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Mehr Mitspracherecht in der Forschungsförderung?

VON CHRISTIANE GREFER UND ANDREAS SENTKER

Sollen Umweltschützer und Kirchenleute mitentscheiden dürfen, welche Forschungsprojekte öffentlich gefördert werden? Ja, sagt der Chef eines Öko-Instituts - Nein, sagt ein hochrangiger Forschungsfunktionär.

Mehr Mitspracherecht in der Forschungsförderung?© Tyler Olson - Fotolia.comWer sollte in der Forschungsförderung mitentscheiden dürfen?
DIE ZEIT: Herr Stock, Sie haben mit deutlichen Worten davor gewarnt, Bürger bei der Forschungsplanung zu beteiligen. Normale Bürger! Was befürchten Sie von denen?

Günter Stock: Meine Sorge ist, dass gesellschaftliche Einzelinteressen die Grundlagenforschung schwächen könnten und damit den Humus der Wissenschaft. Wo nach ganz neuen Erkenntnissen gesucht wird, da muss die Freiheit kreativer Wissenschaftler besonders groß sein.

Uwe Schneidewind: Das unterschreibe ich, Herr Stock - aber Sie lenken ab! Uns geht es um angewandte Forschung und um die großen Rahmenprogramme in Berlin und Brüssel. Dahinein fließen fünf von sechs Euro der öffentlichen Forschungsförderung. Wie diese Milliarden ausgegeben werden, entscheiden immer die gleichen Netzwerke aus Wissenschaft, Politik und Industrie im engen Schulterschluss. Die Zivilgesellschaft aber redet nirgendwo mit ...

ZEIT: Deshalb drängt jetzt Ihr Netzwerk »Nachhaltige Wissenschaft« gemeinsam mit einer Plattform von Umwelt- und Entwicklungshilfeverbänden auf eine »demokratische Forschungswende«?

Schneidewind: Ja. Und wenn wir Beteiligung fordern, dann kommt Herr Stock mit dem Totalitarismus-Vorwurf!

ZEIT: Dieser Satz hat provoziert, Herr Stock: »Im 20. Jahrhundert haben wir in Deutschland zweimal auf bittere Weise erfahren, was es bedeutet, wenn Forschung und Wissenschaft ausschließlich in den Dienst sogenannter gesellschaftlicher Interessen gestellt werden.« Kann man den Wunsch nach Beteiligung von Umweltschützern oder kirchlich Engagierten mit der Gängelung durch Nazis und DDR-Ideologen gleichsetzen?

Stock: Ich ziehe keinen direkten Vergleich. Ich erinnere lediglich an Erfahrungen, die wir in Deutschland gemacht haben. Die Nazis vertrieben innerhalb von nur zehn Jahren die wichtigsten Leute aus einer faszinierenden Wissenschaftslandschaft, die über Jahrhunderte gewachsen war. Es dauerte bis weit in die siebziger Jahre, bis deutsche Forscher wieder an der Weltspitze mitarbeiten konnten. Auch die Akademie der Wissenschaften in der DDR hat Inhalte bis ins Detail kontrolliert.

ZEIT: Heute leben wir in einer Demokratie.

Stock: Das hat niemand bestritten. Aber wir müssen auch heute sehr genau darauf achten, dass Innovation ein sensibler Prozess ist und wissenschaftliche Durchbrüche sich von niemandem herbeibefehlen, herbeiwünschen oder organisieren lassen. So wäre zum Beispiel unsere Informationsgesellschaft nie entstanden, hätte ein demokratischer Entscheidungsprozess sie beschließen sollen. Wir brauchen die Forschungsfreiheit außerdem, damit vermeintliche Wahrheiten - Dogmen - gestürzt werden können, wie zuletzt in der Stammzellenforschung. Diese haben wir in Deutschland aus ethischen Gründen früh verboten. Auswege aus dem Dilemma haben dann kreative Kollegen im Ausland gefunden.

Günter Stock

hielt jüngst eine scharfe Rede: Als Verbände an der Forschungsplanung beteiligt werden wollten, verglich er das mit der totalitären Gängelung der Wissenschaft zur Nazi-Zeit und in der DDR. Stock ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Seit Jahrzehnten ist der frühere Medizinprofessor und Forschungsvorstand des Pharma-Unternehmens Schering auch ein wichtiger Weichensteller in der Wissenschaftspolitik. Der 70-Jährige wirkte in Gremien bedeutender Forschungsinstitutionen mit und repräsentiert auch die deutschen und europäischen Wissenschaftsakademien.

Schneidewind: Herr Stock, Sie versuchen, ein legitimes Interesse im Keim zu ersticken: die praxisnahe Wissenschaft vielstimmiger zu steuern. Schließlich stehen wir vor der riesigen Herausforderung, eine nachhaltige Gesellschaft zu schaffen.

ZEIT: Wo sehen Sie da Defizite, Herr Schneidewind?

