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Nachwuchswissenschaftler - Abstrampeln für die Forschung

VON KATHRIN FROMM

Nachwuchswissenschaftler an deutschen Unis müssen sich oft jahrelang mit befristeten Arbeitsverträgen durchschlagen. Hier erzählen vier von ihnen, wie sie damit umgehen.

Nachwuchswissenschaftler - Abstrampeln für die Forschung© tiero - Fotolia.comNachwuchswissenschaftler fühlen sich wie im Hamsterrad: Sie laufen im Kreis, ohne zu wissen, ob sie irgendwann ankommen

»Viele sehr gute Wissenschaftler gehen in die Wirtschaft«

Mein Vertrag ist gerade verlängert worden, bis Ende 2016. Dann werde ich fünf Jahre lang als Postdoc an der TU München gewesen sein. Das ist eine Ausnahme, die meisten wechseln nach zwei oder drei Jahren die Uni, weil das für die Karriere wichtig ist. Aber ich will nicht weg aus München. Mein Mann hat hier einen guten Job. Er ist schon mit mir von Karlsruhe, wo wir beide studiert haben, nach Bayern gezogen. Alle paar Jahre den Wohnort zu wechseln, sieht er nicht ein - und ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich habe mir hier ein soziales Umfeld aufgebaut, tanze Standard im Verein.

Natürlich würde ich gerne Professorin werden, aber nicht um jeden Preis. Ich könnte sicherlich im Anschluss noch eine zweite Postdoc-Stelle bekommen, da habe ich keine Bedenken. Aber ich will eben nicht überall hin. Immerhin habe ich in München den Vorteil, dass es hier zwei Unis und das Max-Planck-Institut für Physik gibt. Vielleicht ergibt sich ja etwas. Eine andere Möglichkeit wäre es, mir eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen, zum Beispiel mit dem Emmy-Noether-Programm. Ich frage mich schon: Warum muss man als Nachwuchswissenschaftler alle paar Jahre weiterziehen? Ich weiß, ursprünglich ging es darum, dass dadurch das Wissen wandert, aber mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten kann man auch international vernetzt arbeiten, wenn man nicht ständig den Ort wechselt. Außerdem trifft man sich weltweit auf Konferenzen.

Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht mehr. Viele sehr gute Wissenschaftler aus meinem Umfeld haben deshalb aufgehört und sind in die Wirtschaft gegangen. Natürlich mache ich mir auch Gedanken darüber, was ich tue, wenn mein Vertrag in zwei Jahren ausläuft und sich bis dahin nichts anderes in der Wissenschaft ergeben hat. Vielleicht gehe ich dann auch in die Wirtschaft. Erst einmal ist das Problem ja verschoben - und ich kann in Ruhe weiterforschen.

Jennifer Girrbach-Noe, 30, ist Postdoc am Fachbereich Physik der TU München.

»Nach sechs Jahren steht man auf der Straße, egal, was man geleistet hat«

Meine Zeit als Juniorprofessor endet im Dezember. Wie es danach weitergeht, weiß ich noch nicht. Eigentlich halte ich so eine Juniorprofessur für eine sehr gute Vorbereitung auf eine Vollprofessur: Man lehrt und forscht eigenständig und ist in die Gremien eingebunden - eben alles, was man später auch macht. Auch die ursprüngliche Idee dahinter ist gut: Wer sich als Juniorprofessor bewährt, bekommt eine feste Stelle, so ähnlich wie in den USA mit dem Tenure Track. Das Problem ist, dass in Deutschland die meisten Juniorprofessuren ohne einen Tenure-Track sind. Das heißt, nach sechs Jahren steht man auf der Straße, egal, was man geleistet hat.

Vielleicht bin ich da naiv rangegangen. Ich dachte mir: Wenn ich meine Arbeit ausreichend gut erledige, dann wird das schon klappen. Aber so einfach ist es nicht. Ich habe den Lehrpreis der Fakultät bekommen, ich habe eine knappe halbe Million Euro an Drittmitteln eingeworben, ich habe über 20 Artikel in Fachzeitschriften publiziert. Was soll ich denn noch tun?

Da kommt schon ein gewisser Frust auf. Über die Jahre habe ich um die 50 Bewerbungen für Professuren geschrieben, die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Einige Bewerbungen wurden komplett ignoriert, mal war ich eingeladen zum Vortrag, manchmal wurde ich auch auf der Liste mit Wunschkandidaten platziert, zwei Mal sogar auf Platz zwei. Geklappt hat es bislang leider nicht. Aber noch habe ich Hoffnung.

Falls ich bis Januar keine Zusage habe, will ich es auf jeden Fall noch ein oder zwei Jahre lang weiter versuchen. Um im System zu bleiben, müsste ich wohl kostenlos als Privatdozent unterrichten. Da fragt man sich natürlich schon, warum es in Deutschland so schwer ist, unbefristete Stellen unterhalb der Professur zu schaffen. In Großbritannien gibt es zum Beispiel den sogenannten Lecturer, der ist unbefristet eingestellt, unterrichtet und wird einigermaßen gut bezahlt. Das ist ein deutlich besseres Sprungbrett!

