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Nicht gegen sich leben - Strategien gegen Burnout

 

Das Gefühl, völlig ausgebrannt zu sein und seinen Beruf nicht mehr richtig ausüben zu können: erste Vorboten des Burnout-Syndroms. Am Ende des Wegs steht die tiefe Depression. Welche Möglichkeiten gibt es, um dieser Falle zu entrinnen?

Nicht gegen sich leben: Burnout-Syndrom und Depressionen© brainloc - stock.xchng
Privatdozent Dr. Strebsam sitzt erschöpft an seinem Schreibtisch. Gerade eben eine anspruchsvolle Vorlesung, heute Abend ein Vortrag vor einer Fachgesellschaft und dazwischen muss noch die nächste Publikation vorangebracht werden. "Ohne meine 70-Stunden-Woche schaffe ich es nicht", sagt er sich, denkt noch kurz über die sich häufenden Probleme in seiner Partnerschaft nach - und dabei bleibt es.

Der Dozent erlebt gerade den Anfang von Burnout, die hyperaktive Phase. Während dieser fühlt man sich gebraucht und gefragt. Es ist die Phase, welche Arbeitgeber für Bestleistungen ihrer Mitarbeiter ausnutzen. Eine Phase, die man andererseits selbst nutzt, um eine hohe narzisstische Befriedigung zu erreichen.

Wenn Burnout voranschreitet, tritt ein anderes Empfinden auf, wie es Christina Maslach beschreibt: "Eine Erosion der Werte, der Würde, des Geistes und des Willens - eine Erosion der menschlichen Seele. Es ist ein Leiden, das sich schrittweise und ständig ausbreitet und Menschen in eine Abwärtsspirale zieht, aus der das Entkommen schwer ist."

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Burnout inzwischen bedrohliche Ausmaße erreicht hat: Etwa jeder dritte Lehrer bekommt es, jeder vierte bis fünfte Arzt, ebenso viele Manager und andere Führungskräfte. Die Zahlen sind eindeutig: Das Arbeitsunfähigkeitsvolumen in Deutschland aufgrund psychischer Störungen stieg von 1997 bis 2004 um 68,7 Prozent. Jede dritte Frühberentung findet inzwischen wegen seelischer Störungen statt.

Burnout erkennen

Drei Kriterien gehören zur Diagnose Burnout: Die emotionale Erschöpfung ist das Leitsymptom. Bei Aussagen und Gefühlen wie: "Ich habe keine Kraft mehr", "Eigentlich kann ich nicht mehr", "Ich fühle mich leer" oder "Was tue ich hier eigentlich?" besteht der Verdacht auf emotionale Erschöpfung.

Die Depersonalisation bedeutet ein reduziertes Engagement für Mitarbeiter, Klienten oder Partner. Typisch ist der stetige gesellschaftliche Rückzug. Depersonalisation äußert sich durch eine wenig gefühlvolle, gleichgültige, zynische oder sarkastische Einstellung.

Die abnehmende Leistungsfähigkeit muss anfangs nicht auffallen. Durch den eher unbewussten Einsatz von Willen bleiben die Betroffenen zunächst in der Lage, sich im Hamsterrad ihres Berufes heftig weiter zu drehen. Wenn Burnout zur bewussten Abnahme der Leistungen führt, ist es in der Regel schon weiter fortgeschritten.

Burnout vorbeugen*

Die beste Strategie gegen Burnout ist die Prävention. Sie ist so wichtig, weil in 40 Prozent der Fälle von seelischen Erkrankungen mit Diagnosestellung bereits die Erwerbsfähigkeit gemindert ist. Ein praxisnahes und erprobtes Neun-Stufen-Programm dient der Vorbeugung:

Zeitsouveränität

Zeitdruck wird oft als der Hauptauslöser für eigenes Burnout genannt. Übliche Zeitmanagementseminare und -bücher wirken offenbar kaum dagegen. Das Konzept der Zeitsouveränität greift das Phänomen Zeit erheblich umfassender. Man unterscheidet in
- Aufgabenstrukturierung:
Festlegen, welche Aufgaben zu erfüllen, zu verändern, zu löschen, zu verschieben oder zu delegieren sind.
- Selbstrespekt:
Das bedeutet beispielsweise, eigene Termine realistisch zu vergeben oder die Tageshochs und - tiefs zu beachten. Ebenso sollte die Wochenarbeitszeit unter 50 Stunden betragen, ansonsten steigen das Burnout- und auch das Herzinfarktrisiko dramatisch an.
- Zeitrespekt:
Das meint, die Zeit zu nutzen und zu leben statt sie zu verschwenden. Dazu gehört, Zeitfresser weitgehend zu verbannen. Niemand hat Zeit, wir können sie uns nur nehmen.

