Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Naturwissenschaftler aus Deutschland sind spitze


Von Bärbel Broer

Wen man auch fragt - ob Wissenschaftler oder Industrievertreter - das Urteil ist unisono: Deutschland ist in den Naturwissenschaften hervorragend aufgestellt. Gemeinsam mit den USA und Japan zählen die Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge zur Spitzengruppe. Entsprechend begehrt sind sie auf dem Arbeitsmarkt - egal ob Physiker, Chemiker, Mathematiker oder Biologen.

Naturwissenschaftler aus Deutschland sind Spitze© Jeanette Dietl - Fotolia.comUnter den begehrten deutschen Naturwissenschaftlern herrscht ein Fachkräftemangel
Kaum eine andere Akademikergruppe ist so universell einsetzbar wie die der Naturwissenschaftler. Während Ärzte vorwiegend in der Gesundheitsbranche, Lehramtsabsolventen als Lehrer und Juristen in der Rechtsberatung arbeiten, zeichnet die Naturwissenschaftler - ebenso wie die Ingenieure - eine hohe Branchen- und Berufsflexibilität aus. Karrieremöglichkeiten gibt es in den unterschiedlichsten Bereichen: Forschung & Entwicklung, Biotechnologie, Umwelt und Software, Medizin, Finanz- und Unternehmensberatung, Patentwesen, Marketing, Aus- und Weiterbildung.

Fachkräftemangel bei den Physikern

Die Nachfrage an naturwissenschaftlichen Experten spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt wider. "Für Physiker sieht es rosig aus", sagt Prof. Dr. René Matzdorf, Vorstandsmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) für den Bereich Bildung und wissenschaftlicher Nachwuchs. Was den Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik-Oberflächenphysik an der Universität Kassel freut, bereitet seinem Kollegen Dr. Achim Hofmann, DPG-Vorstandsmitglied für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen, schon Unbehagen: "Ein Fachkräftemangel zeichnet sich ab." Der Industriephysiker ist Entwicklungschef bei Heraeus Quarzglas GmbH in Hanau, dem weltweit größten Hersteller von synthetischem Quarzglas, und weiß über den Arbeitsmarkt für Physiker gut Bescheid. Hat er doch im Physik Journal entsprechende Statistiken und Analysen für das Jahr 2012 veröffentlicht. Sein Fazit: Die Zahl arbeitssuchender Physiker bewegt sich auf sehr niedrigem Niveau.

"Es gab einen kurzfristigen Anstieg durch die Finanzkrise", so Hofmann, "mittlerweile pendelt sich die Zahl arbeitsloser Physiker bei etwa 1.000 Personen ein." Die Zahl mag hoch erscheinen. Doch erklärt sie sich durch Bewerber auf Stellensuche und Fluktuation in einzelnen Branchen. Auch durch die Insolvenzen verschiedener Solaranlagen-Hersteller habe es beispielsweise Entlassungen von Physikern gegeben. "Doch viele von denen finden schnell wieder neue Jobs", sagt Hofmann, "weil Physiker eben so universell einsetzbar sind." So habe auch sein Arbeitgeber etliche Physiker eingestellt, die vor kurzem noch mit der Entwicklung von Photovoltaik-Anlagen befasst waren. Laut einer Arbeitsmarktstudie der DPG werde die Zahl der offenen, nicht besetzten Stellen für Physiker auf bis zu zwei vollständige Absolventenjahrgänge geschätzt. Auch die Zukunftsprognosen seien rosig: Der Bedarf an Physikern steige mittel- bis langfristig.

Naturwissenschaftler aus Deutschland sind Spitze Monika von Zedlitz ist Pressesprecherin beim Verband der Chemischen Industrie

Spezialgebiete in der Chemie besonders gefragt

So wie den Physikern ergeht es auch den Chemikern. "Die Berufsaussichten für Chemie-Absolventen sind mittel- und langfristig positiv", teilt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) auf Anfrage von academics.de mit. Aber nicht nur Chemiker, sondern Akademiker aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen sind bei der chemischen Industrie begehrt. "Besonders gut sieht es derzeit für Absolventen aus den chemiebezogenen Ingenieurwissenschaften aus", sagt Monika von Zedlitz, Pressesprecherin beim VCI. Als Beispiele nennt sie folgende Fachrichtungen: Verfahrens- und Chemietechnik, Chemieingenieurwesen und Biotechnologie.

