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Neues Leben für alte Bücher

VON CHRISTOPH DRÖSSER

Google Books hat in den USA eine juristische Niederlage erlitten. Das muss nicht das Ende der digitalen Bibliotheken sein.

Neues Leben für alte Bücher© Maxim Tupikov - 123rf.comJuristische Niederlage für Google Books: Sogenannte verwaiste und vergriffene Bücher dürfen nicht digital ins Netz gestellt werden
Der Internetkonzern Google hat vergangenen Dienstag in New York eine herbe Niederlage vor Gericht einstecken müssen: Richter Denny Chin kassierte Googles Vereinbarung mit Verlagen und Rechteinhabern. Diese hätte es der Firma gegen eine Pauschalzahlung von 125 Millionen Dollar erlaubt, sogenannte verwaiste und vergriffene Bücher digital ins Netz zu stellen. Die Meldung wurde auch in Deutschland wohlwollend registriert:»Die Bundesregierung hat den Vergleich von Anfang an abgelehnt, dieses Engagement hat sich nun ausgezahlt«, sagt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. »Das Urteil macht klar, dass das Urheberrecht auch in der digitalen Welt gilt.«

Dabei ging es in der Verhandlung gar nicht darum, dass Google das Urheberrecht verletzt hätte. Die Firma hat zwar tatsächlich im großen Stil Bücher eingescannt, unabhängig von ihrem rechtlichen Status - dadurch wurden diese aber keineswegs frei zugänglich. Wenn ein Buch geschützt ist, sehen Surfer nur einen winzigen Textausschnitt, sodass sie beurteilen können, ob das Werk für sie interessant ist. Will jemand es wirklich lesen, verweist ihn Google Books an Bibliotheken oder Online-Buchhandlungen, wo man das Buch ausleihen oder kaufen kann. Der tatsächliche Stein des Anstoßes in Googles Vereinbarung war für das Gericht - neben der Monopolstellung des Konzerns, die darin festgeschrieben wurde - das opt out-Modell: Demnach hätten Rechteinhaber, die mit der Regelung nicht einverstanden waren, ihr ausdrücklich widersprechen müssen. Der Richter schlug dagegen ein opt in-Modell vor: Nur wer dem Vertrag zustimmt, kommt mit Google ins Geschäft. Das aber ist im Fall der verwaisten Werke praktisch unmöglich. Vor dieser Unmöglichkeit werden auch öffentliche Online-Bibliotheken stehen, etwa die europäische Europeana und die geplante Deutsche Digitale Bibliothek (DDB).

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Nur durch eine Gesetzesänderung lässt sich die Angelegenheit befriedigend lösen - und da ist die Justizministerin gefragt. Ein vergriffenes Buch ist deshalb vergriffen, weil der Verlag, der es einmal herausbrachte, eine Neuauflage nicht für lohnend hält. Bei den verwaisten Werken kommt hinzu, dass auf ihnen noch ein Urheberrecht liegt, aber der Rechteinhaber, etwa der Erbe eines verstorbenen Autors, nicht bekannt ist. Wer ein solches Buch einscannt und zugänglich macht, verstößt gegen geltendes Recht. Das Urheberrecht begann in Deutschland im Jahr 1837 mit einer zehnjährigen Schutzfrist nach dem Erscheinen des Buchs und wurde seitdem immer wieder ausgeweitet. Heute gilt es 70 Jahre lang nach dem Tod des Autors. Die wenigsten Bücher sind dann noch Kassenschlager und werden weiterhin gedruckt, die meisten sind vergriffen oder verwaist. Schätzungsweise 70 Prozent aller Bücher sind solche nicht mehr lieferbaren, aber noch dem Urheberrecht unterliegenden Werke. Und laut einer EU-Studie sind 13 Prozent aller urheberrechtlich geschützten Bücher in Europa verwaist - das sind drei Millionen Titel.

Solange es von diesen Büchern nur Restexemplare in den Bibliotheken der Welt gab, sah niemand in der Angelegenheit ein Problem. Die Nutzer konnten die Bücher frei ausleihen. Erst seit es möglich wurde, sie über das Internet in digitalisierter Form anzubieten, kam die Frage nach dem Verwertungsrecht an diesen Büchern auf. Eine Online-Bibliothek, in der es nur alte, gemeinfreie Werke zu lesen gäbe, würde aber am Interesse des Publikums vorbeigehen. Handschriften aus dem 16. Jahrhundert im Original zu lesen mag für Wissenschaftler interessant sein - die Öffentlichkeit interessiert sich mehr für die Literatur des 20. Jahrhunderts, und an der hat fast immer noch irgendjemand Rechte. Nun ist es weder für Google noch für die DDB praktikabel, die Rechte für jeden einzelnen dieser Titel einzuholen. Es gibt aber eine elegantere Lösung, die auch bei der New Yorker Gerichtsverhandlung von den eingeladenen deutschen Experten vorgetragen wurde - eine Lösung, die alle Beteiligten zufriedenstellen kann. Sie wahrt das Urheberrecht, ohne die Digitalisierung zu verhindern oder die Nutzung einer digitalen Bibliothek teuer zu machen.

Das Modell würde ähnlich funktionieren wie die Abgaben, die heute schon etwa auf Fotokopien in Bibliotheken erhoben werden, ohne dass der Nutzer das merkt. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit sorgt nämlich die Interessenvertretung der Urheber, die VG Wort, schon heute dafür, dass die Autoren auch dann Geld bekommen, wenn der Leser gar nichts bezahlt. Bibliotheken, Kopiererhersteller, Lesezirkel zahlen Abgaben, die dann auf die Schriftsteller und Journalisten verteilt werden. Ganz ähnlich könnte die VG Wort auch bei der Digitalisierung verwaister und vergriffener Werke Abgaben erheben und das Geld zunächst treuhänderisch verwalten. Wenn sich dann doch noch ein Rechteinhaber meldete, bekäme er seinen Anteil ausgezahlt. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass für jeden Titel ein Konto vorgehalten würde - »wir sollen ja hier keine Millionen horten«, sagt Robert Staats von der VG Wort. Die Sache wäre eine Mischkalkulation, denn nur ein Bruchteil der Rechteinhaber wird tatsächlich Ansprüche erheben. Für Nutzer wird der digitale Abruf eines Buchs unentgeltlich sein, im Hintergrund wird ein Centbetrag virtuell verbucht.

Damit ein solches System - das im Übrigen dann auch Google zur Lizenzierung offen stehen würde - eingerichtet werden kann, muss allerdings das Urheberrecht geändert werden. Nach einigen parlamentarischen Anhörungen sind sich die politischen Parteien im Bundestag nun weitgehend einig. Die Frage ist nur, wie schnell sie das Gesetz auf den Weg bringen. Sollen sie eine nationale Musterlösung schaffen oder warten, bis sich die europäischen Institutionen auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt haben? Aus dem Haus von Leutheusser-Schnarrenberger verlautet, man wolle die Sache bis zur Sommerpause auf den Weg bringen. Der SPD geht das zu langsam, sie hat im Dezember einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht. »Die Regierungskoalition bremst«, schimpft der SPD-Bundestagsabgeordnete Siegmund Ehrmann. Die üblichen parlamentarischen Nadelstiche also. Eigentlich stünde einer schnellen Regelung nichts im Wege. Robert Staats, Mitglied im Vorstand der VG Wort, ist allerdings skeptisch: »Wenn es dieses Jahr noch im Gesetzblatt stünde, wäre das eine Überraschung.«

Aus DIE ZEIT :: 31.03.2011

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