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Mut tut gut

VON MARTINA KIX

Heute muss man sich nicht mehr verstellen, um Karriere zu machen. Wichtiger ist es, authentisch zu sein und sich weiterzubilden. Dafür muss man auch mal ein Risiko eingehen.

Mut tut gut© nailiaschwarz - photocase.deDrei Berufswechsler berichten über ihre Erfahrungen und ihren Weg, sich selbst treu zu bleiben
Die zwei Karrieren des Florian Sump haben einiges gemeinsam: Bühnen, Beats und Fanpost. Doch zwischen dem Erfolg mit der Popband Echt und seinen aktuellen Hits liegen zwölf Jahre und fünf verschiedene Jobs. In Baggy-Pants und mit aufblasbarer Plastikgitarre in der Hand rappt der 35-Jährige: »Oma, gib mir Schokolade! Yeah!« Nebel, Scheinwerfer, Fans hüpfen und kreischen, Jungs und Mädchen, sechs bis zehn Jahre alt. Man muss kein Musik-Nerd sein, um die Hamburger Band Deine Freunde zu kennen. Man muss Kinder haben. Sump schreibt Texte gegen die Ordnung im Kinderzimmer und »Dutzi-dutzi«-Attacken der Erwachsenen. Deine Freunde sind die erfolgreichste Kinderband der vergangenen Jahre. »Ich habe mehr Spaß dabei, Kids zu zerrocken, als vor Tausenden hysterischen Teenagern zu spielen. Und die Kinder wollen einen wenigstens nicht heiraten«, sagt Sump.

Seine erste Karriere endete bereits, als seine Freunde sich auf ihre ersten Jobs bewarben: mit 21 Jahren. Sump spielte damals Schlagzeug bei Echt. Die Popband wurde gefeiert als die deutschen Backstreet Boys. Platz eins in den Charts, ausverkaufte Konzerte, und Videos wie Weinst du? liefen in Dauerschleife im Fernsehen. Nach vier Jahren im Rampenlicht trennte sich die Band. »Musik hat für mich nur zusammen mit Leidenschaft funktioniert. Das hat es danach natürlich nicht einfach gemacht«, sagt Sump. Florian Sump ist einer von vielen in seiner Generation, deren Lebenslauf dehnbar scheint wie ein Gummiband. Besonders gut ausgebildete Absolventen wechseln ihren Job und ihre Branche heute schnell, weil Firmen oft Jahresverträge ausstellen und junge Arbeitnehmer sich ausprobieren wollen. Wenn alles möglich zu sein scheint und nichts mehr sicher ist, bekommen die Sinnhaftigkeit der Arbeit und der Drang zur Selbstverwirklichung eine große Bedeutung. Man will keinem Unternehmen mehr treu bleiben, sondern sich selbst.

Wie Florian Sump beendete auch die Ballerina Maira Fontes ihre erste Karriere. Heute arbeitet sie als Investment-Analystin. Und der Krankenpfleger Fabian Fiechter ging mit dreißig an die Uni und studierte Fotojournalismus. Ihre Fälle beschreiben den Wandel in der Arbeitswelt. Alle drei haben sich beruflich verändert, um sich selbst treu zu bleiben. Doch wie kann man sich selbst überhaupt treu bleiben, wenn jeder mehrere Karrieren haben kann? Und wo und wann muss man Kompromisse eingehen? Morgens, sieben Uhr, Frühstück mit einer Kindergruppe, Grau- oder Vollkornbrot, Wasser oder Tee und am Nachmittag: Musikprogramm, Singen und Tanzen im Kreis. Die Tage in der Kita in der Hamburger HafenCity sind getaktet. Zweimal in der Woche arbeitet Florian Sump dort. In der restlichen Zeit schreibt er Songs, spielt Konzerte oder probt im Studio. Ein Künstlerleben in Teilzeit. Für die Freiheit, die er will, gibt er die Sicherheit einer festen Stelle auf. »Gerade läuft es gut, aber man muss manchmal durch ungemütliche Zeiten gehen«, sagt Sump. In den Jahren nach Echt trug er mal als Umzugshelfer Kisten, mal sortierte er in einer Videothek Filme, um Geld zu verdienen. Statt sich an ein Arbeitsumfeld anzupassen, suchte Sump ständig neue Herausforderungen. Er hatte eine Regel, um sich treu zu bleiben: Wenn er morgens nicht gern zur Arbeit ging, kündigte er. »Man läuft sonst Gefahr, zu einem Bald-ist-wieder-Wochenende-Zombie zu werden«, sagt Sump. In der Kita fing er nur an, um seinen Zivildienst zu leisten - und blieb. Vor vier Jahren begann er wieder Songs zu schreiben und testete seinen Kinder-Rap in der Kita-Gruppe. Die Kinder flippten aus. Inzwischen hat er sein drittes Album rausgebracht und tourt im Herbst durch Deutschland. »Wir revolutionieren die Kindermusik!«, sagt Sump. Er ist zufrieden, aber ob er der nächste Rolf Zuckowski werden und noch in zwanzig Jahren rappen will, weiß er nicht. Wer sich treu bleiben will, verändert sich.

