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Mit heißer Nadel

VON MALTE BUHSE

Die TU Cottbus und die FH Lausitz sollen zu einer Hochschule verschmelzen. Kann das gut gehen?

Mit heißer Nadel© franckreporter - iStockphoto.comBirgt die Zusammenlegung von Universitäten und Fachhochschulen mehr Chancen als Risiken?
Alles begann mit einem Anruf bei Walther Zimmerli, dem Präsidenten der TU Cottbus. In der Leitung war an jenem Tag Anfang Februar sein Kollege Günter Schulz von der örtlichen Fachhochschule. »Die Ministerin hat Pläne«, sagte Schulz. Danach war in der Cottbusser Hochschullandschaft nichts mehr wie vorher. Denn in der Lausitz wagt die Hochschulpolitik ein ambitioniertes Experiment: Brandenburgs parteilose Wissenschaftsministerin Sabine Kunst will Universität und Fachhochschule auflösen und schon zum Wintersemester 2013 in einer neuen »Energie-Uni« verschmelzen lassen.

Seit der Bologna-Reform verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Sie vergeben beide die gleichen Abschlüsse: Universitäten müssen beim berufsqualifizierenden Bachelor eher wie Fachhochschulen ausbilden, während die Fachhochschulen nun auch forschungsorientierte Masterstudiengänge anbieten. Nicht voll ausgelastete Universitäten und Fachhochschulen wie die in Cottbus geraten da zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. »An gefährdeten Standorten können Hochschulfusionen Sinn ergeben«, sagt Detlef Müller-Böling, ehemaliger Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Er hofft auch auf Synergieeffekte. Doch kann das gut gehen, wenn Universität und Fachhochschule unter einem Dach lehren und forschen?

Immerhin entstammen die beiden einem grundsätzlich unterschiedlichen Bildungs- und Wissenschaftsverständnis und waren lange Zeit strikt voneinander getrennt. Wer schnell in den Beruf wollte, lernte an der Fachhochschule alles, was für die Praxis wichtig war. Die Forscher von morgen hingegen übten an den Universitäten den Blick aufs große Ganze. Doch seit Bologna werben auch Fachhochschulen beachtliche Summen Forschungsgelder ein und geben ihren Studenten teilweise so gutes Rüstzeug mit auf den Weg, dass diese es immer häufiger schaffen, an Universitäten zu promovieren. »Wir müssen weg vom Schubladen-Denken zwischen Universitäten und Fachhochschulen«, fordert daher Müller-Böling.

In Cottbus bescheinigte kürzlich eine Gutachterkommission der Hochschule Lausitz in einigen Bereichen wie der Biotechnologie ein »universitäres Niveau«. Die Forschungsleistung der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) stufte sie hingegen als unbefriedigend ein. Wissenschaftsministerin Kunst sieht daher ein »Parallelangebot«, das sie in der neuen Mischuniversität zusammenführen will. Dabei soll aber die alte Trennung zwischen Anwendungsorientierung und Forschungsschwerpunkt erhalten bleiben. Das Konzept ist noch äußerst vage, doch Kunst schwärmt bereits von einer »Hochschule neuen Typs« und kämpft bei Informationsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen für ihren Plan.

Die Hochschule Lausitz will dabei sofort mitmachen. »Universität und Fachhochschule sind historische Begriffe, von denen wir uns lösen müssen«, sagt Präsident Günter Schulz. Er und seine Kollegen würden in einer fusionierten Hochschule vom höheren wissenschaftlichen Renommee eines Universitätssiegels profitieren. Vonseiten der BTU dagegen kommt vor allem Protest. Studenten sammeln Unterschriften gegen die Zusammenlegung, die Professoren haben ein Gegenkonzept ausgearbeitet. Ihre gemeinsame Furcht: Die BTU könnte auf das vermeintlich niedrigere Fachhochschulniveau heruntergezogen werden. »Wir würden den Status einer Volluniversität verlieren«, sagt Präsident Walther Zimmerli.

