Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Nach der Uni der Ruin

VON PIERRE-CHRISTIAN FINK

Ein Studium zahlt sich in den USA nicht mehr aus - glauben amerikanische Experten.

Nach der Uni der Ruin© misterQM - Photocase.com"Viele Uni-Absolventen werden ihre eigenen Studienkredite noch nicht zurückbezahlt haben, wenn ihre Kinder bereits Studienkredite aufnehmen"
Im Mai klang die Zukunft für Rebecca Lapham noch wie ein Versprechen. Ein Blechbläser-Quintett spielt Pomp and Circumstance, als die 23-Jährige in den Festsaal der St. Thomas University nahe Minneapolis einzieht. Vier Jahre lang hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet. Hatte Physiologie-Lehrbücher gelesen und Hautzellen unter dem Mikroskop analysiert. Hatte 60.000 Dollar Schulden aufgenommen, um die Studiengebühren bezahlen zu können. Nun sind die Anstrengungen endlich vorüber. Der Uni-Rektor überreicht ihr das Bachelorzeugnis in Biologie. Das Zeugnis, von dem Rebecca Lapham glaubte, es sei eine Art Gutschein für einen sicheren Arbeitsplatz. »Ich habe es geschafft«, dachte sie.

Heute, ein Vierteljahr später, weiß sie es besser. Rebecca Lapham ist arbeitslos. Sie ist zurück zu ihren Eltern gezogen, um die Miete zu sparen. Manchmal hat sie den ganzen Tag Migräne, dann kann sie nicht einmal das Haus verlassen. »Biologie war ein schwieriges Studium«, sagt Rebecca Lapham. »Ich dachte immer: Damit bekomme ich auf jeden Fall einen Arbeitsplatz. Aber es gibt so viele arbeitslose Biologen und so wenige Jobs.« Für Rebecca Lapham ist das Bachelorzeugnis jetzt ein 60.000 Dollar teurer Gutschein, den niemand einlösen will.

Neuerdings gibt es viele dieser wertlosen Gutscheine. Sie gehören jungen Amerikanern, für die eine Universität kein Ort ist, um dem humboldtschen Bildungsideal nachzustreben, sondern ein Karriere-Katalysator. Nur ein Drittel der amerikanischen Studenten entscheidet sich für akademische Disziplinen wie Geschichte und Mathematik; zwei Drittel studieren berufsnahe Fächer wie Modemarketing und Pferdemanagement. Vor zehn Jahren war ein Studium für junge Amerikaner noch ein sicheres Investment. Der Preis waren die Studiengebühren; die Rendite: der sichere Job. Inzwischen haben sich die Studiengebühren verdoppelt. Ein Bachelorstudium an einer privaten Uni kostet heute durchschnittlich 150.000 Dollar.

Dennoch hören die jungen Amerikaner weiterhin nur einen Ratschlag: »Geht zur Uni!«. Das predigen Eltern, Finanzberater, Politiker. »Nur dann bekommt ihr später einen guten Job.« Also investieren Millionen junger Leute in eine akademische Ausbildung. Selbst wenn sie dafür Kredite aufnehmen müssen. Insgesamt haben amerikanische Studenten Schulden von 930 Milliarden Dollar angehäuft - etwa so viel, wie Spanien an Staatsschulden angesammelt hat. Explodierende Preise, vom Glauben an eine sichere Rendite getrieben und finanziert durch Kredite: Das alles erinnert auf merkwürdige Weise an die Situation auf dem amerikanischen Immobilienmarkt vor einigen Jahren.

Tatsächlich sprechen Experten inzwischen von einer Blase auf dem Bildungsmarkt, einer higher education bubble. Die Rating-Agentur Moody's prophezeit, dass viele Studenten später nicht genug verdienen werden, um ihre Studienkredite zurückzahlen zu können. Die Bildungsexperten Claudia Dreifus und Andrew Hacker schreiben in ihrem Buch Higher Education?: »Die jungen Amerikaner haben etwas Besseres verdient als die Uni-Kost, die sie im Moment geboten bekommen - mit geringem geistigen Nährwert, aber zu einem hohen Preis.« Und Mark Kantrowitz, Amerikas bekanntester Berater für Studienfinanzierung, glaubt: »Viele Uni-Absolventen werden ihre eigenen Studienkredite noch nicht zurückbezahlt haben, wenn ihre Kinder bereits Studienkredite aufnehmen.«

Der Grund für so viel Pessimismus: Seit Beginn der Wirtschaftskrise bietet ein Uni-Abschluss keine Job-Garantie mehr. Lange Zeit bekamen nur rund zwei Prozent der Amerikaner mit Uni-Abschluss keinen Arbeitsplatz. Im Moment aber liegt die Quote bei fünf Prozent. Und selbst Uni-Absolventen, die einen Arbeitsplatz ergattern konnten, arbeiten oft in einem Job, der gar kein Studium erfordert. Sie bedienen in Restaurants oder teilen die Post aus. Zurzeit haben zwölf Prozent der amerikanischen Briefträger einen Bachelortitel. Bloß eine Momentaufnahme, sagen die Optimisten. Wenn die Wirtschaftskrise erst einmal überwunden sei, werde sich ein Studium wieder lohnen. Zumal Amerika kaum Alternativen zur Uni kennt. Eine solide Berufsausbildung wie in Deutschland gibt es nicht. Ein Studium ist deshalb Standard in den Vereinigten Staaten: Während in Deutschland derzeit rund 34 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen, sind es in den USA 65 Prozent. »Für mich war schon als Kind klar, dass ich einmal zur Uni gehen würde«, sagt Rebecca Lapham. »Ich habe früh beigebracht bekommen: Wer nicht studiert, muss für den Rest seines Lebens bei Mc Donald's die Gurkenscheiben auf die Hamburger legen.«

