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Mobile Paare in der Wissenschaft


von Kerstin Dübner-Gee, Gerrit Rößler, Benjamin Schäffner

Ergebnisse einer Dual Career-Umfrage des German Academic International Network (GAIN) unter jungen Wissenschaftlern und Konsequenzen für deren Förderung.

Mobile Paare in der Wissenschaft© mediaphotos - iStockphotos.comJunge Paare wünschen sich nach einer Umfrage des GAIN für eine doppelte Karriereplanung vor allem Unterstützung bei der Stellensuche
Für junge, hochqualifizierte Paare mit dem Wunsch, Karriere und Familie zu vereinbaren und eine Doppelkarriere zu realisieren, stellt internationale Mobilität oft eine starke Herausforderung dar. Dabei ist Mobilität vielfach eine notwendige Voraussetzung für eine Karriere. Entsprechende organisatorische Förderstrategien für Paare sind gefragt, die in den letzten zehn Jahren vor allem im internationalen Recruiting eine entscheidende Rolle spielten. 2012 sind es bereits etwa 50 Hochschulen, die Servicestellen etabliert haben oder sich mit der Entwicklung institutionalisierter Angebote befassen. 31 Hochschulen haben sich mittlerweile zum Dual Career Netzwerk Deutschland (DCND) zusammengeschlossen und sorgen hier für eine gemeinsame Professionalisierung. Darüber hinaus sind zahlreiche übergreifende Netzwerke entstanden, denen sich neben den außeruniversitären Forschungseinrichtungen vermehrt auch Unternehmen anschließen. Übergreifende Verbände, wie bspw. der Deutsche Hochschulverband (DHV), reagieren mit Best Practice Papieren oder Fortbildungsangeboten. Die DC-Services selbst sorgen durch die Entwicklung von DC-Verfahrenswegen für professionelle Prozesse, um die interne Akzeptanz zu fördern (vgl. bspw. Universität Konstanz mit öffentlich zugänglicher Policy). 2012 lässt sich also zu Recht behaupten, dass in Deutschland in Bezug auf die DC-Förderung in den letzten sechs Jahren einiges erreicht wurde. Sowohl die Forschung als auch die deutschlandweite Praxis haben sich entwickelt und die Situation hochqualifizierter Paare ins öffentliche Bewusstsein gebracht, so dass diese optimistisch in die Zukunft blicken können.

Bevor jedoch von einer europäischen Vorreiterrolle gesprochen werden kann, bedarf es noch umfassenderer Schritte. Hierzu gehören eine konsequente und transparente Förderpraxis, eine Ausschöpfung der Potenziale von internationalen Netzwerken und die auf Forschungsergebnissen basierende Entwicklung von innovativen Fördermaßnahmen für alle wissenschaftlichen Karrierestufen vs. die partielle "Eliteförderung". Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Weichen für eine Doppelkarriere sehr früh gestellt werden. Diese Erkenntnisse müssen einschneidende Auswirkungen auf die Ausdifferenzierung einer ganzheitlichen und auf die Karrieremobilität ausgerichteten Nachwuchsförderung haben. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten sind die derzeitigen Förderformen wie langfristige Beratungsservices, Finanzierung von Stellen etc. nur bedingt geeignet, diese jenseits der Eliten breitflächig dem Nachwuchs zur Verfügung zu stellen. Da die neue Generation karriereorientierter und international mobiler Paare für die Wissenschaft insgesamt von enormer Bedeutung ist und auch diese häufiger die vom DHV festgestellten neuen "Verhandlungssujets" prägen, ist eine systematische, personalpolitische Zuwendung zu deren Bedürfnissen elementar.

Situation des Nachwuchses - Blick auf die Ergebnisse einer GAIN Umfrage

Mobile Paare in der Wissenschaft
Die Erfahrungen, die Forscherinnen und Forscher mit einer DC-Herausforderung, dem Familiengründungswunsch und dem einer wissenschaftlichen Karriere immanenten Mobilitätsanspruch heute mitteilen, zeigen noch vielfach dringenden Handlungsbedarf, Informationsmangel und tatsächlich wenig Entlastung in dem von Mobilitätsentscheidungen geprägten Berufsalltag. Deutlich wird dies - neben Anfragen an deutsche Servicestellen - durch die Ergebnisse einer Umfrage, die das German Academic International Network (GAIN) 2011 im Rahmen der 11. Jahrestagung in Nordamerika durchgeführt hat. Den US-amerikanischen Universitäten wird oft eine Vorbildfunktion im Hinblick auf das Forschungsumfeld bezeugt. Gerade in diesem Umfeld war es interessant zu erfahren, ob deutsche Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bereits Erfahrungen mit Dual Career Services in den USA gemacht haben. Beobachtungen vor Ort zeigen, dass dortige Dual Career Einrichtungen kaum mit Instituten und der freien Wirtschaft verknüpft sind. Durch die aufwändigen Auswahl- und Bewerbungsverfahren um Stellen und Stipendien reisen viele Postdoc-Paare mit nur einer Stelle und einem Stipendium in das Ausland. Die Hoffnung ist, dass die Stellensuche vor Ort zu einer weiteren Beschäftigung für den Partner führt. Doch oft führen bürokratische Hürden wie Arbeitserlaubnisse oder universitäre Regelungen (z.B. kein Beschäftigungsrecht mit einem Ehegattenvisum) dazu, dass die Partner einer ehrenamtlichen oder gar keiner Beschäftigung nachgehen.

