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Nachbarschaftsstreit

Von Jan-Martin Wiarda

Österreich hat einen Sündenbock für die Probleme seiner Hochschulen gefunden.

Nachbarschaftsstreit© Zooropa - Fotolia.com
Es ist die übliche Misere: Zu viele Studenten wollen an Hochschulen mit zu wenigen Studienplätzen, die Unis platzen aus allen Nähten. Doch diesmal ist nicht die Rede von irgendeinem deutschen Bundesland, sondern von Österreich. Um mehr als ein Fünftel könnte die Zahl der Studenten dort in diesem Winter höher liegen als im Jahr zuvor; das wären bis zu 60 000 Neueinschreibungen auf einen Schlag. Schuld an der extremen Entwicklung ist vor allem, dass das Alpenland seine Studiengebühren abgeschafft hat. Was das mit uns zu tun hat? Österreichs Bildungspolitiker haben für die heillose Überfüllung ihrer Hochschulen einen Sündenbock gefunden: die Deutschen. Tatsächlich fliehen die zurzeit in Scharen ins Nachbarland - vor Studiengebühren und, noch wichtiger, vor dem fast flächendeckenden Numerus clausus, der hier oft den Zugang zu ihren Wunschfächern versperrt. Anders in Österreich, wo die Barrieren niedriger sind - so niedrig, dass sich die Zahl der deutschen Studenten seit dem Jahr 2000 verdreifacht hat. Österreichische Hochschulrektoren und Bildungspolitiker fordern schon, die Bundesrepublik solle einen Ausgleich zahlen für die »deutsche Studentenflut«. Mit diesem Schüren deutschlandfeindlicher Gefühle lenken sie indes von der Tatsache ab, dass die Misere vor allem von den Österreichern selbst verursacht wurde: Um die 90 Prozent der zusätzlichen Studenten stammen nämlich gar nicht aus Deutschland. Das populistische Manöver scheint dennoch zu gelingen: Die Zeitungen zwischen Innsbruck und Wien überschlagen sich mit Berichten über österreichische Steuergelder, die für deutsche Studenten draufgehen.

Um es klar zu sagen: Als EU-Land wird Österreich den Zustrom hinnehmen müssen, neue einseitige Zugangsbarrieren nur für Deutsche sind rechtlich ebenso wenig durchsetzbar wie die Forderung von Ausgleichszahlungen. Dahinter könnte sich Deutschland erfolgreich verstecken. Sollte es aber nicht: Ein großes Land muss Rücksicht auf kleinere Nachbarn nehmen. Vor allem aber müssen die deutschen Bundesländer endlich ihrer Verpflichtung nachkommen und selbst genügend Studienplätze schaffen. Die dafür gezahlten Bundeshilfen kassieren sie längst. Dann werden die Hochschulen anfangen können, ihre völlig inakzeptablen Zugangsbarrieren abzubauen. In der Folge würden jene Studenten zurückkehren, die ihr akademisches Glück notgedrungen in Österreich, aber auch in der Schweiz oder den Niederlanden gesucht haben. Und Österreichs Bildungspolitiker müssten sich eine neue Strategie ausdenken, um von ihren eigenen Problemen ab zu lenken.

Aus DIE ZEIT :: 22.10.2009

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