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Mitbestimmung oder Dozenten-Bashing? Über Online-Evaluierungen der Lehre

von GERT ZÖLLER

In der Mathematik ist die Tafelvorlesung nach wie vor üblich. Für viele Studierende ist sie eine Zumutung, ein Relikt aus vergangenen Tagen. Dementsprechend fallen anonyme Bewertungen von Studierenden aus. Was spricht eigentlich gegen Lehrmethoden, die sich bewährt haben? Einwürfe eines Lehrenden.

Mitbestimmung oder Dozenten-Bashing?© Gajus - Fotolia.comOnline-Evaluierungen der Lehre gelten bei Dozenten als umstritten
Kehrt man als Wissenschaftler von einer Konferenz zurück, lassen die Bitten um Bewertungen nicht lange auf sich warten: "Wie war der Flug? Wie gefiel Ihnen die Konferenz? Wie sauber war das Hotel?" Verweigert man die Antworten, kommen bald die Erinnerungen: "Vor wenigen Tagen haben wir Sie gebeten ...". Warum auch nicht: Ich werde ernst genommen, und wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich es sagen. Die Premium-Version dieser Dauerfragerei heißt Evaluierung und bestimmt mittlerweile auch den Alltag eines Dozenten an einer Universität. Hier ist nicht die Begutachtung von Forschungsanträgen oder wissenschaftlichen Artikeln gemeint, sondern es geht um das zweite Kompetenzfeld der Hochschulen neben der Forschung: die Lehre. Bietet man heutzutage eine Vorlesung an, ohne zuvor Evaluierungsbögen auszuteilen oder entsprechende Software-Portale freizuschalten, gilt man als altmodisch, arrogant und kann sich auf zornige Reaktionen der Fachschaften einstellen.

Anweisungen eines Evaluierungsbeauftragten

Zu meiner Vorlesung "Mathematik I für Geoökologen und Geowissenschaftler" erhielt ich umfangreiche Anweisungen eines "Evaluierungsbeauftragten", um den Studierenden während der Lehrveranstaltung Möglichkeit zur Evaluierung mittels Smartphone, Tablet oder Notebook zu geben.
Folgende Fragen kommen während des Evaluierungsprozesses auf:
- Können Studierende - zumal im ersten oder zweiten Semester - tatsächlich Qualität und Format einer Lehrveranstaltung beurteilen?
- Welchen Wert haben anonyme Umfragen, die in automatisch generierten Evaluierungsberichten abgebildet werden? Führt das gezielte Anhäufen von Daten zu einem qualitativen Informationsgewinn?
- Ist es sinnvoll, dass Dozenten und Studierende über ein softwarebasiertes Evaluierungsportal kommunizieren?