Das Einwerben von Forschungsgeldern etwa könnte schwieriger werden, wenn die FH mit im Uni-Boot säße. »Die Forschungsleistung wird schlechter durch die Integration der Fachhochschule«, glaubt auch Christoph Egbers, Leiter des Lehrstuhls für Aerodynamik und Strömungslehre und einer der Spitzenforscher an der BTU. Seit Jahren arbeitet Egbers daran mit, dass die Universität in die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen wird. »Wenn die Fusion kommt, fallen wir da fast auf null zurück«, sagt er. Denn auch wenn FH-Professoren inzwischen mehr forschen als früher, veröffentlichen sie noch immer weniger Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften - ein wichtiges Kriterium für die DFG.

Zudem würden die besten Studenten nach einer Fusion schnell an »echte« Universitäten wechseln, fürchtet Christiane Hipp, Dekanin der Fakultät für Maschinenbau, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen in Cottbus. Denn die neue Cottbusser Universität soll nicht nur Abiturienten offenstehen, sondern auch Schülern mit Fachhochschulreife oder Quereinsteigern aus dem Berufsleben. »Die Idee ist ja gut, aber die unterschiedlichen Leistungsniveaus kriegen wir bei bis zu 400 Studenten pro Vorlesung nicht unter einen Hut«, sagt Hipp. »Die einen langweilen sich tödlich, während die anderen jeden Tag kämpfen müssen.« Die Folge: Begabte, unterforderte Studenten wechseln die Uni.

Entsteht also bei der Zusammenlegung von Fachhochschule und Universität nicht eine Hochschule neuen Typs, sondern nur eine Uni zweiter Klasse? Erfahrungswerte gibt es wenige. Das gescheiterte Experiment mit den Gesamthochschulen, die an Standorten wie Wuppertal, Kassel oder Paderborn FH- und Uni-Studium verbinden sollten, stammt noch aus der Zeit vor der Bologna-Reform und damit aus einer anderen Hochschulepoche. Aktuell gibt es nur in Lüneburg ein Anschauungsobjekt. 2005 fusionierten dort Fachhochschule und Uni zur Leuphana Universität. »Das Land wollte so viel einsparen, dass beide Hochschulen nicht lebensfähig gewesen wären«, sagt Sascha Spoun, Präsident der neuen Universität.

Die ersten Erfahrungen in Lüneburg seien gut. Das Problem mit den unterschiedlichen Lernniveaus von Abiturienten, Handwerksmeistern und Schülern mit Fachhochschulreife wurde mit einem Aufnahmetest gelöst. Zusätzlich bringt ein halbjähriger Vorbereitungskurs alle Studierenden auf ein Niveau. Problemlos verläuft das Neben- und Miteinander beider Hochschultypen aber auch in Lüneburg keineswegs. »Differenzen bei Ausstattung und Bezahlung führen manchmal zu Spannungen zwischen den Universitäts- und FH-Professoren«, sagt Spoun.

Die ehemaligen FH-Professoren müssen 14 Stunden pro Woche im Hörsaal stehen, während sich ihre Kollegen von der Uni nach acht Lehrstunden ihren Forschungsprojekten widmen können. Außerdem bekommen die früheren Uni-Professoren mehr wissenschaftliche Mitarbeiter und mehr Geld. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft löst sich zwar von selbst auf, aber nur einseitig: Weil die Leuphana Universität auf freie Stellen nur Universitätsprofessoren berufen darf, laufen die Fachhochschulprofessuren aus.

Das Beispiel Lüneburg zeigt daher: Hochschulfusionen können funktionieren, aber sie brauchen Zeit und gute Planung. »Der Prozess muss von unten kommen, und beide Institutionen müssen langsam zusammenwachsen«, sagt Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In Cottbus soll hingegen alles ganz schnell gehen. Anfang Juli will die Ministerin das Gesetz zur Zusammenlegung der Hochschulen in das Kabinett bringen, nächstes Jahr soll die neue Uni stehen.

Aus DIE ZEIT :: 24.05.2012

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