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Neue Demografie und alte Schulden

von Sebastian Fohrbeck

In den weltweiten Rankings finden sich amerikanische Universitäten regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Zunehmend zeigen sich jedoch Risse im amerikanischen Hochschul-System: So nimmt die Verschuldung der Universitäten auf der einen und die der Studierenden auf der anderen Seite immer mehr zu, während der Wert und die Qualität eines Bachelor-Abschlusses abnehmen.

Neue Demografie und alte Schulden© -Oxford- - iStockphoto.comAmerikas Hochschulen stehen unter Druck
Der Präsidentschaftswahlkampf 2012 kostete fast sechs Mrd. US-Dollar und war damit der teuerste der amerikanischen Geschichte. Trotzdem gewann in einem sehr spannenden Rennen nicht der Multimillionär Mitt Romney, sondern der amtierende Präsident Barack Obama. Er wurde vor allem von den rasch wachsenden Minderheiten im Land unterstützt: Während 59 Prozent der Weißen Romney wählten, erreichte Obama Stimmenanteile von 71 Prozent bei den Lateinamerikanern, 73 Prozent bei den Asiaten und 93 Prozent bei den Afroamerikanern. Insofern ist seine Präsidentschaft ein Ausdruck des demografischen Wandels in den USA, in denen jedes zweite neugeborene Kind nicht weiß ist.

Die grundlegende Konstellation in Washington hat sich mit dem Wahlsieg aber nicht verändert: Den Republikanern gelang es, ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus zu verteidigen, und den Demokraten, den Senat zu halten. Somit hat der Präsident keine Mehrheit für seine Gesetzesvorhaben. Dennoch kann die demokratische Mehrheit im Senat (und der Präsident durch sein Veto) alle Gesetzesvorhaben des republikanisch dominierten Repräsentantenhauses verhindern. Weiterhin bleibt das Land hoch verschuldet, die Gesamtverschuldung als Anteil am Bruttosozialprodukt liegt mit 101 Prozent höher als die des Euroraums.

Auch Hochschulen sind hoch verschuldet

Schon im Wahlkampf hatte sich Präsident Obama ausdrücklich um die Belange von Studierenden gekümmert - mit Erfolg, denn er bekam 60 Prozent der Stimmen von Wählern unter 30 Jahren. Dazu hatte er die "Pell Grants" für bedürftige Studierende erhöht (die Zahl der "Pell Grant"-Empfänger ist seit 2008 von sechs auf neun Millionen gestiegen) und die Rückzahlungsbedingungen für Studiendarlehen erleichtert.

Außerdem stellte Obama ein neues Bundesprogramm für Community Colleges in Aussicht, mit dem zwei Millionen Menschen zusätzlich Zugang zu tertiärer Bildung erhalten sollen. Die meisten Hochschulvertreter begrüßten seine Wiederwahl. Sie hoffen, dass sich die Bundesregierung weiterhin stark für den Hochschul- und Wissenschaftssektor engagiert.

Insgesamt befinden sich die Hochschulen in den USA aber in einer Finanzkrise, die vor allem auf sinkende Beiträge der Bundesstaaten zurückzuführen ist. So hat zum Beispiel Kalifornien die Zuweisungen pro Student an die Forschungsuniversitäten von 2002 bis 2010 um 30 Prozent gekürzt. Auch 42 weitere Bundesstaaten haben ihre Pro-Kopf-Zuweisungen in diesem Zeitraum gesenkt. Für alle 50 Bundesstaaten beträgt der durchschnittliche Rückgang 20 Prozent. Viele große Staatsuniversitäten sind dies nur noch dem Namen nach: Der Anteil des Bundesstaats am Budget der University of Virginia beträgt nur noch sieben Prozent, bei der University of California at Berkeley sind es elf Prozent. In Folge dessen steigt die Verschuldung amerikanischer Hochschulen dramatisch an: 2011 hatte die University of California gut 14 Mrd. US-Dollar Schulden, die University of Texas über sieben Mrd., Harvard gut sechs Mrd. und die New York University knapp drei Mrd. Bei einer Untersuchung von 500 Colleges durch die Ratingagentur Moody's zeigte sich, dass sich die Collegeschulden in den vergangenen elf Jahren verdoppelt haben.