Eigenbestimmtheit

Das Gefühl, die wesentlichen Aspekte des eigenen Lebens selbst in der Hand zu haben, ist zentral. Dazu tragen bei:
- Entscheidungen zügig zu treffen und zu diesen zu stehen
- rechtzeitig Grenzen zu setzen
- zu delegieren
- das eigene Anspruchsniveau auszutarieren
- Aufschieberitis aufzugeben
- sich etwas zu gönnen und es zu genießen
- auf Perfektionismus zu verzichten

Stresstoleranz

Da Stress allein keinen Burnout verursacht, reichen übliche Stressminderungsprogramme auch nicht aus, es zu verhindern. Wer Stress empfindet, ist in einer inneren Dysbalance. Das Konzept der Stresstoleranz wendet sich weitgehend ab von der Idee, die Umgebung zu verändern. Es greift beim Betroffenen selbst an und nutzt die Erfahrung, dass in aller Regel Burnout ausbleibt, wenn das Leben um die Sinne herum aufgebaut wird. Die Sinne führen den Menschen in die Gegenwart. Das ist auch ein Effekt von gelebter Sexualität. Sie hat in Verbindung mit einer sicheren und erfüllten Partnerschaft Burnout-vorbeugende Wirkung.

Probleme im finanziellen Bereich stressen: Konsumschulden sind Gift, sie dämpfen die Motivation und das Selbstbewusstsein und sie blockieren innere Freiräume. Solche Schulden gehören schnellstmöglich abgebaut.

Auch dem Körper kommt eine wichtige Rolle beim Schutz vor Burnout zu. Der Körper gehört geachtet, das meint
- gefordert, aber nicht unteroder überfordert
- beschenkt mit hochwertigen Lebensmitteln
- bedacht mit ausreichend Schlaf
- beschützt durch den Verzicht auf Alkohol, Nikotin oder Medikamente

Zufriedenheitskonstanz

Wer unter Stress steht und zugleich rundum zufrieden ist, der bleibt meistens vom Burnout verschont. Zufrieden ist man dann, wenn man das Gefühl hat, den eigenen Weg zu gehen. Dazu kann die Signalkraft der unerfüllten Bedürfnisse genutzt werden. Sie zeigen einen Mangel auf; aber nur ein Leben ohne Mangel führt zum Gefühl, erfüllt und zufrieden zu sein.

Dyadenkompetenz

Die Vermeidung von Burnout hängt eng mit kommunikativen und emotionalen Kompetenzen zusammen. Burnout folgt aus emotionaler Inkompetenz. Selbstwahrnehmung und Selbstmanagement als zentrale Anteile der Fähigkeit, sich selbst zu führen, gehören zur Dyadenkompetenz ebenso wie soziales Bewusstsein und Beziehungsmanagement als Anteile der Fähigkeit, Beziehungen gut zu führen und sich einzulassen.

Situationstoleranz

Bei Burnout gibt es meistens eine Situation, die als unerträglich empfunden wird und von der man zugleich meint, sie weder verlassen noch verändern zu können. Wer meint, eine Situation nicht verlassen zu können, täuscht sich in aller Regel. Es kann daran liegen, dass der Preis für das Verlassen als zu hoch eingeschätzt wird. Verändern kann man nicht jede Situation, aber seine Einstellung zur Situation kann man ändern. Ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben ohne Burnout liegt darin, das Unveränderbare zu wollen und zu mögen - der Weg vom "So ist es leider" zum "So will ich es gerne".

Rollensicherheit

Burnout droht oder entsteht, wenn eine wichtige, erwünschte Rolle nicht ausgefüllt werden kann. Die beruflichen und privaten Rollen gehören geklärt und mit den tatsächlichen Wünschen abgeglichen. Erwünschte Rollen sollten angestrebt, die anderen Rollen sollten aufgegeben werden.

Zielerkennung und Sinnannäherung

Wer seine wirklichen inneren Ziele nicht erkennt, hat ein großes Risiko für Burnout. Es geht darum, sich den tiefen, eigenen privaten und beruflichen Lebenszielen zu nähern. Sie geben dem Verhalten eine Richtung und bündeln die menschlichen Ressourcen. Erfüllung und Zufriedenheit hängen direkt damit zusammen.

Eine wesentliche Gabe ist zu erkennen, was man wirklich will und wirklich kann. Es gibt nämlich eine spezifische Fähigkeit, die vor Burnout sicher schützt. Es ist die Fähigkeit, mit sich und nicht gegen sich zu leben. Denn wenn wir uns selbst nicht mehr im Wege stehen, tun es die Anderen oder die Umstände auch nicht mehr.



Weiterführende Literatur
Thomas M. H. Bergner, "Burnout bei Ärzten", Schattauer, 2006
Thomas M. H. Bergner, "Burnout-Prävention", Schattauer 2007
Matthias Burisch, "Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung", Springer, 2005
Andreas Hillert und Michael Marwitz, "Die Burnout-Epidemie. Oder brennt die Leistungsgesellschaft aus?", Beck, 2006

Autor: Thomas M.H. Bergner
Dr. Thomas M. H. Bergner ist Geschäftsführer von bergner.cc coaching-consulting und als Coach, Trainer, Consultant und Autor tätig. Er bietet professionelles Coaching und Seminare zur Burnout-Prävention und zur effektiven Selbstführung an (www.burnoutfrei.de und www.bergner.cc).

Aus Forschung und Lehre :: April 2008

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