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Modelle bauen in der Nacht

VON OLIVER BURGARD

Von Kunst bis Tragwerkslehre - das Architekturstudium ist vielseitig. Das Centrum für Hochschulentwicklung hat das Fach neu bewertet.

Modelle bauen in der Nacht© Maxim_Kazmin - Fotolia.comIm Architekturstudium stehen der Entwurf und die kreative Arbeit an erster Stelle
Eine Baustelle sorgt für Ärger: Der Keller des Rohbaus ist feucht, der Putz an den Wänden hat Risse. Wer ist verantwortlich? »Für den feuchten Keller der Architekt«, sagt Esther Müller. »Da es sich bei Abdichtungsarbeiten um ein wichtiges und kritisches Gewerk handelt, ist er in der Pflicht, diese Arbeiten ständig zu kontrollieren.« Für die Risse im Putz könne man den Architekten dagegen nicht zur Rechenschaft ziehen, denn »für handwerklich übliche Tätigkeiten wie Putzarbeiten ist der beauftragte Handwerker zuständig«.

Esther Müller, 22, ist keine Juristin, sie studiert Architektur im sechsten Semester an der FH Düsseldorf. Ihre juristischen Kenntnisse hat sie aus einem Seminar zum Architektenrecht. »Die Inhalte des Studiums sind viel komplexer, als ich am Anfang gedacht habe«, sagt Müller. Auch ihre Vorstellungen von der Arbeitswelt haben sich geändert. In einem Seminar zum Baumanagement hat sie gelernt, wie in einem Architekturbüro gearbeitet wird und dass jedes Bauprojekt in neun »Leistungsphasen« eingeteilt wird. Das bedeutet: »Die gestalterischen Aufgaben machen nur einen kleinen Teil der Arbeit aus, der Rest ist Organisation und Koordination.«

Im Architekturstudium ist das anders, da stehen der Entwurf und die kreative Arbeit an erster Stelle. Die Studenten trainieren ihr räumliches Vorstellungsvermögen durch perspektivisches Zeichnen, sie fotografieren und malen, sie planen kleine und große Bauwerke, und sie lernen, wie man diese als Modelle darstellt. Außerdem arbeiten sie am Computer mit CAD-Software (computer-aided design), um Baupläne zu erstellen. Im Architekturstudium sei man permanent mit Entwürfen und Modellen beschäftigt, sagt Dario Bittkau, 25, Masterstudent im zweiten Semester an der Uni Hannover. »Wir arbeiten oft auch nachts und am Wochenende, anders geht das nicht.« Weil der kreative Charakter des Studiums dem Arbeitsalltag der meisten Architekturbüros nicht entspricht, werden Fachvertreter bisweilen mit dem Vorwurf konfrontiert, die Ausbildung sei praxisfern. Herbert Bühler, Architekturprofessor an der FH Münster, entgegnet, dass die kreative Arbeit, das Entwerfen, immer in einem Kontext stattfinde: »Man muss den Entwurf als Teil eines komplexen Planungsprozesses begreifen und die Umsetzung beim Entwerfen bereits mitdenken.«

Modelle bauen in der Nacht © CHE-Ranking
Dazu braucht es neben kreativem Talent auch eine große Portion technisches Verständnis. Das wird den Studenten in Fächern wie Tragwerkslehre und Baukonstruktion vermittelt, außerdem stehen auch Bauphysik, Bauchemie und Baustoffkunde auf den Lehrplänen. Jeder Architekt muss zudem wissen, wie Heizung, Lüftung, Elektrotechnik und Wasserversorgung funktionieren. An Bedeutung gewonnen haben ökologische Themen. Die Studenten lernen, wie man die Energieeffizienz von Gebäuden berechnet und das Raumklima durch die Verwendung besonderer Baumaterialien beeinflussen kann. Auch Dario Bittkau hat sich im Bachelorstudium intensiv mit Fragen der Wärmedämmung und der aktuellen Energieeinsparverordnung auseinandergesetzt: »Die muss man kennen, denn sie gilt für jeden Neubau.«

Die Laufbahn im Architekturbüro wird seltener - der Arbeitsmarkt ändert sich

Während die Energieeffizienz von Gebäuden inzwischen zu den Standardthemen der Ausbildung gehört, sind die Baukosten noch nicht auf allen Lehrplänen angekommen. »Die spielen bei unseren Entwürfen keine Rolle«, sagt die Düsseldorfer Studentin Esther Müller, »das ist eher ein Thema für das Masterstudium.« An anderen Hochschulen, etwa der FH Münster, wird die Kostenkalkulation als Teil des Planungsprozesses bereits ins Bachelorstudium integriert. »Wer Baukonzeption lehrt, sollte auch auf Wirtschaftsfragen eingehen«, sagt Bühler.

Mit der Entwicklung von wirtschaftswissenschaftlichen und baurechtlichen Modulen reagieren viele Hochschulen auf Veränderungen des Arbeitsmarktes, denn eine berufliche Laufbahn in einem Architektur- oder Ingenieurbüro ist für die Absolventen nicht mehr die Regel. Viele arbeiten im Management von Baufirmen oder koordinieren bei Behörden Bauaufträge. Von allen offenen Stellen für Architekten, die der Bundesagentur für Arbeit 2012 gemeldet wurden, entfielen nur 48 Prozent auf Architektur- und Ingenieurbüros. Jede fünfte Stelle kam aus der öffentlichen Verwaltung, und sieben Prozent waren aus dem Baugewerbe. Aber auch im Architekturbüro sei kaufmännisches Verständnis gefragt, sagt Robert Jöst, Referent für Architektur und Bautechnik in der Bundesarchitektenkammer.

Einer Umfrage unter freiberuflichen Kammermitgliedern nach arbeitet etwa ein Drittel der selbstständigen Architekten allein. Wer in Deutschland als Freiberufler den Titel Architekt tragen will, braucht einen Eintrag in einer Landesarchitektenkammer. Für die »Kammerfähigkeit« muss man nach europäischem Gesetz zwei Jahre Berufserfahrung und ein mindestens vierjähriges Studium nachweisen. Das entspricht entweder einem dreijährigen Bachelor- und einem zweijährigen Masterstudium oder einem achtsemestrigen Bachelorprogramm, wie es fast jede fünfte deutsche Hochschule anbietet.

Aus DIE ZEIT :: 16.05.2013

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