Neue Demografie und alte Schulden © Forschung & Lehre Statistischer Überblick USA 2012
Dem steht aber keine entsprechende Erhöhung der Einnahmen gegenüber. Die entstehenden Mehrkosten für Schuldenzinsen müssen zum Teil von Studierenden in Form von höheren Studiengebühren beglichen werden. Aber auch das Lehrpersonal muss die Entwicklung an den amerikanischen Hochschulen mittragen: Nach einem Bericht des "Chronicle of Higher Education" arbeiten inzwischen 70 Prozent der Lehrenden ohne feste Anstellung. Auf den ersten Blick sind amerikanische Universitäten nach wie vor führend; in weltweiten Rankings stellen sie mehr als 50 der 100 Spitzenplätze, unter den ersten zehn Positionen finden sich sogar acht US-Hochschulen; exzellent sind sie auch im Bezug auf wissenschaftliche Publikationen und Nobelpreise.

Collegeabsolventen haben ein deutlich höheres Lebenszeiteinkommen als andere. Aber der Sektor wird immer teurer: Seit 1983 sind die Pro-Kopf-Kosten pro Studierendem dreimal so schnell gestiegen wie die Inflationsrate; zwischen 2001 und 2010 stiegen die Kosten einer Universitätsausbildung von 23 Prozent auf 38 Prozent eines Durchschnittsgehalts, die Studienschulden verdoppelten sich in den vergangenen 15 Jahren. Im Jahr 2011 hatte der durchschnittliche Bachelorabsolvent 26.000 US-Dollar Studienschulden; die gesammelten Studienschulden aller Amerikaner liegen bei über 1.000 Mrd. US-Dollar und sind damit höher als die Summe der Kreditkartenschulden aller amerikanischen Haushalte.

Obwohl Amerika einen höheren Prozentsatz des Bruttosozialprodukts für Hochschulbildung ausgibt als alle anderen Länder, rangiert es beim Anteil der Collegeabsolventen an der Gesamtbevölkerung nur auf Platz 15. Hier sind Parallelen zum amerikanischen Gesundheitswesen zu beobachten, das mit einem Anteil von 18 Prozent am Bruttosozialprodukt ebenfalls das teuerste der Welt ist; die Lebenserwartung ist aber geringer als in Kuba oder Puerto Rico.

Gute Noten - wenig Wissen

Gleichzeitig sinkt die Qualität der Absolventen: Nach einer Untersuchung der American Institutes of Research können 20 Prozent der Bachelorabsolventen nicht ausrechnen, ob ihr Auto noch genug Benzin bis zur nächsten Tankstelle hat, und 50 Prozent sind nicht in der Lage, die Angebote verschiedener Kreditkartenfirmen zu vergleichen oder die Kernargumente eines Zeitungsartikels zusammenzufassen.

Dem steht eine unrealistische Noten-Inflation gegenüber: 43 Prozent aller an Vierjahresuniversitäten vergebenen Noten sind Einsen ("A"). Unter anderem wegen der Entwertung des ersten Abschlusses gehen mehr und mehr Amerikaner auf die "Graduate School", um einen zweiten Grad zu erwerben: "The Master's is the new normal" - der Master ist der neue Standardabschluss.

Wenn es auch stimmt, dass ein Collegeabsolvent immer noch deutlich mehr verdient als ein Highschool-Absolvent, so beruht das nicht auf dem Wert des Collegeabschlusses, sondern darauf, dass der Highschool-Abschluss noch mehr an Wert verloren hat. So sind die Anfangsgehälter von Collegeabsolventen im letzten Jahrzehnt für Frauen um 16 Prozent gefallen, für Männer um 19 Prozent.

Nach wie vor hoch im internationalen Vergleich bleiben die "Drop-Out-Quoten", obgleich sie sich durch eine neue Zählmethode verbessert haben: Während in den bisherigen Untersuchungen zum Thema nur erfasst wurde, wer sechs Jahre nach Studienbeginn an derselben Einrichtung einen Bachelor abgelegt hatte (weniger als 50 Prozent), untersucht eine neue Studie des National Student Clearinghouse Research Center auch die Abschlüsse nach dem Wechsel an eine andere Institution (ein Drittel aller Studierenden wechselt vor dem Abschluss das College). Dadurch ergibt sich eine Abschlussrate von 54 Prozent nach sechs Jahren. Wenn man allerdings nur Vollzeitstudenten untersucht und die Teilzeitstudierenden aus der Betrachtung ausklammert, liegt die Erfolgsrate nach sechs Jahren bei 75 Prozent und ist damit im internationalen Vergleich durchaus konkurrenzfähig.

Die Studienabbrecher (insgesamt über 40 Prozent, wenn man Voll- und Teilzeitstudenten zusammennimmt) aber haben nach ihrem Studium oft hohe Studienschulden ohne eine realistische Perspektive der Rückzahlung.

Gekürzter Nachdruck aus: Berichte der Außenstellen des DAAD 2012.


Über den Autor
Dr. Sebastian Fohrbeck leitet die Außenstelle New York des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2013

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