Beispiele

Die erste Frage möchte ich am konkreten Beispiel meiner eigenen Vorlesung diskutieren. Jeder, der einmal eine Mathematik-Vorlesung gehört hat, wird sich leidvoll daran erinnern, dass schon die erste Tafel mit Formeln und Beweisen vollgeschrieben ist, bevor man als Student Kugelschreiber und Papier hervorgekramt hat. Die folgenden 90 Minuten sind, zumindest für ernsthafte Zuhörer, durch eine straffe Abfolge von Zuhören, Mitschreiben und Mitdenken gekennzeichnet. Verschnaufpausen gibt es nur, wenn der Vortragende die Tafel auswischt. Die altmodische Tafelvorlesung in der Mathematik ist in der übrigen Wissenschaftslandschaft tatsächlich zur Ausnahmeerscheinung geworden, genießt aber gleichzeitig Kult-Status und wäre durchaus eine würdige Anwärterin für das immaterielle Kulturerbe der UNESCO, ähnlich wie die deutsche Brotkultur oder das mongolische Knöchelschießen. Nach einer solchen Vorlesung schleppt man sich gerädert in die Cafeteria und quält sich mit den Hausaufgaben herum. All das klingt zunächst nach einem Musterbeispiel für "schlechte Lehre". Entsprechend finde ich im Evaluierungsbericht zu meiner Vorlesung Begriffe wie "ständiger Druck" und "Lehrmethoden aus dem 19. Jahrhundert, die die Intelligenz der Studierenden beleidigen". Wäre die Evaluierung nicht anonym, würde ich den Studierenden, dessen Intelligenz ich beleidigt habe, gerne fragen, was denn gegen Lehrmethoden einzuwenden ist, die sich seit vielen Jahren bewährt haben? Ist alles Neue gut und intelligent? Nun gut, meine Vorlesung ist offenbar schlecht; ich lese weiter im Evaluierungsbericht, um zu erfahren, wie denn eine "gute Vorlesung" aussehen soll: Bereitstellung eines Skripts, Vorlesung mit PowerPoint, Veröffentlichung der Folien im Internet. So können die Studierenden sich zurücklehnen und ganz entspannt den Ausführungen des Dozenten lauschen. Das lästige Mitschreiben entfällt, und auch der belastende Druck verschwindet. Nun weiß man aus langer Erfahrung, dass Mathematik nicht durch Zuhören gelernt wird, sondern durch aktive Beschäftigung mit Problemen. Je komplizierter sich das Problem gestaltet, desto höher ist freilich die Wahrscheinlichkeit für Frustration und schmerzhafte Stunden. Aber wird man nicht auch entschädigt, wenn man zum ersten Mal eine Aufgabe selbstständig gelöst hat? Sollen daher bewährte Lehrkonzepte aufgrund reflexhafter Äußerungen kurzzeitig angestrengter Studenten in Frage gestellt werden?

Die zweite aufgeworfene Frage ist schnell beantwortet, wenn man sich den umfragebasierten Teil eines Evaluierungsberichtes anschaut: Balken- und Stabdiagramme angereichert mit viel Text in klar gegliederten Abschnitten erwecken den Eindruck einer seriösen wissenschaftlichen Arbeit. Dennoch ist ein solcher Bericht nicht mehr als ein automatisch generiertes Dokument, das auf einigen Klicks auf Smartphones und Tablets einer nicht-repräsentativen Auswahl von Hörern basiert. Die Diagramme sind angesichts der niedrigen Teilnehmerzahlen oft lächerlich. So werden in jedem Semester zigtausend Seiten wertlosen Datenmülls produziert.

Während in den ersten beiden Fragen methodische Probleme des Evaluierungsprozesses thematisiert werden, ist die dritte Frage von zentraler Bedeutung für die Qualität von Lehre und den gegenseitigen Umgang von Studierenden und Dozenten. Die internetbasierte Evaluierung folgt dem gleichen Muster wie das halbseidene Portal "MeinProf. de", das sich nach außen seriös gibt und mit Ausdrücken wie "Hochschulranking" oder "Qualität der deutschen Hochschullehre" herumhantiert, aber letztlich nicht mehr ist als eine werbebasierte Professoren-Bashing-Seite: Studierende können im Schutz der Anonymität Dampf ablassen und sich über ihre Professoren - pardon! - auskotzen, statt sich dem unbehaglichen direkten Gespräch mit dem Dozenten nach der Vorlesung oder gar im fremden Büro auszusetzen.

Hochschulen feiern dieses Instrument gerne als modern, demokratisch und mitbestimmungsorientiert. Schließlich findet hier aber nichts anderes statt, als eine weitere Normierung des Studienablaufs: Nach der zunehmenden Verschulung des Studiums und der Bewertung von Forschung durch bibliometrische Parameter wird nun ein weiterer Bereich des Hochschulalltags, die Kommunikation zwischen Dozent und Student, in ein Korsett gepresst. Statt soziale Kompetenz zu vermitteln, werden die Studierenden in die Anonymität des Internets getrieben. Statt Kommunikation zu fördern, findet Kommunikationsverhinderung statt.

Mancher Leser dieses Artikels wird sich nun denken: Da hat einer schlechte Kritiken für seine Vorlesung bekommen und regt sich auf, weil er in seiner Eitelkeit verletzt ist. Kann schon sein.

Über den Autor
Gert Zöller ist Privatdozent im Bereich "Angewandte Mathematik" an der Universität Potsdam.

Aus Forschung & Lehre :: April 2015

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