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Neugier als Antrieb - Genforscherin Dagmar Wieczorek

VON ANNE KUNZE

Was macht die Genforscherin Dagmar Wieczorek so zufrieden?

Neugier als Antrieb - Genforscherin Dagmar Wieczorek© adimas - Fotolia.comDie Erfoschung von Genen, die Mutationen auslösen, erfüllt die Humangenetikerin Dagmar Wieczorek mit Zufriedenheit
Es gibt ein Gen für Glück. 5-HTT ist sein Name, es transportiert das Hormon Serotonin. Dagmar Wieczorek weiß, wie man das Glücksgen aus einer Petrischale voller Spucke herausfiltert, viele Jahre hat sie im Labor gestanden und Gene aus Flüssigkeiten gezogen. Sie weiß aber auch, dass Glücksgene allein nicht ausreichen.

Zur Lebenszufriedenheit gehören auch menschliche Kontakte und - der richtige Beruf. Dagmar Wieczorek hat ihren gefunden: Sie ist Genforscherin, übt also eine jener Tätigkeiten aus, die am meisten Zufriedenheit stiften, wie Psychologie-Professor Howard Gardner festgestellt hat. Wie sie da im Labor steht, mit bauschigen Haaren, wirkt die 45-jährige Humangenetikerin wie ein Kraftwerk. Sie will herausfinden, warum bestimmte Menschen krank geboren werden und andere nicht, ihr Spezialgebiet sind Gene, deren Mutationen geistige Behinderungen auslösen und für Fehlbildungen in Kopf und Gesicht verantwortlich sind.

Im Moment ist sie einem Syndrom auf der Spur, welches das Kinn schrumpfen lässt und die Gehörgänge verschließt. Von dieser Suche erzählt sie mit lodernder Stimme. Sie hat eine gigantische Datenbank angelegt, in der sie das Krankheitsbild kartografiert. Ihr Enthusiasmus ist nicht die übertriebene Begeisterung eines Berufsanfängers, sondern die souveräne Leidenschaft einer Frau, die angekommen ist. Ihre Gesten sind streng und klar.

Über die Grenzen der Genforschung wird, besonders in Deutschland, heftig gestritten. Aber über den Nutzen ist man sich einig: Biologie ist die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts und die Genetik ihr heftig schlagendes, kompliziertes Herz. Genetiker beschäftigen sich mit den ureigentlichen Fragen des Lebens: Wie lässt sich Krebs ausschalten? Wie wird Intelligenz vererbt? Genforscher wollen Leben verlängern und verbessern. Und Dagmar Wieczorek wirkt daran mit. Sie erlebt das, was Howard Gardener und sein Team alignment nennen: Das persönliche Ziel und die Hoffnungen der Öffentlichkeit stimmen überein.

Ihr Forschungsgebiet hat sich Wieczorek selbst ausgesucht. Dass jemand selbstbestimmt arbeitet, ist wichtig für sein Glücksgefühl, auch Wieczorek trägt es durch jene langweiligen Stunden, in denen sie Anträge für Forschungsmittel verfassen muss. Wenn sie aber über ihren Daten sitzt, hört und sieht sie nichts mehr, taucht erst nach Stunden wieder auf, als kehre sie von einer unterseeischen Reise zurück.

Sie ist in einen Flow geraten. Andere Menschen erleben diese Zustände des konzentrierten Bei-sich-Seins, wenn sie schreiben oder klettern. Wieczorek hat sie beim Auswerten ihrer Daten. Wieczorek entdeckt und lernt ständig etwas in ihrem Beruf. Auch das lässt sie so zufrieden sein: Ihr Leben ist voller Überraschungen. Im Gegensatz zum flüchtigen Glück beim Erwerb toter Gegenstände wie Autos oder Schmuck ist die Neugier eine hitzige Begleiterin, die dafür sorgt, dass das Leben zum immerwährenden Abenteuer gerät. Niemals gibt sie Ruhe, immer will sie neu befriedigt sein. Sie erzeugt ein stetig anschwellendes Glücksgefühl.

Ein paar Wochen ist es her, dass Wieczorek beinahe das Gen für eine Gesichtsfehlbildung entschlüsselt hätte. Gleichzeitig drohten Forscher aus England ihr zuvorzukommen. Weil keiner der Konkurrenten allein auf die Lösung kam, führten sie ihre Daten zusammen und fanden gemeinsam endlich die Sequenz, die das Gen falsch reguliert.

Kontakt mit anderen braucht der Mensch für seine Zufriedenheit, vorausgesetzt, die Begegnung ist angenehm, produktiv oder beides. Auch am Institut stellt jeden Freitag jemand neue Forschungen vor. In diesen Runden wird Wieczorek daran erinnert: Ich bin Teil eines großen Projekts; gemeinsam entschlüsseln wir den Bauplan des Lebens.

Die Träume der Genforscherin sind realistisch, nicht überzogen

Ein rotes Bobby-Car schießt in ihr Büro, darauf hockt Phil, anderthalb Jahre alt, ihm folgt der Vater. Phils Augen sind seitlich nach unten verzogen, und wo andere Ohren haben, sitzen bei ihm nur kleine Hautwülste. Phil habe das Franceschetti-Syndrom, erklärt sein Vater, ein großer Mann, in seinem Dorf bekannt als ganzer Kerl und Karnevalsprinz. Er ist noch immer fassungslos, dass er und seine Frau ein behindertes Kind haben. »Die Schwangerschaft war top«, sagt er. Nach der Geburt hat er sich nicht getraut, das Haus zu verlassen. Bis er zu Frau Wieczorek kam, die ihm erklärte, welches Gen schuld ist an Phils Behinderung, was man durch Operationen verbessern kann und dass Phil seine Behinderung möglicherweise weitervererbt.