Diese Probleme wurden in persönlichen Beratungsgesprächen mit dem GAIN-Beirat (Beratungsorgan für die Geschäftsstelle in New York und Sprachrohr für Mitglieder) immer wieder thematisiert. Hinweise von in den USA erfolgreich tätigen Dual Career-Paaren mit Familie führten zur Entwicklung des Fragebogens, auf welchem die hier vorgestellte Umfrage basiert. Den Großteil der 166 Befragungsteilnehmern (davon 80 weiblich, durchgängig verheiratet bzw. in fester Partnerschaft) bilden die Postdocs, von denen der überwiegende Teil an US-amerikanischen Universitäten beschäftigt ist. 60 Paare befinden sich auf der gleichen wissenschaftlichen Karrierestufe. Nur sechs Prozent haben bereits Erfahrungen mit DC-Services in Deutschland gemacht. Fast 90 Befragte wollen nach Deutschland zurückkehren, während dies etwa 50 noch abwägen. Der Blick auf die Einschätzungen der Postdocs hinsichtlich der erwarteten Mobilitätskonsequenzen und den erhofften DC-Support präsentiert sich als problematisch und bezüglich dessen, was auf die Rückkehrer zukommt, als wenig optimistisch. Es existiert kein klares Bild über Unterstützungsmöglichkeiten oder realistische Erwartungen an zukünftige Arbeitgeber. Besonders bemerkenswert ist, dass mit DC-Förderung tendenziell das US-amerikanische Modell des Dual Hire erhofft wird, dem die deutschen Wissenschaftsbetriebe so nicht nachkommen können und dessen Nebenwirkungen seitens der Paare auch nicht umfänglich abgeschätzt werden. Deutlich stellen die Befragten den engen Zusammenhang zwischen der DC-Thematik und der Vereinbarkeit mit Familie heraus. 50 Befragte haben bereits Kinder und verbinden mit DC-Support vor allem einen funktionierenden Familienservice. Etwa 55 Prozent schätzen die beruflichen Aussichten ihrer Partner bei einer Rückkehr als gut ein, hingegen beurteilen 40 Prozent die Lage als sehr schlecht. Die Befragten verdeutlichen auch den klaren Wunsch nach einer aktiven Unterstützung bei der Stellensuche und eine konkrete Ansprechperson, die bei der Kontaktvermittlung behilflich ist (siehe Abbildung).

In Bezug auf die gewollte Rückgewinnung eröffnet die Umfrage der deutschen DC-Förderung eine deutliche Agenda (ungeachtet weiterer Mobilitätsstudien, bspw. den Europaraum betreffend, hinsichtlich derer ähnlich prekäre Ergebnisse erwartbar sind).

Internationale Netzwerke - das Beispiel GAIN

Wenngleich regionale DC-Netzwerkansätze seit geraumer Zeit als Erfolgsgarant gelten, spielen internationale Netzwerke und übergreifende "Brücken" noch eine untergeordnete Rolle. Die Potenziale sind kaum erkannt, sollten aber für eine wirksame Förderungspolitik stärker gewichtet werden. Sehr erfolgreich operiert hier bereits GAIN, welches feststellt, dass Qualität und Finanzierung der Forschung in Deutschland nicht mehr die Themen sind, die den wissenschaftlichen Nachwuchs in erster Linie beschäftigen. Stattdessen ist die langfristige Planungssicherheit von wissenschaftlichen Karrieren in den Vordergrund getreten, zunehmend mit der Frage nach der Karriere der Partner oder dem Wunsch, die eigenen Kinder in Deutschland großzuziehen. Vor allem hinsichtlich der Mobilität bi-nationaler Partnerschaften präsentiert sich die Situation für den Nachwuchs komplex. Spezifische Veranstaltungen von GAIN sorgen für entsprechende Foren, innerhalb derer die Stipendiaten ihre diesbezüglichen Unsicherheiten an die Verantwortlichen in Deutschland richten. Hierzu gehören beispielsweise die Jahrestagungen deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nordamerika, die in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal stattfindet. Das Thema "Doppelkarriere" wurde seitens der Teilnehmer zunehmend thematisiert, so dass 2008 erstmalig der Workshop "Erfolgreich Karriere und Familie vereinbaren" veranstaltet wurde. Aufgrund des deutlichen Interesses finden seither die DC-Workshops jedes Jahr prominent besetzt statt, meist durch das Munich Dual Career Office der TUM und den DHV. Zudem ist das DCND bereits im dritten Jahr auf der tagungsbegleitenden Karrieremesse mit einem Beratungsstand vertreten. Konkrete Anfragen verzeichnet GAIN auch häufig auf kleineren Netzwerk- und Informationsevents, die dann im Gespräch beantwortet oder an die Experten in Deutschland weitergeleitet werden. Darüber hinaus bietet GAIN online einen Überblick über Förder- und Beratungsangebote für Wissenschaftlerpaare in Deutschland. Beispiele wie GAIN oder auch Euraxess (durch Information unterstützend) bzw. DC-spezifische internationale Netzwerke existieren noch selten, wenngleich sich einige private Anbieter etabliert haben, wozu "Net Expat", "Spouse Career Center" oder "InterNations" gehören.

