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Nadelstich mit Wirkung

VON CHRISTOPH DRÖSSER

Mathematiker rufen auf zum Boykott des Elsevier-Verlags.

Nadelstich mit Wirkung© Joanna Glab - iStockphoto.comMathematiker setzen ein Zeichen gegen die Profitisierungen im wissenschaftlichen Publikationswesen
Das wissenschaftliche Publikationswesen, es basiert zunehmend auf einem fast paradoxen Geschäftsmodell: Wissenschaftler schreiben Artikel, ihre Gemeinschaft besorgt die fachliche Begutachtung (Peer Review), sie kümmern sich sogar selbst um den Schriftsatz - und dann geben sie alle Rechte an einen Verlag ab, der damit gehörig Profit macht. Seit Jahren im Fokus der Kritik steht der niederländische Elsevier-Verlag. Jährlicher Umsatz: mehr als drei Milliarden Dollar. Umsatzrendite: mehr als 30 Prozent.

Ginge es nach den Bibliotheken und Forschungsinstitutionen, wäre diese Gelddruckmaschine längst gestoppt. Es sind die Wissenschaftler, die sie am Laufen halten: indem sie ihre Artikel einreichen und ehrenamtlich als Herausgeber und Gutachter arbeiten. Die meisten Forscher kümmern sich gar nicht darum, in welchem Verlag eine Zeitschrift erscheint - sie drängen einfach in die Journale mit der besten Reputation.

Schon oft gab es Initiativen, dort anzusetzen und Elsevier sozusagen intellektuell auszutrocknen. Jetzt hat der Mathematiker Timothy Gowers von der Universität Cambridge, Träger der Fields-Medaille - für Mathematiker vergleichbar mit dem Nobelpreis -, einen neuen Versuch gestartet. Und diesmal könnte es ernst werden. Zwei weitere Fields-Medaillisten und die Vorsitzende der Internationalen Mathematiker-Vereinigung stehen auf der Unterschriftenliste, die bereits mehr als 5600 Namen umfasst, darunter 1100 Mathematiker.

Man könnte die Attacke auf Elsevier wohlfeil nennen, denn dort erscheinen kaum namhafte Mathematik-Journale. Der Verzicht schmerzt nur wenige Mathematiker wirklich. Ein vergleichbar profitables Ziel für den Protest wäre der akademische Springer-Verlag gewesen - aber der ist bei den Mathematikern äußerst beliebt, nicht zuletzt weil er mit den Gewinnen aus seinem Zeitschriftengeschäft die Publikation von Fachbüchern querfinanziert. Bei Elsevier dagegen spielt das Buchgeschäft nur eine untergeordnete Rolle. Trotzdem - es wäre ein Fanal, würde eine ganze Disziplin zeigen, dass ihre Wissenschaft ohne den verhassten Branchenriesen auskommt. Kurz nach Gowers' Aufruf sackte Elseviers Börsenkurs um einige Prozente ab.

Aus DIE ZEIT :: 16.02.2012

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