Schneidewind: Bei der Energiewende konzentriert sich fast alles auf Technologieforschung. Nur ein, zwei Prozent der Ausgaben fließen in gesellschafts- oder wirtschaftswissenschaftliche Forschungsprojekte. Dabei wissen wir zu wenig darüber, wie wir Technologien ökonomisch vorantreiben und die Bürger zur Mitwirkung gewinnen können. Beim Verkehr investiert die Bundesregierung 500 Millionen Euro in die Elektromobilität. Aber es fehlen neue Konzepte für Mobilität und Stadtplanung. Diese Schieflagen gäbe es nicht, hätte die Zivilgesellschaft mitgeplant.

ZEIT: Müssen dafür aber unbedingt Kirchenvertreter oder Leute vom Naturschutzbund Nabu in einem Beirat des Bundesforschungsministeriums sitzen oder im Senat der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft?

Schneidewind: Die Industrie sitzt ja auch drin! Warum haben die Forschungsmanager vor deren Einfluss keine Angst?

Stock: Sie wissen selbst: Fast 70 Prozent der gesamten Forschung spielt sich in den Laboren der Industrie ab. Da sollte man sich schon darüber austauschen, woran zum Beispiel die Auto- oder Pharmaindustrie gerade arbeitet - auch um Kooperationen zu ermöglichen.

Schneidewind: Umso wichtiger sind andere Perspektiven dort, wo wir öffentliches Geld ausgeben. Aber wenn Landesregierungen wie in Nordrhein-Westfalen jetzt Vertreter der Zivilgesellschaft in die Gremien aufnehmen wollen, dann lehnen Sie das als politische Steuerung der Wissenschaft ab!

ZEIT: Wie frei sind die Forscher überhaupt noch? Viele klagen darüber, dass sie sich wegen der Abhängigkeit von Drittmitteln immer mehr an Vorgaben der Geldgeber orientieren müssen.

Stock: Die »Programm-Mäntel« sind weit geschnitten, da war man weise. Und weil die Freiheit der Wissenschaft ein Privileg ist, finde ich es richtig, dass sich Forscher um Gelder bewerben müssen.

Schneidewind: Aber heute bestimmt das Geld sogar schon die Rekrutierungskriterien für das Wissenschaftspersonal.

ZEIT: Wieso?

Schneidewind: Die Umweltverbände sind ja aufgewacht, als sie merkten, dass ihnen die Ansprechpartner abhandengekommen waren. Drei Jahrzehnte lang, seit den sechziger Jahren, gab es in den Hochschulen Forscher, die ihre Nachhaltigkeitsanliegen aufnahmen. Diese Generation geht jetzt in Pension. Und bei Neubesetzungen zählt nicht mehr, dass du ein kritischer Kopf bist. Du sollst anständig Drittmittel einwerben, managen, mit der Industrie kooperieren und die Mainstream-Paradigmen deiner Disziplin gut darstellen können.

Stock: Schon der Begriff »kritischer Kopf« irritiert mich. Wissenschaftler sind a priori kritisch, sonst könnten sie sich nicht dem Neuen zuwenden. Es sind Interessen, um die es hier geht, Herr Schneidewind, Interessen! Das muss man offen sagen.

ZEIT: Steht hinter dem Konflikt tatsächlich eine politische Frage, nämlich: Welche Gesellschaft wollen wir? Ob Energiewende, Ernährung oder Verkehr: Mit der Entscheidung darüber, wie viel Geld in welche Initiative fließt, werden bestimmte Wege in die Zukunft geöffnet - andere nicht.

Schneidewind: Das ist der Punkt. Konzentrieren wir uns allein auf Technologien, dann können wir auch nur technologieorientierte Zukünfte denken. Wir brauchen mehr Vielfalt in den Forschungsgremien, weil die Politik neue Fantasien braucht.

Stock: Regierungen und Parlamente haben die Aufgabe, gesellschaftliche Anliegen zu sortieren. Wenn ich diese Rolle jetzt teilweise den Nichtregierungsorganisationen, den NGOs, übertrage, dann frage ich: Was legitimiert sie? Mich stört, dass die Zivilgesellschaft mit organisierten Ökoverbänden gleichgesetzt wird. Und dabei lasse ich mich nicht in die Ecke der Technokraten stellen. Als wir Wissenschaftler in Brüssel dafür gekämpft haben, dass im neuen Rahmenprogramm wieder geistes- und sozialwissenschaftliche Themen eine Rolle spielen, da standen wir ziemlich allein. Das waren für die NGOs auch nur Begleitthemen. Also: Wer ist das, die Zivilgesellschaft?

Schneidewind: Zu klären, wer sie in der Forschung vertreten soll: Das ist schon ein Teil der Auseinandersetzung, die wir brauchen. Ich verstehe Ihre Abwehr einfach nicht. Pluralisierung ist doch immer ein Gewinn, selbst für die Grundlagenforschung sind Impulse aus der Gesellschaft inspirierend. Ohne sie gäbe es zum Beispiel kein Max-Planck-Institut für Altersforschung.

