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Mythos Professor

VON NINA GRUNENBERG

Professoren - trotz ständigen Abstiegs blieben sie immer oben: Eine kurze Geschichte der deutschen Hochschullehrer.

Mythos Professor© mskowronek - iStockphoto.comIst die Glanzzeit der Professoren vorbei?
Wer den deutschen Professor von heute besser verstehen will, der muss einen Blick in die Geschichte dieses ehrwürdigen und für die Zukunft des Landes bedeutenden Berufs werfen. Was war doch ein ordentlicher Professor einmal für eine Ehrfurcht gebietende Figur! »Früher wurden wir wie die Bischöfe behandelt«, sagt Wilfried Hinsch, Professor für Praktische Philosophie in Aachen. »Das hat sich inzwischen gegeben.« Früher, zu Beginn der sechziger Jahre, gab es 5000 beamtete Universitätsprofessoren, zu der Zeit noch »ordentliche Professoren« oder »Ordinarien« genannt; heute sind es etwa 25.000.

Hinzu kommen 10 000 Fachhochschulprofessoren und dann noch Honorarprofessoren, außerplanmäßige Professoren, Juniorprofessoren, Stiftungsprofs, Gastprofessoren, Professoren als Leiter von Behörden und Museen und schließlich die Professoren ehrenhalber - Künstler und verdiente Bürger, denen der Titel von ihrem Ministerpräsidenten verliehen wurde. Insgesamt nennen sich knapp 40 000 Menschen Professor. Die Professoreninflation blieb nicht ohne Folgen. In den Ministerien ist ein Professor längst keine Respekt gebietende Person mehr. Die meisten Politiker haben bestenfalls ein gebrochenes Verhältnis zu ihnen. »Ordentliche Profs sind nicht zu steuern«, stellt Paul Kirchhof, der Heidelberger Steuerprofessor, hochgemut fest, sie singen nun einmal nicht im Chor.

Auch große Wissenschaftler sind im Normalfall auf sich fixierte Egomanen und im Grenzfall soziale Katastrophen. Für reformwütige Politiker ist es schwer zu ertragen, dass sich das Gros der Professorenschaft immer noch als Gralshüter der Universität im Geiste des preußischen Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt sieht: autonom vom Staat, frei in der Forschung und der Lehre. Zudem sehen sich viele als Erbe ihrer »Mandarine«, wie sie der Historiker Fritz K. Ringer nannte: des Mediziners Rudolf Virchow, der Historiker Theodor Mommsen und Friedrich Meinecke, des Physikers Hermann Helmholtz, des Soziologen Max Weber ... Ach, die große Zeit der deutschen Universität und der Weltgeltung der deutschen Wissenschaft, so seufzen nicht nur die Alten, so schwärmen auch manche Junge - als redliche Reproduktionen des alten deutschen Professors.

Eine Ahnung von diesen Glanzzeiten hinterließ uns Mark Twain, der 1892 Berlin besuchte und dabei Theodor Mommsen kennenlernte, den berühmten Altertumswissenschaftler. Wie alle Amerikaner zu jener Zeit bewunderte Twain das deutsche Universitätssystem und schilderte einen Festkommers, den tausend Corpsstudenten zu Ehren der Professoren Rudolf Virchow und Hermann Helmholtz aus Anlass ihres 70. Geburtstags veranstalteten. Als der letzte eminente Gast seinen Platz eingenommen hatte, die Militärmärsche verklungen und die Bierseidel zum ersten Mal geleert waren, trat Stille ein, drei Hornstöße erklangen, und Mark Twain erblickte an dem weit entfernten Eingang eine Ehrengarde mit gezogenem Degen. Am Ehren tisch vermerkte er aufgeregtes Flüstern: »Mommsen!« Und das ganze Haus erhob sich. »Erhob sich, rief, trampelte, klatschte und schlug die Bierseidel auf den Tisch. Ganz einfach ein Gewitter! Dann schlängelte sich der kleine Mann mit den langen Haaren und dem emersonschen Gesicht seitlich an uns vorbei und nahm Platz. Ich hätte ihn mit der Hand berühren können - Mommsen - man stelle sich vor!«