Laut einer Umfrage haben 66 Prozent der Deutschen ihren Arbeitsplatz bereits ein- bis fünfmal gewechselt. Kein Wunder: Die Absolventen müssen seit der Hochschulreform schneller studieren und entscheiden sich infolgedessen früher für einen Job. Sie fangen aber nicht nur früher an zu arbeiten als ihre Eltern, sie werden auch länger arbeiten müssen. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an den Arbeitsplatz. Man will nicht mehr nur Geld verdienen, sondern Erfüllung finden. Es wird auch viel Wert auf ein Leben nach Feierabend gelegt. In der neuen Absolventenstudie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zu Hochschulabschlüssen gaben 78 Prozent der Bachelorstudenten an, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf ihnen wichtig sei, 55 Prozent legten Wert auf sehr viel Freizeit, und 77 Prozent wollten ihre Arbeit selbstständig organisieren. Von diesen neuen Forderungen profitieren alle. Die Soziologin Irmhild Saake von der Ludwig-Maximilians-Universität in München erklärt es so: »Der demografische Wandel führt dazu, dass der Arbeitsmarkt den Absolventen entgegenkommt. Die Unternehmen interessieren sich inzwischen mehr für ihre Mitarbeiter und deren Interessen.« Die jüngere Generation sei stilbildend für ein neues Konzept von Berufstätigkeit, bei dem der Wunsch nach Selbstverwirklichung gegen Karrieremotive ausgespielt werde. Geld sei den Berufswechslern dabei weniger wichtig. »Auch wenn man nach dem Wechsel vielleicht sogar irgendwann erfolgreicher ist, muss man vorher mit der gesellschaftlichen Erwartung brechen, dass es gut ist, Karriere zu machen und finanziell abgesichert zu sein«, sagt die Wissenschaftlerin. Die heute 30-Jährigen hätten in Praktika gelernt, sich in Arbeitsumfelder einzufinden und anzupassen, deshalb falle es ihnen leichter, sich zu vergleichen und wählerischer zu sein.

Die Münchnerin Maira Fontes wusste schon, als ihre Karriere begann, dass sie früh enden würde. Die 34-Jährige war 13 Jahre lang Balletttänzerin im Bayerischen Staatsballett und tanzte in Stücken wie Der Nussknacker oder Don Quijote. Die Vorstellungen in der Bayerischen Staatsoper mit goldenen Balkonen und roten Samtsesseln waren immer ausverkauft. Sechs Tage in der Woche probte Fontes und richtete ihr Leben nach dem Tanz aus. Achtete darauf, was es zum Abendessen gab. Trank keinen Wein, damit die Muskeln nicht zerrten, obwohl sie Wein so gern mag. Ski fahren ging sie nie. »Tanzen heißt auf vieles verzichten. Man kann nur so viel aufgeben, wenn man es wirklich liebt«, sagt Fontes. Mit vier Jahren begann Fontes zu tanzen, mit 16 Jahren gab sie ihr Zuhause im brasilianischen Minas Gerais auf und zog alleine nach München, um an der Ballett-Akademie zu studieren. »Du musst alles geben, um etwas zu schaffen«, sagt Fontes. Viele Tänzerinnen beenden mit 40 ihre Karriere. Im Gegenteil zu Sump bereitete Fontes ihren Abgang von der Bühne langsam vor. Sie startete ihren Plan für die Zeit danach mit 26 Jahren und studierte BWL an einer Fernuniversität in England. An Sonntagen büffelte sie Rechnungswesen. Nach vier Jahren hatte sie ihren Bachelor. Das war zu einer Zeit, in der Fontes viel über ihre Zukunft nachgedacht hat. Nicht weil sie nicht gut genug war, sondern weil sie Folgen des Tanzens bemerkte. »Mein Körper hat es nicht mehr geschafft, in Höchstform zu bleiben. Ich hatte einige Muskelfaserrisse und Zerrungen«, sagt Fontes. Um sich treu zu bleiben, musste sie ihr Leben ändern. Am Ende der Spielzeit im Juli 2014 kündigte sie und schrieb sich für einen Master an der EU Business School in München ein. »Damit habe ich mir möglichst viel offengehalten«, sagt Fontes. Sie tauschte das Training an einer Stange und das Tutu gegen PowerPoint-Präsentationen und Excel-Tabellen an der Uni. »Ich musste erst einmal lernen, zu arbeiten, ohne mich mit dem Körper ausdrücken zu können«, sagte Fontes. Sie schloss als Beste ihres Jahrgangs ab. Nach einem sechsmonatigen Praktikum bei einer Investment-Firma bekam sie eine Stelle. Fontes blieb sich treu, weil sie mit gleichem Ehrgeiz und gleicher Disziplin studierte, wie sie vorher tanzte. Früher übte sie Drehungen, heute stehen auf ihrem Schreibtisch Aktenordner. »Ich habe auf der Bühne gelernt, meine Nervosität zu verbergen, also bleibe ich auch vor wichtigen Präsentationen ruhig«, sagt Fontes. Obwohl sie seit ihrem letzten Auftritt nicht mehr trainiert, vermisst sie das Tanzen nicht. Gerade habe sie einfach keine Zeit dafür. Vor zwei Monaten brachte Fontes ihre Tochter Luna zur Welt.

