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Gelehrte Geschäftsleute

VON DANIEL ERK UND MARION SCHMIDT

Etliche Professoren verdienen nebenbei als Berater, Gutachter oder sogar Firmenchefs viel Geld. Die Hochschulen stören sich nicht daran - weil sie davon profitieren. Unterwegs in einer akademischen Grauzone.

Gelehrte Geschäftsleute© Sergey Nivens - iStockphoto.comViel beschäftigt - Die meisten Hochschulen begrüßen Professoren, die neben der Lehre weitere Nebentätigkeiten ausführen
Neulich saß wieder so einer im Büro von Ute von Lojewski, »der maulte herum wegen des Gehalts«. Die Präsidentin der Fachhochschule Münster weiß, dass die Besoldungsstufe W 2, also 5.044 Euro monatlich, für Menschen aus der Industrie kein Anreiz ist, in die akademische Welt zu wechseln.

Deshalb umwirbt sie neue Professoren in Einstellungsgesprächen ganz offensiv mit der Aussicht auf Nebentätigkeiten. »In welchem Job ist das schon möglich, einen Tag in der Woche noch etwas anderes zu machen?«, so lockt sie Bewerber.

Klappt das?

»Die meisten nehmen das gern mit«, stellt sie zufrieden fest. Es sei, so Ute von Lojewski, sonst fast unmöglich, Lehrende aus bestimmten Branchen zu bekommen, etwa Architekten. Auch bei den Maschinenbauern gebe es einige Professoren, die vor ihrer Lehrtätigkeit eine eigene Firma aufgebaut hätten, die sie nicht aufgeben wollten.

Letztlich würden auch die Studenten davon profitieren, dass ihre Professoren nicht nur im Elfenbeinturm säßen. Sie lernen mit aktuellem Wissen aus der Praxis und bekommen Kontakte zur Arbeitswelt.

Klingt gut. Gegen Praxisnähe lässt sich kaum etwas einwenden. Aber wie weit darf sie gehen? Und wann beginnt die Lehre, darunter zu leiden, dass Professoren Gutachten schreiben, Mandanten beraten oder Firmen leiten?

Immer mehr Hochschulen verzichten auf Nachweise über Nebentätigkeiten

Der Gesetzgeber erlaubt Hochschullehrern ausdrücklich Nebentätigkeiten, sie müssen nur genehmigt sein und dürfen acht Stunden in der Woche nicht überschreiten. Doch Zeit und Umfang von Zweitjobs werden von einzelnen Professoren und Universitäten offenbar als sehr dehnbar interpretiert. An der Technischen Hochschule Nürnberg ging das so weit, dass ein Professor drei Jahre lang nebenbei als Marketingberater arbeiten und dafür insgesamt 900.000 Euro kassieren konnte. Schwer vorstellbar, dass jemand eine solche Summe mit acht Stunden Arbeit pro Woche verdienen kann.

Die Hochschule bekam davon angeblich nichts mit. An der Humboldt-Uni in Berlin schrieb ein Professor eine Studie über Atomkraft, das Honorar wurde an seine Frau überwiesen. Angemeldet hatte er den Nebenjob nicht. An der Uni Regensburg schaffte es ein Lehrstuhlinhaber sogar, neben Vorlesungen, Klausuren und Sprechstunden eine milliardenschwere Immobilienfirma zu führen, wenn auch erfolglos. Das Unternehmen ist mittlerweile insolvent. Der Professor hat nun wieder mehr Zeit für seine Studenten.

Sind das alles krasse Einzelfälle? Wohl eher nicht. In den vergangenen Jahren haben sich mehrere Landesrechnungshöfe mit den Nebentätigkeiten von Professoren beschäftigt - und damit, wie die Hochschulen damit umgehen. Die Kritik an der herrschenden Praxis ist deutlich. In Berlin untersuchte der Rechnungshof stichprobenartig die Nebentätigkeiten von Hochschullehrern der ingenieur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereiche von zwei Unis und einer Fachhochschule.

