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Natürlicher Widerspruch

VON PETER HENNICKE

Die Energiewende scheitert: Es geht zu wenig um Effizienz.

Natürlicher Widerspruch© Pauli N. - Fotolia.comWenn die Energiewende gelingen soll, müssen die Ziele der Einsparpolitik verpflichtend und der Ausbau erneuerbarer Energien weiter vorangetrieben werden
Wenn der Begriff »Energiewende« fällt, denken die meisten erst einmal an ihr Geld: steigende Strompreise, höhere Mieten durch Luxusmodernisierung, teurere Energiesparlampen. Was viele dabei übersehen: Energiewende heißt im Kern Energie sparen. Und damit auch Geld. Wer nicht nachhaltig produziert und konsumiert, verschwendet im Übermaß Energie und Geld. Die Energiewende ist entscheidend für die Stabilisierung der Energiekosten und dafür, dass Deutschland ökologisch modernisiert wird. Neue Geschäftsfelder können erschlossen und mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, Deutschland wird wettbewerbsfähiger und weniger von Energieimporten abhängig. Die wirtschaftliche Entwicklung kann drastisch vom Energieverbrauch entkoppelt werden. Um erfolgreich zu sein, muss der Prozess allerdings gesteuert werden: Die Energiesparpolitik muss die selbst gesteckten, ambitionierten Einsparziele der Energiewende ernst nehmen und sie effizienter umsetzen.

Wer aber trägt dafür die Verantwortung? Ginge man nach dem Marktdogma, wären wir alle dafür verantwortlich - und damit letztlich niemand. Eine gesamtwirtschaftliche Verantwortungslosigkeit sozusagen, und sollte die anhalten, wären die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen fatal. Bislang wurde in der Energiesparpolitik halbherzig gehandelt, die Folge: Der Volkswirtschaft sind Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich entgangen.

Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das 2000 eingeführt wurde, konnten sich viele grüne Stromanbieter erfolgreich auf dem Markt positionieren - gegen die mächtigen Stromkonzerne. Das EEG schreibt vor, dass die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien ins Stromnetz bevorzugt wird, und garantiert den Erzeugern feste Einspeisungsvergütungen. Für Effizienztechniken muss nun etwas Ähnliches geschaffen werden, ein Anreizsystem für alle Anbieter von Energieeffizienztechniken, das ein faires und marktkonformes level playing field eröffnet. Level playing field bedeutet, dass Anbieter und Nachfrager nach denselben Regeln spielen. Erst dann kann es einen wirksamen Wettbewerb zwischen Energieangebots- und Energieeinspartechniken geben.

Alle reden vom Energiesparen, alle wollen die Energiewende irgendwie vorantreiben, doch die Interessen sind verschiedene: Die Energieanbieter wollen verkaufen, die Verbraucher wollen Energiekosten sparen. Ein natürlicher Widerspruch. Wenn dieser Widerspruch nicht durch neue Anreizsysteme und eine mutige Regulierung abgebaut wird, ist in Zukunft Folgendes wahrscheinlich: Die Energieanbieter werden erneuerbare Energien zwar vorantreiben, gleichzeitig aber die Einsparziele der Energiewende unterlaufen. Aber es ist ein Trugschluss, dass der Absatz der Energieanbieter dadurch dauerhaft gesichert werden kann. Wenn sie nicht selbst zur Effizienzsteigerung beitragen, werden andere es tun. Der Erfolg der Energiewende hängt davon ab, dass bis 2050 etwa 25 Prozent weniger Strom und etwa 50 Prozent weniger Primärenergie verbraucht werden, so der Beschluss der Bundesregierung vom September 2010. Die neue EU-Energieeffizienzdirektive (EED 2012) eröffnet die Möglichkeit, allen Energieanbietern vorzuschreiben, durch Energiesparprogramme jährlich bei ihren Kunden 1,5 Prozent Energie einzusparen.

Die Programmkosten können sie per Umlage an ihre Kunden weitergeben. Das ist keine Revolution, sondern schon längst Praxis in 24 Bundesstaaten der USA, in vier europäischen Ländern und - auf regionaler Ebene - in Hannover (enercity-Fonds proKlima). Die positiven wirtschaftlichen Konsequenzen solcher Verpflichtungsregelungen konnten für Deutschland vielfach nachgewiesen werden. Eine Umlage zur (Vor-)Finanzierung von Energiesparprogrammen könnte im Vergleich zur Umlagefinanzierung des EEG moderat ausfallen. Ein Beispiel: Mit einer Umlage von weniger als 0,2 Cent pro Kilowattstunde auf Strom- und Gaserlöse wäre es möglich, einen gesamtwirtschaftlichen Fonds von gut 1,5 Milliarden Euro pro Jahr zu finanzieren - und damit die Energiesparprogramme zu fördern.

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat nachgewiesen, dass in Deutschland fast 150 Terawattstunden Strom wirtschaftlich eingespart werden könnten, das entspricht ungefähr der gesamten Atomstromproduktion, als noch alle Reaktoren am Netz waren. Für die Verbraucher hätten solche Regelungen einen angenehmen Nebeneffekt: Ihre Stromrechnungen würden sinken. All das klingt gut, ist aber angesichts der vorherrschenden Angebotsorientierung nicht einfach zu realisieren: Es müsste nicht nur radikal umgedacht werden, auch eine neue Institution wäre notwendig. Aufgebaut werden müsste eine von den Interessen der Energieanbieter unabhängige bundesweite Effizienzagentur mit einem zukunftsfähigeren, weiter gefassten Mandat als die bestehende Deutsche Energieagentur. Eine Effizienzagentur, die als Makler und Koordinator auf dem Markt der Energiedienstleistungen agiert.

Für verschiedene Marktakteure würde sie Energiesparprogramme konzipieren, ausschreiben, koordinieren, fördern und evaluieren. Umsetzungsakteure sind beispielsweise die Energieanbieter, die etwa 600 Contracting-Firmen in Deutschland, Consultants, Ingenieurbüros, Handwerksunternehmen und regionale Energiesparagenturen. Klar ist: Wenn die Ziele der Einsparpolitik verpflichtend sind und erneuerbare Energien weiter ausgebaut werden, dann entsteht eine Energiewende, durch die Ökologie und Ökonomie gewinnen - ebenso wie Verbraucher und Energieanbieter.


Über den Autor
Peter Hennicke ist ein führender Energiewirtschaftsexperte und leitete von 2003 bis 2008 das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Aus DIE ZEIT :: 27.03.2013

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