Der Karrierecoach und Berater Felix Berth aus München kennt solche Menschen, die ein sicheres Leben aufgaben: »In vielen Coachings geht es um Karriereoptionen und Lebensperspektiven. Oft entstehen dann Unsicherheiten und Fragen: Wie kann ich mir treu sein? Im alten Job bleiben und mich ein bisschen verbiegen? Oder etwas Neues ausprobieren und ein Risiko eingehen?« Berth versucht dann immer die Schwarz-Weiß-Sichtweisen infrage zu stellen. Authentizität etwa sei nur ein Wert von mehreren, die darüber entscheiden, wie zufrieden man mit einem Job ist. Manchen Menschen seien Sicherheit, Einkommen, Kreativität oder Herausforderungen wichtiger. Manchmal gelte es heute schon als uncool, wenn jemand Wert auf ein sicheres Gehalt legt. »Dann geht es bei der Beratung darum, solche individuellen Bedürfnisse in den Blick zu kriegen«, sagt Berth.

In Hannover steht der Fotojournalist Fabian Fiechter in der Sammelausstellung Vom Aufhören und Weitermachen. Seine Fotos von einem Leprakranken in Indien hängen an einer Wand. Fiechter ist 35 Jahre alt, seit fünf Jahren studiert er Fotografie, seit 17 Jahren arbeitet er in der Krankenpflege. Die Arbeitsbelastung auf der Intensivstation war hoch, Schichtdienst, Trauerfälle, Reanimationen. »Ich habe mich gefragt: Kann man diesen Beruf bis zur Rente durchhalten?«, sagt Fiechter. Mit 23 nahm er sich eine Auszeit und reiste ein Jahr durch Asien. Dabei fotografierte er viel. Zurück in der Klinik, erzählte ihm ein Patient, auf dessen Nachttisch eine Leica-Kamera lag, von Abendkursen. Fiechter meldete sich an und verbrachte seine Feierabende oft in der Dunkelkammer. Zwei Jahre lang fotografierte Fiechter, zeigte seine Aufnahmen anderen Fotografen, holte Feedback ein, wurde besser, und als seine Fotos schließlich in einer Galerie hingen, fragte er sich: »Soll es das nun gewesen sein?« Er wollte mehr. Mit 30 kündigte er seine unbefristete Anstellung, seine Wohnung und gab sein Leben in Basel auf. Sein Studium an der Fotoschule in Hannover begann. Wie die Tänzerin Maira Fontes hat Fiechter zwei Ausbildungen absolviert, allerdings hat er sein altes Leben nicht komplett hinter sich gelassen. In seinen Semesterferien versorgte er Patienten auf der Intensivstation in Basel, um sein Studium zu finanzieren. »In manchen Momenten im Krankenhaus schaue ich mich um und suche meine Kamera«, sagt Fiechter. Für ihn sind beide Berufe Passion, weil er in Sekunden handeln muss und er Menschen helfen kann. Auf der Intensivstation - und mit seinen Geschichten, die in Zeitungen gedruckt werden. Im Winter hat er wieder ein paar Monate in der Pflege gearbeitet, damit er im Sommer seine Abschlussarbeit finanzieren kann. Fiechter hofft, dass er nach dem Studium von der Fotografie leben kann.

»Plötzlich ging eine Tür auf« und »Dann begann ein neues Kapitel« - diese Sätze klingen wie Kalenderspruchweisheiten, aber Sump, Fontes und Fiechter haben sie unabhängig voneinander in jedem Gespräch gesagt. Sie haben nicht nur über Auswege und einen Plan B geredet, sie haben etwas gewagt und aufgegeben, um sich selbst treu zu bleiben. Sie haben unbefristete Arbeitsverträge gekündigt, sind in eine andere Stadt gezogen oder haben die Branche gewechselt. Sie haben eine Ausbildung begonnen, einen neuen Job ausprobiert und sich verändert. Die neuen Ansprüche an sich selbst haben nicht nur ihr Leben verändert, sie werden die gesamte Arbeitswelt verändern. Das hat Vorteile für alle.

Aus DIE ZEIT :: 09.06.2016

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