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Nachhaltigkeit: Von Familienpolitik bis Energieverbrauch

Von Birk Grüling

Professor Dr. Stefan Schaltegger lehrt Nachhaltigkeitsmanagement am Centre for Sustainability Management (CSM), Leuphana Universität Lüneburg. Wir sprachen mit dem renommierten Experten über die Definition von Nachhaltigkeit und die Notwendigkeit für Politik und Wirtschaft.

Nachhaltigkeit: Von Familienpolitik bis Energieverbrauch© Stefan SchalteggerProfessor Dr. Stefan Schaltegger sieht Unternehmen und Politik in der Pflicht sich für Nachhaltigkeit einzusetzen
academics: Nachhaltigkeit ist ein in vielen Zusammenhängen verwendeter Begriff. Können Sie zu Beginn in einem Satz erklären, was man unter "nachhaltigem Handeln" versteht?

Stefan Schaltegger: Man sollte sich so verhalten, dass die nachfolgenden Generationen genauso gut leben können. Meist erweitert man diesen Grundsatz noch um die gleichwertige Berücksichtigung der drei Perspektiven Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft.

academics: Sind diese drei Säulen auch verantwortlich dafür, dass der Begriff Nachhaltigkeit in ganz verschiedenen Kontexten verwendet wird?

Schaltegger: In der Praxis wird der Begriff tatsächlich sehr unterschiedlich belegt. Grund dafür ist die Themenvielfalt des Konzeptes. Nachhaltigkeit umfasst sowohl Familienpolitik als auch einen niedrigen Energieverbrauch.

academics: Wie wird aus einem solchen Grundkonzept ein Modewort?

Schaltegger: Das geht sehr schnell. In der heutigen Medienrallye werden positiv wahrgenommene Begriffe schnell als Schlagworte vereinnahmt. Die genaue Auseinandersetzung mit der Bedeutung und dem Konzept bleibt dabei häufig auf der Strecke. Man greift es auf, um zu zeigen, dass man auch davon gehört hat, und verwendet den Begriff, wie er einem am besten passt.

academics: Können dabei Interpretationskonflikte entstehen?

Schaltegger: Ja, ein gutes Beispiel für einen solchen Konflikt ist die Bevölkerungsentwicklung. Viele Umweltorganisationen betrachten die zunehmende Bevölkerungsexplosion auf der Erde als ein zentrales Nachhaltigkeitsproblem. Dementsprechend werden Maßnahmen gefördert, um diese Entwicklung zu bremsen. In eine ganz andere Richtung gehen Vorstellungen einiger Kirchen. Hier betrachtet man Verhütung und Schwangerschaftsabbruch als unnachhaltig. Nachhaltigkeit wird auch mit dem Wachsen der Bevölkerung verknüpft. Diese beiden Ansätze führen natürlich zu verschiedenen Interpretationen und Empfehlungen, laufen aber unter dem gleichen Begriff.

academics: Wie neu ist das Phänomen des nachhaltigen Handelns?

Schaltegger: Etliche Aspekte des Nachhaltigkeitskonzeptes sind für viele Akteure aus Politik und Wirtschaft aktueller geworden, beispielsweise im Zuge der Energiewende. Andererseits gab es immer wieder religiöse oder gesellschaftliche Bewegungen, die einzelne Aspekte der Nachhaltigkeit in ihren Fokus gestellt haben. Neu ist eher die breite gesellschaftliche Verankerung des Themas und die größere Themenbreite, die unter dem Oberbegriff der Nachhaltigkeit verortet wird.

academics: Sind die Ansprüche an nachhaltiges Handeln dynamisch?

Schaltegger: Sehr sogar. Ein gutes Beispiel dafür sind Brandrodungen im Urwald, eine uralte Praxis von Wanderbauern vor Ort. Lange Zeit war dieses Handeln nachhaltig, weil kontrollierte Brände in kleinem Ausmaß durchaus positive Auswirkungen auf das Ökosystem und die Biodiversität hatten. Früher haben wenige Leute in großen Waldflächen selten gerodet, heute roden viele Leute in kleinen Restwaldflächen viel zu häufig. Dadurch sind Brandrodungen heute vollkommen unnachhaltig.

academics: Was ist eigentlich nachhaltiges Unternehmertum?

Schaltegger: Nachhaltige Unternehmensführung bezweckt die gleichwertige Integration von sozialen, ökologischen und ökonomischen Interessen in die Unternehmensstrategie und das Tagesgeschäft. Im Wesentlichen geht es darum, unnachhaltige Produktions- und Lebensstile zu verdrängen, indem überzeugendere nachhaltige Angebote erfolgreich in den Markt und die Gesellschaft gebracht werden. Dazu gehört die nachhaltige Entwicklung der Organisation, zum Beispiel durch weniger Energieverbrauch oder Verbesserung der Qualität am Arbeitsplatz. Gleichzeitig soll das Unternehmen als Ganzes befähigt werden, einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Gesellschaft zu leisten, zum Beispiel durch ökologischere und fairere Produkte, die Markt, Konsum und Lebensweisen verändern.

academics: Wie kann dieser Prozess aussehen?

Schaltegger: Meist werden im ersten Schritt Projekte initiiert und Nachhaltigkeitsbeauftragte benannt, die Maßnahmen erarbeiten und anschieben sollen. Das ist ein erster richtiger Schritt. Allerdings darf es nicht bei isolierten Übungen mit wenigen Langzeiteffekten bleiben. "Nachhaltigkeit" wird stärker gelebt, wenn sie von der Geschäftsleitung eine gehobene Bedeutung erhält. Wichtig sind die Festlegung von Zielen und Verantwortlichkeiten, der Aufbau von Know-how und die Einrichtung von Managementsystemen, die konkrete Umsetzungsmaßnahmen unterstützen. Es sollten alle Abteilungen in die Umsetzung unternehmerischer Nachhaltigkeit eingebunden werden.

academics: Welchen Sinn haben Nachhaltigkeitsberichte?

Schaltegger: Die intensive Beschäftigung mit der Datensammlung und dem Informationsaustausch fördert die Kommunikation zwischen Abteilungen und regt interne Lernprozesse an. Diese Wirkung ist für mich entscheidend. Die Kommunikationswirkung nach außen schätze ich dagegen als eher gering ein. Gelesen werden diese Berichte eigentlich nur von Forschern, den eigenen Mitarbeitern und manchmal auch noch von Nachhaltigkeitsanalysten.

academics: Wie vorteilhaft ist denn ein nachhaltiges Image für eine Marke?

Schaltegger: Bei Konsumgütern wie Kleidung oder Nahrungsmitteln, die einen Nachhaltigkeitsanspruch vermitteln, ist die Reputation von großer Bedeutung. Auch in vielen anderen Branchen kann die Nachhaltigkeitsreputation bedeutend sein. Die positiven Effekte betreffen sicherlich nicht alle Konsumenten; die wachsende Zielgruppe ist allerdings sehr attraktiv. Es handelt sich um eine gebildete Käuferschicht mit Zahlungsbereitschaft.

academics: Im Bereich der Konsumgüter schaut die Öffentlichkeit inzwischen ja sehr genau hin, auch bedingt durch Skandale wie Kinderarbeit oder Pferdefleisch. Kommt man in diesem Bereich überhaupt noch ohne eine Nachhaltigkeitsstrategie aus?

Schaltegger: Nein, eigentlich nicht. Nachhaltigkeit trägt derzeit trotzdem noch Risikoaspekte, jedenfalls in der Wahrnehmung vieler Unternehmen. Man versucht Skandale zu verhindern, in dem man beispielsweise seine Lieferkette genauer überwacht. Bei der starken Streuung der Lieferwege ist dies nicht einfach und kostenintensiv. Eine andere Sichtweise ist die Chancenorientierung. Dieser Weg beginnt sich langsam auf dem Textilmarkt zu entwickeln. Zum Beispiel kommuniziert C&A klar die Verwendung von Bio-Cotton, auch wenn der Marktanteil dafür noch gering ist. Unternehmen, die wirklich nachhaltig agieren wollen, müssen den Markt für ihre Produkte entwickeln. Er liegt nicht einfach da. Man muss so konsequent handeln, dass Käufer das Vertrauen in die Produkte entwickeln, die tatsächlich nachhaltiger sind. Dann kann auch ein höherer Preis auf Akzeptanz stoßen. Bei Öko-Textilien hat man in der Vergangenheit viele Fehler gemacht; weder Design noch Image waren ansprechend. Daraus hat man gelernt und Öko-Textilien verfügen heute über ein genauso modernes Design wie andere. Auch in der Lebensmittelbranche gibt es inzwischen viele Beispiele, wie eine konsequente Ausrichtung auf Bioprodukte sehr erfolgreich sein und einen wachsenden Markt schaffen kann. Auch bei herkömmlichen Supermarktketten steigt der Anteil an fairen und biologischen Produkten.

Checkliste - 10 Tipps für ein nachhaltiges Leben

1. Steigen Sie um auf Ökostrom
2. Reisen Sie nachhaltig
3. Spritfresser ade
4. Kaufen Sie regional und saisonal
5. Mehrweg ist besser als Einweg
6. Essen Sie weniger Fleisch
7. Denken Sie ans Meer
8. Kleiden Sie sich bewusst ein
9. Legen Sie Ihr Geld grün an
10. Sparen Sie Wasser

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academics: Wie stark steht das Thema Nachhaltigkeit auf der politischen Agenda?

Schaltegger: Große Unternehmen sind in der Pflicht nachhaltig zu handeln, weil sie stark im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Dies gilt inzwischen auch für Parteien mit Regierungsanspruch. Auch sie müssen umfassende Nachhaltigkeitskonzepte vorlegen. Das Niveau der Auseinandersetzungen und Maßnahmen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Im internationalen Vergleich wähnen wir uns ganz weit vorne. Untersuchungen zur Praxis zeigen allerdings, dass das Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen in Deutschland insgesamt eher im globalen Durchschnitt der Industrieländer liegt. Andere Länder haben sich auch stark bewegt.

academics: Das war aber nicht immer so. Gerade Ökologie oder Sozialthemen wie Mindestlohn oder Elternzeit waren doch lange Stiefkinder.

Schaltegger: Ja, das stimmt. Die Defensivhaltung ist inzwischen gebrochen, Argumente wie "Nachhaltigkeit kostet Geld und Arbeitsplätze" hört man kaum noch. Keine Partei kann sich vor Umweltschutz oder Sozialpolitik verschließen, vor 20 Jahren wäre diese Haltung noch möglich gewesen. Heute hat man Notwendigkeit und Chancen gleichermaßen erkannt. Der positive Effekt dieses Konsens' ist eine Diskussion über die Maßnahmen. Heute reden wir weniger über ein ob, sondern mehr über ein wie. Der Klimawandel ist zum Beispiel nicht wegzudiskutieren; deshalb machen wir uns konkrete Gedanken darüber, wie wir mit ihm umgehen. Diese Entwicklung ist aber noch jung und es besteht durchaus die Gefahr, dass wir zurückfallen.

academics: Welche politischen Instrumente gibt es denn, um nachhaltiges Handeln zu fördern?

Schaltegger: Der Staat spielt sicherlich eine wichtige Rolle, gleichzeitig kann die Politik allein die nachhaltige Entwicklung nicht umsetzen. Das können auch NGOs oder Unternehmen nicht alleine. So etwas erfordert ein Miteinander. Der Staat kann zum Beispiel Umweltabgaben einführen. Unternehmen verändern ihr Verhalten und überdenken ihre Business-Cases. Harte Regulierungen können durchaus ein erfolgsversprechendes Mittel sein. Auf der anderen Seite haben die Einführung und vor allem die Durchsetzung von Regulierungen auch Grenzen. Unternehmen sind schließlich keine Automaten, die sich per Knopfdruck in eine bestimmte Richtung zwingen lassen. Wichtig ist deshalb auch die Eigenmotivation von Führungskräften und Unternehmen, die mit Innovationen und der Entfaltung positiver Energien den Prozess der nachhaltigen Entwicklung vorantreiben. Informationen und Bildung sowie die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Organisationen sind wichtige Faktoren. Zum Beispiel könnte noch mehr in der Nachhaltigkeitsausbildung von Führungskräften und der Begleitung von Unternehmen erfolgen, geeignete Managementmethoden zur Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung anzuwenden.


Über den Interviewten
Prof. Dr. Stefan Schaltegger ist Ordinarius für Nachhaltigkeitsmanagement und Leiter des Centre for Sustainability Management in Lüneburg. Stefan Schaltegger hat mit dem MBA Sustainability Management vor zehn Jahren den weltweit ersten MBA Studiengang zu Nachhaltigkeitsmanagement ins Leben gerufen. Er forscht mit seinem Team zu Nachhaltigkeitsthemen wie Messung unternehmerischer Nachhaltigkeit, Lieferketten, Stakeholder-Beziehungen, Biodiversität und Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung.

academics :: Juni 2013


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