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Nachgefragt

Von Helmut Schwarz und Wolfgang Marquard

Über Tabuthemen in der Wissenschaft, Programmförderung und Mainstreamforschung.

Nachgefragt© sibylle thierauf - Photocase.comGibt es Tabuthemen in der Wissenschaft?

Das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit hat die Eigenart, sogleich Fragen zu seiner Reichweite und seinen Grenzen zu erwecken. Gibt es Tabuthemen in der Wissenschaft? Ist Programmförderung kritisch zu sehen? Fragen an die Professoren Helmut Schwarz und Wolfgang Marquard.



1. Gibt es in der Wissenschaft Tabuthemen? Sollen sie tabu bleiben?

Helmut Schwarz: "Tabu" sollten in der Wissenschaft weniger Themen als Ziele und Vorgehensweisen sein. Damit wird es notwendigerweise weniger einfach, abzugrenzen, was vertretbar ist und was nicht. Feste Anhaltspunkte geben Gesetze, auch die internationalen Standards zur Forschung am Menschen. Bei der Abwägung helfen auch die ethischen Grundprinzipien des Siebten Forschungsrahmenprogramms der EU, die Ziele definieren, die nicht gefördert werden, etwa die Veränderung des menschlichen Erbgutes. Forschungsstipendiaten und Forschungspreisträger der Alexander von Humboldt-Stiftung verpflichten sich mit Annahme der Förderung bzw. des Forschungspreises, diese Grundsätze einzuhalten. Ich bin davon überzeugt, dass diese Grenzen zum Schutze der Würde des Menschen gut und richtig gewählt sind. Ein absolutes Tabu ist darüber hinaus - ohne jede Einschränkung - jegliche Forschung, die Menschen instrumentalisiert, sie physisch oder psychisch missbraucht. Dies lässt sich leider aber nicht immer an den Themen erkennen, und deshalb ist die Verantwortung jedes einzelnen Forschers immer wieder gefragt. Wie diese Verantwortung wahrgenommen werden kann, hat beispielsweise die Max-Planck-Gesellschaft in ihren "Regeln zum Umgang mit Forschungsfreiheit und Forschungsrisiken" niedergelegt.

2. Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Programmförderung und Wissenschaftsfreiheit?

Helmut Schwarz: Dieser Widerspruch besteht nicht unmittelbar. Programme sind geeignet, um einzelne Forschungsthemen in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und sie dann voranzutreiben. Sie können Ideen und Sichtweisen auch und gerade unterschiedlicher Disziplinen bündeln und für bestimmte Problemlösungen nutzbar machen. Auch internationale Kooperationen können durch sinnvolle Programmförderung entscheidende Impulse erhalten. Insofern sind sie als Teil einer Forschungsförderung sinnvoll. Unverzichtbar ist aber, dass Wissenschaftler immer die Möglichkeit behalten, neben einer Beteiligung an Programmen auch für selbst gewählte Forschungsthemen Mittel erhalten können. Alles andere wäre eine Gefahr für die Freiheit der Wissenschaft und führte zu einer Lähmung von Kreativität und Fortschritt gleichermaßen. Wir alle sind also dazu aufgerufen, uns dafür einzusetzen, dass eine breite Palette von Arbeits- und Fördermöglichkeiten für Wissenschaftler erhalten bleibt.

