Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Mut zur Freiheit - Vorteile der Individualpromotion

VON CHRIS THOMALE

Wissenschaftliche Forschung ist immer mehr netzwerk- und teamorientiert. Auch bei der Promotion ist ein vergleichbarer Trend zu beobachten. Was spricht heute dennoch für die Individualpromotion?

Mut zur Freiheit - Vorteile der Individualpromotion© olly - Fotolia.comIn welchen wissenschaftlichen Bereichen ist eine Individualpromotion sinnvoll?
Forschung & Lehre: Die Promotion ist im Umbruch, der Trend geht in Richtung gemeinschaftsorientierter Promotionen. Was spricht dennoch für die Individualpromotion?

Chris Thomale: Die Entscheidung zwischen Individual- und Gemeinschaftspromotion hängt zunächst wesentlich von der jeweiligen Fachkultur sowie den darin bevorzugten Arbeitsweisen und Publikationsformaten ab. Geistes- und Sozialwissenschaftler forschen trotz wachsender Vernetzung zumeist allein. Diskussionen, wie sie etwa in Arbeitskreisen und Konferenzen stattfinden, inspirieren zwar und geben thematische Anregungen.

Bei der anschließenden Entwicklung eines konkreten Gedankens und seiner Niederschrift fällt arbeitsteiliges Zusammenwirken jedoch schwer. Obwohl das Buch wegen seiner Hermetik kritisiert wird, sind hier monografische Darstellungen weiterhin üblich. Deshalb erscheint mir in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine Individualpromotion mittels einer Individualdissertation schon aus inhaltlichen, fachkulturellen Gründen angemessen.

F&L: Und in den Naturwissenschaften?

Chris Thomale: Diese Gründe gelten nicht in den Naturwissenschaften, die vor allem fragmentiert projektbezogen und gemeinschaftlich forschen sowie publizieren. Allerdings hat auch dort meines Erachtens die Individualpromotion einen Sinn, weil sie den Nachwuchswissenschaftler zu einer Synthese seiner bisherigen Projektarbeiten zwingt und insbesondere seine persönliche Forschungsleistung transparent macht. Denn man muss bedenken: Die Promotion ist nicht nur ein Forschungsbeitrag, sondern sie ist auch qualifizierender Abschluss und persönlicher Fähigkeitsausweis, eine Art akademische Reifeprüfung.

In der Individualpromotion zeigt ein Wissenschaftler Mut zur Freiheit und übernimmt Verantwortung für sich, sein Denken und seine Arbeit, ohne von einer Gruppe verdeckt zu werden oder sich hinter ihr verstecken zu können. Dieser persönliche Entwicklungsschritt erscheint mir im Promotionsstadium wichtiger als die etwas überstrapazierten und unbestimmten Werte der "Teamfähigkeit" oder "Vernetzung", denen offenbar die Gemeinschaftspromotion dienen möchte. Denn gleichgeordnete wissenschaftliche Teams und Netzwerke setzen, wenn sie mehr als bloße Seilschaften oder Schicksalsgemeinschaften sein wollen, ihrerseits die akademische Reife und Eigenständigkeit ihrer Mitglieder voraus.

F&L: Wie haben Sie Ihren Doktorvater gefunden?

Chris Thomale: Ich lernte ihn bereits während meines Studiums in einer seiner Lehrveranstaltungen kennen. Wir blieben auch danach in Kontakt und pflegten einen regen fachlichen Austausch. Als ich das Studium abgeschlossen und den Entschluss gefasst hatte, eine Promotion mit einer Arbeit zu einem Grundlagenthema des Zivilrechts anzustreben, trug ich ihm mein Dissertationsprojekt vor, und er nahm mich als Doktoranden an.

F&L: Was zeichnet einen guten Doktorvater aus?

Chris Thomale: In erster Linie sollte er ein exzellenter Wissenschaftler und forschungsethisches Vorbild sein, aber das alleine reicht nicht hin: Er benötigt zudem das erforderliche Feingefühl und die Erfahrung, um einerseits die Kreativität des Doktoranden zuzulassen, anzuregen und zu fördern, aber andererseits auch pragmatische Erwägungen wie Finanzierung, Zeitplanung und Umfangsbeschränkung mit im Blick zu behalten. Letztlich kommt es aber auf eine gelingende Beziehung zwischen Doktorvater/Doktormutter und Doktorand an - diese ist sehr individuell und nur bedingt planbar.

F&L: Wie kann die Gratwanderung zwischen selbstständigem Forschen und dem Fordern und Fördern des Doktorvaters gelingen?

Chris Thomale: Idealerweise entstehen hier überhaupt keine Zielkonflikte, weil auch und gerade selbstständige Forschung durch den Doktorvater gefordert und gefördert werden muss. Sie fallen umso niedriger aus, je besser Doktorvater und Doktorand persönlich wie auch mit ihren Forschungsinteressen zueinander passen und je weniger forschungsferne Aufgaben, insbesondere die an universitären Lehrstühlen zahlreichen Organisations- und Verwaltungstätigkeiten, anfallen. Zur Vermeidung von Konflikten sollten gegenseitige Erwartungen offen und frühzeitig besprochen und auf dieser Basis, soweit nötig, sachdienliche Kompromisse gefunden werden. Schließlich haben beide Beteiligten ein rationales Eigeninteresse am Erfolg und Wohlbefinden des jeweils anderen.

F&L: Welche Rolle spielt das Vertrauen für die Beziehung zu dem Doktorvater?

Chris Thomale: Ein intaktes Vertrauensverhältnis ist essenziell, um die für die intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Doktorand und Doktorvater notwendige Offenheit zu gewährleisten. Weiterhin ist die Promotionszeit immer auch Krisenzeit, sei es in intellektueller, persönlicher oder manchmal gar finanzieller Hinsicht, da wissenschaftliche Karriereverläufe oft prekär und unsicher sind. Hier erweist es sich als sehr hilfreich, wenn der Doktorvater auch zur moralischen Unterstützung und Motivation des Doktoranden in der Lage ist. Diese menschliche Nähe und Anteilnahme setzen ebenso Vertrauen voraus.


Über den Autor
Dr. Chris Thomale ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für internationales und ausländisches Privat- und Wirtschaftsrecht der Universität Heidelberg und Mitglied der Jungen Akademie.

Aus Forschung & Lehre :: August 2014