Phil kurvt durchs Zimmer, auf dem Kopf ein Stirnband, an dem auf Höhe der Ohren zwei kleine Hörgeräte befestigt sind, die Geräusche in die Knochen leiten. Er hält nur an, um sich Milchschnitten in den Mund zu stopfen. Der Vater ist nervös, seine Frau ist wieder schwanger. »Haben Sie es testen lassen?«, fragt Wieczorek. »Ja, es heißt, alles in Ordnung«, sagt der Vater.

Die Bestätigung, anderen helfen zu können, macht Wieczorek genauso zufrieden wie die Gewissheit, dass ihre Arbeit ethisch rechtfertigbar ist. So auch bei der Familie des kleinen Phil. Ein zweites Kind mit Phils Gendefekt hätten die Eltern abtreiben lassen. Aber Wieczorek hätte einem Abbruch nicht einfach zugestimmt, weil man beim Franceschetti-Syndrom nicht vorhersehen kann, wie schwer die Behinderung wirklich sein wird. Sie muss oft über das Leben Ungeborener entscheiden. »Ich habe die Verantwortung, und ich trage die Entscheidungen mit mir herum.« Dafür hat sie ein Wertekorsett entwickelt. Wieczorek ist nicht religiös, aber sie kennt ihre ethischen Grenzen. Fragt man Dagmar Wieczorek nach ihren Träumen, sagt sie, dass sie »genetische Signalwege« verstehen will: Wie kommt es, dass Gene das Gesicht verändern? Wo sitzen die Gene für geistige Behinderung?

Die Chancen, dass sie Antworten auf ihre Fragen finden wird, stehen gut. Ihre Träume sind realistische, keine überzogenen, die sich niemals verwirklichen lassen und in Stumpfsinn oder Zusammenbruch münden. Es klafft auch keine Lücke zwischen dem, was Wieczorek von ihrem Beruf erwartet, und dem, wie sie tatsächlich arbeitet. Als Vorbilder nennt sie ihre Chefs, den alten und den neuen, sie bespricht mit ihnen regelmäßig Forschungsergebnisse und Fälle. Beide sind keine fernen Idole, die man nicht erreichen kann, die verhindern, dass man an ihnen wächst und eine eigene Haltung findet. Wieczorek hat Vorbilder zum Anfassen. Wenn sie über die Chefs spricht, ist spürbar, dass die Zusammenarbeit nicht immer konfliktfrei verläuft, aber auch das gehört zu einem zufriedenen Leben: zu lernen vom anderen, so viel man kann; das Störende nicht überzubewerten.

Zu Wieczoreks Zufriedenheit trägt bei, dass sie ihre Talente früh erkannt hat. Als Jugendliche liebte sie logische Kniffeleien, wählte Mathematik und Biologie als Leistungskurse. Es gab aber eine Zeit, da dachte Wieczorek, mehr Geld könnte ihr Glücksgefühl steigern. Die Gehälter an der Uni sind bescheiden, auch Promovierte und Habilitierte verdienen weniger als in der Wirtschaft. Deshalb wechselte Wieczorek vorübergehend in eine Privatpraxis.

»Aber um das, was mich wirklich interessiert, nämlich, warum die Dinge sind, wie sie sind, ging es dort nicht mehr.« Nach drei Monaten war sie wieder am Universitätsklinikum Essen.

Hier erlebt sie so viel Unterschiedliches, mehrmals am Tag wandelt sie ihre Gestalt. Sie ist Forscherin. Professorin. Ärztin. Außerdem ist sie eine Frau in einem Beruf voller alter Männer, die sich nicht daran gewöhnen können, dass Wieczorek sich nicht verhalten will wie ein alter Mann.

Wieczorek arbeitet Teilzeit, 80 Prozent, dienstags hat sie immer frei. »Ich brauche einen Tag, an dem ich entscheiden kann, was ich tun will.« Er ist ein weiteres Moment der Selbstbestimmtheit in ihrem Leben, was nicht heißt, dass sie den Dienstag vertrödelt: »Ich mache das, worauf ich Lust habe, werte Daten aus, schreibe ein Manuskript.« Sie ist dann zu Hause bei ihrer Familie im nordrhein-westfälischen Waltrop. »Meine Söhne machen mich glücklich. Wenn es im Beruf mal nicht rund läuft, habe ich immer noch ein zweites Leben«, sagt sie. Ihr Mann ist Jurist, im Alltag kümmert sich Wieczoreks Mutter um den Zehn- und den Vierzehnjährigen.

Wieczorek pendelt mit dem Auto nach Essen, vierzig Minuten hin, eine Stunde im Stau zurück. Pendeln schafft Unzufriedenheit, denn man verliert - hineingezwungen in die Enge des Flugzeugs, Autos oder Bahnabteils - täglich Zeit, die bei der Arbeit, der Familie oder bei Freunden in der Kneipe fehlt.

Aber in Wieczoreks Bilanz der Zufriedenheit wiegt dieser Minuspunkt nicht viel: »Wenn es einen guten Grund gibt, hilft Jammern nichts«, sagt sie bloß. Sie versucht nicht, Faktoren zu ändern, die sich nicht ändern lassen. Zu Wieczoreks Zufriedenheit gehört also auch ihr ausgeglichenes Gemüt.

Wenn andere mit zahllosen Urlaubstagen protzen, die sie nicht genommen haben, denkt Wieczorek: »selbst schuld«. Sie nimmt jeden ihrer Urlaubstage. Bloß E-Mails liest sie auch in den Ferien, denn: »Ich muss gleich telefonieren, wenn jemand schreibt, er habe wieder etwas herausgefunden.« Weil sie vor Neugier platzt.

Aus DIE ZEIT :: 24.10.2013

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