Twain war tief ergriffen, mit Recht: Mommsen war eine Jahrhundertfigur. In ihm verkörperte sich der Wechsel vom Bücher schreibenden Gelehrten zum modernen Wissenschaftler, der unter dem Zwang zur Forschung steht. 1902, ein Jahr vor seinem Tod, erhielt er als erster Deutscher den Literaturnobelpreis für seine Römische Geschichte, ein klassisch-literarisches Buch, das er in jungen Jahren schrieb. Danach zog es ihn in die epigrafische Forschung, vergleichbar seinen naturwissenschaftlichen Kollegen, trieb er Einzelforschungen voran, betreute Editionen, organisierte Sammelarbeiten - alles das, was auch heute immer noch Wissenschaft ist. Wenn der Berliner Juraprofessor Uwe Wesel von Mommsen spricht, wird er apodiktisch: »Verglichen mit ihm, sind die heutigen Professoren politische und soziale Zwerge.« Wer die Fallhöhe ermisst, die der deutsche Professor vom Mandarin zum normalen Berufstätigen dieser Tage zurücklegte, kann die Melancholie verstehen, mit der seine Zunft noch immer den heroischen Jahren der deutschen Universität vor 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs, nachhängt. Zwar waren es die Geisteswissenschaftler, die sich als die Träger einer überzeitlichen Universitätsidee betrachteten, aber mit der fortschreitenden Industrialisierung stieg die Bedeutung und damit auch das Ansehen der Naturwissenschaftler und Ingenieure.

Die Ideen, Entdeckungen und Triumphe der Forscher faszinierten das Zeitalter. Ihr Glanz strahlte über Deutschlands Grenzen hinaus. Entsprechend hochgemut äußerte sich das Selbstwertgefühl der Professoren. Sie verstanden sich als geistige Elite und als die politischen Mentoren ihres Volkes. Einige von ihnen wandelten sich zu politischen Stars. Sowohl Mommsen wie Virchow, beide streitbare Linksliberale, gingen im preußischen Verfassungsstreit keiner Konfrontation mit Bismarck aus dem Wege. Aber die Erfolge der Bismarckschen Politik kaufte den politischen Professoren den Schneid ab. Sie knickten ein und drehten bei. Von nun an, spottete der Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, »machte der deutsche Professor keine Geschichte mehr, er marschierte hinter ihr her«. Doch seine Privilegien verlor er nicht. Als Ausgleich für ihre politische Entmachtung erhielten die Akademiker die Promotion mit der zugleich verliehenen Anwartschaft auf den Reserveoffizier - eine Art Ersatznobilitierung. Auch die Freiheit der Wissenschaft wurde nicht angetastet.

In dieser Hinsicht wurde Preußen sogar zum Vorbild in Europa; das Kaiserreich hatte eine liberale Seite. Die Professoren ihrerseits fühlten sich nun verpflichtet, den nationalen Zielen des Reichsgründers nicht länger zu widersprechen. In dieser Zeit reifte die Idee, die Ehrenpromotion Kaiser Wilhelms II. durch sämtliche elf technischen Hochschulen des Reiches im Jahr 1913 bestätigen zu lassen. Die Vertreter der Bildungselite hatten sich mit dem Obrigkeitsstaat verbunden. Daraus entwickelten sich die überwiegend nationale, zunehmend nationalistische Orientierung weiter Teile der akademischen Oberschicht und schließ lich ihre Anfälligkeit für den Nationalsozialismus. Da waren Virchow und Mommsen, beide Abgeordnete im Reichstag und die längste Zeit davon im Streit mit dem Reichskanzler, längst begraben. Kürzlich erinnerte Helmut Schmidt daran, dass es gegen Ende des 19. Jahrhunderts nur zwei Autoritäten im Deutschen Reich gab, die Militärs und die Professoren, und er setzte hinzu: »Das möchte ich nicht wiedersehen.« Eine überflüssige Sorge: Die einen wie die anderen sind inzwischen gezähmt und demokratisiert.