Er stellte dabei fest, dass eine der Hochschulen »ausnahmslos auf Nachweise zu Art, Inhalt und Umfang der Nebentätigkeit verzichtet« und »grundsätzlich keine Fragen zur Höhe der Vergütung« gestellt habe. An den anderen beiden Hochschulen seien zwar immerhin Nachweise verlangt, bei ungenauen Angaben sei aber nicht nachgefragt worden. Das Fazit des Rechnungshofes: »Die geprüften Hochschulen kamen ihren Pflichten als Dienstbehörden der Hochschullehrer/-innen in Angelegenheiten des Nebentätigkeitsrechts nur unzureichend nach. Selbst bei langjährigen Nebentätigkeiten mit der Dimension eines Zweitberufs oder sonst auffälligen Einzelfällen fanden Kontrollen nicht statt.«

Ähnliches in Mecklenburg-Vorpommern. Dort monierte der Rechnungshof, dass selbst Angaben wie die »Wahrnehmung beratender Tätigkeiten für diverse Auftraggeber« und »Gutachten, Entwicklung, Handel« durchgewinkt wurden. Die Hochschulen akzeptierten es zudem, wenn zu erwartende Vergütungen mit »wechselnd, unbekannt« oder »sehr verschieden« angegeben wurden.

Nebentätigkeiten

Genehmigen

Grundsätzlich ist es Hochschullehrern erlaubt, neben Lehre und Forschung noch andere Tätigkeiten gegen Geld auszuüben. Diese müssen jedoch in der Regel der Hochschulleitung angezeigt und von ihr genehmigt werden. Bis 2009 waren nach dem Beamtenrecht alle Nebentätigkeiten genehmigungspflichtig. Das seit fünf Jahren geltende Beamtengesetz dagegen hat die Anforderungen deutlich gesenkt: Viele Nebentätigkeiten müssen nun nur noch angegeben werden. Die Länder können darüber hinaus selbst entscheiden, ob und welche Nebentätigkeiten sich Professoren genehmigen lassen müssen.

Verdienen

Nebentätigkeiten als Berater, Gutachter oder Architekt dürfen bei Professoren acht Stunden oder einen Tag pro Woche nicht überschreiten. Nur für Mediziner gibt es gesonderte Regelungen. Im Prinzip dürfen Professoren mit ihren Nebenjobs unbegrenzt Geld verdienen. Wenn sie dafür jedoch akademische Einrichtungen nutzen, müssen sie fünf bis zehn Prozent ihrer Einnahmen an die Hochschule abführen. Wenn das nebenberufliche Gehalt 30 Prozent des hauptamtlichen Gehalts überschreitet, kann die Uni die Genehmigung überprüfen und gegebenenfalls zurückziehen. In der Praxis geschieht das nur selten, was diverse Landesrechnungshöfe immer wieder kritisieren.


Gerhard Vogt, Direktor beim Landesrechnungshof in Nordrhein-Westfalen, präsentierte 2012 die Ergebnisse einer Untersuchung seiner Behörde, bei der insgesamt 1.100 Personalakten von Professoren an acht Universitäten und nochmals 1.100 Personalakten von Professoren an insgesamt sechs Fachhochschulen ausgewertet wurden.

Ergebnis: Alle, wirklich alle untersuchten Anträge auf Nebentätigkeiten wurden genehmigt. Und das, obwohl die Anträge nach Angaben von Vogt vielfach unvollständig waren. Aber nicht nur das: Einige der untersuchten Professoren gingen neben den angegebenen Nebentätigkeiten noch weiteren Jobs nach, die sie gar nicht angemeldet hatten. Das fanden die Rechnungsprüfer mit einer simplen Internetrecherche heraus. Für die betroffenen Unis offenbar kein Problem. »Die Hochschulen haben die ihnen bislang unbekannten Nebentätigkeiten durchweg nachträglich genehmigt«, schreibt Vogt in seiner Präsentation.

