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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

von Linda Tutmann

Wie hat die Uni Göttingen die Exzellenzinitiative erlebt? Ein Besuch bei den Geisteswissenschaftlern.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel© Stratego - iStockphoto.comDie Exzellenzinitiative stellt besonders die Geisteswissenschaften vor eine große Herausforderung.
In der Hitze Indiens, eine frittierte Teigtasche in der Hand, auf der Stirn einen roten Glückspunkt und neben sich Christian Wulff, verstand Gerhard Lauer plötzlich, was das alles sollte mit diesem Wettbewerb, der seine Universität seit Jahren in Atem hielt. In dem Moment, als Wulff das rote Band durchschnitt, spürte Lauer, dass mit der Exzellenzinitiative etwas ganz Großes in Gang gesetzt worden war. So groß, dass er, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Göttingen, fast 10 000 Kilometer von Deutschland entfernt mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten bei 40 Grad im Schatten und indischen Häppchen die Eröffnung der ersten Auslandsrepräsentanz seiner Universität feiern durfte. Dass er sich mit den indischen Wissenschaftlern austauschen konnte, sie voller Anerkennung von seiner Universität sprachen und er bald darauf wissenschaftliche Mitarbeiter aus der indischen Stadt Pune bei sich in der Fakultät haben würde - das alles war nur möglich, weil es die Exzellenzinitiative gab, jenen umstrittenen Wettbewerb, in dem Göttingen 2007 zur sogenannten Elite-Universität gekürt wurde. Doch bis nach Pune war es für Gerhard Lauer und seine Uni ein langer Weg.

Spitzenforschung fördern, ausgewählte Universitäten auch international wettbewerbsfähig machen, die Fachbereiche untereinander vernetzen: Das war 2004 der Plan, als die Exzellenzinitiative aus der Taufe gehoben wurde (siehe der Artikel »Jetzt sind wir klüger«). Der damalige Göttinger Uni-Präsident Kurt von Figura ist begeistert und preist den Wettbewerb als notwendig und Exzellenz als »Verpflichtung«. Auch seine Nachfolgerin Ulrike Beisiegel begrüßt den Hochschulwettbewerb: Er sei auch gerade eine Chance, die Geisteswissenschaften aus dem »Elfenbeinturm» herauszuholen und »ihre Forschung den gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen«.

Die Naturwissenschaften, die schon von ihrer grundsätzlichen Arbeitsweise auf Vernetzung und Interdisziplinarität ausgerichtet sind, begreifen den Wettbewerb von Anfang an als Herausforderung. Doch bei den Geisteswissenschaftlern in Göttingen ist die Skepsis groß. Auch Lauers Enthusiasmus hält sich zunächst in Grenzen. Zu fern waren ihm und seinen Kollegen Begriffe wie Elitenförderung und Exzellenz. »Wir hatten kaum eine Ahnung, was dieser Wettbewerb für Konsequenzen für uns und unsere Forschung haben würde«, sagt er. »Bis dahin war der Professor weitgehend frei, er konnte das erforschen, was ihn interessierte.« Viele hatten Angst, dass die Universität durch die Initiative in ihren Grundfesten erschüttert werden würde.

Und doch: eine professionelle Homepage, ein eigener Twitter-Account - Lauer ist 50 Jahre alt, er möchte mitgehen mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. Und die Exzellenzinitiative gehört für ihn auch dazu. Gleichzeitig versteht er die Ängste seiner Kollegen. Die Furcht davor, Privilegien und Entscheidungsfreiheit zu verlieren, und vor der Fremdbestimmung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Mit Argwohn beäugen die übrigen Professoren den Prozess, der die gesamte Universität in Bewegung zu setzen scheint. Franz Walter lehrt Demokratieforschung in Göttingen und sagt, er habe nicht das Gefühl, durch die Exzellenzinitiative aus seinem Elfenbeinturm herausgeholt werden zu müssen. Er publiziert regelmäßig in deutschen Medien, hat eine eigene Zeitung gegründet. Seine Wissenschaft auch für Fachfremde zugänglich zu machen ist ihm wichtig. Er gehört zu den Professoren in Göttingen, die keine Lust haben auf den Wettbewerb. Die sich fragen, ob der Aufwand, die Organisation, das permanente Anträge-Schreiben sich lohnen. Die bezweifeln, ob die Kooperation mit anderen Fachbereichen für die eigene Forschung fruchtbar ist. Die glauben, dass gute Wissenschaft nicht planbar sein darf. »Wenn in Ägypten die Menschen auf die Straße gehen, möchten wir die politische Partizipation erforschen und nicht das, was von der DFG in Zukunfts- und Clusterprogrammen Jahre vorher festgelegt wurde.«

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel »Die Universität ist heute eine andere als vor Beginn der Exzellenzinitiative. Heute tausche ich mich mit Kollegen in Indien aus« - Gerhard Lauer lehrt Germanistik in Göttingen
Lauer kennt diese Bedenken und arbeitet sich dennoch mit einer Handvoll Kollegen durch die Rahmenbedingungen und Inhalte des Wettbewerbs. Sie haben nur eine vage Vorstellung davon, was Förderlinie 1 oder 2 bedeutet, wie ein Förderantrag aussehen sollte oder nach welchen Kriterien die Gutachter entscheiden. »Das war der Wilde Westen«, sagt Lauer über diese erste Phase der Exzellenzinitiative. Aber letztlich lockt der Wettbewerb mit viel Geld für den Fachbereich, der mit einer Graduiertenschule für Doktoranden oder mit einem Exzellenzcluster für gebündelte Forschungsthemen den Zuschlag bekommt. Und irgendwo ist da bei Lauer auch das Gefühl, dass dieser Wettbewerb für die eigene Forschung ganz neuen Input geben könnte. »Nach und nach sickerte immer mehr durch, was sich aus diesem Wettbewerb für Möglichkeiten ergeben könnten.« Die Zusammenarbeit mit den indischen Kollegen in Pune ist eine davon.

Lauer und seine Kollegen, »immer die Gleichen«, arbeiten einen Antrag für eine Graduiertenschule für Geisteswissenschaftler aller Fachrichtungen aus. Schon im Vorfeld des Antrages geht es darum, die anderen Professoren davon zu überzeugen, am Wettbewerb teilzunehmen. Und darum, die Gräben innerhalb der Fakultät zu überbrücken. »Die nehmen uns unsere Doktoranden weg«, bekommen Lauer und seine Mitstreiter zu hören, wenn sie bei Professoren anderer Fachbereiche über das Projekt sprechen. Und am Ende müssen noch die Gutachter der DFG und der Wissenschaftsrat für die Idee gewonnen werden.

Das Konzept der Göttinger Geisteswissenschaftler schafft es 2007 in die Endrunde - doch den Zuschlag bekommt es nicht. Zu breit aufgestellt, keine thematische Eingrenzung, bemängeln die Gutachter. Stattdessen wird das Konzept der naturwissenschaftlichen Graduiertenschule gefördert. Die Göttinger werden damit zur »Elite-Universität«, weil sie in allen drei Förderlinien erfolgreich waren, doch für die Geisteswissenschaftler bleibt nur der Trostpreis: Ihre Graduiertenschule wird vom Land unterstützt, allerdings mit deutlich weniger Geld. Lauer und seine Kollegen wissen, was den Kritikern jetzt durch den Kopf geht: Seht, eure Arbeit hat sich nicht gelohnt. Schadenfroh seien sie nicht direkt gewesen, sagt Lauer, doch auch er zweifelt: Passt dieser Wettbewerb überhaupt zu uns Geisteswissenschaftlern? Was hat unsere Fakultät jetzt davon, dass die Uni »Elite« ist? Hat sich die ganze Arbeit, die ganze Mühe gelohnt? Diese Fragen nagen an Lauer und seinen enttäuschten Kollegen. »Das steckt man nicht so einfach weg.« Damals, nach der Niederlage, wird ihm klar: Wer bei der Exzellenzinitiative erfolgreich sein möchte, muss vor allem ganz genau wissen, was die DFG von den Anträgen erwartet, welche Punkte bei der Ausarbeitung wichtig sind, welche Schlagwörter fallen müssen.

Lauer und seine Kollegen fühlen sich unverstanden: »Unsere Disziplin funktioniert anders als die der Naturwissenschaftler.« In den Geisteswissenschaften gebe es kaum internationale Fachjournale, nur sehr wenig multidisziplinäre Projekte, Anträge zu formulieren, die nur sehr selektiv einen ganz bestimmten Themenbereich fördern, sei nicht sinnvoll. All das wird aber bei der Exzellenzinitiative gefordert. »Die DFG macht die Spielregeln«, meint Lauer. Es ist der klassische Konflikt, der sich an vielen deutschen Hochschulen abspielt: Dort die Geisteswissenschaften mit ihrem oft sehr ausdifferenzierten Fächerangebot, auf der anderen Seite die Naturwissenschaften, die es sehr viel leichter haben, die Vorgaben der Forschungsgemeinschaft zu erfüllen.