Rebecca Laphams Angst hat, ökonomisch gesprochen, zwei Gründe: den technischen Fortschritt und die Globalisierung. Beide zusammen haben jede Menge Jobs vernichtet, die früher einmal gute Einkommen garantierten - selbst für Amerikaner ohne Uni-Abschluss. Vor 30 Jahren beschäftigte die US-Industrie noch 19 Millionen Arbeiter. Heute sind es nur noch 12 Millionen. Viele Aufgaben werden inzwischen von Robotern erledigt. Oder die Arbeit ist nach China ausgewandert. Als Schutz gegen diese Konkurrenten tauge das Studium, glaubten viele Amerikaner. Ökonomen und Politiker versprachen: Arbeitsplätze, für die man einen Uni-Abschluss brauche, ließen sich nicht wegrationalisieren. »Die Idee, dass eine bessere Bildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt garantiert, beherrscht die öffentliche Diskussion bis heute«, schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in der New York Times. Aber diese Idee sei überholt. Die US-Industrie sei inzwischen so sehr auf Effizienz getrimmt, dass kein Arbeiter mehr durch eine Maschine ersetzt werden könne, dass sich keine Produktion mehr ins Ausland verlagern lasse. Stattdessen kämen jetzt Amerikas Dienstleister unter Druck. Schnelle Computer und gut gebildete Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern könnten dort Jobs übernehmen.

»Wenn du deine Studienkredite nicht zurückzahlen kannst, wirst du für den Rest deines Lebens gejagt«, sagt Barmak Nassirian vom Verband der amerikanischen Studentensekretariate. »Dein Gehalt wird gepfändet. Du kannst keinen Job mehr im öffentlichen Dienst bekommen. Du bist ruiniert.« Und es gibt keinen Ausweg: Studienkredite sind die einzigen Schulden, die man nach US-Recht nicht einmal durch Privatinsolvenz loswerden kann. Aus Angst vor solch einer Schuldenkarriere sind sieben Juraabsolventen jetzt vor Gericht gezogen. Sie fordern ihre Studiengebühren zurück. Ihre Hochschulen hätten sie über die Vorteile eines Studiums getäuscht: Bei der Arbeitslosenquote der Abgänger sei untertrieben, bei deren Durchschnittseinkommen übertrieben worden. So hielten es auch andere Unis, heißt es in der Klage: »In der Jura-Ausbildung ist ein systematischer, anhaltender Betrug allgegenwärtig. Einer ganzen Generation von Jurastudenten droht der finanzielle Ruin.«

Ganz gleich, wie der Prozess ausgeht - die Klage verschafft Aufmerksamkeit. Das allein könnte schon viel bewirken, meint der Ökonom Richard Vedder von der Ohio University: »Wenn die Öffentlichkeit den Bildungsmarkt erst einmal genauer unter die Lupe nimmt, wird die Blase definitiv platzen.« Wie Vedder prophezeien auch etliche andere Experten, dass die Zahlungsbereitschaft der Studenten bald an eine Grenze stoßen werden. Doch auf welche Weise eine Blase bei Bildungsangeboten platzt, sagt niemand. Jedenfalls kann die Entwicklung nicht so ablaufen wie am Immobilienmarkt, auf dem die Preise für Häuser einbrachen. Denn auf dem Bildungsmarkt lassen sich keine Uni-Zeugnisse handeln. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht. Von einer echten Reform des Uni-Systems ist jedenfalls keinerlei Rede. Präsident Barack Obama kam bislang nicht über minimale Finanzhilfen für Studenten hinaus. Unter seinen republikanischen Herausforderern hat sich Rick Perry noch am weitesten vorgewagt. Der Gouverneur von Texas forderte die Unis in seinem Bundesstaat auf, ein Bachelorstudium für 10.000 Dollar zu entwickeln. Umgesetzt ist bislang allerdings noch nichts.

Eine große Reform des Bildungssystems - etwa mit einer Berufsausbildung nach deutschem Vorbild - scheint ausgeschlossen. »Amerikas Politiker schauen auf die Besten und kümmern sich kaum um den Rest«, sagt der Bildungsforscher Shamus Khan von der Columbia University in New York. Und wer nur auf Amerikas Top- Universitäten blickt, sieht tatsächlich keinen Reformbedarf. Einem viel beachtetem Ranking zufolge stellen die Vereinigten Staaten 17 der 20 besten Unis der Welt. Zudem erlassen Amerikas Spitzen-Unis ihren Studenten aus armen Familien die Studiengebühren - anders als durchschnittliche Hochschulen. »Solange Harvard den Klügsten jedes Jahrgangs eine kostenlose Top-Ausbildung ermöglicht«, sagt Khan, »wird sich am amerikanischen Uni-System nichts ändern - ganz egal, wie sehr dabei die breite Masse unter die Räder kommt.«

Aus DIE ZEIT :: 15.09.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote