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Nachwuchswissenschaftler - "Doktoranden sind keine Währung und kein Besitzstand"

Der Wissenschaftsrat hat immer wieder zur Frage des wissenschaftlichen Nachwuchses, zur Bedeutung von Habilitation und Juniorprofessur Stellung bezogen. Wie schätzt er die aktuellen Perspektiven der Nachwuchswissenschaftler angesichts tausender befristeter Stellen durch Hochschulpakt und Exzellenzinitiative ein? Welche Bedeutung soll Tenure im Hochschulsystem haben? Fragen an den Vorsitzenden des Rates.

Doktoranden sind keine Währung und kein Besitzstand© Alex Slobodkin - iStockphoto.comFür den wissenschaftlichen Nachwuchs gibt es weiterhin überwiegend unübersichtliche, meist drittmittelfinanzierte Wege zur Professur
Forschung & Lehre: Der Wissenschaftsrat hat sich im Jahr 2001 für die Einführung der Juniorprofessur ausgesprochen. Das damalige Ziel von etwa 6000 Juniorprofessuren in Deutschland wurde mit derzeit knapp 1000 weit verfehlt. Welche Gründe sehen Sie für das Auseinanderfallen von Soll- und Ist-Zustand?

Wolfgang Marquardt: Die Einführung der Juniorprofessur war ja nur einer der Bausteine einer Reform der Karrierewege in Deutschland, um frühe wissenschaftliche Unabhängigkeit und verlässliche Karriereperspektiven zu schaffen. An diesen Zielen müssen wir weiter festhalten, wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen. Die Qualifizierungswege sollten aber auch künftig in den Fächern variieren können, weil - wie beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften - der Weg zur Professur nicht zwingend über eine Juniorprofessur gehen muss. Demnach zeigt die kleine Zahl von Juniorprofessuren, dass es immer noch nicht gelungen ist, neben der klassischen Rekrutierung über Assistenzen oder aus der Industrie auch Tenure-Track-Verfahren mit transparenten Spielregeln flächendeckend einzuführen. Stattdessen muten wir dem wissenschaftlichen Nachwuchs weiterhin unübersichtliche, meist drittmittelfinanzierte Wege zur Professur zu, die oft durch Kettenverträge kurzer Laufzeit gekennzeichnet sind. Damit tun wir der Wissenschaft langfristig allerdings keinen Gefallen, auch wenn es für die Universitäten praktisch zu sein scheint.

F&L: Nach wie vor ist die Habilitation für viele Wissenschaftler der Qualifikationsweg für eine Professur. Welche Bedeutung hat sie im Vergleich mit der Juniorprofessur?

Wolfgang Marquardt: In vielen Fächern hat die Habilitation de facto immer noch eine zentrale Bedeutung für die Rekrutierung - allerdings ist diese Rekrutierungspraxis weder alternativlos, noch wäre der Verzicht auf sie zwangsläufig mit Qualitätseinbußen verbunden. Und das ist nicht erst seit Einführung der Juniorprofessuren der Fall; schon immer waren Berufungen auch mit dem Nachweis habilitationsäquivalenter Leistungen üblich. Statt uns mit einheitlichen formalen Kriterien als Voraussetzung für die Berufbarkeit aufzuhalten, sollten wir Berufungsentscheidungen allein an der inhaltlich belegbaren wissenschaftlichen Qualifikation der Bewerber orientieren.

F&L: Die Kernfrage des wissenschaftlichen Nachwuchses ist die Verlässlichkeit der Berufsperspektive, insbesondere verbunden mit der Option für eine Tenure-Stelle. Plädieren Sie für Wissenschaft als "Laufbahn"?

Wolfgang Marquardt: "Laufbahn" als automatische Beförderung nach Altersstufen verstanden, passt nicht in das Wissenschaftssystem. Wissenschaftskarrieren müssen vielmehr an Qualität und Leistung in Forschung, Lehre und Transfer orientiert sein. Aber wenn "Laufbahn" mehr Transparenz über Prozeduren und Kriterien der Bewertung von Qualität und Leistung und der auf dieser Grundlage entschiedenen Berufung oder Entfristung bedeutet, dann erscheint mir das sehr wohl vereinbar mit dem Leistungsprinzip.

F&L: Exzellenzinitiative und Hochschulpakt haben Tausende von befristeten Stellen für Nachwuchswissenschaftler generiert. Welche Perspektive haben diese Wissenschaftler? Die Zahl der Universitätsprofessoren ist seit Jahren nahezu konstant - und zwar konstant niedrig.

Wolfgang Marquardt: Der Zuwachs an Nachwuchswissenschaftlerstellen entspricht der gewachsenen Bedeutung der Forschung für den Standort Deutschland und ist daher grundsätzlich sehr zu begrüßen. Mit diesen Sonderprogrammen qualifizieren wir eine deutlich höhere Zahl junger Menschen für eine wissenschaftsorientierte berufliche Tätigkeit nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Wissenschaftssystems. Da dieser Aufwuchs zeitgleich mit einer stark gestiegenen Nachfrage nach Studienplätzen stattfindet und laut aktuellen Vorausberechnungen die Zahl der Studierenden auch in den nächsten fünfzehn Jahren nicht zurückgehen wird, wären wir gut beraten, einem großen Teil der Nachwuchswissenschaftler einen Verbleib in den Hochschulen zu attraktiven Konditionen zu ermöglichen. Nur so können die Betreuungsrelation verbessert, die Lehraufgaben mit hoher Qualität abgedeckt und gleichzeitig eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit unserer Forschung im internationalen Wettbewerb erreicht werden.