In Einzelfällen ist der Umgang der Hochschulen mit den Nebeneinkünften ihrer eigentlich vor allem zu Lehre und Forschung verpflichteten Beamten allerdings nicht schlampig, sondern schlechterdings frech. An der Uni Rostock etwa gründeten drei Mitarbeiter eines Lehrstuhls, zwei davon verbeamtet, gemeinsam eine Handelsgesellschaft. Einzige Mitarbeiter: die drei Lehrstuhlmitarbeiter selbst. Ordnungsgemäß ließ sich der nebenberufliche Geschäftsführer der Handelsgesellschaft seinen Zweitjob genehmigen und die Vereinbarkeit von Lehrstuhltätigkeit und Geschäftsführung bestätigen. Der genehmigende Vorgesetzte war allerdings selbst einer der Gründer der Handelsgesellschaft und für diese außerdem als Experte tätig. Erst der Rechnungshof erkannte darin ein Problem.

Von den Nebenjobs profitieren beide Seiten

»Es gibt natürlich, wie in jeder Branche, schwarze Schafe«, sagt Nicolai Müller-Bromley, der Präsident des Hochschullehrerbundes. Ein strukturelles Problem sehen er und andere Professorenvertreter dabei aber nicht. »Eine Schattenwirtschaft, in der die Hochschullehrer Geld scheffeln - die sehe ich nicht«, sagt Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. Ute von Lojewski ist es wichtig, dass unter den Nebentätigkeiten nicht Lehre und Forschung litten. Bislang habe es jedoch noch nie Beschwerden gegeben. »Gerade die Professoren, die nebenbei noch einen Praxisjob haben, sind oft extrem gut organisiert«, sagt sie, »die werben die meisten Drittmittel ein und haben auch noch die besten Lehrbewertungen von den Studenten.«

Tatsache ist: Nebentätigkeiten sind weit verbreitet und theoretisch gut geregelt, doch ihre Genehmigung wird praktisch lax gehandhabt. Es gibt offenkundig eine Art stille Vereinbarung zwischen Professoren und Hochschulen, nach der Nebenjobs nicht nur geduldet sind, sondern sogar gewollt. Und mitunter vielleicht sogar notwendig. Professoren dürfen ihr akademisches Salär mit Nebentätigkeiten aufbessern und verlieren nicht den Kontakt zur Berufswelt. Und die Hochschulen schauen dabei nicht so genau hin - solange jemand seinen Dienstpflichten nachkommt und sich keine Studenten beschweren, weil Klausuren wochenlang nicht korrigiert werden oder der Prof sich ständig von einem Mitarbeiter vertreten lässt, weil er anderweitig beschäftigt ist.

Um die besten Professoren und Forscher zu ködern, wird gern mal ein Auge zugedrückt

In einer Studie der Hochschule Bremerhaven über das professionelle Selbstverständnis von FH-Professoren gaben 71 Prozent der Teilnehmer an, ihr Fachwissen durch Nebentätigkeiten in ihrem Fachbereich auf dem neuesten Stand zu halten. Der Landesrechnungshof NRW ermittelte, dass 46 Prozent der untersuchten Wirtschaftswissenschaftler an den Universitäten und 43 Prozent ihrer Kollegen an den Fachhochschulen Nebentätigkeiten nachgingen. Bei den Ingenieurwissenschaften lagen die Werte bei 42 Prozent respektive 46 Prozent.

Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren gestiegen, vor allem seit der 2005 eingeführten W-Besoldung. Mit der Reform der Professorengehälter wurden die Grundgehälter abgesenkt, dafür können die Unis Leistungszulagen gewähren. Die Summe hierfür ist allerdings gedeckelt. Für Müller-Bromley steht fest: »Die W-Besoldung hat dazu geführt, dass manche Professorinnen und Professoren geradezu in Nebentätigkeiten abgedrängt werden.« Ähnlich deutlich argumentiert Michael Hartmer: »Wenn Sie etwa Spitzenarchitekten an der Hochschule wollen, bekommen sie die nur mit ganz, ganz liberalen Nebentätigkeitsregelungen. Für 8.000 Euro pro Monat und einen Tag Nebentätigkeit bekommen Sie die einfach nicht. Entweder handhabt man das liberal. Oder man muss sagen: Spitzenarchitekten lehren nicht an den Hochschulen.«

Für die Hochschulen ist das ein echtes Dilemma. Sie sollen einerseits die besten Forscher holen und halten und andererseits darauf achten, dass Professoren ihre Freiheiten nicht ausnutzen. Im Zweifelsfall, das zeigen die Rechnungshofberichte, wird dabei gern mal ein Auge zugedrückt.