Eric Linhart, 38, ist Juniorprofessor für Angewandte Politische Ökonomie an der Universität Kiel.

»Man hat ein Zeitfenster von fünf Jahren. Und dann muss alles passen«

Ich habe gerade eine sehr gute Stelle, auf der ich habilitiere: Vollzeit, ordentlich bezahlt, mit einem eigenen Forschungsprojekt. Allerdings ist es eine befristete Stelle. Mein Vertrag läuft insgesamt über vier Jahre, eines ist gerade vorbei. Das ist ein großes Problem in der deutschen Hochschullandschaft: Jenseits der Professur gibt es keine unbefristeten Stellen. Gerade in so einem kleinen Fach wie der Ethnologie kommt auf die wenigen Professorenstellen eine große Zahl an Habilitanden. Das ist ein Glücksspiel!

Man hat ein Zeitfenster von vielleicht fünf bis sieben Jahren, in dem man mit der Habilitation fertig und noch jung genug sein muss. Und dann muss alles passen, das Thema zum Beispiel, der Ort. Ich engagiere mich gegen diese Strukturen, bei der Jungen Akademie in der AG Wissenschaftspolitik. Wir Nachwuchswissenschaftler haben zum Beispiel ein Strukturpapier erstellt, in dem wir uns mit der Personalsituation an deutschen Unis auseinandersetzen. Wir fordern darin mehr unbefristete Stellen und flachere Hierarchien.

Manchmal sehe ich das Professorendasein auch kritisch, obwohl ich gerne in der Wissenschaft bin. Eine so eigenständige und kreative Arbeit gibt es nicht oft. Meine Leidenschaft ist die Feldforschung, die kann man eigentlich nur in der Wissenschaft leben. Als Migrationsforscherin arbeite ich zudem an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. Ich bin an Themen dran, die eine hohe gesellschaftliche Brisanz haben und aktuell wichtig sind. Das alles gefällt mir.

Aber ich sehe viele Professoren, die sich aufreiben, was vor allem strukturelle Gründe hat. Wenn man neu berufen wird, ist es heute oft so, dass man erst einmal etliche Drittmittelanträge losschicken muss, damit die Zukunft des Instituts gesichert ist. Man hat viele Verwaltungsaufgaben. Das kann viel Stress bedeuten! Mir ist jedoch auch eine gute Balance von Leben und Arbeiten wichtig.

Silja Klepp, 38. Die Ethnologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen.

»Je älter man wird, desto eher wünscht man sich, anzukommen«

Ich habe schon einige Stationen hinter mir - und im November steht der nächste Umzug an: Ich wechsle mit meiner Forschungsgruppe von der ETH Zürich ans Max-Planck-Institut nach Marburg. Meine Frau und unser Sohn kommen mit. Mir ist bei so einem Ortswechsel auch wichtig, dass meine Familie zufrieden ist. Meine Frau ist promovierte Pharmazeutin, da kann ich nicht einfach irgendwo hinziehen, wo es für sie keine Karriereperspektive gibt.

Nach der Postdoc-Phase in den USA hatte ich zwei Angebote: eine befristete W2-Professur mit drei Doktoranden an einer deutschen Uni und ein Stipendium für eine Nachwuchsgruppenleitung mit einem Doktoranden in Zürich. Rein von der Ausschreibung her wäre die Stelle in Deutschland vielleicht vielversprechender gewesen, aber ich habe mich für Zürich entschieden, auch weil meine Frau in der Schweiz eine feste Stelle gefunden hat.

Ich würde mir wünschen, dass es in Deutschland festere Bahnen für Nachwuchswissenschaftler gibt, damit Karriere und Familienleben planbarer werden. In den letzten Jahren wurden, nicht zuletzt im Rahmen der Exzellenzinitiative, sehr viele befristete Stellen für Nachwuchswissenschaftler geschaffen. Allerdings stehen diese in einem krassen Missverhältnis zur begrenzten Anzahl bestehender Professuren. In meinen Augen hätte man sich deshalb auch Gedanken um die längerfristigen Perspektiven für Nachwuchswissenschaftler machen müssen.

Momentan diktiert bei Berufungen in Deutschland viel der Zufall. Hinzu kommt, dass Berufungsverfahren meist ein Jahr oder länger dauern. Deshalb muss ich in Marburg von Anfang an schauen, dass ich produktiv arbeite, weitere Drittmittel einwerbe, schnell Ergebnisse vorweise und publiziere. Denn auch in Marburg werden wir vermutlich nicht für immer bleiben, die Stelle dort ist auf fünf Jahre befristet.

Je älter man wird, desto eher wünscht man sich, irgendwo anzukommen. Irgendwann kommt das Angebot, da bin ich mir sicher.

Tobias Erb, 35, ist Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Mikrobiologie der ETH Zürich.

Aus DIE ZEIT :: 21.08.2014

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