« Donthong hat sich noch nicht festgelegt, welches Hauptfach sie studieren will, sondern erst einmal alles Mögliche belegt: Astronomie und Soziologie, Wirtschaft, Physik, Philosophie und Chinesisch. »Mit Chinesisch werde ich auf jeden Fall weitermachen, und ich will irgendwann auch für eine Weile nach China gehen«, sagt sie. Sprachen machten ihr überhaupt viel Spaß, aber sie wolle auch »etwas Solides« studieren. Vielleicht Wirtschaft. »Ich glaube nicht, dass man intelligent sein muss. Aber man muss hart arbeiten.« Wenn Donthong oben auf der Terrasse des Mercy Centre sitzt und erzählt, hört es sich so an, als sei der Slum weit weg und als habe sie den amerikanischen Traum schon vollständig übernommen.

»Im Slum leben viele Leute, die mit den schlechten Lebensbedingungen ihr Nichtstun zu entschuldigen versuchen«, sagt sie. So zu denken ist in ihrer Heimat unerhört. Denn sozialer Aufstieg ist im hierarchischen, königstreuen Thailand nicht vorgesehen. In den Schulen wird den Kindern nicht beigebracht, Fragen zu stellen oder zu diskutieren. Donthong sagt, sie habe erst im Ausland gelernt, kritisch zu denken. Nun hinterfrage sie vieles, womit sie aufgewachsen sei. »Ich habe mich sogar vom Buddhismus abgewandt«, sagt sie. »Es kommt nicht darauf an, in den Tempel zu gehen. Wenn ich in Klong Toey bin, habe ich nur einen Gedanken: Ich will helfen, ich will etwas tun.«

Aus DIE ZEIT :: 22.09.2011

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