Öffnung für internationale Perspektive

Die Zielsetzung des deutschen Wissenschaftssystems, Deutschland zu einem "Magneten für Spitzenforschung" zu entwickeln, rechtfertigt den ehrgeizigen Anspruch, in der DC-Förderung die "europäische Vorreiterrolle" einzunehmen. Folgende Strategien sind aus Praxissicht zielführend:

1. Internationale Netzwerke:
Die deutsche DC-Förderung bewegt sich zu stark auf nationaler Ebene. Eine Öffnung für eine internationale Perspektive schließt vor allem in Mobilitäts- bzw. Rückkehrprogrammen eine wichtige Lücke. Es ist davon auszugehen, dass es leicht gelingt, Interessensgemeinschaften mit anderen Ländern (bspw. auf EU-Ebene) einzugehen, da das Thema weltweit das Wissenschaftsmanagement beschäftigt. Gefragt ist vor allem das Vernetzungsgeschick der Beraterinnen und Berater, die sich hinsichtlich kollegialer Vernetzung international orientieren müssen. Ein entscheidender Schritt kann die Institutionalisierung der internationalen Zusammenarbeit bestehender DC-Netzwerke sein.

2. Vorbereitungsprogramme:
Die Vorbereitung auf DC- und Mobilitätsherausforderungen muss zum festen Bestandteil von Nachwuchsförderungs-, Stipendien- und Mobilitätsprogrammen werden (vor Stellenantritt im Ausland und vor der Rückkehr). Für eine innovative Förderung und Vermeidung von Karrierebrüchen sowie Reibungsverlusten ist die ganzheitliche Vorbereitung des Nachwuchses essentiell. Mit ausbildungsbegleitenden Reflexionsmöglichkeiten als Teil der Karriereförderung kann bereits auf Studierendenebene angesetzt werden, spätestens jedoch in PhD-Programmen (wie sie derzeit z.B. innerhalb der TUM Graduate School geplant werden). Einen besonderen Stellenwert sollten Trainings zum Netzwerkaufbau und -pflege erhalten, da fundierte Netzwerke einen entscheidenden Erfolgsfaktor für Doppelkarrieren bilden.

3. Informations- und Kommunikationspolitik:
DC-bezogene Informationsstrukturen müssen ausgebaut und internationalisiert werden (u.a. auch stärkere Integration des Themas in internationale Konferenzen). Hierzu gehören eine barrierefreie Information über Supportstrukturen und Anlaufstellen sowie Aufklärungsarbeit hinsichtlich des von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oft bevorzugten "Dual Hiring Konzepts". Konsequenzen durch organisationsinterne Kontroversen müssen genauso thematisiert werden wie mögliche langfristige Auswirkungen auf Partnerinnen und Partner. Dies erfordert einen sensiblen, aber transparenten Umgang mit dem Thema. Nicht nur die Wissenschaftsbetriebe müssen ihre Kontaktpersonen und Anlaufstellen offensiv kommunizieren, sondern auch Förderorganisationen sollten konkrete Ansprechpartner benennen.

Konsequente Zuwendung

Der Forschungsstandort Deutschland lebt von den besten Köpfen. Um diese zu gewinnen, rück-zu-gewinnen oder langfristig zu binden, kommt es mehr denn je darauf an, sich konsequent deren Bedürfnissen nach Familie und Kindern zuzuwenden. Hierfür ist es wichtig, aktuelle Forschungsergebnisse, Studien und Praxiserfahrungen noch stärker in das Handeln der Akteure in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik einzubeziehen und seitens der Bildungsinstitutionen junge Menschen auf diese Herausforderungen und Dynamiken vorzubereiten. Doppelkarrierepaare gehören ins Zentrum internationaler Vernetzungsstrategien sowie arbeitsmarktpolitischer Bemühungen.



Über die Autoren
Kerstin Dübner-Gee leitet das Munich Dual Career Office der TUM und ist zuständig für die Koordination des Zukunftskonzepts der Exzellenzinitiative an der TU München.

Gerrit Rößler ist GAIN-Programmleiter in der DAAD Außenstelle in New York.

Benjamin Schäffner arbeitet bei der Evonik Industries AG als Projektmanager und ist Beiratsmitglied von GAIN.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

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