Stock: Natürlich sind wir für Anregungen offen. Deshalb sind unsere Ethikräte, Senate und anderen Gremien längst demokratisch organisiert. Das große Thema Demografie ist allerdings nicht von NGOs oder Medien aufgebracht worden. Wir Forscher erkennen Entwicklungen oft zehn, fünfzehn Jahre früher als die breite Öffentlichkeit.

Schneidewind: Einspruch! Gerade bei den brisantesten Themen hat die Wissenschaft dieses Gespür vermissen lassen.

ZEIT: Wo denn konkret?

Schneidewind: Bei der Atomenergie musste sich die Zivilgesellschaft eine kritische Expertise erst selbst organisieren und eigene Öko-Institute gründen. Heute leidet die Ökonomie an der fehlenden Witterung ihrer Zunft. Unser Wirtschaftssystem kommt an seine Grenzen, aber an den Hochschulen suchen frustrierte junge Leute vergeblich nach neuen Perspektiven. Vielleicht sollte man mal eines der Leibniz-Institute für Wirtschaftsforschung dichtmachen und als Hort für Querdenker neu errichten! Auch in der Bio- und Gentechnik haben Naturwissenschaftler die gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen übersehen.

Stock: Gewiss, es gibt auch Versäumnisse. Aber bei der Grünen Gentechnik muss ich Ihnen widersprechen. Da hat die von Ihnen apostrophierte organisierte Zivilgesellschaft durch medialen Machtmissbrauch die Forschung aus Deutschland vertrieben. Das ist ein Sieg der NGOs auf der ganzen Linie. Dabei ist auch nach 25 Jahren kein naturwissenschaftlicher Beweis dafür erbracht worden, dass diese Technik schädlich ist.

Uwe Schneidewind

fühlt sich durch Günter Stocks Rede provoziert. Der Wirtschaftswissenschaftler streitet in mehreren Netzwerken für mehr Demokratie in der Forschung. Sie soll dazu beitragen, dass die Gesellschaft nachhaltiger wird. Schneidewind machte sich als Präsident der Universität Oldenburg einen Namen als Hochschulrefomer. Der 48-Jährige leitet das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Er gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen an, dem Club of Rome, der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung und dem wissenschaftlichen Beirat des BUND.

Schneidewind: Die Mehrheit der Bürger kommt aus ganz anderen Gründen zu einem anderen Urteil als die Wissenschaft. Sie will das Vorsorgeprinzip bei offenen Restrisiken verteidigen und ist von den Nutzenversprechen der Gentechnik nicht überzeugt worden. Dass diese Perspektive von Ihnen als Missbrauch medialer Gewalt diskreditiert wird, als liefen da draußen 70 Prozent Verrückte herum, die sich von den NGOs verführen lassen ...

Stock: Das habe ich so nicht gesagt!

Schneidewind: ... das genau zeugt von der Voreingenommenheit der Institutionen, die mich so stört.

Stock: Ich erkenne ja an, dass sich die deutsche Gesellschaft gegen die Gentechnik entschieden hat. Aber angesichts des Hungers in der Welt bin ich sicher, dass wir die Debatte in neuer Form wiederbekommen werden.

Schneidewind: Diese Debatte hätte andere Lösungen hervorbringen können, hätte man nur früher versucht, zu verstehen, wie die Umweltverbände und breite Teile der Gesellschaft ticken.

ZEIT: Das Bundesforschungsministerium lädt bereits heute vielfältig zur Beteiligung ein. Rennen Sie mit Ihren Forderungen nach mehr Partizipation nicht offene Türen ein, Herr Schneidewind?

Schneidewind: Das BMBF ist einige gute Schritte nach vorn gegangen. Bei der Agenda für die künftige Stadtforschung etwa reden neben der Industrie jetzt auch Verbände, Umweltorganisationen und Oberbürgermeister mit. Das übrige Wissenschaftssystem aber bewegt sich kaum. Herr Stock, warum fragen Sie und Ihre Akademie nicht einmal von sich aus: In welcher Form ließe sich die Zivilgesellschaft optimal beteiligen? Wie organisieren wir wirkliches Querdenken?

Stock: So weit stimme ich mit Ihnen überein: Wir müssen höllisch aufpassen, dass der Mainstream nicht zu breit um sich greift. Es ist uns - obwohl unsere Wissenschaftlergeneration den Paternalismus abgelegt hat - auch leider noch nicht gelungen, auf Augenhöhe mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Aber auf gesellschaftliche Bedürfnisse zu reagieren darf nicht in eine unmittelbare Steuerung der Forschung münden. Das ist der Punkt, an dem wir uns trennen.

Aus DIE ZEIT :: 18.09.2014

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