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Müssen wir alle Ingenieur werden...

Interview: INGE KUTTER

Oder sind andere Fachgruppen in Zukunft ähnlich begehrt? Das fragten wir den Industrie- und Elitensoziologen Michael Hartmann.

Müssen wir alle Ingenieur werden...© Hannes Röst - Wikimedia CommonsMichael Hartmann ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt
DIE ZEIT: Herr Hartmann, die Nachfrage nach Absolventen der Ingenieurwissenschaften ist groß, während Geisteswissenschaftler weiter Schwierigkeiten haben, nach dem Abschluss sofort eine Stelle zu finden. Sollten sie lieber umsatteln?

Michael Hartmann: Nein, denn wir haben bei Ingenieuren seit Jahrzehnten einen Wechsel von Mangel und Überschuss. Die Unternehmen, die jetzt klagen, würden ihre Mitarbeiter gern aus einer Menge junger qualifizierter Ingenieure auswählen können. Es stehen aber noch ältere arbeitslose Ingenieure zur Verfügung, auf die nicht zurückgegriffen wird. Der Mangel wird sich erst dann verschärfen, wenn die Jahrgänge kleiner werden.

ZEIT: Darum werben die Verbände der technischen Berufe jetzt schon an den Schulen: Sie wollen mehr künftige Studenten für ihre Fächer begeistern. Sollten die sich begeistern lassen, um ihre Berufschancen zu verbessern?

Hartmann: Aus jemandem, der mathematisch unbegabt ist, kann man keinen Ingenieur machen. Wer gegen seine Interessen studiert, wird in seinem Beruf nie richtig gut werden; damit verschlechtert er seine Chancen eher. Gerade der Ingenieurberuf erfordert Talent und Leidenschaft. Übrigens würde ich auch keiner Frau raten, nur wegen der besseren Karrieremöglichkeiten Ingenieurin zu werden. Eine Doktorandin von mir hat herausgefunden, dass die Arbeitslosigkeit unter Ingenieurinnen nicht geringer ist als die unter Frauen, die typische Frauen fächer studieren.

ZEIT: Woran liegt das?

Hartmann: Die Ingenieurberufe sind immer noch Männerbastionen, das bestimmt die Arbeitskultur. Zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass die Mitarbeiter weitgehend frei verfügbar sind - Mütter sind das aber nicht. Da Personalabteilungen das wissen, stellen sie Frauen entsprechend zurückhaltend ein.

ZEIT: Dass es noch so wenige Ingenieurinnen gibt, liegt also gar nicht an den Rollenbildern von puppenspielenden Mädchen und klötzchenbauenden Jungen?

Hartmann: Doch, daran auch. Es würde aber sehr lange dauern, diese Stereotype flächendeckend zu ändern, damit sich mehr Frauen für den Ingenieurberuf interessieren. Viel einfacher wäre, die Frauen, die Interesse zeigen, nicht abzuschrecken.

ZEIT: Trotzdem: Die Ingenieurwissenschaften gelten als Fach, das den sozialen Aufstieg ermöglicht. Warum nützen nicht mehr junge Menschen diese Chance?

Hartmann: Viele, die sie nützen können, tun das bereits. Es sind die Kinder von Facharbeitern, die oft ein Fachhochschulstudium anstreben und damit auf der sozialen Leiter eine Stufe höher klettern. Allerdings ist der Anteil der Aufsteiger an den Fachhochschulen in den vergangenen zehn Jahren von zwei Dritteln auf die Hälfte gesunken.

ZEIT: Wie kam es dazu?

Hartmann: Das liegt an den Hürden im Bildungssystem, die die soziale Selektivität erhöhen. Das trifft besonders die Kinder von Arbeitern mit ausländischen Wurzeln. Außerdem spielen für Studierende aus Arbeiterfamilien die Kosten eine entscheidende Rolle. Wenn das Bafög gesenkt wird, sinkt auch die Zahl der Arbeiterkinder an den Hochschulen. Hier müsste man ansetzen.

ZEIT: Sie raten also nicht dazu, neue Gruppen für die Ingenieurwissenschaften zu erschließen, sondern die vorhandenen gezielter zu fördern.

Hartmann: Genau. Es ist viel schwerer, eine Lehrerstochter für ein Ingenieurstudium zu begeistern als den Sohn eines türkischen Metallarbeiters.

ZEIT: Jede Berufsgruppe reproduziert sich selbst?

Hartmann: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eines Arztes wieder Arzt wird, ist relativ hoch. Das kann natürlich auch daher rühren, dass der Vater die Praxis übergeben will und deshalb gezielt darauf hinwirkt. Aber grundsätzlich entscheidet sich der Mensch lieber für das Vertraute. Wer in einem Arzthaushalt aufwächst, hat nebenbei schon viel über den Beruf erfahren. Er weiß, worauf er sich einlässt.

