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Nature via Nurture - Intelligenzunterschiede


von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer

Worin unterscheidet sich ein überdurchschnittlich intelligenter Mensch von dem Durchschnitt? Zu dieser Frage, aber auch über die Ursachen von Unterschieden hat die Intelligenzforschung Erhebliches beitragen können. Die Autoren ziehen daraus Konsequenzen für das Bildungssystem, insbesondere für den Zugang zum Universitätsstudium.

Nature via Nurture - Intelligenzunterschiede© masterzphotofo - Fotolia.comSollte der Zugang zum Universitätsstudium nur den Intelligentesten vorbehalten sein?
Der genetische Bauplan, der die Entwicklung des menschlichen Gehirns steuert, hat sich nach allem, was wir heute wissen, in den letzten 40.000 Jahren nicht wesentlich verändert. Die Fähigkeit, mit Artgenossen über sprachliche Kommunikation neue Bedeutung zu konstruieren und sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen, unterscheidet uns von anderen Lebewesen und wurde uns vor vielen Jahrtausenden in die genetische Wiege gelegt. Mit diesem uralten, aber offensichtlich höchst flexiblen und adaptiven Gehirn hat unsere Spezies eine kulturelle Entwicklung in Gang gesetzt, welche die eigenen Lebensbedingungen grundlegend verändert hat.

Die Fähigkeit des Menschen, seine Vorstellungen von der Welt mit Symbolen auszudrücken und darüber hinaus mit diesen Symbolen neue Ideen und Begriffe zu schaffen, hat die Entstehung von Schriftsprache und Mathematik ermöglicht und damit die Voraussetzungen für technische und zivilisatorische Veränderungen geschaffen. Aber obwohl das menschliche Gehirn vor über 40.000 Jahren mit allen Voraussetzungen für den Erwerb einer grammatisch komplizierten Sprache, für Schrift und für Mathematik ausgestattet wurde, entwickeln sich diese Kompetenzen nur in einem kulturellen Umfeld mit entsprechender professioneller Unterstützung. Die einzelnen "Zutaten" für diese Kompetenzen sind uns in die Gene geschrieben, aber ihre Zusammenführung ist das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung.

Menschen bringen die Fähigkeit zu einer sehr differenzierten visuellen und akustischen Diskriminierung mit. Diese voneinander unabhängigen Fähigkeiten sind wesentliche Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb und müssen bei deren Erwerb integriert werden. Ebenfalls wurde das menschliche Gehirn mit Kompetenzen versehen, welche für den Erwerb der Mathematik unabdingbar sind. Dazu gehören unter anderem drei im Gehirn unabhängig voneinander repräsentierte Fähigkeiten: die zur exakten Quantifizierung im kleinen Mengenbereich, die zur Abschätzung von größeren Mengen sowie die zur räumlich-visuellen Repräsentation von Information. Solche im menschlichen Gehirn verankerten Module bilden die Grundlage unserer Intelligenz, die abgerundet wird durch die im Wesentlichen vom Frontalhirn gesteuerte Fähigkeit, sich auf bestimmte Ziele zu konzentrieren und irrelevante Reize auszublenden.

Sofern nicht gravierende genetische Abweichungen oder massive Gehirnläsionen vorliegen, bringen alle Menschen die genannten Komponenten der Intelligenzentwicklung mit - allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. So wie alle Menschen einen genetischen Bauplan zur Entwicklung einer Nase mitbringen, der aber Variationen unterliegt, die zu unterschiedlichen Größen und Formen dieses Organs führen, so unterliegt auch der Bauplan der Intelligenz individuellen Variationen, die die eingangs genannten Komponenten betreffen.

Wie groß die Unterschiede zwischen den Menschen sein können, wenn es um den Erwerb von Schriftsprache und Mathematik geht, können wir seit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht abschätzen. Lehrer durften erleben, wie Kinder von des Lesens und Schreibens unkundigen Eltern ohne Probleme die schulischen Lernziele erreichten, während andere Kinder trotz großer Anstrengungen kaum lesen, schreiben und rechnen lernten. Obwohl sie gleiche schulische Lerngelegenheiten hatten, unterschieden sich Kinder mit vergleichbarem sozialen und familiären Hintergrund in ihrem Lernerfolg. Die Suche nach den Ursachen für diese Unterschiede war die Geburtsstunde der psychometrischen Intelligenzforschung in der Psychologie. Auch wenn es im Detail noch viele offene Fragen gibt, ist Intelligenzmessung eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte, die trotz einiger Verirrungen nicht in Abrede gestellt werden kann.

Nature via Nurture - Intelligenzunterschiede © Forschung & Lehre Wenn nur 20 Prozent der Intelligentesten auf das Gymnasium gingen, wäre die Intelligenz der Studenten dennoch heterogen

Ergebnisse und Grenzen der Intelligenzforschung

Intelligenztests enthalten sprachliche, mathematisch-rechnerische oder figural-räumliche Aufgaben, die schlussfolgerndes Denken erfordern. Bekanntes Material muss unter neuen Gesichtspunkten verarbeitet werden, beispielsweise, indem Zahlenreihen oder Reihen von geometrischen Figuren nach zu identifizierenden Regeln fortgesetzt werden, oder Gemeinsamkeiten zwischen Begriffen gefunden werden müssen, die im Alltag selten zusammen auftreten. Aus den vorgegebenen Aufgaben wird auch klar, dass Intelligenzmessung nur bei Menschen sinnvoll und fair ist, die die Möglichkeit zum Erwerb von Schriftsprache und grundlegenden Mathematikkenntnissen hatten. Sich vor dem Hintergrund dieser Kenntnisse von Vertrautem lösen zu können ist eine zentrale Komponente der Intelligenz.

Aus den korrekt gelösten Aufgaben lässt sich der Intelligenzquotient (IQ) errechnen. Dieser folgt einer Normalverteilung (Gaußschen Glockenkurve), das heißt die meisten Menschen haben mittlere Ausprägungen (ca. 70 Prozent liegen im Bereich von 85 bis 115 um den mittleren IQ von 100). Dementsprechend verfügen 15 Prozent der Bevölkerung über eine klar überdurchschnittliche Intelligenz, worin auch die zwei Prozent der Hochbegabten eingeschlossen sind. Der IQ ist keine absolute Größe wie z.B. Masse oder Länge, sondern er beschreibt die Abweichung einer Person von der mittleren Testleistung einer repräsentativen Vergleichsstichprobe.

Da Intelligenz ein relatives und kein absolutes Maß ist, und die Entwicklung der Intelligenz vom Schulbesuch abhängt, sind Intelligenztestleistungen über die Generationen Veränderungen unterworfen. So stieg in entwickelten industrialisierten Ländern die Leistung in den Tests in den letzten hundert Jahren deutlich an, was dem Ausbau der Schulbildung, dem Gesundheitssystem und anderen zivilisatorischen Errungenschaften zu verdanken ist. Es ist offensichtlich gelungen, die Intelligenzreserven besser auszuschöpfen.

In den entwickelten Ländern ist der Anstieg zum Stillstand gekommen, während er in den Schwellenländern derzeit zu beobachten ist. Um die Metrik der IQ-Messung beizubehalten (mittlerer IQ 100), mussten Tests neu normiert und teilweise auch durch schwierigere Items angereichert werden. Allerdings - und das ist für die weitere Argumentation entscheidend - der Anstieg des Mittelwertes führte nicht zu einer Reduktion der Varianz oder einem Abweichen der Normalverteilung. Von gutem Unterricht profitieren alle Schüler. Misst man jedoch nicht nur die Leistung in dem Bereich, der direkt behandelt und gelehrt wurde, sondern erfasst die Anwendung des Gelernten auf neue Gebiete, zeigen sich - in Abhängigkeit von der Intelligenz - wieder große Leistungsunterschiede.

Je intelligenter ein Mensch ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er aus dem Gelernten neue Schlussfolgerungen zieht und damit neues Wissen konstruiert. Chancengerechtigkeit macht Menschen nicht ähnlicher, sondern macht bestimmte Unterschiede überhaupt erst möglich.

Intelligenz wird als das Potenzial einer Person verstanden, sich die mündliche und schriftliche Sprache sowie den Umgang mit mathematischen und anderen Symbolsystemen der jeweiligen Kultur anzueignen und dies alles für schlussfolgerndes Denken zu nutzen. Die genetischen Voraussetzungen, die alle Menschen - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - dafür mitbringen, können sich aber nur bei entsprechender familiärer und schulischer Förderung entfalten - so wie eine Pflanze nur an einem guten Standort und bei ausreichender Bewässerung und Düngung jene Größe erreicht, die ihre Gene vorsehen.

Ursachen von Intelligenzunterschieden werden unter Experten schon lange nicht mehr unter der Fragestellung "Nature versus Nurture", sondern "Nature via Nurture" diskutiert. Menschen unterscheiden sich im genetischen Bauplan, der die Hirn- und damit auch die Intelligenzentwicklung steuert. Diese Unterschiede kommen allerdings nur zum Tragen, wenn die Umwelt sie einfordert. Wächst ein Mensch mit einer genetischen Disposition zur Lese-Rechtschreibschwäche in einer illiteraten Gesellschaft auf, wird diese Schwäche nicht zum Tragen kommen.

Umgekehrt gilt: In einer Gesellschaft, in der alle Kinder von Anfang an die für ihre geistige Entwicklung optimale familiäre und schulische Unterstützung vorfänden, könnte jedes die in seinen Genen vorgesehene Intelligenz erreichen. Die Anzahl richtiger Antworten im IQ-Test würde bei allen ansteigen, die Unterschiede aber würden bestehen bleiben oder sogar noch zunehmen, weil einige Gene erst unter optimalen Bedingungen ihre Wirkung entfalten können.

Auch wenn wir wissen, dass der genetische Bauplan einer Person ihr Intelligenzpotenzial absteckt, folgt daraus nicht, dass wir die Gene, welche die Intelligenzentwicklung steuern, bereits identifizieren könnten. In dieser Hinsicht gibt es wenig wissenschaftliche Fortschritte und es bleibt fraglich, ob sich dieser jemals einstellen wird. Wie eingangs dargestellt, setzt sich Intelligenz aus vielen Komponenten zusammen, die durch entsprechende Umweltangebote integriert werden müssen. Es ist davon auszugehen, dass sehr viele über alle Chromosomen verteilte Gene die Intelligenzentwicklung einer Person steuern. Diese Vielfalt an Einflussfaktoren ist auch verantwortlich dafür, dass die Ähnlichkeit zwischen Familienmitgliedern ersten Grades nur eine mittlere Ausprägung annimmt. Hoch intelligente Eltern können durchschnittlich intelligente Kinder haben und hochbegabte Kinder können in Familien auftreten, in denen bisher niemand durch übermäßige geistige Gaben aufgefallen ist.

Unpopuläre Diskussion

In der Bildungsdiskussion werden Intelligenzunterschiede und ihre Verteilung meist ausgeklammert, weil sie mit unpopulären Konsequenzen, insbesondere, was den Universitätszugang betrifft, einhergehen. Sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen heißt, sich auf das Ungewisse einzulassen, ohne Beliebigkeit zu akzeptieren. Die dazu nötige Selbstständigkeit und geistige Flexibilität wird immer nur eine Minderheit mitbringen, unabhängig davon, wie gut es einer Gesellschaft gelingen wird, das allgemeine Bildungsniveau zu steigern. Menschen, deren Intelligenz im mittleren Bereich liegt, können bei guter Ausbildung in vielen Bereichen exzellente Leistungen erbringen, aber für eine Auseinandersetzung mit abstrakten Ideen und Inhaltsbereichen, wie sie an der Universität gefordert werden, sind sie nicht geschaffen. Erhalten sie dennoch Zugang zur Universität - was bei einer Quote von 50 Prozent zwangsläufig der Fall ist - muss die Universität durch ein verschultes Lehrprogramm darauf reagieren oder ganz massiv Qualitätsansprüche aufgeben. Die Abbildung soll demonstrieren, wie heterogen die Studentenschaft immer noch wäre, wenn nur die 20 Prozent der Intelligentesten auf das Gymnasium gingen.

Intelligenz - so wie sie mit Tests gemessen wird - ist kein abseitiges und deshalb vernachlässigbares Personenmerkmal, sondern die wichtigste Ressource einer Wissens- und Informationsgesellschaft, die zum Wohle aller gefördert werden sollte. Durch bereits in den ersten Lebensjahren einsetzende Programme zur Frühförderung sollte sichergestellt werden, dass alle Kinder unabhängig von der sozialen Herkunft ihr genetisches Intelligenzpotenzial entfalten können. Gute allgemeinbildende Schulen sollten sicher stellen, dass Intelligenz in Wissen und Fertigkeiten investiert werden, die als wichtig erachtet werden. Eine Gesellschaft, der es gelungen ist, das Potenzial aller Schüler zu optimieren, kann guten Gewissens den Universitätszugang auf diejenigen beschränken, die sich bereits in der Schule erfolgreich mit anspruchsvollen Themen auseinandergesetzt haben.

Zu diesem Thema ist von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer das Buch erschienen: Intelligenz - Große Unterschiede und ihre Folgen, Deutsche Verlags-Anstalt, 2013.


Über die Autoren
Elsbeth Stern hat die Professur für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind menschliche Intelligenz, Grundlagen des Wissenstransfers, mathematisches und naturwissenschaftliches Verständnis im Kindes- und Jugendalter.

Aljoscha Neubauer ist Professor für Psychologie und Leiter des Fachbereichs Differentielle Psychologie an der Universität Graz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Untersuchung individueller Unterschiede in Bereichen wie Intelligenz, Kreativität, praktische Intelligenz sowie deren neurophysiologische Grundlagen.

Aus Forschung & Lehre :: August 2013

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