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Motive, Chancen und Risiken von Auswanderung: Fragen an eine Beraterin des Raphaels-Werks

 

Das Raphaels-Werk bietet Auswanderwilligen umfassende Beratung an. Nicht falsche Hoffnungen und Versprechungen, sondern ausgewogene und verantwortliche Entscheidungen sollen zugrunde liegen, wenn es tatsächlich heißt: "Tschüss Deutschland".

Motive, Chancen und Risiken von Auswanderung: Fragen an eine Beraterin des Raphaels-Werks© Raphaels-WerkChristina Busch
Forschung & Lehre: Welches sind die häufigsten Beweggründe für eine Auswanderung? Überwiegen eher berufliche oder eher private Gründe?

Christina Busch: Die Motivationslage der Menschen, die mehr oder weniger konkret darüber nachdenken, temporär oder auf Dauer auszuwandern, ist so individuell wie die jeweiligen Menschen selbst. Häufig ist es ein Bündel unterschiedlicher Beweggründe. Die beruflichen Gründe, Berufseinstieg, berufliche Weiterentwicklung und Perspektiven, Karrieremöglichkeiten, ein neuer Arbeitsplatz nach Zeiten von Arbeitslosigkeit gehen einher mit persönlichen Gründen wie z.B. der Wunsch nach Veränderung oder einer anderen Lebensperspektive. Nicht zuletzt kann natürlich auch die Liebe zu einem Lebenspartner im Ausland das Motiv sein.

F&L: Welche Einwanderungsländer sind in der letzten Zeit die begehrtesten?

Christina Busch: Besonders beliebt ist der Schritt in die Nachbarländer Deutschlands. Laut Statistischem Bundesamt gingen 2007 23.000 Deutsche in die Schweiz und jeweils mehr als 10.000 Personen nach Österreich und Polen. Aber auch andere EU-Staaten, wie z.B. Spanien, Schweden, Großbritannien und Norwegen, spielen eine Rolle. Nicht wenige zieht es allerdings in die Ferne, wie z.B. die USA, nach Kanada und Asien.

F&L: In welchen Ländern sind die Chancen für einen Neuanfang am besten?

Christina Busch: Es ist abhängig von der konkreten Person, in welchem Land ein Neuanfang am ehesten gelingen kann, d.h. welche Möglichkeiten bietet der Arbeitsmarkt im möglichen Zielland für den erlernten Beruf, wie gut sind die Kenntnisse der Landessprache und des Landes selbst, welche individuellen Erwartungen werden mit diesem Schritt verbunden und wie hoch ist die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf das andere 'System' und die andere Kultur einzulassen.

F&L: Wie kann man eine Auswanderung gründlich vorbereiten? Worauf muss man dabei besonders achten?

Christina Busch: Eine Auswanderung, temporär oder auf Dauer, sollte möglichst umfassend vorbereitet werden. Zunächst sind sicherlich umfängliche Informationen über das Zielland notwendig. Wie z.B. ist die Situation auf dem dortigen Arbeitsmarkt, gibt es für den erlernten Beruf Arbeitsmöglichkeiten, ist zuvor die Anerkennung der beruflichen Qualifikation erforderlich, ist eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis notwendig, wenn ja, was sind die Bedingungen, um diese zu erhalten, wie sieht das System der sozialen Sicherheit aus (gibt es Sozialversicherungsabkommen?) und wie das Schul- und Bildungssystem (wenn Kinder mitkommen), wie gut sind die vorhandenen Sprachkenntnisse, wie ist die andere Lebens- und Arbeitskultur, ist das Zielland überhaupt aus persönlichem Erleben bekannt? Empfehlenswert ist ebenfalls, sich Zeit für die Entscheidung zu nehmen und eine größtmögliche Klarheit hinsichtlich der eigenen Motivation und der persönlichen Erwartungen zu gewinnen. Nicht zu unterschätzen sind auch die Kosten, die eine mögliche Auswanderung mit sich bringt.

F&L: Welches sind die häufigsten Startschwierigkeiten in einem fremden Land? Inwieweit sind sie überhaupt vermeidbar?

Christina Busch: Auch durch eine gründliche Vorbereitung lassen sich einige Startschwierigkeiten sicherlich nicht vermeiden, da diese relativ 'normal' sind. Jeder 'Umzug', auch in ein fremdes Land, bringt es mit sich, dass sich jemand am neuen Ort erst einmal in den alltäglichen Dingen zurechtfinden muss; einfach ausgedrückt: Wo finde ich was? Ist genügend Zeit für die verschiedenen Behördengänge eingeplant? Wie sieht es mit der Unterkunft aus? Wie aufwendig ist es, ein neues Bankkonto zu eröffnen? Eine Herausforderung ist sicherlich auch dann tatsächlich in einer fremden Sprache zu kommunizieren, am Arbeitsplatz und im Lebensalltag. Und früher oder später kommt auch der 'Kulturschock' und das 'Heimweh' nach dem alten Zuhause, den bekannten und vertrauten Gegebenheiten. Ein 'Phänomen', welches jeden trifft, auch wenn das konkrete Ausland auf den ersten Blick so fremd nicht erscheinen mag.

F&L: Ist es für Einzelpersonen oder für Familien leichter auszuwandern?

Christina Busch: Die Vorbereitung einer Ausreise, ob zeitlich befristet oder auf Dauer und der sich daran anschließende "Umzug" einer einzelnen Person dürfte i.d.R. mit weniger Aufwand verbunden sein, allerdings ist eine einzelne Person auch mit allen neuen Herausforderungen zunächst auf sich selbst gestellt. Im Vergleich dazu ist der gesamte Aufwand für eine Familie sicherlich größer und setzt eine weitestgehende gemeinsame Entscheidung voraus, allerdings können die 'anfallenden' Aufgaben verteilt werden.

F&L: Welche Schwierigkeiten gibt es, wenn man wieder zurückkommen will?

Christina Busch: Im Zusammenhang mit einer Rückkehr nach Deutschland spielt zum einen eine Rolle, ob die Möglichkeit einer Rückkehr bereits vor Ausreise zumindest mitgedacht worden ist, ob die Ausreise entsprechend vorbereitet war, und zum anderen wie lange der Auslandsaufenthalt gedauert hat. Und auch eine Rückkehr will vorbereitet sein. Je nachdem wie lange jemand im Ausland war - hier spielt es eine Rolle, in welchem Land -, wird es nach der Rückkehr eine Phase des 'Kulturschocks' geben; das Land und die Umgebung, in die jemand zurückkehrt, werden sich verändert haben und die Rückkehrer natürlich auch. Eine 'Re- Integration' ist auch davon abhängig, ob zeitnah zur Rückkehr eine Beschäftigung aufgenommen werden kann (sofern jemand noch nicht das Rentenalter erreicht hat) oder ob eine Zeit von Arbeitslosigkeit überbrückt werden muss. Gibt es eine Unterkunft oder Wohnung bzw. verfügt jemand über die finanziellen Mittel, eine Unterkunft oder eine Wohnung zu mieten? Je ungünstiger die Startoptionen, desto schwieriger wird die 'Re-Integration' in Deutschland.

Zur Person
Christina Busch berät im Raphaels-Werk» des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin Auswanderwillige zu allen Fragen, die mit dem Wechsel ins Ausland verbunden sind.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

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