F&L: Sind die derzeit bestehenden Personalkategorien an den Hochschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs ausreichend? Ist die Professur mit Schwerpunkt Lehre angesichts des derzeitigen Studentenansturms ein Zukunftsmodell?

Wolfgang Marquardt: Wir treten seit langem für eine Ausdifferenzierung der Personalkategorien ein, hier stellt die Professur mit Schwerpunkt Lehre eine sinnvolle Variante dar. Diese oder jede andere Personalkategorie soll die Einzelnen aber nicht ein für alle Mal festlegen. Die im individuellen Karriereverlauf flexible Schwerpunktsetzung in Forschung oder Lehre oder in der Wissenschaftsadministration kommt der Vorstellung des Wissenschaftsrats am nächsten. Was die Gestaltung der Personalstruktur betrifft, so wird sich der Wissenschaftsrat in nächster Zeit vermutlich erneut dazu äußern. In diesem Rahmen könnten auch Karrierewege und Personalkategorien neben der Professur empfohlen werden, den Beratungen will ich aber nicht vorgreifen.

F&L: An vielen Universitäten wird die Lehre durch den Einsatz von Lehrbeauftragten, von denen sehr viele Privatdozenten sind, mitgetragen. Viele von ihnen beklagen Unterbezahlung und Perspektivlosigkeit. Zu Recht?

Wolfgang Marquardt: In der Tat kann die Lehrleistung nicht alleine durch die Professoren erbracht werden. Daher ist das Hochschulsystem systemisch auf weitere Lehrkräfte angewiesen. Inwieweit diese Lehrkräfte eine berufliche Perspektive innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft haben oder nicht, hängt vom Fach und von der Organisationsstruktur einer Einrichtung ab. Die manchmal unzumutbare Situation von Privatdozenten und anderen hoch qualifizierten Nachwuchskräften ist eben die Kehrseite der traditionellen Karrierewege in der Wissenschaft in Deutschland, wo allein auf "up or out" gesetzt wird und keine attraktiven Karriereoptionen neben der Professur geboten werden. Besonders problematisch scheint es mir, wenn Missstände nicht nur in Einzelfällen entstehen, sondern wenn die Funktionsfähigkeit der Hochschulen systematisch durch eine große Zahl hoch qualifizierter und erfahrener, aber nicht wissenschaftlich selbstständiger Lehrkräfte sichergestellt wird. So werden Potenziale verschenkt und Frustration erzeugt.

F&L: Der Wissenschaftsrat hatte in einem aktuellen - wie man hört auch intern nicht unumstrittenen - Positionspapier empfohlen, die Doktorandenausbildung künftig stärker in kollegiale Verantwortung zu geben und Doktoranden zusätzlich zu ihren Betreuern durch ein fachnahes Promotionskomitee zu begleiten. Was versprechen Sie sich davon?

Wolfgang Marquardt: Die Betonung kollegialer Verantwortung, die übrigens nur eine von vielen Empfehlungen ist, war nicht umstritten. Im Rahmen strukturierter Promotionen haben sich solche Modelle kollegialer Betreuung vielfach bewährt, die im Übrigen nicht die Beziehung zum Doktorvater bzw. der Doktormutter ersetzen, sondern ergänzen sollen. Wissenschaft ist offener Diskurs unter Peers. Ich sehe nicht, weshalb ein solcher Austausch gerade während der wichtigsten Qualifizierungsphase schädlich sein sollte. Selbstverständlich muss die Ausgestaltung einer solchen kollegialen Verantwortung nach fachspezifischen Erfordernissen erfolgen und sich auf gerade diesen wissenschaftlichen Diskurs konzentrieren, anstatt fächerübergreifend formale Regelungen und mehr Bürokratie einzuführen.

F&L: Dem steht entgegen, dass niemand die Dissertation besser kennt, zumindest kennen sollte, als der Betreuer. Wird mit diesem Komiteemodell nicht die Motivation, Doktoranden anzunehmen, geschwächt und entscheidet das Komitee nicht auch unmittelbar über die Betreuungsleistung?

Wolfgang Marquardt: Natürlich steht der Betreuer einer Dissertation inhaltlich am nächsten und verantwortet die Orientierung. Gerade diese Verantwortung kann nicht delegiert werden. Ihre Frage geht offenbar aber von der Interpretation einer Betreuungsbeziehung als Besitzverhältnis aus: Weshalb sollte ich weniger motiviert sein, einen Doktoranden anzunehmen, wenn auch Kollegen sich mit dessen Projekt aus fachlicher Perspektive befassen? Verantwortungsvollen Doktorvätern und -müttern ist es ein Anliegen, Doktorarbeiten möglichst gut zu betreuen, warum sollten sie kollegiale Unterstützung dabei zurückweisen oder sich gar bezüglich ihrer Betreuungsleistung kontrolliert fühlen? Ist nicht mit einem wissenschaftlichen Gewinn zu rechnen, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung über eine Forschungsarbeit schon früh, also lange vor der Promotionsprüfung, in einem größeren Kreis von Fachleuten erfolgt? Die Heftigkeit mancher Reaktion lässt mich manchmal daran zweifeln, ob wir alle das Verständnis von Wissenschaft als offenem Austausch teilen. Doktoranden sind keine Währung und kein Besitzstand, sondern die Zukunft der Wissenschaft.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012

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