3. Was halten Sie davon, zukünftig weniger Programme und mehr einzelne Wissenschaftler zu fördern?

Helmut Schwarz: Die Alexander von Humboldt-Stiftung folgt dem Prinzip der Förderung von Personen und nicht von Programmen seit 1953. Ausschlaggebend für die Förderung im Rahmen eines unserer Stipendienprogramme oder für die Vergabe eines Forschungspreises ist allein die exzellente wissenschaftliche Leistung der Person; Quoten für einzelne Länder oder Fächer gibt es nicht. Für die Entfaltung des Exzellenzpotentials des Einzelnen schafft unsere Förderung die nötigen Freiräume. Nur ein Beispiel: Zu unseren Humboldtianern zählen insgesamt 44 Nobelpreisträger. Viele davon haben einen Teil der Grundlagen für ihre nobelpreiswürdigen Arbeiten während eines durch die Alexander von Humboldt-Stiftung geförderten Forschungsaufenthaltes in Deutschland gelegt. Diese Förderung erhielten sie im Rahmen der Kooperation mit einem Gastgeber, aber ohne den Zwang, sich einem Programm anzuschließen. Individualförderung ist darüber hinaus in meinen Augen die nachhaltigste Form der Förderung, weil die geförderten Wissenschaftler, so belegt es unsere Erfahrung, auch auf der Basis individueller Förderung Netzwerke aufbauen, die Kräfte bündeln und gemeinsame Leistungen ermöglichen - und dies oft passgenauer als es ein zeitlich und thematisch begrenztes Programm vermag. In diesem Sinne gehen auch von dem Netzwerk der über 24 000 Humboldtianerinnen und Humboldtianer in mehr als 130 Ländern zahllose Impulse nicht nur für die weltweite Scientific Community, sondern auch für die Zivilgesellschaften aus. Daher würde ich eine breite Entwicklung hin zu mehr Individualförderung sehr begrüßen.

4. Gibt es in der Wissenschaft Mainstream-Forschung?

Helmut Schwarz: Mainstream-Forschung wäre zweifellos die Konsequenz aus einer Dominanz einiger weniger Programme. Dabei schützt die Hinwendung zur Individualförderung allein noch nicht vor fantasie- und visionsloser Mainstream-Forschung, die immer dort auftritt, wo wir uns so sehr vor Misserfolgen fürchten, dass Methodik, Ziele und letztlich auch Ergebnisse zwangsläufig in den Grenzen des absehbaren, des Bekannten verharren. Um die Frage also zu beantworten: Ja, Mainstream- Forschung gibt es in unterschiedlichen Bereichen und wir müssen das Problem beim Namen nennen. Förderorganisationen und öffentliche wie private Zuwendungsgeber sind mehr denn je gefragt, den Mut zum Risiko zuzulassen, einzufordern und zu unterstützen. Gerade jungen Wissenschaftlern darf nicht das Gefühl vermittelt werden, dass nur das Ausfüllen vorgegebener Schablonen, etwa durch Bearbeitung beliebter, z.B. "gesellschaftlich relevanter" Themen, zur Anerkennung führt. Die Förderphilosophie der Alexander von Humboldt-Stiftung hat hier Vorbildcharakter: Denn gerade die Wissenschaftler mit ungewöhnlichen Ideen, die ausgetretene Pfade verlassen, haben bei uns die beste Aussicht auf Erfolg.

Helmut Schwarz ist Universitäts-Professor für Organische Chemie an der TU Berlin und Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung.


1. Gibt es in der Wissenschaft Tabuthemen? Sollen sie tabu bleiben?

Wolfgang Marquard: Im strengen Sinne bezeichnet das Tabu nicht nur eine Grenze des Handelns, sondern auch ein Denk- und Frageverbot, dessen Übertretung mit Scham und Schuld einhergeht. Diese Vorstellung ist mit dem Begriff moderner Wissenschaft und moderner Gesellschaft unvereinbar. Daher sollte es keine Tabuthemen geben. Im Umkehrschluss bedeutet dies nicht, dass alles Denkmögliche auch wissenschaftlich angefasst werden sollte. Auch in der modernen, enttabuisierten Wissenschaft müssen Grenzen ausgehandelt werden, gibt es Themen, die nach Übereinkunft ausgespart werden. Solche Grenzen können sich im Zeitverlauf ändern. Zum Abbau gesellschaftlicher Tabus hat die Wissenschaft über die Jahrhunderte immer wieder beigetragen. Sie sollte sich in diesen aufklärerischen Gestus dabei immer selbst mit einschließen und die Fragen nach der Objektivität, Neutralität und Zuständigkeit von Wissenschaft wach halten. Ansonsten läuft sie Gefahr, selbst Tabus zu produzieren und Denkverbote zu errichten. Wo es nicht um Forschungsthemen, sondern um die soziale Praxis im Wissenschaftssystem geht, lassen sich allerdings sehr wohl Tabus ausmachen: So wird die Frage nach dem Umgang mit leistungsschwachen Akteuren ebenso wenig laut gestellt wie die nach der zureichenden Präsenz von Professoren, die z.B. in Dresden wohnen und in Kiel lehren.

