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Junge Mediziner fördern - Eine Anschubfinanzierung der Forschung


VON REINHARD PABST UND PETRA LINKE

Nachwuchswissenschaftler in der Medizin übernehmen meist Aufgaben in der Krankenversorgung und in der Lehre. Dabei bleibt die Forschung oft auf der Strecke. Wie kann man ihnen Möglichkeiten zu eigener Forschung bieten? Ergebnisse einer Umfrage.

Junge Mediziner fördern - Eine Anschubfinanzierung der Forschung© ViktorCap - iStockphoto.comEigenverantwortliches Forschen soll Theorie und Praxis verbinden und den medizinischen Nachwuchs fördern
Die deutschen Medizinischen Fakultäten leiden unter großen finanziellen Problemen, so dass fast alle ein hohes Defizit erwarten. Das hat vor allem strukturelle Gründe, wie der Medizinische Fakultätentag überzeugend im Deutschen Ärzteblatt dokumentiert hat. Die aktuelle finanzielle Situation ist zunehmend dramatisch. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) forderte kürzlich die Mittel für die medizinische Forschung in Deutschland dringend zu erhöhen.

In solchen extrem angespannten Zeiten besteht die große Gefahr, dass die Grundlagenforschung leidet, denn oft wird der Krankenversorgung Priorität eingeräumt und bei der Lehre, der Ausbildung der Medizinstudenten besteht kaum eine Möglichkeit zur Einsparung. Es wird sogar eine Ausweitung der Mittel für die Lehre gefordert.

Wiederholt wurde beklagt, dass schon jetzt ein Mangel an Ärzten in der Klinik besteht und dringend der Nachwuchs früh für die Forschung motiviert werden müsse. Dabei müssen auch die aktuellen Bedürfnisse und Wünsche der jetzigen Generation berücksichtigt werden.

Wir benötigen neben Naturwissenschaftlern auch Ärzte in der Medizinischen Forschung. Bitter-Suermann hat 2009 in Forschung & Lehre mit Nachdruck für die Promotion in der Medizin in der studienbegleitenden Form geworben. Zur Zeit promovieren in der Medizin nach Angaben des statistischen Bundesamtes ca. 60 Prozent. Parallel werden Modelle zum strukturierten Promotionsverfahren im Studium bzw. in Graduiertenschulen entwickelt.

Das Medizinstudium dauert bisher mindestens sechs Jahre. Für alle Ärzte im direkten und indirekten Patientenkontakt folgt eine Weiterbildung von mindestens vier, meistens fünf Jahren. Dazu kommt noch eine weitere Zeit von zwei Jahren, um z.B. als Internist die Zusatzbezeichnung Kardiologe zu erwerben. Damit sind die meisten zu der Zeit ca. 30 Jahre alt. Für die Antragstellung für ein Normalverfahren bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) müssen möglichst bereits Publikationen vorliegen. Bei angesehenen Stiftungen ist es ähnlich.

Für die Teilnahme als Projektleiter in Verbundforschungsprojekten der DFG wie Forschergruppen und Sonderforschungsbereichen ist in der Regel die bisherige erfolgreiche Einwerbung von Normalverfahren der DFG nötig. Deshalb besteht die Problematik, wie die medizinischen Fakultäten ihren Nachwuchs trotz der Aufgaben in der Lehre und Krankenversorgung mit der der angestrebten Weiterbildung in einem Lebensabschnitt realisieren können, in der bei vielen auch eine Familie gegründet wird. Als eine Lösung bietet sich an, besonders engagierten Mitarbeitern eine Möglichkeit zur eigenverantwortlichen Forschung zu geben und dazu Mittel aus dem Landeszuschuss zu geben.

Junge Mediziner fördern - Eine Anschubfinanzierung der Forschung © Forschung & Lehre Häufigkeit der Anzahl von Programmen zur Forschungsanschubfinanzierung an den Medizinischen Fakultäten

Umfrageergebnisse

Es wurden die Dekane aller 35 medizinischen Fakultäten angeschrieben und um die Beantwortung eines kurzen Fragebogens gebeten. Notfalls wurde mehrfach nachgefragt.

Es wurde um folgende Antworten gebeten: Ob es ein Anschubprogramm gibt, wie es heißt, wer die Zielgruppe ist, wie lange die Laufzeit dieser Forschung ist, wie hoch die Förderung ist und welches Gremium eine Auswahl vornimmt. Schließlich fragten wir, ob eine Evaluation des Programms erfolgt ist.