ZEIT: Geisteswissenschaftsstudenten kommen oft aus der bürgerlichen Mitte. Riskieren sie den sozialen Abstieg?

Hartmann: Generell kann man das sicher nicht sagen. Dafür ist das Tätigkeitsspektrum zu breit. Wer aus einer klassischen Arztfamilie kommt, der geht allerdings schon ein Risiko ein, wenn er statt Medizin Philosophie studiert. Die Gruppe derer, die aus Trotz kein »solides« Fach studieren, weil sie sich von ihren Eltern abgrenzen wollen, ist relativ klein.

ZEIT: Sie forschen viel zu gesellschaftlichen Eliten. Ändern sich die Fächer, aus denen diese Eliten kommen, eigentlich im Lauf der Zeit, oder bleiben das konstant dieselben?

Hartmann: Seit 25, 30 Jahren gibt es einen Aufschwung der Wirtschaftswissenschaften. Sie sind zum quantitativ stärksten Fach geworden, und dieser Effekt setzt sich nach oben fort. Es gelangen also mehr Wirtschaftswissenschaftler an die Spitze der Gesellschaft. Trotzdem haben sie die Ingenieure nicht verdrängt, wie man angenommen hat. Man dachte, die Weltwirtschaft werde sich nur in Richtung Dienstleistung entwickeln - mit der Renaissance der klassischen Industrie hat kaum jemand gerechnet. Das zeigt, wie wenig man Prognosen vertrauen sollte. Generell stellen in den vier wichtigsten Elitebereichen - Justiz, Verwaltung, Politik und Wirtschaft - Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Juristen immer noch die mit Abstand stärksten Gruppen. Geisteswissenschaftler haben eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, hier in Spitzenpositionen zu gelangen. Sie sind nur im Bereich Medien und Kultur stark vertreten.

ZEIT: Wie sinnvoll wäre eine Gewichtsverschiebung hin zu den Ingenieurwissenschaften für unsere Gesellschaft insgesamt?

Hartmann: Dass wir Ingenieure für eine vernünftige Entwicklung unseres Industriestandortes brauchen, ist unstrittig. Aber auch Ingenieure brauchen gute Lehrer und gute Zeitungen. Eine Gesellschaft ist ein Gesamtsystem, das nicht nur technische Produkte benötigt. Das ist übrigens etwas, das Großbritannien gerade vergisst. Bei den derzeitigen Hochschulkürzungen wird dort unterschieden zwischen Fächern, die für die Gesellschaft als wichtig erachtet werden wie Medizin und Naturwissenschaften, und solchen, die im Grunde fruchtlos seien. Meiner Meinung nach ist das eine verheerende Entwicklung.

ZEIT: Dennoch müssen Geisteswissenschaftler anders als Ärzte und Ingenieure zusehen, dass sie eine Stelle finden.

Hartmann: Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist insgesamt relativ gering im Vergleich zu der von niedriger Qualifizierten. Zwar wird nicht jeder Geisteswissenschaftler eine Stelle finden, die seiner Qualifikation und seinen Gehaltsvorstellungen entspricht. Aber es gibt genauso Juristen, die in ihrer Privatwohnung eine Kanzlei aufmachen, oder Wirtschaftswissenschaftler, die als Sachbearbeiter bei einer Versicherung tätig sind.

ZEIT: Müssen sich Geisteswissenschaftler noch stärker für unterschiedliche Berufsfelder öffnen?

Hartmann: Natürlich müssen sie sich intensiver um ihre Möglichkeiten kümmern als Studenten gefragter Fächer. Dafür sollten sie aber ihr Qualifikationsspektrum verbreitern, anstatt sich schon während des Studiums gezielt auf eine ökonomische Verwertbarkeit ihres Fachs zu konzentrieren.

ZEIT: Aber ist es nicht gerade für sie wichtig, früh auf ein praktisches Ziel hinzuarbeiten?

Hartmann: Bei den Absolventen unseres Instituts etwa gab es seit den Neunzigern ganz unterschiedliche Wellen. Zwischen 1999 und 2002 sind viele in den Medien untergekommen. Danach waren sie drei, vier Jahre im Beratungsgeschäft besonders gesucht. Anschließend kamen die Anfragen aus den Personalabteilungen von Unternehmen. Wenn ich vor fünf Jahren einem Studienanfänger geraten hätte, das zu machen, was in den Jahren davor immer funktioniert hat, wäre das eine Fehlberatung gewesen. Ein Geisteswissenschaftler, der sich breit aufstellt, hat meiner Meinung nach weiterhin ordentliche Berufsperspektiven.

Aus DIE ZEIT :: 27.04.2011

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