2. Sehen Sie einen Widerspruch zwischen Programmförderung und Wissenschaftsfreiheit?

Wolfgang Marquard: Ein prinzipieller Widerspruch existiert nicht. Unterschiedliche Programme und Programmstrukturen stehen auch in einem unterschiedlichen Verhältnis zur Wissenschaftsfreiheit. Anreize, zu einem bestimmten Thema zu forschen, werden erst dann problematisch, wenn auf diesem Weg eingeworbene themengebundene Drittmittel wegfallende Grundmittel kompensieren müssen. Vom Professorinnenprogramm aber ließe sich sogar behaupten, dass es die Wissenschaftsfreiheit von Frauen überhaupt erst herstellen hilft. Jede Programmförderung braucht wissenschaftsfreundliche Strukturen: Ein wissenschaftsgeleitetes Auswahlverfahren, wissenschaftsadäquate Laufzeiten, Entwicklungsoffenheit. Im Wissenschaftssystem muss ein ausgewogenes Verhältnis von Grundfinanzierung, Programmförderung und nicht thematisch gebundener Förderung gewahrt bleiben.

3. Was halten Sie davon, zukünftig weniger Programme und mehr einzelne Wissenschaftler zu fördern?

Wolfgang Marquard:Das DFG-Normalverfahren ist ein gut ausgestattetes und hervorragend aufgestelltes Programm zur Förderung einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne jegliche thematische Vorgaben. Einzelförderung sollte aber nicht gegen Programmförderung ausgespielt werden: Beide Ansätze sind ebenso sinnvoll wie notwendig. Grundsätzlich muss die Grundausstattung aber so bemessen sein, dass Forschung in einem angemessenen Umfang auch ohne erfolgreich begutachtete Forschungsanträge realisiert werden können.

4. Gibt es in der Wissenschaft Mainstream-Forschung?

Wolfgang Marquard:Das Wort "Mainstream" erweckt eine Vielzahl von Assoziationen: Eine große Zahl von Forschern in demselben Themengebiet, ein Mangel an Originalität in der Themenwahl, Risikolosigkeit beim Forschungsansatz. Für sich genommen ist aber keines dieser Phänomene verwerflich: Neu erschlossene Themengebiete ziehen auch vernünftigerweise eine große Zahl von Forschenden an, denn wo es viele offen Fragen gibt, ist offenbar auch viel Forschungsaktivität notwendig. Jede Art von Forschung muss zu originären Erkenntnissen und Problemlösungen führen. Die Forschung insgesamt darf aber nicht unter den Druck einer überzogenen Originalitätsforderung geraten, um nicht der Gefahr spekulativer oder unzureichend abgesicherter Ergebnisse zu erliegen. So besteht gerade gegenüber den Promovierenden eine große Verantwortung, das Maß an Risiko in den ihren Forschungsarbeiten zugrunde liegenden Projekten angemessen zu halten, um gerade auch der hohen Bedeutung des Publikationserfolges gerecht zu werden. Es gibt also richtigerweise eine so verstandene Mainstream-Forschung; damit sollte kein Qualitätsvorurteil verbunden sein.

Wolfgang Marquard ist Universitäts-Professor für Prozesstechnik an der RWTH Aachen und Vorsitzender des Wissenschaftsrates.

Die Antworten wurden formuliert als Diskussionsbeitrag für den 61. Jahrestagung des DHV, Potsdam, 11. und 12. April: "Wie frei ist die Wissenschaft? Forschung und Lehre zwischen Autonomie und Steuerung".

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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