Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Mr. Njet aus Meck-Pomm

VON JAN-MARTIN WIARDA

Manchen gilt Wissenschaftsminister Mathias Brodkorb als Autist, andere halten ihn für einen Mann mit großen Ideen. Porträt eines ungewöhnlichen Politikers.

Mr. Njet aus Meck-Pomm© David-W- - photocase.deBrodkorb, der Philosoph und Schnellredner, polarisiert seine Umgebung durch seine häufig kontroverse Meinung
Neulich hatte er mal wieder all seine Kollegen gegen sich. Die Kultusminister der 16 Länder wollten gemeinsam eine Erklärung abgeben, zur Zukunft der Bologna-Reform. Dabei hatte er, Mathias Brodkorb, von Anfang an gesagt, dass er bei einem »Jubelpapier« nicht mitmachen werde. Es lief dann, wie es in letzter Zeit häufiger gelaufen ist: Ein bisschen Gezerre hinter geschlossenen Türen, ein paar neue Formulierungen, und am Ende sagt Brodkorb Nein. Abstimmungsergebnis: 15 zu 1. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und Hochschulrektorenkonferenz hätten sich »klar zur Europäischen Studienreform bekannt«, stand später in der Pressemitteilung. Brodkorbs Kommentar lautete: »Es gibt in der KMK eine große Bereitschaft, Vorschläge abzunicken.« Angesichts solcher Sätze, die Mecklenburg-Vorpommerns Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur nicht nur hinter vorgehaltener Hand äußert, kann man sich vorstellen, dass sich seine Popularität im Kollegenkreis in Grenzen hält. Ein Autist sei der, das Gegenteil von einem Teamplayer, ein Möchtegern-Intellektueller, der sich schick vorkomme in seiner Außenseiterrolle. Das sind die Beschreibungen, wenn man unter seinen Amtskollegen nach Brodkorb fragt, parteiübergreifend. Spricht man mit den Hochschulrektoren im Nordosten der Republik, hört man allerdings auch andere Sätze: Der 39 Jahre alte Minister, der überall mit seinem Laptop auftaucht, sei einer, der Wort halte. »Der sagt nicht immer, was man hören will. Aber er tut, was er sagt.«

Es ist eine seltsame Mischung aus Frust und Anerkennung, die man über den Mann zu hören bekommt, in dessen Verantwortungsbereich nicht mal zwei Prozent der deutschen Studenten fallen und der es doch geschafft hat, mit seinen Positionen zu einem der bundesweit bekanntesten Ressortchefs aufzusteigen. Am 4. September sind Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, und für Brodkorb und seine SPD geht es um viel. So wenig Masse er bundespolitisch in die Waagschale werfen kann, so gewaltig ist seine Hausmacht. Der Zuschnitt seines Ministeriums ist einzigartig: Schule, Hochschule, Forschungseinrichtungen, Kitas, Theater und Museen, alles drin. Brodkorb ist Dienstherr von geschätzten 51 Prozent aller Landesbediensteten, die restlichen 49 Prozent verteilen sich auf die sieben anderen Ministerien und die Staatskanzlei.

Mit 10 verlässt er die DDR, mit 17 liest er Marx, mit 20 wechselt er von der PDS zur SPD

Brodkorb kokettiert gern. Er sei hauptsächlich dafür da, dass der Unterrichtsausfall sich in Grenzen halte und genügend Lehrer ins Land kämen. Und was seinen Einfluss in der bundesweiten Wissenschaftspolitik angehe: »Bisher hat es noch kein Schwanz geschafft, mit dem Hund zu wedeln.« Im nächsten Moment gibt er dann aber zu Protokoll, dass er einen Plan in der Tasche habe, um den Finanzierungswirrwarr zwischen Bund und Ländern »ganz einfach« zu entwirren. Widerspruch und Widersprüchlichkeit, das sind die zwei Konstanten in Brodkorbs politischer Biografie. 1987 im Alter von zehn Jahren aus der DDR ausgereist und zu seinem Vater nach Österreich gezogen, 1992 nach Rostock zurückgekehrt. Mit 17 setzt er sich in die Stadtbibliothek und arbeitet die Schriften von Marx durch; einfach weil es ihn interessiert. Er tritt in die PDS ein, studiert Philosophie um des Marxismus willen, über das Studium wendet er sich von Marx ab und der antiken Philosophie zu. 1997 wechselt Brodkorb in die SPD. Er engagiert sich gegen den Rechtsradikalismus, erfindet Storch Heinar, einen Vogel mit Hitlerbärtchen und Stahlhelm, mit dem er die bei Rechtsradikalen beliebte Modemarke Thor Steinar veralbert. Marx, Platon und Aristoteles seien für ihn wichtige politische Autoren gewesen, sagte Brodkorb mal in einem Interview. Gemeinsam sei ihnen die Wichtigkeit des Gerechtigkeitsbegriffs, doch es gebe Unterschiede: Marx glaube, dass nur Institutionen soziale Unterschiede beseitigen könnten; Aristoteles und Platon dagegen betonten, dass eine gerechte Gesellschaft nicht ohne gerechte Menschen zu haben sei. »Wie gut oder schlecht unsere Gesellschaft ist, entscheiden wir also jeden Tag, und zwar in uns selbst.« Das wichtigste Politikfeld, so Brodkorbs Schlussfolgerung, sei daher nicht die Wirtschafts- oder Steuerpolitik, sondern die Bildung.

Brodkorb sagt, er selbst könne nicht entscheiden, was er eigentlich sei: »ein linker Konservativer oder ein konservativer Linker? Keine Ahnung.« Eins aber wolle er immer sein: geradeheraus. Ein paar seiner Positionen: Die Hochschulen befänden sich im Hamsterrad, seit die Bologna-Reform das Studium verschult habe und fast alle Bundesländer sogenannte Steuerungssysteme etabliert hätten. Beim Erreichen bestimmter Kennzahlen winken den Hochschulen seitdem Prämien - was Brodkorb für absurd und wirkungslos hält. Und dann dieses Punktezählen: Für jede Prüfung gibt es sogenannte Creditpoints. Für Bologna-Fans sind sie ein Zeichen von Verlässlichkeit, für Brodkorb eine Kunstwährung, die das Professor-Studenten-Verhältnis bürokratisiert habe. Apropos Bürokratisierung: Seit rund 15 Jahren müssen Studiengänge akkreditiert, das heißt von Gutachtern für tauglich erklärt werden. Für Brodkorb ist dies ein administratives Monstrum, am Ende entscheide nicht die Qualität der Studienangebote, sondern das private Geschmacksurteil der Akkreditierer. Darum hat Brodkorb im Mai die Petition einer Gruppe Heidelberger Professoren unterstützt, die sich »an die Wissenschaftsminister und Landtage aller Länder« richtet und die ersatzlose Streichung der Akkreditierung fordert. Er unterschrieb also quasi eine Petition an sich selbst. Als die KMK wenig später ein Eckpunktepapier verabschiedete, das statt Abschaffung eine Reform des Systems vorsah, ging die Abstimmung aus wie gewohnt: 15 zu 1.

Brodkorb inszeniert sich als Kämpfer gegen das Establishment. Aber ist er das wirklich?

Im Widerspruch inszeniert sich Brodkorb geschickt als Kämpfer gegen das politische Establishment und bekommt dafür viel Beifall: von der Professorengewerkschaft DHV genauso wie von prominenten Gegnern der Studienreform, dem Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin zum Beispiel. Allerdings: In einem Hochschulsystem, in dem die Professoren nur zehn Prozent der Beschäftigten stellen, aber fast alle Macht auf sich vereinen, wer ist da das wahre Establishment? Haben wirklich alle Professoren einen eingebauten Qualitätskompass? Und ist die möglichst große Freiheit der Hochschullehrer von Regeln und Verpflichtungen wirklich gleichbedeutend mit der Freiheit von Forschung und Lehre? Brodkorb macht es sich mit den Antworten auf diese Fragen nicht leicht. Besonders deutlich wurde das, als Brodkorb und seine Kollegen an einem Abend Ende Januar zuhörten, wie Dieter Imboden die Empfehlungen seiner Expertenkommission zur Zukunft der Exzellenzinitiative vortrug. Die meisten Minister, erinnert sich der Schweizer Wissenschaftsmanager, hätten danach erwartbare Fragen gehabt, sortiert nach den politischen Lagern, sie seien offensichtlich mit vorgefertigten Meinungen gekommen. Nicht so Brodkorb. »Der hat von allen die intelligentesten Fragen gestellt«, sagt Imboden. »Der wollte wirklich verstehen, um was es uns geht.«

Das, berichten Mitarbeiter seines Ministeriums, wolle Brodkorb immer: Der Minister mit dem größten Apparat entscheide am liebsten alles selbst. Mit dem dazugehörigen Frustpotenzial für seine Verwaltung. Im Umkehrschluss, so sagt ein Professor, bedeute das außerdem: »Nur da, wo ihn etwas interessiert, passiert auch was.« Imboden indes war so beeindruckt, dass er sich Brodkorb als Gesprächspartner wünschte, als die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ihn zur öffentlichen Diskussion über die Exzellenzinitiative einlud. Als er dann da ist, fällt der junge Minister erst mal gar nicht weiter auf, wie er auf der Dachterrasse hoch über dem Gendarmenmarkt steht mit seinem Bart, der Brille und der selbst gedrehten Zigarette in der Hand. Später, als es losgeht, unten im holzgetäfelten Saal, hat Brodkorb seinen Laptop auf dem Schoß und redet so wie immer: beiläufig zunächst, als sei ihm das alles gar nicht so wichtig, ein bisschen stockend, dann plötzlich ist der Gedanke da, und fast atemlos präsentiert er seine Idee, dass der Bund denjenigen Ländern eine Belohnung geben soll, die schon heute überproportional viel in ihre Hochschulen stecken - und den übrigen nur dann, wenn auch sie mehr Geld lockermachen. »Ein Fahrstuhl für die Wissenschaft«, sagt Brodkorb und klickt sich durch ein paar Tabellen, während Imboden ihn lobt: Eine wirklich spannende Idee sei das. Es ist womöglich die größte Überraschung: Brodkorb, der Philosoph und Schnellredner, der nichts hält von platten Kennwerten und angeblichen Steuerungseffekten, kann gut mit Zahlen. So gut, dass manche ihn nach der Landtagswahl als neuen Finanzminister handeln. Er selbst sagt dazu nur einen typischen Brodkorb-Satz: »Wenn mein Name Spekulatius wäre, würde ich darüber spekulieren.«

Aus DIE ZEIT :: 18.08.2016

Ausgewählte Stellenangebote