Das Programm an der MHH heißt Hochschulinterne leistungsbezogene Förderung (HILF). Es wurde 1998 eingeführt und soll jungen Wissenschaftlern ermöglichen, ein Forschungsprojekt eigenverantwortlich zu formulieren und durchzuführen und nicht in einem anderen Projekt nur eingebunden zu sein und damit auch die Verantwortung für die Finanzen des Projekts zu haben. Ziele sind, erstens eigene Daten zu erheben, diese möglichst hochrangig zu publizieren und auf dieser Grundlage zweitens einen eigenen Antrag z.B. bei der DFG oder einer anderen Organisation wie einer Stiftung mit kritischem Reviewsystem erfolgreich zu stellen.

Die Antragstellung ist an der MHH zweimal im Jahr möglich. Die Laufzeit des Projekts soll ein Jahr betragen und maximal 25.000 Euro benötigen. Die Forschungskommission unter der Leitung des Forschungsdekans sucht die zu fördernden Projekte aus. Die Projektleiter müssen einmal bei einem HILF Symposium ihre Ergebnisse hochschulintern vorstellen, was als Vortrag oder Poster möglich ist. Der "beste" Vortrag und das "beste" Poster werden je mit einem Preis der Gesellschaft der Freunde der MHH von 500 Euro ausgezeichnet.

Der Rücklauf der Erhebung betrug 91,4 Prozent von den 35 Medizinischen Fakultäten in Deutschland, und ist damit erfreulich hoch. Die Anzahl der Programme an den Fakultäten zeigt die Abbildung. Teilweise gibt es aufeinander aufbauende Programme. Die Auswahl unter den Antragstellern erfolgt ganz überwiegend durch die Forschungskommission und nur für einzelne Programme durch externe Gutachter.

Die Zielgruppe waren Nachwuchswissenschaftler, wobei z.T. die Promotion eine Voraussetzung ist. Wenn eine Altersbegrenzung angegeben ist, wird meist 35 Jahre erwähnt. In zehn Fakultäten gibt es spezielle Programme für die Promotion für Mediziner. In einer Fakultät gibt es ein Programm speziell für weibliche Nachwuchswissenschaftlerinnen. Die Auswahl erfolgt entweder durch den Fachbereichsrat auf Vorschlag der Forschungskommission, die nach interner Begutachtung in den anderen Fällen die Entscheidung trifft.

In sieben Programmen sind externe Gutachter zusätzlich nötig. Es muss hinterfragt werden, ob das wirklich nötig ist, wenn berücksichtigt wird, dass Hochschullehrer durch Begutachtungen von Forschungsprojekten für die DFG, BMBF, EU, Stiftungen sowie von Promotions-, Habilitations- und Berufungsverfahren sowie nationale und internationale wissenschaftliche Zeitschriften immer mehr überfordert werden, wie kürzlich auch von der DFG bemängelt wurde.

Der Förderumfang der Programme variiert stark und umfasst z.T. auch Stipendien z.B. für Promovierende. Das Gesamtvolumen reicht bis zu 3,5 Millionen Euro pro Jahr, wobei nicht angegeben wurde, wie hoch die Antragssumme des Einzelprojekts ist. Insgesamt werden aber hohe Beträge für diese Anschubfinanzierung eingesetzt.

Keine der Fakultäten hat bisher eine echte Evaluation ihres Programms durchgeführt. An der MHH wird gerade eine Befragung der durch das HILF Programm geförderten Wissenschaftler ausgewertet, wobei neben den Publikationen aus dem Projekt vor allem nach im Anschluss eingeworbenen Drittmitteln gefragt wird.

Derartige Evaluationen sollten in allen Fakultäten erfolgen, um zu dokumentieren, ob fakultätsinterne Anschubprogramme ihren Zweck erfüllen. Uns sind dazu leider bisher keine Publikationen bekannt. Ein spezieller Workshop zum Austausch der Erfahrungen der Fakultäten wäre durch den Medizinischen Fakultätentag wünschenswert.

Eine ausführliche Fassung des Beitrags mit Literaturhinweisen kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über die Autoren
Prof. Dr. Reinhard Pabst, aus Niedersachsen, ist Senior Forschungsprofessor an der Medizinischen Hochschule Hannover für Immunmorphologie, Zentrum Anatomie.
Petra Linke, ist im Forschungsdekanat der Medizinischen Hochschule Hannover tätig.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2014

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