»Die Geisteswissenschaftler sind wichtig, wir brauchen auch hier Spitzenforschung«, sagt Ulrike Beisiegel, seit Anfang 2011 Präsidentin der Göttinger Universität. »In diesen Fachbereichen fehlt es noch an Selbstbewusstsein, wie wichtig und relevant die eigene Forschung ist.« Doch nach der ersten Runde der Exzellenzinitiative ist gerade das Ego der Geisteswissenschaftler stark angeknackst. »Die damals empfundene Kränkung ist nicht mehr frisch, aber die Erinnerung daran schon noch da«, sagt Luisa Allemeyer. Sie ist in Göttingen fürs Scherbenaufsammeln da: Als Geschäftsführerin der Graduiertenschule, die im ersten Durchgang der Exzellenzinitiative zwar nicht gewonnen hat, aber mit Landesmitteln dennoch gegründet wurde, führt sie die Geisteswissenschaftler in die nächste Bewerbungsrunde. Denn 2012 gibt es wieder, ein letztes Mal, Geld. Am 15. Juni fällt die Entscheidung, und diesmal könnte es wirklich klappen. Gerhard Lauer schwärmt vom Team-Spirit, der in den zwei Jahren der Ausarbeitung des Antrages entstanden sei. Es seien auch deutlich mehr Kollegen als vor sieben Jahren dabei. Und um die Spielregeln zu erklären, dafür gibt es in dieser Runde nun Luisa Allemeyer. Sie ist, wenn man so will, die Managerin des geisteswissenschaftlichen Engagements in der Exzellenzinitiative.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel »Es ist ein Ruck durch die Universität gegangen, unabhängig davon, ob wir Exzellenz-Uni bleiben oder nicht« - Luisa Allemeyer, Geschäftsführerin der Graduiertenschule für Geisteswissenschaftler an der Uni Göttingen
Trekking-Hose, kurze Haare, das Hemd kariert - Allemeyer sieht aus wie eine Pfadfinderin, die ein Lagerfeuer anzünden kann, die weiß, welche Pilze giftig sind und wie man einen Unterschlupf baut, wenn es anfängt, in Strömen zu regnen. »Exini« sagt sie, wenn sie über den Hochschulwettbewerb spricht. Die Exzellenzinitiative, die neue Bewerbung, ist ihr Baby. Wie können wir uns fit machen für die zweite Runde? Wie die Spielregeln der DFG einhalten und die Kritik am ersten Antrag berücksichtigen? Die Lösung heißt GEWINA - Geisteswissenschaftliche Nachwuchsakademie: eine Graduiertenschule für Spitzennachwuchs, thematisch auf vier Forschungsfelder begrenzt. Zusammen mit Professoren wie Lauer und wissenschaftlichen Mitarbeitern hat Allemeyer die Idee entwickelt und den Antrag geschrieben.

Ein bisschen glich ihre Arbeit in den vergangenen Jahren der einer Politikerin im Wahlkampf: Mit ihrem roten Fahrrad fuhr sie zwischen den geisteswissenschaftlichen Instituten hin und her, sie schüttelte Hände, klopfte Schultern, diskutierte, argumentierte, verteilte Informationsblätter. Immer wieder ging es um ein Thema, ihre Vision: Die Philosophische Fakultät soll im Jahr 2012 wieder bei der Exzellenzinitiative mitmachen und in dieser Runde endlich die ganz große Förderung bekommen. Dafür kämpft sie. Es ist ein aufreibender Kampf, denn die Vorbehalte sind immer noch da. Auch heute noch, sieben Jahre nach dem Beginn des Wettbewerbs.

Diejenigen, die von dem ganzen Wettbewerbs-Brimborium am allerwenigsten mitzubekommen scheinen, sind die Studenten. Fabian Engel ist beim Asta für Hochschulpolitik zuständig. »Exzellenzinitiative?«, fragt er. »Davon profitieren wir nicht. Manche Studienanfänger denken bei Elite-Uni an eine Uni, an der die Lehre gut ist - dass das ein Trugschluss ist, merken sie aber schnell.« Für den Skeptiker Franz Walter hat sich durch die erneute Bewerbung nicht viel verändert. Der Professor ist zufrieden, solange er in Ruhe seine eigene Forschung vorantreiben kann. »Vor dem ersten Antrag war der Druck größer, seit wir den Titel haben, läuft alles entspannter.« Und einen positiven Aspekt habe die Exzellenzinitiative auf jeden Fall: Seit er bei öffentlichen Vorträgen und Auftritten als Professor einer Elite-Universität vorgestellt werde, sei die öffentliche Wahrnehmung eine andere. Aber noch aus einem anderen Grund hofft er, dass Göttingen auch nach dem 15. Juni den Titel »Elite-Uni« behalten darf. »Sonst könnte es ungemütlich werden.« Denn wohin sollen die Mitarbeiter, die Doktoranden, die nach der ersten Vergaberunde eingestellt wurden?

Auch Luisa Allemeyers Stelle wurde im Zuge der Exzellenzinitiative geschaffen. In diesen Tagen, kurz vor der Entscheidung, gibt sie häufig Interviews. Sie wirkt angespannt, auch wenn sie sagt, dass sie jetzt nur noch warten können. »Wir haben alles gegeben.« In Göttingen scheint man mit dem Sieg zu rechnen. »Die würden dann wohl nicht reichen«, sagt Allemeyer und deutet auf zwei Sektflaschen, die im Zimmer stehen.


Aus DIE ZEIT :: 06.06.2012

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