Der Bedeutungsverlust der Professoren begann auf der Schwelle zur Moderne. Seit sie das »Zeitalter der Massen und Maschinen« (Karl Jaspers) als letzte Ursache der nahenden Katastrophe heraufziehen sahen, fürchteten sie zwar um das Vaterland, aber mit ihrem Talent zur Realitätsverweigerung widerstanden sie auch damals schon jeder Veränderung und blieben als Ordinarien »in gleich unnahbarer Höhe thronen«. So orgelte der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker, der vom »Wesen der Universität« nur mit »heiliger Scheu« sprach und von den Professoren als »Rittern«, die »einen heiligen Dienst« vollzögen. Doch auch er beklagte in einer Denkschrift aus dem Jahre 1924 schon die Mängel, unter denen das Hochschulsystem damals litt: Die Studierenden seien durch die Lehrfreiheit und die Masse des Spezialwissens überfordert; das Studium sei unstrukturiert und praxisfern; außerdem forschten die Professoren zu viel und kümmerten sich zu wenig um die Lehre. Reformen des Hochschulsystems sind offenbar schon immer »die Wiederkehr des Immergleichen« gewesen. Auch der ungerechten Behandlung der Extraordinarien widmete sich Becker damals schon - jener Habilitierten, die ohne feste Stelle blieben und das als Endstation ihrer Karriere hinnehmen mussten. Was er schrieb, ist grosso modo auch heute noch gültig: »Ein Extraordinarius ist nämlich für den Fiskus ein glänzendes Geschäft. Man bekommt für ein Bettelgehalt einen vollen akademischen Lehrer. Ein Oberlehrer ist dafür nicht zu haben.«

Die Nazijahre sind in den Hochschulen bis heute ein peinliches Kapitel geblieben. Die Professoren sprechen lieber über die glänzenden Perioden der deutschen Wissenschaft und über die herausragenden Gelehrtenköpfe vergangener Zeiten. Über die dunkelste Periode der deutschen Universität schweigen sie. Sie trübt ihr Selbstbild, weil sich zeigte, dass die Universitäten nicht einfach gewaltsam dem Nationalsozialismus unterworfen wurden, sondern sich selber gleichschalteten. So nannte der Historiker Karl-Dietrich Bracher die Anbiederung der Universitäten an den Nationalsozialismus, verbunden mit hämischer Genugtuung bei vielen über den Ausschluss jüdischer und liberaler Kollegen. Etwa 30 Prozent aller 1933 an deutschen Universitäten beschäftigten Lehrkräfte emigrierten, um der Vernichtung zu entgehen. »Man hat nicht zu Unrecht von der Selbstenthauptung des deutschen Geistes gesprochen«, urteilte der Historiker Herbert A. Strauss. Verwunden hat das die Universität bis heute nicht. In den fünfziger Jahren hofften viele Hochschullehrer auf eine Wiederbelebung der alten Ordinarienherrlichkeit.

Wenn der Professor sein Institut betrat, galt sein Wort wieder ohne Wenn und Aber: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Die Studenten, die aus Krieg und Gefangenschaft in die Hörsäle zurückkehrten, erlebten die Macht ihrer Lehrer als Herrschaft einer exklusiven Minderheit, die ihre Privilegien gegen die Forderung der Mehrheit nach Demokratisierung der Universitätsstrukturen verteidigte. Ihr Protest gipfelte in dem historisch gewordenen Transparent der Hamburger Studenten, das sie 1967 beim Gang zur Jahresfeier den Professoren vorantrugen: »Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«. Die sechziger Jahre, oh Schreck, brachen das System auf. Der erste Schlag war die Einführung von Parallellehrstühlen, um den Strom der Studierwilligen in geordnete Bahnen zu lenken. In der alten Universität duldete der Lehrstuhlinhaber niemanden neben sich, auch keine zweite Lehrmeinung. Wer die hören wollte, musste die Universität wechseln.

Nach und nach wurden die Ordinarien ihrer Würden und Privilegien entkleidet

Der Ordinarius alter Art hatte alles: das Geld, die Stellen und die Macht. Sie war so groß, weil er auch das Monopol auf die Auswahl des Nachwuchses hatte. Er bestimmte, wer promoviert und wer habilitiert wurde. Das schuf ein System von Abhängigkeiten, gegen das die 68er-Studenten Sturm liefen. Mit ihrem Kampf für die klassenlose Gesellschaft erreichten sie, dass Oberassistenten per Gesetz zu Professoren ernannt wurden, aber sie blieben Professoren »zu Fuß«. Außer dem Titel hatten sie nichts. Mitte der siebziger Jahre wurde die Gruppenuniversität in den Hochschulgesetzen festgeschrieben, die Macht auf Professoren, Assistenten und Studenten auf geteilt. Reste dieser »Drittelparität« haben sich erhalten, aber als Zukunftsmodell spielt sie keine Rolle mehr. Ihr fehlte der Erfolg. Die heute in den Hochschulen geltenden Schlagwörter sind Wettbewerb, Effizienz und Exzellenz als Maßstab des Erfolgs. Mit der Expansion der Hochschulen und der Vergrößerung des Lehrkörpers verloren die Ordinarien endgültig ihre Exklusivität. Nach und nach wurden die Ordinarien ihrer Würden und Privilegien entkleidet.

Das geschah fast beiläufig und erregte nur in Academia Aufsehen. Seit 1972 werden sie nicht mehr mit 68 Jahren »emeritiert«, sondern mit 65 »pensioniert« wie normale Beamte. Das kränkte, denn mit der Pensionierung verloren sie die Mitgliedschaft in ihrer Korporation und ihren Emeritus-Arbeitsplatz. Für die Reformer waren das alles Relikte aus dem Traditionskramladen der Ordinarienuniversität. Zugleich wurde der »ordentliche Professor« zum »Universitätsprofessor«. In den meisten Bundesländern sieht das Gesetz auch keine »Lehrstühle« mehr vor, sondern nur noch »Arbeitsplätze« - oft Reformen, die kein Geld kosten durften, aber den Professoren seit den siebziger Jahren eine stabile lebensgeschichtliche Erfahrung vermittelten: Reformen sind für sie Mittelkürzungen. Wenn die Politik sagt: Ohne Reformen kein Geld, antworten die Professoren im Chor: Ohne Geld keine Reformen. Ist nun alles besser, seit der Lack vom ordentlichen Professor ab ist? Was für ein Irrtum. »Nach wie vor sind Macht und Ehre bei einer kleinen Zahl unbefristet angestellter Forscher konzentriert, der Professorenschaft«, schrieb kürzlich die Neue Zürcher Zeitung. In Deutschland machen sie 13 Prozent des Lehrkörpers aus. »Die Mehrheit des restlichen Lehrpersonals - und das ist das Spezifische - ist den Professoren unterstellt und wird von den Universitäten mit befristeten Verträgen angestellt.« Unter ihnen bilden die Mitarbeiter und Assistenten mit 85 Prozent in Deutschland die größte Gruppe.

Der Nachwuchswissenschaftler, der sich durch diesen Flaschenhals nach oben gequält hat und den Titel Professor als Amtsbezeichnung tragen darf, hat es geschafft. Ein gutes Gehalt und hohes Sozialprestige sind ihm sicher. Er kann lehren und erforschen, was ihm Spaß macht. Weil Forschung und Lehre »frei« sind, sitzt über ihm niemand mehr, der ihm etwas zu sagen hätte, nur noch der liebe Gott und vielleicht ein missgünstiger Kollege. Zur Last fallen ihm allenfalls noch die Studenten - wenn sie nicht top sind und eine Verjüngungskur für den alternden Professor darstellen. Nur in den Obergerichten und in der hohen Verwaltung gibt es ein solches Maß an Unabhängigkeit und Freiheit. Der deutsche Professor kann das Erbe der Mandarine nicht leugnen. Bis heute gibt es immer wieder Persönlichkeiten, die aus der Masse herausragen und ihre Universitäten prägen. Für Reformer bleiben sie - man mag es beklagen oder begrüßen - eine harte Nuss.

Aus DIE ZEIT :: 21.07.2011

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