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Nicaragua vor Deutschland

VON KERSTIN BUND

Niedrigere Löhne, weniger Topjobs - Frauen haben schlechtere Chancen als Männer, wie ein Bericht des Weltwirtschaftsforums zeigt.

Nicaragua vor Deutschland© sashpictures - Fotolia.comZwischen der Chancengleichheit und der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes besteht ein hoher Zusammenhang
Die schlechte Nachricht ist: In keinem Land der Welt sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Es gibt nur Staaten, in denen Frauen mehr Chancen haben als in anderen. Die gute Nachricht ist: Die Ungleichheit nimmt weltweit ab, wenn auch langsam. Zu diesem Ergebnis kommt der Global Gender Gap Report 2012 des Weltwirtschaftsforums, der gerade erschienen ist.

Der Bericht untersucht in einer umfassenden Studie in mehr als 135 Ländern, wie der Zugang zu Ressourcen unter den Geschlechtern verteilt ist. Betrachtet wird die Chancengleichheit in vier Bereichen: Gesundheit, Bildung, Politik und Wirtschaft. Das Forscherteam um Harvard-Professor Ricardo Hausmann hat dafür riesige Datenmengen ausgewertet - etwa des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation - und für jedes Land einen Index gebildet.

Vor allem bei Gesundheit und Bildung haben die Frauen aufgeholt. Weltweit werden inzwischen annähernd so viele Mädchen wie Jungen geboren, und Frauen leben tendenziell länger. Auch bei der Alphabetisierung und der Ausbildung gibt es kaum mehr Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Im Wirtschaftsleben dagegen klafft noch eine große Lücke zwischen den Geschlechtern. Frauen sind seltener erwerbstätig, verdienen weniger und besetzen seltener Führungspositionen. Noch ungleicher geht es in der Politik zu. Weltweit sitzen viel mehr Männer in den Parlamenten, den Ministerien, in Kanzlerämtern und Präsidentenpalästen.

Das Land, in dem Frauen und Männer am weitgehendsten gleichgestellt sind, ist Island, gefolgt von Finnland, Norwegen und Schweden. Die nordischen Länder belegten schon in früheren Jahren Top-Platzierungen. So hat das schwedische Parlament mit knapp 45 Prozent eine der höchsten Frauenquoten der Welt. Und an norwegischen Hochschulen kommen, statistisch gesehen, auf einen männlichen Studenten inzwischen 1,63 weibliche.

Nicaragua vor Deutschland
Die nordischen Länder haben nicht nur für gleiche Bildungschancen gesorgt, sondern daraus auch wirtschaftlichen Nutzen gezogen: Kaum irgendwo anders ist der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen größer, sind die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern geringer und die Aufstiegschancen für Frauen besser. Das liegt auch daran, dass die Skandinavier Bedingungen geschaffen haben, die es Eltern ermöglichen, Arbeit und Familie gut miteinander zu vereinbaren: Es gibt staatlich geförderte Elternzeiten, obligatorische Vätermonate, spezielle Programme, die Frauen den Berufseinstieg nach der Geburt erleichtern. Nebenbei werden in diesen Ländern auch noch mehr Kinder geboren.

Deutschland landet im weltweiten Vergleich auf Rang 13 von 135 - und ist um zwei Plätze gegenüber dem Vorjahr abgerutscht. 2006, als der Bericht zum ersten Mal erstellt wurde, war Deutschland noch auf Platz fünf. Vor allem im Arbeitsleben stehen Frauen und Männer noch sehr unterschiedlich da. »Große Ungleichheiten gibt es bei der Bezahlung und der Besetzung von Führungspositionen«, sagt Margareta Drzeniek Hanouz vom Weltwirtschaftsforum. Frauen haben hierzulande seltener Topjobs als anderswo - Deutschland belegt nur Platz 23. Was gleiche Löhne betrifft, schneidet die deutsche Wirtschaft noch schlechter ab - Rang 90. Besonders erschreckend ist die Situation an deutschen Hochschulen: Hier kommen laut neuesten Zahlen des Berichts auf einen männlichen Studenten, statistisch gesehen, nur noch 0,89 weibliche. Platz 101 von 135. »Das ist ein großes Problem für den künftigen Arbeitsmarkt«, sagt die Ökonomin Drzeniek.

Unter den zehn Ländern mit den geringsten Geschlechterunterschieden sind auch zwei Staaten, die man dort nicht erwartet hätte: Die Philippinen (Platz 8) schneiden bei der Bildung und der Gesundheit unter den 135 Ländern sogar am besten ab. Dahinter folgt Nicaragua, das sich innerhalb eines Jahres von Rang 27 auf Rang 9 hochgearbeitet hat. Das Land hat es in kurzer Zeit geschafft, die Politik weiblicher zu machen. 40 Prozent der Parlamentarier und 46 Prozent der Minister sind Frauen.

Artikel zum Thema Chancengleichheit Interessant ist der Vergleich mit einem anderen Bericht, in dem das Weltwirtschaftsforum jährlich die Wettbewerbsfähigkeit von mehr als 140 Ländern vergleicht: dem Global Competitiveness Report. Sechs der zehn wettbewerbsfähigsten Staaten 2011/12 tauchen auch in den Top 20 des aktuellen Geschlechterberichts auf. »Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen der Geschlechtergleichheit und der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes«, sagt Drzeniek und fügt hinzu, dass eine Korrelation noch nichts über eine Kausalität aussage. Eine egalitäre Gesellschaft hat zwar nicht zwangsläufig eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft, doch wenn ein Land beide Geschlechter gleich gut ausbildet und später dann auf den gesamten Pool an Arbeitskräften zurückgreifen kann, schöpft es das Talent seiner Bevölkerung voll aus. Das wiederum stärkt eine Volkswirtschaft.

Nicht immer aber bedingt das eine das andere. China zum Beispiel gehört zu den 30 wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt, belegt bei der Geschlechtergleichheit aber nur Rang 69. Zwar hat China einen recht hohen Anteil von Frauen an der erwerbstätigen Bevölkerung, doch da es in vielen Familien noch immer den starken Wunsch gibt, einen Sohn zu bekommen, haben Mädchen geringere Chancen, überhaupt geboren zu werden. Nur in Aserbaidschan ist der Anteil der Jungen an allen Neugeborenen noch höher als in China. Die Expertin Drzeniek ist überzeugt davon, dass China sich seine Ungleichheit nicht mehr lange werde leisten können, weil selbst einem Milliarden-Einwohner-Land der Nachwuchs ausgehe. »Irgendwann reicht der Talentpool nicht mehr aus.« Geschlechtergleichheit, sagt die Ökonomin, sei nicht mehr nur eine moralische Frage, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Aus DIE ZEIT :: 25.10.2012

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