Manchmal beruht gar das ganze Selbstverständnis einer Hochschule darauf, dass ihre Professoren nebenbei jobben. Die Hochschule Wismar ist so ein Fall. Die vergleichsweise kleine mecklenburgische Hochschule ist bundesweit der zweitgrößte staatliche Anbieter von berufsbegleitenden Fernstudiengängen. Diese Studienangebote bietet die Hochschule über eine eigene Tochterfirma an, um damit Geld zu verdienen. Die Lehrtätigkeit übernehmen überwiegend Professoren der Hochschule, als Nebentätigkeit. Die Hochschule erwirtschaftet mit ihren Bildungsangeboten Gewinne, das Modell ist erfolgreich, manche Professoren macht es reich.

Das Land legt keine Verdienstobergrenzen fest

Einer soll in einem Jahr 111.000 Euro verdient haben - nahezu doppelt so viel wie sein reguläres Gehalt. Der Landesrechnungshof sah hier im vergangenen Jahr einen Interessenkonflikt. Er kritisierte zudem, dass die Hochschule eine Lehrtätigkeit als Nebenjob anerkenne, die eigentlich eine Haupttätigkeit sei. Michael Schleicher, Prorektor der Hochschule Wismar, widerspricht: »Das ist absurd.« Es gebe keine vom Land festgelegten Verdienstobergrenzen. Und an der Hochschule überprüfe man auch nicht, wer was wo verdient habe. »Dazu haben wir kein Recht«, sagt er.

Außerdem: »Wenn wir die Lehrtätigkeit der Professoren in den Fernstudiengängen auf das reguläre Lehrdeputat von 18 Semesterwochenstunden anrechnen würden, fehlten die in den regulären Studiengängen.« Darunter hätten dann die Bachelorstudenten zu leiden. Weiterbildung sei ein Zusatzangebot, für das die Lehrenden auch zusätzlich honoriert werden müssten. »Sonst könnten wir das nicht machen«, sagt Schleicher. Er hat selbst auch eine Nebentätigkeit, er gibt zwei Wirtschaftskurse.

Was tun?

Nebentätigkeiten verbieten, das will nicht einmal die wirtschaftskritische Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Doch die genannten Fälle und die Kritik an der Untätigkeit mancher Hochschulen machen allzu deutlich: Das System braucht mehr Transparenz. In Berlin haben die vom Rechnungshof gerügten Hochschulen nun immerhin Leitlinien für Dekane und Hochschullehrer erarbeitet, um freiberufliche und unternehmerische Tätigkeiten klarer abzugrenzen. An der Hochschule Wismar haben sie die Zahl der Kurse, die Professoren nebenberuflich geben dürfen, begrenzt. Ute von Lojewski lässt sich von ihren Professoren an der FH Münster jede zusätzliche Aufgabe schriftlich dokumentieren. »Da sind wir beide auf der sicheren Seite.«

Ob das alles reicht, Auswüchse einzudämmen, muss sich zeigen. Besser wäre es, die Hochschulen zu verpflichten, die Nebeneinkünfte ihrer Professoren ab einer gewissen Höhe zu veröffentlichen. Wie es bei Abgeordneten der Fall ist. Der Sozialmediziner David Klemperer von der Hochschule Regensburg macht vor, wie das aussehen könnte.

Im Internet hat er penibel aufgelistet, was er in den vergangenen Jahren nebenbei verdient hat: Beispielsweise 4.000 Euro von der Bertelsmann-Stiftung für einen Vortrag und »Empfehlungen für einen Faktencheck Gesundheit«. Oder 39 Euro die Stunde für eine Vorlesung in einem weiterbildenden Masterstudiengang der Charité. Außerdem hat Klemperer vor Medizinstudenten der Uni Köln einen Vortrag gehalten - zu Beeinflussung und Interessenkonflikten. Honorar: 0 Euro.

Aus DIE ZEIT :: 10.07.2014

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