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Museumsreif?

Interview von GEORG ETSCHEIT

Das Deutsche Museum ist in die Jahre gekommen, nun wird es für 400 Millionen Euro saniert. Ein Gespräch mit dem Direktor Wolfgang Heckl über die Inszenierung von Wissenschaft.

Museumsreif?© Deutsches MuseumMuseumsdirektor Dr. Wolfgang Heckl im Interview zur Sanierung des Deutschen Museums
DIE ZEIT: Viele Abteilungen des Deutschen Museums wirken ziemlich verstaubt und nicht mehr zeitgemäß. Ärgert es Sie, wenn Ihr Haus schon mal als der »kranke Mann am Isarstrand« bezeichnet wird?

Wolfgang Heckl: Manche unserer Ausstellungen brauchen eine Runderneuerung. Deshalb gibt es seit 2011 einen Sanierungsvertrag. Bis 2025 wollen Bund, Land und private Spender 400 Millionen Euro in die grundlegende Sanierung des Hauses stecken. Das ist ein Kraftakt, der allerdings überfällig war.

ZEIT: Wie kann es sein, dass ein kultureller Leuchtturm wie das Deutsche Museum so vernachlässigt wurde?

Heckl: Es war schlicht zu wenig Geld da. Unsere Zuwendungsgeber dachten immer, die haben 1,4 Millionen Besucher pro Jahr, das läuft doch. Aber uns geht es nicht anders als anderen öffentlichen Museen in Deutschland. Viele sind im Betrieb und vor allem bei den Erhaltungsmaßnahmen unterfinanziert. Unsere Betriebsmittel für rund 75.000 Quadratmeter Fläche liegen zurzeit bei rund 30 Millionen Euro jährlich, also gut 20 Euro pro Besucher. Schauen Sie sich die Cité des Sciences in La Villette in Paris an! Die haben 120 Millionen Euro und doppelt so viele Mitarbeiter, aber nur die Hälfte unserer Ausstellungsfläche.

ZEIT: Spiegelt sich Ihrer Meinung nach in dieser politischen Unterbewertung auch ein gewisser Technik-Skeptizismus der Gesellschaft?

Heckl: Ich glaube, es geht allgemein um den Stellenwert von Bildung. Die Gesellschaft muss begreifen, dass wir für die Heranbildung des wissenschaftlichtechnischen Nachwuchses eine eminente Rolle spielen. Viele Wissenschaftler, darunter auch Nobelpreisträger, wären nie Wissenschaftler geworden, wenn ihre Eltern sie nicht ins Deutsche Museum geführt hätten.

ZEIT: Gibt es Abteilungen, die Sie im Zuge der Erneuerung dauerhaft schließen werden?

Heckl: Auf den Faradayschen Käfig und unser populäres Besucher-Bergwerk wird auch in Zukunft niemand verzichten müssen. Aber es gibt einzelne Abteilungen wie die Textiltechnik, die wir bis auf Weiteres in unser neu zu bauendes Exponatarchiv auslagern. Andere, wie die Abteilungen Schifffahrt oder Bergbau, bleiben zwar erhalten, werden aber nicht mehr grundlegend weiterentwickelt. Sie sind dann so etwas wie ein historischer Abriss, ein Museum im Museum. Wieder andere Abteilungen bekommen ein grundlegendes Lifting. So bauen wir die Landwirtschaft zur Abteilung »Landwirtschaft und Ernährung« aus. Dort wird künftig die Frage im Mittelpunkt stehen wie man die Nahrungsmittelversorgung von acht Milliarden Menschen sichern kann. Themen sind etwa die Agrar- und Energietechnik, die satellitengestützte Fernerkundung und Wasserversorgung. Das reicht bis zur Biotechnologie und zu Konfliktthemen wie der grünen Gentechnik.

ZEIT: In der Kerntechnik-Ausstellung spielt die gesellschaftliche Diskussion über Atomkraft, über Ausstieg und Endlagerung so gut wie keine Rolle.

Heckl: In dieser Abteilung werden bislang die Grundlagen der Kerntechnik erläutert. Wie funktioniert ein Atomkraftwerk? Wie wird Uran gewonnen? Wie werden daraus Brennstäbe? Wir werden aber die Einbettung unserer Exponate in gesellschaftliche Zusammenhänge weiter verbessern. Wir wollen nicht nur Ehrfurcht gebietende wissenschaftliche Meilensteine wie Otto Hahns Kernspaltungsexperimentiertisch präsentieren, sondern die Besucher auch in einen Dialog über Chancen und Risiken moderner Technologien involvieren.

ZEIT: Wie politisch darf eigentlich ein Technikmuseum sein?

Heckl: Wir wollen in erster Linie Argumente für Antworten liefern. Die Menschen sollen sich bei uns seriös informieren, um dann selbst, jeder für sich, eine Antwort finden zu können. Ich denke, in unserer neu gestalteten Abteilung über die Nanotechnik ist das schon ganz gut gelungen. Es gibt dort übrigens auch ein gläsernes Labor, in dem die Besucher echten Wissenschaftlern bei ihren Forschungsarbeiten über die Schulter gucken und Fragen stellen können.