Stark gefragt seien Fachkräfte aus Spezialgebieten. Dazu zählen beispielsweise Disziplinen wie Toxikologie, Elektrochemie, Makromolekulare Chemie und Materialwissenschaften. "Auch in der Grenzflächenchemie und -physik haben wir einen großen Fachkräftebedarf", so von Zedlitz. Grund: Die dynamische Entwicklung in den Grenzflächenwissenschaften spiegele den wachsenden Bedarf in der Nanotechnologie wider. "Ein Technologiefeld, in dem deutsche Chemieunternehmen weltweit eine führende Rolle spielen", erklärt die VCI-Pressesprecherin.

Duale Studiengänge immer wichtiger

Um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, gewinnen die dualen Studiengänge für Unternehmen an Bedeutung. Vorwiegend Fachhochschulen - heute nennen sie sich "University of applied sciences" - bieten duale Studiengänge in den Natur- und Technikwissenschaften an. Dabei kooperieren Unternehmen mit Hochschulen in der Region. "Duale Studiengänge bieten eine attraktive Kombination aus moderner beruflicher Ausbildung im Unternehmen verbunden mit einem anwendungsbezogenen Studium an der Partnerhochschule", so von Zedlitz. Der Vorteil für die Unternehmen: Sie wählen gezielt die Bewerber aus und können sie so längerfristig an sich binden - zumindest für die Dauer des dualen Studiums. Berufseinstiegsperspektiven - so der VCI - haben Bachelor-Absolventen der Ingenieurstudiengänge an den Fachhochschulen. Aber: "An einem eigenständigen einsemestrigen Industriepraktikum sollte auch in Bologna-Zeiten unbedingt festgehalten werden", sagt von Zedlitz und ergänzt: "Es gehört zum Markenkern der Ingenieursausbildung in Deutschland."

Bachelor-Abschluss eine "unvollständige Ausbildung"

Grundsätzlich ist der Bedarf an Bachelor-Absolventen aber überschaubar. Grund: Viele Industrieunternehmen schätzen diesen Abschluss als "unvollständige Ausbildung" ein. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die im März 2011 unter dem Titel "Der Bachelorabschluss in Physik in der Wirtschaft" veröffentlicht wurde. Diese Einschätzung der befragten Wirtschaftsunternehmen "wird mit dem ausgezeichneten System der beruflichen Ausbildung in Deutschland begründet, das dem Arbeitsmarkt hervorragend ausgebildete Techniker und Laboranten bereitstellt". Besonders kritisch sehen die befragten Unternehmen den universitären Physik-Bachelor, er werde lediglich als Vorstufe für einen Masterabschluss eingeschätzt. Dem Bachelor des Studiengangs Physikalische Technik einiger Fachhochschulen sprechen sie einen stärkeren Praxisbezug zu. Wer zu den begehrten universitären Physik-Absolventen zählen will, sollte den Master bzw. das Diplom in der Tasche haben. Eine Promotion bei Physikern ist dagegen nicht zwingend erforderlich. "Die Quote der Promovierten liegt bei etwa 50 Prozent", erklärt Hofmann und fügt hinzu: "Wir stellen sowohl Promovierte als auch Nicht-Promovierte ein."

Was zählt zu den Naturwissenschaften?

Chemie, Physik, Mathematik und Biologie - das sind die klassischen, traditionsreichen Disziplinen in den Naturwissenschaften. Aufgrund der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung gibt es aber immer mehr Querschnittsdisziplinen wie Informatik, Biophysik, Biochemie und Biotechnologie, Nanotechnologie, Bionik, Umweltphysik, Informatik, Materialwissenschaften. Auch sogenannte Mischdisziplinen wie Geographie und Geologie zählen zu den Naturwissenschaften.

Die Bezeichnung "Naturwissenschaften" ist zunächst der Oberbegriff für die einzelnen Wissenschaften, "die sich mit der systematischen Erforschung der Natur (beziehungsweise eines Teils von ihr) und dem Erkennen von Naturgesetzen befassen", so die Definition im Brockhaus. Die Naturwissenschaften gehören zu den empirischen Wissenschaften, die die belebte und unbelebte Materie erforschen. Aufgrund ihres mathematischen Zugangs werden sie oft als exakte Wissenschaften bezeichnet. Zu den physikalisch und mathematisch formulierbaren exakten Naturwissenschaften zählen u.a. Physik, Chemie, Astronomie, Geologie sowie die physikalische Chemie, Astrophysik, Geophysik, Meteorologie und Mineralogie. Zu den biologischen Naturwissenschaften zählen u.a. die allgemeine Biologie, Botanik, Zoologie, Anthropologie, Physiologie, Genetik, Molekularbiologie und Ökologie. Grenzgebiete zwischen den Bereichen sind Biophysik und Biochemie.

Promotion in der Chemie ein Muss

Anders sieht es dagegen der Verband der Chemischen Industrie: Ein absolutes Muss für jene Naturwissenschaftler, die in die Forschung und Entwicklung eines Unternehmens wollen, ist nicht nur das Universitätsstudium mit Master- bzw. Diplomabschluss, sondern auch die Promotion. "Wer in die Forschung will, muss neugierig, geduldig und ausdauernd sein. Und wissenschaftliches Arbeiten gelernt haben", erklärt Pressesprecherin von Zedlitz. Der VCI fördert im Rahmen seiner Stiftung verschiedene Forschungsarbeiten mit Stipendien. Promotionen in der Industrie seien aber die Ausnahme. Von Zedlitz: "Dagegen sind Promotionen, die sich aus Kooperationen zwischen einem Unternehmen und einer Hochschule entwickeln, keine exotischen Einzelfälle mehr."

Soft Skills wie Teamfähigkeit ganz wichtig

Für den Berufseinstieg gibt es außer dem Abschluss noch eine weitere wesentliche Bedingung: Das sind die sogenannten Soft Skills. "Besonders gefragt ist Teamfähigkeit", sagt von Zedlitz für die chemische Industrie. "Denn die Themengebiete vernetzen sich immer stärker, so dass zunehmend interdisziplinär gearbeitet wird." Eine Einschätzung, die auch für die Physiker gilt. Der Industriephysiker Hofmann: "Projektleitung und Teamarbeit werden immer wichtiger. Dies ist oft nicht die Stärke von wissenschaftlichen Spitzenkräften - obwohl man die zur Lösung von komplexen Problemen auch benötigt", so Hofmann. Und auch in der wissenschaftlichen Forschung steht die Gruppenarbeit ganz obenan. Universitätsprofessor Matzdorf: "Bereits im Studium wird viel in Teams gearbeitet - da arbeiten auch Professoren gemeinsam mit den Studierenden an bestimmten Projekten."

Außer Teamfähigkeit legt die Industrie bei der Auswahl ihrer Bewerber Wert auf Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen. "Ohne dieses Verständnis kann in wissenschaftlich-technischen Bereichen nicht mehr erfolgreich gearbeitet werden", erklärt von Zedlitz.

Weiteres Plus ist für alle Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge die Auslandserfahrung. In vielen Studiengängen ist bereits heute ein Auslandsaufenthalt regulärer Baustein. Als "must" bezeichnet die VCI-Pressesprecherin gute Kenntnisse der englischen Sprache in Wort und Schrift. "Wer mit Kenntnissen in weiteren Fremdsprachen aufwarten kann - beispielsweise in Spanisch - bringt gute Voraussetzungen mit für den Einsatz in einer zunehmend international verflochtenen Wirtschafts- und Arbeitswelt."


Zur Themen-Spezial-Einstiegsseite Berufseinstieg Naturwissenschaften»

academics :: März 2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote