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Neuen Talenten eine Chance!

Von MATTHIAS AFTING

Ist ein Job zu besetzen, nimmt man lieber den etablierten Experten anstelle des jungen Talents. Ein Fehler, behauptet Personalchef Matthias Afting.

Neuen Talenten eine Chance!© adam121 - Fotolia.comDas Einstellen junger Talente kann durchaus lohnenswert sein
Wir leben in einer Zeit des kurzfristigen Erfolgszwangs - auch bei Personalien werden umgehend Ergebnisse erwartet. Wichtige Posten werden daher eher an etablierte Personen vergeben als an brillante, aber unbekannte Talente. Etablierte Personen brauchen keine Lernkurve und liefern zuverlässig das, was sie in der Vergangenheit erfolgreich gemacht hat: Wenig Risiko, aber meist auch wenig Innovation. Neue Themen und Herausforderungen brauchten hingegen eher Talente, die Bestehendes hinterfragen und neue Wege aufzeigen.

Doch solche Talente brauchen Freiraum und Zeit zur Entwicklung, die sie nicht immer bekommen. Und es braucht Entscheider, die mutig genug sind, sie einzustellen. Menschen wie Alfred Kleiner, der vor über 100 Jahren Professor und Rektor an der ETH Zürich war. Er gründete dort den neuen Lehrstuhl für theoretische Physik und berief drei junge Physiker: 1909 seinen Doktoranden Albert Einstein, 1911 Peter Debye und 1912 Max von Laue. Alle drei gehörten einer radikal neuen Denkschule an, sie waren kaum 30 Jahre alt, unterschiedlichster Herkunft und damals quasi unbekannt. Für alle war es die Erstberufung zum Professor. Und alle bekamen den Nobelpreis für eben die Arbeit, für die Alfred Kleiner sie berufen hatte - freilich Jahre später: Max von Laue im Jahre 1914, Albert Einstein 1921 und Peter Debye 1936.

Nie wieder hat es eine Universität geschafft, aus drei Erstberufungen drei Nobelpreisträger zu machen. Kleiner katapultierte die ETH damit in die erste Liga der akademischen Welt, obwohl er an der Universität nur ein spärliches Budget zur Verfügung hatte, das nicht mit dem mithalten konnte, was Professoren in Paris, Berlin oder London hatten. Denn dort lehrte das wissenschaftliche Establishment, und Unternehmen wie Siemens stellten ungeheure Mittel bereit.

Wie konnte Kleiner unter diesen Umständen diese brillanten Köpfe verpflichten? Zunächst einmal war er einer der Ersten, der die Theoretische Physik aus der klassischen Naturwissenschaft herauslöste. Anderswo scheiterte das am Widerstand etablierter Lehrstühle. Darüber hinaus setzte er auf die damals revolutionäre und höchst umstrittene Quantenphysik, die sich erst 20 Jahre später durchsetzte. Mit der Berufung von Vertretern dieser radikalen, aber unbewiesenen Theorie setzte Alfred Kleiner auf das Genie der Kandidaten - noch bevor sich deren Hypothesen überhaupt durchsetzen konnten. Kein anderer sonst wagte damals einen solchen Schritt.

Jungen Kandidaten Vorzug geben

Mal ehrlich: Wer von uns hat heute den Mut, jungen Kandidaten mit radikalen und unbewiesenen, vielleicht auch unbequemen Ideen bei der Besetzung neuer Ressorts den Vorzug vor den etablierten Stars zu geben? Sind wir nicht immer noch weit vom Mut und der Weitsicht eines Alfred Kleiner entfernt? Warum? Weil falsche Beförderungen mehr Ärger einbringen könnten als fälschliche Nichtbeförderungen? Weil sich Fehler kurzfristig zeigen, brillante Personalentscheidungen aber erst Jahre später? Wir neigen, 100 Jahre nach Alfred Kleiner, weiter zu »risikoarmen« Entscheidungen, gemessen an Dienstjahren, Renommee und Konformität.

Mit Diversity muss doch viel mehr gemeint sein als Frauen- oder Ausländerquoten! Wirkliche Diversity ist der Mut zur Abkehr vom Altbewährten: bei wichtigen Entscheidungen auch völlig neue Wege zu gehen, mit Traditionen zu brechen, um neuen Talenten eine Chance und die notwendige Zeit zur Entwicklung zu geben. Nobelpreisträger warten im Durchschnitt 20 Jahre auf eine Nominierung und oft noch länger auf eine Auszeichnung. Die durchschnittliche Verweildauer in deutschen Vorständen und den Ebenen darunter beträgt dagegen sechs Jahre. Auch die Brillanz von Alfred Kleiner zeigte sich erst Jahrzehnte später. Kleiner hatte nicht mehr die Zeit, die Früchte seiner Arbeit selbst zu erleben: Er starb 1916 im Alter von 67 Jahren. Aber der Ruhm seiner damaligen Entscheidungen begleitet die ETH bis heute.


Über den Autor
Matthias Afting ist Personalchef von Vorwerk. Das Unternehmen vertreibt Haushaltsgeräte und Kosmetik und hat weltweit 622.000 Mitarbeiter und Vertriebler.

Aus DIE ZEIT :: 04.09.2014

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