ZEIT: Dieser Bereich wurde unter anderem von dem Gentechnikunternehmen Amgen gesponsert. Sehen Sie da eine Gefahr der Beeinflussung?

Heckl: Wir haben keine Sponsoren, die uns Auflagen bezüglich der Inhalte machen. Wir haben Mäzene. Die Unternehmen, die uns für die Zukunftsinitiative bislang mehr als 50 Millionen Euro gespendet haben, sind übrigens auch selbst an keiner Einflussnahme interessiert.

Deutsches Museum

Das Deutsche Museum in München ist eines der größten naturwissenschaftlich-technischen Museen der Welt. Es wurde 1903 von Oskar von Miller gegründet, dem Pionier der Fernübertragung elektrischer Energie. In München existieren Zweigstellen auf der Theresienhöhe (Verkehrsmuseum) und in Schleißheim (Flugwerft). Außerdem gibt es eine Dependance in der früheren Bundeshauptstadt Bonn.

Vergangenes Jahr besuchten rund 1,4 Millionen Menschen das Museum, das Ikonen der Technikgeschichte beherbergt, etwa das erste Motorflugzeug, das erste U-Boot, das erste Automobil, den ersten programmgesteuerten Computer sowie den Arbeitstisch, an dem Otto Hahn die Kernspaltung entdeckte.
ZEIT: Ist es immer noch eine Ehre, dem Deutschen Museum ein technisches Artefakt zu überlassen?

Heckl: Ja, zum Glück! Wir haben nämlich keinen regulären Ankaufsetat. Uns werden jedes Jahr 5.000 bis 10.000 Exponate angeboten, zum Teil ganze Sammlungen. Nur circa tausend Stücke können wir tatsächlich übernehmen, vor allem aus Platzgründen. Das wird etwas besser, wenn einmal das begehbare Exponatarchiv steht. 70 bis 80 Prozent unseres Bestandes lagern im Depot, das sind rund 80.000 Einzelstücke. Die werden dann Forschern und angemeldeten Gruppen uneingeschränkt zur Verfügung stehen.

ZEIT: Viele erklärende Texte an Ihren Exponaten lesen sich recht trocken und wissenschaftlich. Auch zehn Verbrennungsmotoren nebeneinander zu sehen reißt einen Laien nicht gerade vom Hocker. Müssen Sie sich mehr dem Infotainment öffnen, dem Event?

Heckl: Wir müssen eine riesige Bandbreite von Besuchererwartungen abdecken, vom Grundschüler bis zum Emeritus, vom interessierten Laien bis zum Professor. Ganz oben steht dabei immer Seriosität. Doch ein wenig Inszenierung darf schon sein. Auch das Staunen gehört zu unserem Museum. Staunen ist der beste Zugang zur Erkenntnis.

ZEIT: Die Mitmachexperimente in der Chemie- und Physikabteilung funktionierten oft nicht ...

Heckl: Diese Art praktischer Wissensvermittlung wird es in Zukunft schwerpunktmäßig, etwa in unserem Kinderreich und in der neu gestalteten Physikabteilung, geben. Chemische Experimente werden regelmäßig im Chemielehrsaal demonstriert. Vielen Kindern fehlt heute leider die Geduld, nach einem Knopfdruck abzuwarten, bis die chemische Reaktion einsetzt.

ZEIT: Wie weit öffnen Sie sich der virtuellen Wissensvermittlung?

Heckl: Die Originale, sei es die alte Tante Ju oder das erste Automobil, werden immer das Herzstück des Deutschen Museums bleiben. Aber natürlich experimentieren wir auch mit Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Science-Blogs, sozusagen als appetizer für einen realen Besuch des Museums. Ich glaube, dass es in Zukunft - als Kompensation zum Leben in den digitalen Welten - ein zunehmendes Bedürfnis der Menschen nach Begegnung mit physischen Objekten geben wird.

ZEIT: Kann es überhaupt gelingen, mit einem riesigen Apparat wie dem Deutschen Museum immer am Puls der Zeit zu bleiben?

Heckl: Es ist unsere tägliche Herausforderung, mit der enormen Geschwindigkeit der naturwissenschaftlich-technischen Welt Schritt zu halten. Das ist unser Beitrag für die Gesellschaft, denn viele Menschen fühlen sich überfordert vom Ausmaß des Wandels und der zunehmenden Komplexität von Naturwissenschaft und Technik.

ZEIT: Die Bayerische Staatsregierung will in den früheren Kongresssaal des Museums einen neuen Musiktempel für die Landeshauptstadt integrieren. Was halten Sie davon?

Heckl: Für das Kuratorium des Deutschen Museums ist ein Konzertsaal an diesem Platz keine Option. Wir brauchen das Forum, nicht zuletzt als Standort unseres neuen Großplanetariums und als Dialogforum für unser Angebot »Gläserne Wissenschaft«.


Über den Interviewten
Wolfgang Heckl, 53, ist seit acht Jahren Generaldirektor des Deutschen Museums. Er gilt als Experte auf dem Gebiet der Erforschung und Manipulation ultrakleiner Strukturen. Dem Experimentalphysiker liegt besonders die öffentliche Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen am Herzen.

Aus DIE ZEIT :: 19.12.2012

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