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Noch 792 Jahre Ungleichheit

VON KERSTIN BUND

Die Politik fordert Quoten für Frauen in Führungspositionen - und bleibt hinter den eigenen Zielen zurück.

Noch 792 Jahre Ungleichheit© Marek - Fotolia.comOhne Eingreifen der Politik dauert es laut einer Studie noch Jahrhunderte bis Männer und Frauen in gleichem Maße Führungspositionen besetzen
Das Jahr 2013 könnte das Jahr der Frauen werden. Denn vielleicht kommt sie doch noch: die Frauenquote. In diesem Monat stimmt der Bundestag über einen Gesetzentwurf ab, der einen Frauenanteil von 40 Prozent für Aufsichtsräte vorsieht.

Kommt die Quote, könnte sie unmittelbar mehr Frauen in Spitzenpositionen bringen, weil in diesem Jahr viele Aufsichtsratsmandate in deutschen Konzernen auslaufen. Allein in den größten Unternehmen, den Dax 30, sind mehr als 70 Posten neu zu besetzen.

Die Hoffnung ist groß: Schon die Androhung einer gesetzlichen Quote hat in der Vergangenheit Wirkung gezeigt. Inzwischen sind rund 20 Prozent der Aufsichtsräte in den Dax-30-Unternehmen weiblich.

Die Politik macht Druck, und die Unternehmen bewegen sich - wenn auch langsam. Doch wie sieht es in den Bereichen der Wirtschaft aus, auf die der Staat direkten Einfluss hat: bei Unternehmen des Bundes, der Länder und der Städte? Dort tut sich immer noch wenig, wie eine neue Studie der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg belegt. Frauen stellen in vielen öffentlichen Unternehmen mehr als die Hälfte der Beschäftigten, doch an der Spitze sind sie kaum vertreten. Eine Forschergruppe um den Hamburger Verwaltungswissenschaftler Ulf Papenfuß hat dazu 449 öffentliche Unternehmen des Bundes, der Bundesländer und der Landeshauptstädte untersucht.

Die Städte schneiden in diesem Vergleich noch am besten ab. In städtischen Betrieben sind knapp 15 Prozent der Geschäftsleitungen mit Frauen besetzt. Allerdings gibt es gewaltige Unterschiede: In Schwerin stehen zu 30 Prozent Frauen öffentlichen Unternehmen vor, in Hannover und Mainz hat es keine einzige geschafft. Je größer das Unternehmen, desto weniger Frauen sind tendenziell an der Spitze vertreten. Es kommt auch sehr auf die Branche an: In Krankenhäusern, Sozialbetrieben und Kulturstätten sind Frauen in Top-Jobs relativ häufig zu finden, in der Entsorgungswirtschaft, bei Verkehrsbetrieben oder Stadtwerken so gut wie gar nicht.

Noch 792 Jahre Ungleichheit © Papenfuß, Behrens, Sandig: Frauen in Top-Gremien öffentlicher Unternehmen, in: ZCG 1/2013 Frauenanteil in Geschäftsleitungen
Bei Unternehmen des Bundes und der Länder liegt der Anteil der Führungsfrauen bei unter zehn Prozent. In neun von zehn landeseigenen Unternehmen gibt es überhaupt keine Top-Managerin. In Baden-Württemberg, Niedersachsen oder Brandenburg findet sich keine einzige Frau. In den Aufsichtsräten öffentlicher Unternehmen sieht die Sache etwas besser aus. Dort sind Frauen oft stärker vertreten als bei börsennotierten Gesellschaften. Doch anders als in der Privatwirtschaft hat der öffentliche Sektor in den vergangenen Jahren kaum Frauen hinzugewonnen. »Es ist vielfach Stillstand eingekehrt«, sagt der Studienautor Ulf Papenfuß.

Ein Grund dafür: Die öffentlichen Unternehmen stehen viel weniger im Fokus als private. So veröffentlicht das Bundesfamilienministerium seit einigen Monaten im Internet, welche Fortschritte die Dax-30-Konzerne bei der Frauenförderung machen. Öffentliche Unternehmen müssen sich hingegen kaum rechtfertigen. »Eine Quotendiskussion müsste es konsequenterweise auch bei den öffentlichen Unternehmen geben«, sagt Papenfuß. Dabei ist der öffentliche Sektor weitgehend gleichstellungsrechtlich reguliert. Spätestens seit den neunziger Jahren gibt es in jedem Bundesland ein Gesetz zur Förderung von Frauen. Staatsbetriebe ebenso wie Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts unterliegen diesen Gleichstellungsgesetzen, die eine gleiche Beteiligung von Frauen und Männern bei der Besetzung von Gremien vorschreiben. Doch im Zuge der Privatisierungswelle der vergangenen Jahrzehnte wurden viele Staatsbetriebe in privatrechtliche Unternehmen umgewandelt. Für sie gelten die Gleichstellungsgesetze nicht unmittelbar, auch wenn diese Firmen zu einhundert Prozent dem Staat gehören. So wie die Deutsche Bahn: Als aus der Bundesbehörde im Zuge der Bahnreform 1994 ein Wirtschaftsunternehmen wurde, unterlag es nicht mehr dem Gleichstellungsgesetz des Bundes. Die Bahn ist das letzte große Staatsunternehmen in Deutschland, doch unter den fünf Vorständen findet sich keine einzige Frau.

Besonders ungleich besetzt sind nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom November 2012 die Spitzengremien der öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen. Obwohl demnach 60 Prozent der Beschäftigten in den Sparkassen Frauen sind, stellen sie gerade einmal 2,5 Prozent der Vorstände und Mitglieder in den Geschäftsführungen - deutlich weniger als in den Dax-30-Unternehmen. Auch hier stagniert die Repräsentanz der Frauen auf niedrigem Niveau. »Legt man die Entwicklung der letzten fünf Jahre zugrunde, wird es noch 792 Jahre dauern, bis Frauen und Männer in gleichem Maße in den Vorständen der öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen vertreten sind«, heißt es in der Studie.

In den Aufsichtsräten der Banken sind Frauen mit knapp 17 Prozent zwar stärker vertreten, doch laut DIW-Studie haben drei der größten öffentlich-rechtlichen Banken und Sparkassen nur Männer in ihren Aufsichtsräten sitzen: die Bayerische Landesbank, die Westdeutsche ImmobilienBank AG und die LBS Bayerische Landesbausparkasse. Gute Noten gab es in der DIW-Studie für Berlin. Als einziges Bundesland erfüllt Berlin in den Aufsichtsgremien seiner Beteiligungsunternehmen die 40-Prozent-Quote. Und obwohl es auch in der Hauptstadt noch vergleichsweise wenige Managerinnen in öffentlichen Unternehmen gibt, haben es ausgerechnet in Männerdomänen Frauen ganz nach oben geschafft: Sigrid Evelyn Nikutta führt die Berliner Verkehrsbetriebe, Vera Gäde-Butzlaff steht der Berliner Stadtreinigung vor. Das Beispiel zeigt, dass Politik einen Unterschied machen kann. Der Berliner Senat leistet sich eine vergleichsweise große Gleichstellungsabteilung und überwacht die Umsetzung in den Unternehmen. In den Behörden gibt es starke Frauenvertreterinnen. Ganz ohne Quote.

Aus DIE ZEIT :: 04.04.2013

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